Donnerstag, 11. Oktober 2018
Klagenfurt (A)
, Konse (Konzerthaus, Neuer Saal)
»Journey Towards Silence«
Eine atlantische Begegnung aus dem Ohrenwinkel
mit Florian Berner, Violoncello, und Bertl Mütter, Posaune
Musik von und nach Bach, Schubert, Ligeti, Sculthorpe, Sollima und Mütter

Stapellauf-Konzert zum Festival de Música dos Açores (November 2018)

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Sie kennen einander aus den Augenwinkeln, als Musiker, die sich über die Jahre ein recht persönliches Profil erspielt haben. Da ihr erstes gemeinsames, das Stapellaufpodium, in der Stadt Gert Jonkes steht, führen wir hiermit den Begriff Ohrenwinkel ein. Die wenden die beiden nämlich einander zu, staunend vor der Exzellenz des Anderen.

Das musikalische Hören beginnt in der völligen Stille, und die scheint heutzutage schwieriger zu ertragen als das Gebrüll der Welt jenseits aller Schmerzgrenzen. Berner und Mütter neigen dieser Stille, dem Schweigen zu. Es könnte also das in Klagenfurt erstmals präsentierte Programm ein pazifisches heißen. Da es die beiden bald aber buchstäblich mitten im Atlantik spielen, nennen sie es eine atlantische Begegnung.

Wohnt doch jeder Stille mächtigste Aufwühlung inne.

Lendkanal *

Der Kanal

die Böschung

und das Gras auf der Böschung

Die Spiegelung der Böschung im Kanal und

die Spiegelung des Grases 

auf der Böschung im Kanal

Die dreifache Bewegung des Grases:

erstens die Bewegung des Grases im Wind

zweitens die Spiegelung dieser Bewegung des Grases im Wasser

und

drittens die Bewegung der Spiegelung dieser Bewegung des Grases

auf den Wellen hinterm vorübergleitenden Motorboot

Der Mann hinterm Lenkrad schaut aus

wie ein berühmter Kapitän

Er nimmt sich den Münzteller vom Kopf

und winkt zurück.


(Unser Stapellauf erfolgte unweit des Lendkanals, Kurs westwärts.)

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*Gert Jonke, in: Alle Gedichte. Jung und Jung, 2010 (S. 14).

Kurzbios (wie sie zur Veröffentlichung freigegeben wurden)

Florian Berner (*1973, Wien) studierte an der Wiener Musikuniversität bei Angelica May und dem Alban Berg Quartett sowie bei Mario Brunello in Italien. Er gründete 1993 das Hugo Wolf Quartett und ist mit diesem Ensemble seit über zwei Jahrzehnten in allen Musikzentren der Welt zu Gast. Ausgedehnte Konzertreisen führen ihn durch ganz Europa, nach Asien, Süd- und Nordamerika, die Carnegie Hall NY, Cité des Arts, Paris, Berliner Philharmonie, Kammermusikfest Lockenhaus etc. Berner war »Rising Star 1998«, Preisträger des »Sonderpreises der Wiener Philharmoniker« und des »Europäischen Kammermusikpreises«. Zahlreiche CD Aufnahmen erschienen bei VMS, cpo, CamJazz, Gramola und Extraplatte.
2016 war er Mitbegründer das Alban Berg Ensemble Wien, das einen eigenen Konzertzyklus im Wiener Musikverein präsentiert und in Ossiach das Festival BERGfrühling ins Leben gerufen hat.
Florian Berner hält Meisterkurse an zahlreichen amerikanischen Universitäten, war Dozent für das Simon Bolivar Youth Orchestra, für ((superar)), das Norwegische Jugendsymphonieorchester, die Ötztaler Kulturwochen, Verona Summer Festival uvm. Seit 2013 ist er Professor am Landeskonservatorium Klagenfurt.

http://www.albanbergensemblewien.com/uploads/9/8/5/8/9858735/published/dsc-0132.jpeg?1519676480https://www.muetter.at/cms/fileadmin/user_upload/pix500px/bertl/180425_CZ27243_500px.jpg

