schubert:winterreise:mütter

ein essay von bertl mütter

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Am Steyrer Stadtplatz ist ein dm-Drogeriemarkt. Im ersten Stock, über dem Eingang ist ein Gedenkstein mit Portrait eingelassen. Auf ihm steht: „Dem Liederfürsten Franz Schubert zur Erinnerung an seinen hiesigen Aufenthalt 1825–1827. Die Steyrer Liedertafel anlässlich ihres 40 jähr Gründungsfestes 1890.” Vom Magistrat der Stadt Steyr wurde etwa 1980 folgende Inschrift angebracht: „Schubert-Haus. Hier komponierte Franz Schubert 1819 das Forellenquintett als Gast des damaligen Besitzers G. Paumgartner.”
Am Pfarrberg, Haus Pfarrgasse 12 (Boutique New York), steht: „Geburtshaus von Johann Mayrhofer geb, 22,10,1787 gest, 5,2,1836 Freund und Textdichter Franz  Schubert’s”.
Am Brucknerplatz steht das allererste Brucknerdenkmal, von Viktor Tilgner (weitere Hauptwerke sind das Werndldenkmal und das Mozartdenkmal im Wiener Burggarten) und Franz Zerritsch (von ihm sind Sockel, Putti, Maske, Lyra, Lorbeerkranz), enthüllt am Pfingstsonntag 1898. In der Stadtpfarrkirche hat Anton Bruckner georgelt. Am Pfarrhof ist auch eine Gedenktafel: „Hier schuf Anton Bruckner in den Ferienmonaten der Jahre 1886–1894 seine letzten großen Werke. A.D. 1908. Seinem Ehrenmitgliede: Der M.G.V. ,Kränzchen’.”
1880 wirkte im nahen Bad Hall Gustav Mahler als Kapellmeister des kleinen Sommertheaters mit dreißig Gulden Monatsgage und fünfzig Kreuzer Spielhonorar. Er hatte Operetten zu dirigieren und die Musik zu Possen zu begleiten, musste Pulte aufstellen und in den Arbeitspausen die kleine Tochter des Kurkapellmeisters Zwerenz (die später populäre Operettensängerin Mizzi Zwerenz) im Kinderwagen spazierenfahren.

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Im 19. Jahrhundert war Steyr typisch für eine Art Kleinstadt-Kultur mit einem dafür aufgeschlossenen Bürgertum. Die Musikpflege war neben Linz und St. Florian die berühmteste des Landes (Oberösterreich). Die große, 1772 erbaute Chrismann-Orgel war nicht nur für Bruckner ein Anziehungspunkt. Und Karoline Eberstaller, es hieß, sie sei die Tochter eines französischen Generals, hatte, ein Kind noch von 7, 11, 13 Jahren, mit Franz Schubert 1819, 1823 (da ist es ihm nicht so gut gegangen) und 1825 vierhändig gespielt. Für Bruckner, der stets zur Verehrung neigte, bedeutete sie einen kostbaren Kontakt zur musikalischen Tradition. Sie (Eberstaller) ist erst 1902 gestorben.
Der Friseur und Mundartdichter Sepp Stöger sammelte Bruckners Haare in der Hoffnung auf spätere Wertsteigerung. Etliche Darstellungen zeigen Bruckner mit kahl geschorenem Schädel.
Dass Schubert in Steyr das Forellenquintett komponiert hat, muss leider bezweifelt werden.

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Von all dem habe ich bei meinem Heranwachsen kaum etwas bemerkt, man war durch die vormalige Anwesenheit Schuberts und Bruckners einfach automatisch selber gut. Auch ich habe lange geglaubt, dass nur mehr die Philharmoniker über der Stadtkapelle stehen. Und in Bad Hall Spazierengehen war fad, lauter alte Leute. Immer Robert Stolz, wirklich wie im Seniorenclub.

