ettore falchetto hört swm

Bertl Mütter ist anders. Wie er ist, ist schwer zu sagen. Es ist leichter zu sagen, wie er nicht ist. Er ist kein Außenseiter. Er ist kein Revoluzzer. Er ist kein Protestierer. Er ist kein Spaßmacher. Er ist kein Respektloser. All diese Eigenschaften könnten sich nämlich einem der Tradition allzusehr verhafteten Musikliebhaber beim Anhören seiner „Winterreise” aufdrängen. Doch wer aufmerksam zuhört, merkt sofort, dass hier ein großer Könner, ein echter Bewunderer Schuberts, ein kreativer Geist am Werk ist.

Bertl Mütter singt, summt, grunzt, grölt, stöhnt, rülpst mit seiner eigenen Stimme und mit der Stimme seiner Instrumente (was ein Euphonium allerdings ist, wird wohl nur ein musikgebildeter Teufel wissen, der Wortbedeutung nach jedenfalls ein Wohltöner) die gesamte Winterreise durch, er spielt diverse Aufnahmssplitter ein, macht mit ihnen Collagen, verfremdet und vervielfältigt sie. Was herauskommt ist eine sehr persönliche Paraphrase eines großen freien Geistes über ein großes Werk eines großen Geistes, die vom ersten bis zum letzten Moment fesselt, verwundert, überrascht und schließlich verzaubert in seinen Bann schlägt.

Die traditionelle Interpretation der Winterreise genießt man mit dem wohlig-schauernden Gefühl, das man auch bei den Horrornachrichten im Radio/TV im Unterbewußtsein mitschwingen läßt: "Grässlich, aber wie schön, dass wir im Warmen, Geborgenen sitzen." Bertl Mütters Interpretation läßt in einem das Genußgefühl so entstehen, als wäre man selbst mitten in der Dramatik der frostigen Winterreise. Erst nachher, beim Aufwachen aus dem mitgeträumten Alb erkennen wir, erleichtert und froh, dass wir im Warmen, Geborgenen sitzen.

Die traditionelle Interpretation lässt Gefühle in Einem entstehen, Mütters Interpretation ist die Beschreibung dieser Gefühle selbst.

So gesehen ist es ein unmittelbareres, echteres Mitfühlen, Mitleiden, Mitgehen, Mitverzweifeln, Mithoffen mit dem Helden (?) des Geschehens. Mütters Winterreise ist, mit Verlaub gesagt, in einer gewissen Weise ein emotiver Schas, verursacht und genährt von dem Metabolismus all jener Gefühle, die es aufkommen lässt, und wie eine gewöhnliche, allzu menschliche Entladung aufgestauten Überdrucks, bringt auch diese Ableitung verinnerlichter Naturgewalt jene Erleichterung, dessentwegen sich man zwar schämt, aber sich danach sehr viel besser fühlt.

Absoluter Höhepunkt ist, wie bei Schubert selbst, der abschließende Leiermann, nach dem es eigentlich gar nicht mehr weitergehen kann, denn es kann nichts Schöneres mehr folgen. Mütters durchgehender Grundton der dem Leiermann unterlegt wird, ihn aber voll dominiert (und obwohl im Begleitheft der CD zwar irgendwo steht, Mütter spiele das Digeridoo nicht, erinnert es trotzdem daran) lässt Gänsehaut entstehen, lässt erschauern, lässt den verschwommenen Gedanken aufkommen, dass es vielleicht doch absolute Musik gibt, die nur aus einer Schwingung besteht, die alle möglichen denkbaren, erwünschten und ersehnten Töne in sich einschließt, die man sich gerade erträumt. Und die unendlich scheinende Pause vor dem wohlverdienten und verdient nachdenklich einsetzendem Applaus, der im Geist des Kritikers allerdings etwas vulkanhafter einsetzen würde (schließlich kehrt die Sicherheit des im Geborgenen-Sitzens ja jetzt erlösend zurück) ist ein weiterer berührender Moment dieser Einspielung (fast alles übrigens live!). Ein uneingeschränktes Bravo dem Künstler Mütter, dem Interpreten Mütter, dem Kreator Mütter!

Und schon taucht bereits der Wunsch auf, er möge sich weiteren großen Werken widmen. Mahler steht zwar auf seiner Intentionenliste. Aber warum kann es nicht ein Alfred Polgar sein, ein Doderer, oder die Bilder einer, irgendeiner Ausstellung?

Da ich aber, Göttin sei Dank, kein Musikkritiker bin (ich kann nicht einmal Notenlesen), so kann ich Ihnen nur schlicht und einfach, aber aus vollem Herzen sagen: Danke!

Herzlichst,

Ihr Ettore Falchetto


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