Bertl Mütter (*1965, Steyr) gilt heute als der große österreichische Posaunenindividualist. Man könnte sein Spielen ein Hörbarmachen durch die Posaune nennen: Mit bannender Präsenz erkundet er Musik, die ihn besonders berührt, sei das nun Schubert, Mahler oder entfernteren Traditionen entstammendes. Außerdem lädt der promovierte Doctor artium in seine Schule des Staunens, u.a. ins Wiener Konzerthaus. Als Komponist ersinnt er gerne Musiklaboratorien, 2016 etwa bei Musiktheatertagen Wien mit OPERAN! Übers Entkommen sein erstes dezidiertes Musiktheaterwerk – Utoperan! folgt 2019. Seit eineinhalb Jahrzehnten leitet Mütter den Improvisationskurs Spielen! beim Musikforum Viktring-Klagenfurt. Bertl Mütter lebt als freischaffender Musiker, Komponist und Schriftsteller in Wien, Steyr und unterwegs. Seine exklusive Schagerl-Posaune ist das Muthorn-s.
Nachtrag aus der distanzierten Nähe: Im offiziellen Nachruf der Kunstuni Graz schrieb man: »Zu Erich Kleinschusters zahlreichen erfolgreichen Studierenden zählen u.a. Wolfgang (sic!) Muthspiel, Bertl Mütter oder Andreas Mittermayer.« – Bitte, die müssen das wissen!
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((Programm: Siehe weiter unten, November 2018))

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Rezensionsnotiz, Zitat:

Zu zweit durch Raum und Zeit
Berner & Mütter im Neuen Saal

(…)
Was gleich auffällt: Florian Berner & Bertl Mütter, sie hören einander gerne zu. Nicht nur darin ergänzen sie sich in nachgerade idealer Weise, nämlich auch, wie sie, ihn nutzend, den Raum sinnlich erkunden – das ist weit weniger banal, als es aufs erste scheinen mag: Während der eine mit seinem Bogen den Horizont von links nach rechts und wieder zurück absucht, patroulliert der andere mit dem Posaunenzug die y-Achse entlang in der Vertikalen. Da dies, wenn sie von Mal zu Mal auch scheinbar aufhebend, in der Zeit passiert, ist das Spiel von Berner & Mütter also alles andere als eine flache Sache – was sich bei ihrem »Stapellaufkonzert«, das das Konse die Freude hatte, präsentieren zu dürfen, aufs eindrucksvollste erwiesen hat.

So kam es, dass, nach unerhört kurzen eineinhalb Stunden, die nach und nach (mit teils heftigsten Aufwühlungen – Ligeti, Bach, Mütters Schubert-Referenzen; besonders intensiv in der im Duo dargebotenen »Lamentatio« von Giovanni Sollima) zur Stille sich neigenden Klänge in Mütters »Silence. J’entends mon oreille« (UA!), sowie im finalen, jedweder Schnörksel entkleidetem Bach-Choral dem erfreulich zahlreich erschienenen Publikum nichts anderes übrigzulassen schienen, als dass es sich, derart bewegt, regelrecht von den Stühlen erheben musste, langer Applaus. 

Ein denkwürdiger Abend. Wir dürfen hoffen, die beiden Ausnahmekünstler mit ihren so offenen Ohren gehen nicht verloren auf den Azoren.

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Donnerstag, 4. Oktober 2018
Wien (A)
, Österreichische Gesellschaft für Literatur
Thanksgiving für ein Habitat – W. H. Auden in Kirchstetten
Präsentation des Buches durch Helmut Neundlinger, den Anglisten Timo Frühwirth und die Übersetzerin und Lyrikerin Uljana Wolf.

Musikalische Gestaltung: Bertl Mütter

http://www.literaturedition-noe.at/images/buecher/2018/thanksgiving-gross.jpg

Im hintersten Winkel der Wienerwaldgemeinde Kirchstetten findet sich ein Gedächtnisort der Weltliteratur. Bewohnt und besungen wurde er vom Fast-Nobelpreisträger, Jahrhundertdichter und bekennenden Pantoffelträger W. H. Auden (1907–73). Auch wenn er ›nur‹ die letzten 15 Sommer seines Lebens in dem abgeschiedenen Häuschen mit der malerischen Adresse Hinterholz 6 verbrachte, entwickelte sich das Gebäude zu einer Art Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. Seit vielen Jahren fungiert die im ehemaligen Arbeitszimmer und dem angrenzenden Dachgeschoß eingerichtete und 2015 runderneuerte Gedenkstätte als Pilgerstätte für Auden-Fans aus der nahen und fernen Welt.