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In Steyr gab es Ende der 60er, Anfang der 70er-Jahre zwei Geschäfte mit Namen Mütter: ein Elektrogeschäft, ein Fischgeschäft. Mütter-Weckerl war einerseits die Bezeichnung für ein mit einem Russen samt Russenkraut gefülltes Mohnweckerl. Heute sagt man zum Mohnweckerl auch in Steyr, wo beim Hotel Minichmayr eine bronzene Flößerstatue steht (früher wurde die Enns mit Floßen befahren), das zu jener Zeit gleichwohl nur im etwas nördlicheren Teil des oberösterreichischen Zentralraums geläufige Wort Mohnflesserl. Andererseits war Mütter-Weckerl ein auch weniger sprachkreativen Mitheranwachsenden schnell assoziierbarer Spottname für mich oder meinen Bruder. Das war ungerecht: Opa hatte das Elektrogeschäft, in der Damberggasse. Jedes Jahr zu Allerheiligen war er am Friedhof für die Tonanlage zuständig, ich glaube beim Kriegergedenken vom Schwarzen Kreuz. Der Bürgermeister hat jedesmal auch geredet. Opa war auch bei der Partei.
Im Übrigen waren mein Bruder und ich die einzigen Mütter unserer Generation.

 

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Am Brucknerplatz steht die Musikschule. Dort hatte ich, ich war schon zehn, meinen ersten Musikunterricht, angeblich hat mir der Opa über die Partei den Platz verschafft. Erst einmal, wie üblich, kurz Blockflöte. Dann Euphonium. „Du hast so große Lippen, willst du nicht aufs Tenorhorn wechseln?” Ich wollte. Kannte das Instrument zwar nicht, aber der Lehrer war mir sympathisch. Und schließlich, mit siebzehn erst, Posaune. Mit dem Tenorhorn kannst du nur Blas- oder Bierzeltmusik spielen, aber keinen Jazz, was immer das ist.
Einmal hatte ich einen Minigolfball im Tenorhorn und brachte fast keinen Ton heraus.

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Das Panorama vom mittleren Fenster im ersten Stock der Musikschule: linkerhand kann man den Pfarrberg hinabsehen. Halblinks ist die Stadtpfarrkirche. Davor steht jetzt der granitene Friedenswürfel, er hat es zu einer Kurzbesprechung (mit Bild) in einem Buch von Max Goldt gebracht. Dann über den kleinen Park samt Parkplatz, einmal war dort, ich glaube es war Anfang Dezember, auf einem Tieflader ein präparierter Wal ausgestellt, zur Schwechater, Stammlokal des MGV Sängerlust. Eine Spezialität des Schwechater ist das Reiter-Weckerl, ein schwarzes Weckerl mit Schweinsbraten und Kren. Steyr scheint eine Weckerlstadt zu sein. Rechts von der Schwechater, ideal für Hunde aller Rassen, die Schubertlinde. Meist ist der kleine, pultförmige Stein („Beim 20. Sängerbundfest 1978 in Steyr pflanzte der ob.öst.-salzburgische Sängerbund 1864 (1949) diese Linde zum 150. Todestag von Franz Schubert”) umkränzt von Hundekot. Linde und Gedenkstein scheinen beliebt zu sein; Menschen (Hundehalter ausgenommen) nehmen kaum davon Notiz. Dann der Blick aufs Forum (jetzt: City-Point), und rechts unter der Schule, bei der Einfahrt zum Garten, das Brucknerdenkmal.

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Meistens bin ich schon in der Johannesgasse ausgestiegen und zu Fuß, durch die Stadt ins Neue Gymnasium gegangen. Haratzmüllerstraße (Nr. 32: „Geburtshaus des ersten Schubertsängers Johann Michael Vogl. Hofopernsänger in Wien. Geboren 10. August 1768. Gestorben 19. November 1840. Gewidmet von M.G.V. Kränzchen Steyr 1914”), Minichmayr, über die Ennsbrücke, in die Enge, beim Stigler vorbei, wo die Partezettel hängen (da fällt mir auf, auch Schubert ist an einem 19. November gestorben), aus der Enge, beim Fisch Mütter vorbei, auf den Stadtplatz, Schuberthaus, Spar-Cassa, Siebensternhaus, Bummerlhaus, dann Pfarrberg, rechts der (Ur-)Hartlauer, Fleischerei Süss, einextrawurstsemmerlmitgurkerlumfünfschillingbitte, Elektro Waldhauser, linkerhand die Mesnerstiege, auch Brucknerstiege genannt (über diese erreichte Bruckner die Wohnung seines Freundes Franz Xaver Bayer; heute abgesperrt), Stadtpfarrkirche, rechts die Musikschule, links Schwechater und dann, Unterführung, hinüber in die Schule. Neue Lehrer haben mich stets gefragt, ob ich der vom Fischgeschäft bin. Mütter-Weckerl haben sie nie gesagt. Das Elektro Mütter hat es in meiner Gymnasialzeit nicht mehr gegeben.