Die vorliegende Publikation hebt an mit einer Neuübersetzung des Zyklus ›Thanksgiving for a Habitat‹ (1965), in dem Auden jedem Raum seines Hauses ein Gedicht gewidmet hat. Für die Übertragung konnte mit Uljana Wolf eine der renommiertesten Dichterinnen und Übersetzerinnen der deutschsprachigen Literaturszene gewonnen werden.

Darüber hinaus versammelt der Band Beiträge, die sich mit Audens Beziehung zum Haus, zur Land und Leuten in Kirchstetten und Wien auseinandersetzen. Entstanden ist ein Kaleidoskop von Reflexionen über einen freundlichen Außenseiter, der sich zu Lebzeiten durchaus als Kirchstettner fühlte und doch zur Bevölkerung weitgehend auf Distanz blieb.

Die junge Wiener Fotografin Carmen Auer hat die Spuren und Zeichen des Dichters in den vier Wänden seiner Wahlheimat für den Band in einem beeindruckenden Foto-Essay festgehalten.

(Bewerbung des Bandes auf literaturedition-noe.at)

Eine besondere Freude war es, Uljana Wolf, die kongeniale Übersetzerin der Lyrik Audens, in unserer Mitte zu haben. Für ihre Leistung hat sie meine uneingeschränkte Bewunderung:

»I have no gun, but I can spit.«
»Ich schieße nicht, doch meine Spucke ätzt.«

W. H. Auden, übersetzt von Uljana Wolf

Insgesamt war es dank lebhafter und kenntnisreicher Beiträge auf dem Podium und in der Folge auch mit dem Publikum, in dem etliche Zeitzeuginnen und Zeitzeugen waren, eine äußerst stimmige Veranstaltung in perfektem Rahmen, irgendwie auf erfreuliche Art unspektakulär. Zwischendurch einmal auch ein Nicht-Event tut schon sehr gut.

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Dienstag, 11. September 2018
Wien (A)
, Kreisky-Forum
Günter Wels: Edelweiß

http://www.czernin-verlag.com/media/product-images/fullsize/1133.jpg

Moderation: Robert Misik, Autor und Journalist
Musikalische Gestaltung: Bertl Mütter, Posaune

Im Frühjahr 1945 springt Friedrich Mahr, Deckname Edelweiß, als Leiter eines Spezialkommandos aus einer zweimotorigen B-26 der U.S. Air Force über deutschem Reichsgebiet bei Salzburg ab. Der OSS-Agent hat den geheimen Auftrag, Informationen über die von Hitler angeblich geplante Alpenfestung einzuholen.

Günter Wels erzählt in seinem Debütroman die packende Geschichte eines Fallschirmagenten-Einsatzes im Zweiten Weltkrieg. Er schildert Mahrs Desertion an der Westfront, die Spionage-Schulung in einem französischen Ausbildungslager und den dramatischen Überlebenskampf, den »Edelweiß« während der letzten Kriegswochen zu bestehen hat.

»Edelweiß« ist eine Geschichte über Krieg, Moral, Schuld, Mut und die Grenzen des Rechts. Erzählt wird sie anhand der festgehaltenen Erinnerungen des Protagonisten. Seine Tochter findet diese Aufzeichnungen viele Jahre später, während Mahr im Sterben liegt. Auch ihr Leben wird durch die Ereignisse spät, aber doch, durcheinandergewirbelt.

Günter Wels, geboren 1963 in Bad Ischl. Aufgewachsen in der oberösterreichischen Statutarstadt Wels. Unter dem Namen Günter Kaindlstorfer arbeitet er als Journalist u.a. für den ORF, den Deutschlandfunk, den Bayerischen Rundfunk, den WDR, den SWR, das Schweizer Radio SRF und für 3sat. 2010 veröffentlichte er den Erzählband »Maitage«.
Bertl Mütter, freier Musiker, Komponist und Autor. Aufgewachsen in der oberösterreichischen Statutarstadt Steyr. [Anm. beigef. v. pseudonyml. Namenstr.]

Also es ist bitte so: Der liebe Günter Kaindlstorfer hat mich gefragt, ob ich bei der Präsentation des Buches seines äußerst engen Angehörigen Günter Wels spün tarat…

… »Das machen wir doch glatt!«

… & so war’s!

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Samstag, 1. September 2018
St. Marein bei Neumarkt/Stmk (A)
, Schloss Lind
Inner Soundscapes

http://austria-forum.org/attach/Wissenssammlungen/Burgen_und_Schl%C3%B6sser/Steiermark/Lind/lind%20b%20neumarkt.jpg

Eine multimediale Entdeckungsreise in die unterschiedlichsten (alb)traumartigen Stubenwelten von Schloss Lind. Mit Bertl Mütter, Sigrid Elisa Pliessnig, Martin Schinagl, Sarah Kobald, Martha Laschkolnig, Corina Kuhs, Sebastian Staudinger, u.a.; Inszenierung: Andreas Staudinger.

https://muetter.at/cms/fileadmin/user_upload/pix500px/2018/180815_tb_bassin_lind.jpg

Mir wurden Bad und WC zugesprochen. Ich habe einen explizit nicht indiskreten Hörblick ins Domizil Wystan Hugh Audens geworfen, der in »Thanksgiving für ein Habitat« jedem Raum seines Refugiums der späten Jahre in Kirchstetten bei Altlengbach (NÖ) ein Kapitel gewidmet hat, konsequenterweise also auch Häusl und Bad.* 

Bis heute fasziniert und irritiert die zuweilen frivole Vermischung vermeintlich großer und kleiner, bedeutender und unbedeutender Dinge und Sachverhalte.


»In Kirchstetten« (…) »konnte er endlich der sein, der er glaubte zu sein: ein alter Kauz, der die Welt vor 1914 jener von nach 1945 vorzog.« Jenseits dieser doch recht grellen Vereinfachung vollzog Auden in Kirchstetten eine letzte radikale Zuspitzung: Von öffentlichem Interesse erschien ihm alles, nur nicht das, wonach die in den 1960ern via Massenmedien heraufdräuende Gesellschaft des Spektakels (Guy Debord) gierte.**

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Bertl Mütter: »The Good Bad (and the gårnedso Ugly)«

Einem fremden Raum (als Gast auf einem merkwürdigen Schloss) mit gleichwohl geläufiger Bedeutung kann ich mich nicht mit vorgetäuschter Vertrautheit nähern. Es gilt, eine adäquate Versuchsanordnung zu installieren.

https://muetter.at/cms/fileadmin/user_upload/pix500px/2018/180817helenundwerner.jpg

Ich habe also ein befreundetes interkulturelles Paar gebeten, mir aus Audens Langgedicht jene über WC und Bad vorzulesen. Helen Miles (Britin; spricht Deutsch mit britischem Akzent) und Werner Petermandl (Österreicher; spricht Englisch mit österreichischem Akzent) klingen äquidistant fremd zu Audens Poesie (und seiner kongenialen Übersetzerin Uljana Wolf). Es erscheint mir nachgerade notwendig, dass die beiden keine professionellen Sprecher/innen sind: Erst eine (zugegeben: artifizielle) Privatheit, wie jene, in der Helen und Werner sprechen, kann einen üblicherweise streng privat aufgesuchten Bereich authentisch (und kollektiv) erfahrbar machen:

Werner and I will certainly put on our best reading voices to capture Auden’s sentiments about toilets.***

Die simultan englisch und deutsch hörbaren Gedichte Audens sind nun, dezent grob verhallt, leicht verfremdet als Sprach- und Klanginstallation im Raum präsent und bilden so den einen Teil eines Dialogs, dessen anderen improvisando und da lontano die Posaune übernimmt (auch so ein schönes Goldenes Klo), (er-)läuternde Ergänzungen also von einem Künstler, dessen Profession es nun einmal ist, sich gegen Bezahlung öffentlich zu entäußern.

Außerdem tröpfelt es hörbar ins gemauerte Bassin beim Eingang. Das Publikum bekommt es mit vielfach verschwurbelten sinnlichen gleichwie kognitiven Eindrücken zu tun: Wenig gibt es da zu verstehen, vieles indes zu begreifen – und wer weiß, wird manche/n ein schwer definierbarer Wasserlassdrang überkommen?

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… so schrieb ich; indes, lediglich vier- oder fünfmal habe ich die recht imposante Spülung als beglückenden Beitrag zur Installation hören dürfen, dieweil ich in einer Vitrine eingeschlossen war, und wenn ich mich nicht bewegt habe, haben manche Leute geglaubt, ich sei aus Wachs.

Wachsen, immer weiter wachsen, darum geht’s doch, auch in Bad und Toilette.