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Steyr ist: Industriestadt (Autostadt), Einkaufsstadt, Schulstadt.
Steyr nennt sich: Eisenstadt, Partnerstadt: Eisenerz; neuerdings auch: Christkindlstadt, Partnerstadt: Bethlehem; wie die ganzjährig geöffnete Christkindl-Erlebniswelt weitergeführt wird, ist 2001 noch nicht ganz klar.
Weitere Partnerstädte: Kettering, Ohio, USA; Plauen, Sachsen, DDR (sagt man jetzt nicht mehr). Steyr war neutral im Kalten Krieg.
Wenn man über den Museumssteg geht, sieht man in der Steyr herrliche Forellen. Ein bedeutender Sportverein heißt Forelle Steyr, Ursprung mancher Kanu- und Kajak-Größen, inkl. Weltmeister. Auch einen (nicht dichtenden) Friseurweltmeister gibt es. Wenn es nun scheint, daß Steyr eine (Forellen, Russen) Fisch- und Weckerl-Stadt ist (Schnittpunkt aller Koordinaten: das Mütter-Weckerl), so sei doch noch auf die weit gerühmten Wurstspezialitäten vom Zellinger hingewiesen, eine besondere Delikatesse ist der Käsetaler.
Beim Spatenstich zum BMW-Werk habe ich mit der Stadtkapelle gespielt. Bruno Kreisky hat geredet, ich habe ihn ganz aus der Nähe gesehen, wie einmal auch am 1. Mai. Früher haben wir dort Junikäfer gefangen.
Josef Werndl ist der Pionier von Steyr. Er sorgte im 19. Jahrhundert für Hinterladergewehre und sehr frühe Elektrifizierung. Und er hat Wohnungen für seine Arbeiter und die Schwimmschule für deren Kinder gebaut. Bruckner war oft bei Familie Werndl in Unterhimmel zu Gast, und es gab regelmäßig ein Bouillon mit Nudeln. Auf dem Werndldenkmal steht „Arbeit ehrt”.
Steyr war immer schon innovativ.
Seinen gut organisierten Fuhrleuten verdankt es Steyr, daß die Westbahn im zwanzig Kilometer entfernten St. Valentin vorbeifährt. Leider auch die Autobahn.
Steyr ist keine: Schubertstadt, Brucknerstadt.
Steyr ist ein starkes Stück Stadt.

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Mein Vater war Betriebselektriker in den Steyr-Werken. Daheim hat er gern gesungen. Aber nur daheim. Er hat mir von Fritz Wunderlich erzählt, vielleicht habe ich ihn mir gemerkt, weil er ihm irgendwie ähnlich geschaut hat (auch er ist um 1935 geboren). Meine Erinnerungen gehen aber nur bis zur Mondlandung zurück, ich war ziemlich genau vier Jahre, und Luis Armstrong war lustiger als der Austronaut. Also habe ich später, als wir dann einen Fernseher hatten, mit Anneliese Rothenberger und Rudolf Schock Bekanntschaft gemacht. Und Erkennen Sie die Melodie, jeder Kandidat hat genau entsprechend seinem Fach (Oper - Operette - Musical) ausgeschaut. So lernte ich, daß Ernste (Papa sagte: Schwere) Musik wirklich sehr ernst und natürlich schwer sein muß. Auch beim heiteren Beruferaten mit Robert Lembke mussten zumindest die Männer, Hans (Oberstaatsanwalt) und Guido (Ratefuchs) sehr ernst sein. Im Jahr 2000 würde ich fünfunddreißig sein und ernst, am besten mit einer dicken Hornbrille.

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Gesungen habe ich schon immer. Meine Eltern wollten mich aber nicht zu den Florianer Sängerknaben lassen. Es war mir auch recht so.
Das berühmteste Werk Schuberts dürfte im Katholischen Österreich wohl die Deutsche Messe, D.872, GL802 sein. Abgesehen davon habe ich noch Am Brunnen vor dem Tore und Guten Morgen, schöne Müllerin gehört, am Sonntag vormittag bei Heinz Conrads (meine Oma hat Konrad gesagt). Da habe ich auch das Wort Kammersänger gelernt.