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* VI. The Geography Of The House bzw. VII. Encomium Balnei. In: Thanksgiving für ein Habitat. W. H. Auden in Kirchstetten. Herausgegeben von Helmut Neundlinger. St. Pölten: Literaturedition Niederösterreich, 2018. (Aus dem Englischen von Uljana Wolf.)

** Helmut Neundlinger: »Reinventing himself as a European« – Auden, das Haus und die Welt. In: Thanksgiving für ein Habitat.

*** Helen Miles in einer privaten Nachricht. (Zu ergänzen wäre: »… and bathrooms«.)

http://www.schlosslind.at/wp-content/uploads/STUBEN-logo-2-1.jpg

Im Rahmen des Festivals STUBEN►rein, in Kooperation mit der Holzwelt Kultur.

Generell ist es stets ein Privileg, von Britta und Andreas ins Schloss geladen zu werden.

Besonderer Dank an Michael Atteneder für die Produktion des als abendliche Morgengabe ausgegebenen unverkäuflichen Musters.

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Sonntag, 5. August 2018
Steyr (A)
, Berggasse 4
Au|di|ti|on
Eine Tour d’Imagination aus der Schule des Staunens
   von und mit
Bertl Mütter
, Trombonaut am Muthorns

https://muetter.at/cms/fileadmin/user_upload/pix300dpi/161118_CZ28790_lauscher.jpg
»Meine Ohren sind meine Augen«                                                          Foto(s) © Christof Zachl

Au|di|ti|on steht für: (1) Auditive Wahrnehmung (Hörvermögen); (2) ein individuelles Hörerlebnis in der Religion; (3) eine Bewerbung in der Unterhaltungsbranche; (4) einen japanischen Horrorfilm aus dem Jahre 1999. Da der Filmtitel an Bedeutung (3) andockt, tasten wir die Rillen (1) bis (3) ab, in stetig wie willkürlich wechselnder Abfolge: Die Nadel will springen!

Fangen wir bei der Hörschwelle an, wo auch sonst: Was hören? Was für ein Hören? Welche Botschaften? Höhere Mächte? Höheres Hören? … Meine Ohren sind meine Augen. Und meine Posaune ist mein Hörrohr, Hörbarmachrohr, und das passt sich individuell an, wie es sich gerade schickt (opportet). Weil genau so bequem brauchen wir es in dieser Zeit (in illo tempore), sonst gefällt man nicht sondern wird es, wie Mahlers Held in der Tragischen.

Wie nennt man eigentlich das Gegenteil von Hörschwelle? Hörgrenze? Schmerzschwelle? Wie geht es weiter? … Keine Angst, ich spiele nur, es tut nicht weh, sicher nicht. Meine Tinnitusbehauptung ist nur temporär: Wer Auditionen hat, braucht keinen Arzt. Und die Musik, wusste schon Monteverdi zu fordern, muss vorausdenken; allzu billig ist es, im Nachhinein schon vorher klüger gewesen zu sein.
_______________________

Mit Au|di|ti|on habe ich meinen solidarischen Beitrag zum heurigen Aktionstag von kunstwoche.at geleistet, es ist das eine beispiellosen Selbstausbeutungsinitiative vermittelst Hapé Schreiberhubers. Beispiellos, das meint: Hoffentlich nicht beispielgebend. Nämlich: Künstlerische Arbeit ist etwas wert. Auch wenn sie nichts kostet.

Und, sei’s gesagt: Es erscheint mir etwas billig, wenn die Stadt Steyr mit großmütiger Geste ihre Patronanz über diesen Aktionstag ausspricht. Die hängen sich etwas um, das ihnen nichts kostet. Immerhin wird der Veranstalter für seine Aktivitäten nicht verklagt; ohja, es gibt so etwas wie passiven Zynismus.

Weit haben wir’s gebracht im Oberösterreich. Jedoch in Steyr wird es nicht soo leicht gehen, sich auf’s schwarz-blaue Land hinauszureden.
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Die Stimmung im finster werdenden Innenhof der ehemaligen Volksschule – angrenzend das (ehemalige) Polizeigefängnis, im Volksmund ›da Fisoinberg‹; oben noch die Stacheldrahtrollen – hat ein feines Hören und Spielen möglich gemacht. Alles gänzlich unspektakulär, und sowas tut schon einmal recht gut. Danke.