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Seit der Erstkommunion habe ich ministriert. Saisonal war ich auch als Sternsinger beschäftigt. Bei der Messe war ich bald Vorsänger, Vorbeter, Vorleser. Von unserem Kaplan habe ich mir abgeschaut, wie man die Leute zum Zuhören bringt. Zeit lassen. Augenkontakt. Ruhig, nicht zu laut sprechen. Mich hat fasziniert, dass dem Zelebranten gewisse Texte und Handlungen vorbehalten sind. Derherrseimiteuch. Und die Position im Schnittpunkt der Raumachsen (Als Bub habe ich das natürlich noch nicht so analysiert, aber irgendwie habe ich es gewußt.).
Natürlich wollte ich als Bub Priester werden. Als Bub.

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Dann haben wir die Gardenschlauch Jazzband gegründet. Alter Jazz, hart an den Grenzen der spieltechnischen Möglichkeiten. Bei den Mädchen ist das nicht so hoch im Kurs gestanden wie eine Rockband, trotz langer Haare. Der Künstler erlebt seine ersten großen Einsamkeiten. Nach Graz, ein Jahr Theologie, dabei hineinschnuppern in die Jazzabteilung. Graz hat’s. Dann Linz, Militärmusik. Und dann endlich das Jazzstudium, Posaune, auch etwas Stimme. Fortschreitendes Abweichen vom Kanon, 1990 Abschluss als Dissident.
Ernst bin ich bis heute nicht geworden. Und ich könnte sogar das ganz klein Gedruckte auf den Fünfhundertern und Tausendern lesen, ohne Lupe. Aber jetzt gibt es ja keine Schilling mehr.

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Wir wissen nicht, ob Louis Armstrong, John Coltrane, Miles Davis, Duke Ellington, Ella Fitzgerald, Charles Mingus oder Charlie Parker (um einige zu nennen) eine besondere Verbindung mit dem südlichen Oberösterreich hatten. Von Schubert und Bruckner, aber auch von Mahler wird dies zumindest berichtet.

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Vielleicht habe ich mir das Solospielen in der Kirche von unserem Kaplan abgeschaut. Es hat sich halt so ergeben, dass es die Mitte meiner künstlerischen Arbeit darstellt. Notwendigerweise beziehe ich mich auf Traditionen, ich kann mir nichts überstülpen, es würde mich einengen. Meine Vorfahren waren weder – je nach aktueller Mode und Kurswert – Baumwollpflücker in den Südstaaten noch sibirische Schamanen. Ich verwende auch kein Didgeridoo. Anders gesagt: Ravel schaut in La Valse vom Eiffelturm nach Wien. Er gibt nicht vor, im Riesenrad zu sitzen, es wäre ja auch wirklich eine Anmaßung. Ob ich will oder nicht: Die einzige Tradition, bei der ich überhaupt die Chance habe, sie annähernd authentisch zu verstehen, ist die, in die ich – ziemlich unbemerkt, siehe oben – hineingeboren wurde. Auf ihr baue ich auf, differenzierend, freundlich-kritisch, ganz sicher nicht hurra-patriotisch, so hoffe ich. Gerne lasse ich mich jedoch auch von außen beeinflussen. Wozu hätte ich denn schließlich Jazz (oder was man dafür hielt) studiert und mich mit außereuropäischer und inneralpiner Musik beschäftigt?

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Mein Hauptinstrument, die Posaune, besitzt ein kaum ernstzunehmendes klassisch-romantisches Repertoire, vieles klingt wie schlechte Marschmusik. Ich betrachte diesen Umstand als Vorteil, denn ausbildungsbedingtes Erschaudernmüssen vor ihr gewidmeten Meisterwerken kenne ich nicht. Natürlich gibt es auch schöne, sehr schöne Orchesterstellen sogar. Aber, um bei Ravel zu bleiben: den Bolero spielen andere auch.

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Wenn die Werke nicht zu mir kommen, muß ich eben zu ihnen. Im Jazz ist es selbstverständlich, Standards individuell zu interpretieren. Meine heißen aber nicht Stella by Starlight oder Autumn Leaves. Warum also nicht die Zweite Mahler, Triadic Memories oder das Musicalische Opfer?
„Wieder ist es hier für mich sehr störend, daß ich auch in die Musikwissenschaft niemals ernstlich eingedrungen bin und mich in dieser Hinsicht beiweitem nicht einmal zu den von der Wissenschaft immer besonders verachteten Halbgebildeten rechnen kann. Dies muß mir immer gegenwärtig bleiben. Vor einem Gelehrten würde ich, ich habe leider dafür Beweise, auch in der leichtesten wissenschaftlichen Prüfung sehr schlecht bestehen. (...) Das alles gestehe ich mir offen ein, sogar mit einer gewissen Freude. Denn der tiefere Grund meiner wissenschaftlichen Unfähigkeit scheint mir ein Instinkt und wahrlich kein schlechter Instinkt zu sein.” (Franz Kafka, Forschungen eines Hundes, 1922)
Ich darf mich treffende Werke weiter improvisieren, weiter (ver)dichten, weiter führen, weiter fühlen.