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Samstag, 28. Juli 2018
Gmünd (A)
, Eisenberger Fabrik
Maria Moser
Die Monumentalität der Dinge

Ausstellungseröffnung
mit
Maria Moser, Malerei
Dr. Herbert Mütter, Worte
Bertl Mütter, Musik

Es sind ganz konkrete Gegenstände, die Maria Mosers bildnerische Energie seit jeher angeregt haben. Dinge, die zu Anfang fast immer in einem biographischen Bezug zu ihr selbst standen. Maria Moser benützt auch die ehemalige Schlosserei, die einmal ihrem Vater gehört hatte, als Atelier. Dass sie dort arbeitet, hat nichts mit nostalgischer Aneignung zu tun. Man hat den Eindruck, als habe sie in der alten Werkstatt ein Erbe angetreten.
(Ankündigungstext)

Richard Pils hat mich gefragt, ob ich wieder in der Eisenberger Fabrik spielen will. Sehr gern, und die Bilder von Maria Moser sind überaus inspirierend, nämlich:

https://bibliothekderprovinz.at/media/events/fabrik_2018_moser.jpg

Dem Herz der Dinge nachzugehen.

Die Eisenberger Fabrik für sich ist übrigens auch bereits ein lohnendes Reiseziel.

(Aber ohne Maria Moser gibt’s sie ohnehin nicht: Gut so.)

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»Mit musikalischer Einführ/lung durch Dr. Herbert Mütter auf der Posaune«, hat Richard Pils auf dem Einladungsflyer getextet, und so war es. Mein Referat hat demgemäß derartig angehoben:

Meine Damen und Herren,
ich stehe heute vor Ihnen als ein Phänotyp, jedoch in zwei Erscheinungsformen. Wenn ich zu Ihnen spreche, so tut das, mit der Lizenz zum Reden, Dr.art. Herbert Mütter; die Klänge auf dem Muthorn-s kommen vom Posaunisten Bertl Mütter. Das bedingt, dass der eine heute oftmals verbal lediglich in Halbsätzen redet, die Musik des anderen soll sie ergänzen. Darüber mögen die Bilder von Maria Moser stehen (oder hängen). Alles zusammen aber stehe unter einer Großen Klammer, einer Umklammerung, einer, wir sehen es, warmen, magmatischen Umklammerung, bedrohlich warm, aber der Herbst und der Winter sind uns gewiss.
Wie es dann aber weitergeht, wissen wir nicht; können wir nicht wissen.

(Wen es interessiert, wie ich weitergeredet habe, dieoderder kontaktiere mich und ich schicke das Manuskript zu.)

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Sonntag, 22. Juli 2018
Viktring (A)
, Kellertheater
Die vierzehnte Galanacht der Improvisation

https://muetter.at/cms/fileadmin/user_upload/pix500px/2018/180721dac.jpgDie Actuelle Capelle 2018, 21. Juli 2018

Vorweg ein Geständnis: Strenggenommen kann Bertl Mütter – als Kind vom Papa oft und gern Wasserratz oder auch ’taufte Maus genannt – nicht schwimmen. Und deshalb kann natürlich auch Die Actuelle Capelle (DAC) gar nicht schwimmen können: Allesamt sind wir Steinfische, in des Steines allerplumpsendster Bedeutung.

Alle Kunst ist unnütz. Es ist noch mit keiner Musik irgendwo ein Nagel eingeschlagen worden. Zu Musik, das ja, wir haben es schon im Kindergarten gelernt: »Wer will fleißige Handwerker seh’n« – das Urbild des Working Songs. Aber darum kann es nicht gehen, es wäre allzu beschwichtigend, abwiegelnd, in diesen Tagen, die zu Nächten werden.

Eine von E. M. Ciorans Exercises négatifs lautet »Unbrauchbarer sein als ein Heiliger«. Was nützt etwa ein seinen Darm irgendwie doch nicht ganz unfreiwillig spendender Märtyrer oder andere Kollegen, wie sie sich im Freskensaal so devot-stolz mit ihren Epitheta präsentieren? (Zumeist, das nebenbei, handelt es sich um bärtige, alte Männer.)

Aber natürlich benötigen wir das Unbrauchbare, gerade wie es in Viktring zelebriert wird, von den (salopp und mit Respekt so genannten) Flötenkindern bis zu den Jazzdamen samt sämtlichen sonstigen Podiumsheldinnen und -helden von morgen, übermorgen und vorgestern; namentlich DAC würde sich, gesetzt, das Unbrauchbare erwiese sich tatsächlich als sinnlos, ganz sicher nicht alljährlich zum SPIELEN! versammeln. Jedoch das, was wir tun, ist sinnstiftend, aufs Höchste sinnstiftend! Es ist das pure Klingen, in sämtlichen erdenklichen Rauigkeitsabstufungen, wie sie das Leben eben liefert. Und damit zu hantieren, das ist allerdings harte (härteste) Arbeit, die an die Grenzen der Verstörung heranreichen kann. Gespielt wird nämlich sowieso immer das gleiche (irgendwas) und stets zu laut oder zu leise oder zu unterschiedlich oder just das Gegenteil, und dann knackt es noch so grauenhaft und niemand schaut zum Leiter, der sowieso immer die Augen zu und durch hat.

Genug geklagt. Nehmen wir aus der Mühe das -sam heraus und setzen wir es in aller Stärke ein: Wiese! Allemal ist es es wert, all diese Samen keimen und hochtreiben zu lassen. In unserer monokulturell verwirtschafteten und homogenisierten Welt ist die Bunte Wiese, die Sommerwiese, längst an den Rand des Aussterbens gelangt. Das Aufstehen dagegen kann jedoch kein zeitgemäß brüllzender Protest sein, vielmehr passiert es subtil (dabei brachial – ja, das gibt’s!), ohne viel Aufhebens. Und wie es in der Wahren Wiese keine Erste Blume geben kann, versteht sich DAC als metamusisches Ökosystem. In ihm gedeihen in fröhlich-gelassener Symbiose die absonderlichsten Gräser, Blumen, Kleee, Käfer, Würmer und was sonst noch alles blühen und gedeihen und vergehen mag.

MERKE: Wohl sind gelbe Löwenzahnwiesen schön anzuschauen, allzubald aber werden sie recht fad; zumindest, wenn man einmal die Bunte Wiese erlebt – am besten, indem man sich und die anderen hineinlegt.

Ich kann schwimmen wie die andern, nur habe ich ein besseres Gedächtnis als die andern, ich habe das einstige Nicht-schwimmen-können nicht vergessen. Da ich es aber nicht vergessen habe, hilft mir das Schwimmen-können nichts und ich kann doch nicht schwimmen.
Franz Kafka

Also laute die Devise: Tauchet ein in diese Wiese!

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Zitatnachweis / Literatur
Emile Cioran: Syllogismen der Bitterkeit, Religion, in: Werke, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2008 (S. 925).

Franz Kafka, Notiz (1920) zum Schwimmer-Fragment, in: Ders., Nachgelassene Schriften und Fragmente II, hg. v. Jost Schillemeit. Frankfurt/M.: Fischer, 2002 (S. 334).
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Die Actuelle Capelle (DAC) 2018

     Erich Berger, E-Bass

     Edgar Hättich, special Guest

     Maria Alraune Hoppe, Allerlei

     Reinhard Latritsch, E-Piano

     Markus Lorber, E-Gitarre
     
Werner Sattlegger, Gitarre

     Johannes Schwarzgruber, Dreierlei

     Karin Tobisch, Hackbrett

     Johnny Traar, Altsaxophon

     Evelin Woitsch, Primadonna

     Bertl Mütter, Mut- und Wunderhorn, SPIELENtrainer

Wir danken Miriam Egger fürs MitSPIELEN.

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Nach-Notiz

Die Galanacht der Improvisation erweist sich immer wieder als Jahreshöhepunkt und scheint sich zudem zu so etwas wie einem weitbekannten Geheimtipp entwickelt zu haben. Tiefe Verneigung also vor unserem so treuen Publikum. Und vor allen meinen Spielerinnen und Spielern. Jedes Jahr berührend auch die einleitenden Worte von Festivalleiter Werner Überbacher, der auch diesmal wieder seine buchstäbliche Sonntagsrede uneingeschränkter Wertschätzung gehalten hat. Per definitionem ist ja jede sonntags gehaltene Rede eine S.; schön ist zudem, wenn die in S. erwähnten Löblichkeiten an den anderen Tagen der Woche derart tätig eingelöst werden.

Bei aller dankbarer Abschiedswehmut WÜ betreffend sind wir freudig gespannt auf den frischen Wind, der sich anschickt, ab 2019 den Süden Klagenfurts zu durchwehen. Wir sind dabei!

(…und wild darauf, mehr als das konzeptionelle Feigenblatt einer a posteriori konstruierten Urbedeutung abzugeben.)

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