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Hier handelt es sich um Schuberts Winterreise.
Canetti würde es einen Stachel nennen. Fühlst in der Still erst deinen Wurm. Hineinträumen, den Stachel umdrehen. Nun weiter denn, nur weiter. Enge gibt es genug auf dem Schulweg, und das Lernen hört nie auf.

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Tradition, heißt es (etwa beim Spot des Filmarchiv Austria vor jedem Programm der Laurel & Hardy Retrospektive; mittlerweile weiß ich, dass dieser Spruch von Gustav Mahler überliefert wird, vielleicht ist er auch von jemand anderem), Tradition ist die Weitergabe des Feuers, und nicht die Anbetung der Asche.
Ich bin kein im klassischen Sinn ausgebildeter und agierender Vokalist. Posaune und Euphonium sind zu Körperteilen geworden. Ich antworte dem Ruf von Schuberts Musik und Müllers kraftlosem Helden mit meinen heutigen, sehr persönlichen, vielleicht auch verstörenden Sprachen. Im Idealfall ohne Scheu, Hemmungen oder vorauseilende Selbstzensur. Es ist meine mir mögliche und notwendige Hommage an die Winterreise, Schubert, Müller, Patzak, Louis Armstrong, Hotter, Prégardien, Hampson, Quasthoff, Fischer-Dieskau, Chet Baker, Wunderlich…

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Manches kann durchaus fix vorbereitet sein. Dann ist es wieder möglich, dass mich eine Sequenz, ein Parameter, besonders interessiert, den picke ich mir dann heraus, scheinbar (oder tatsächlich) willkürlich. Ich neige auch dazu, mich selbst zu überraschen. Assoziationen können sehr weit weg führen, scheinbar (oder tatsächlich).

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Ich bin Amateur. Und Dilettant.
„Eine Nuß aufknacken ist wahrhaftig keine Kunst, deshalb wird auch niemand wagen, ein Publikum zusammenzurufen und vor ihm, um es zu unterhalten, Nüsse knacken. Tut er es dennoch und gelingt seine Absicht, dann kann es sich eben doch nicht nur um bloßes Nüsseknacken handeln. Oder es handelt sich um Nüsseknacken, aber es stellt sich heraus, daß wir über diese Kunst hinweggesehn haben, weil wir sie glatt beherrschten und daß uns dieser neue Nußknacker erst ihr eigentliches Wesen zeigt, wobei es dann für die Wirkung nützlich sein könnte, wenn er sogar etwas weniger tüchtig im Nüsseknacken ist als die Mehrzahl von uns.” (Franz Kafka, Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse; Kafkas letztes Werk, März 1924.)

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Ich habe mich schon öfter gefragt, wie es gekommen ist, dass ausgerechnet in Vorarlberg die Schubertiade gegründet wurde. In Steyr ist das bis vor ein paar Jahren niemandem eingefallen. Aber das passt schon so.

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Wien ist anders.
Durch mein Aufwachsen in Steyr und die Studienzeit in Graz bin ich gut vorbereitet worden: Alles wird multipliziert, mal, sagen wir 20 (Steyr) oder 7 (Graz).
Und statt der Stadtkapelle gibt es die Philharmoniker.

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Wer allein in der Badewanne singt, hört innerlich das ganze Orchester, kein Instrument geht ihm ab. Meine Badewanne steht auf der Bühne, ein sehr intimer Vorgang.

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Im Winter, schätzt man, leben in Wien etwa 300.000 Saatkrähen.

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nachsatz

(1) „Die Krähen behaupten, eine einzige Krähe könne den Himmel zerstören. Das ist zweifellos, beweist aber nichts gegen den Himmel, denn Himmel bedeutet eben: Unmöglichkeit von Krähen.” (Franz Kafka)

(2) Die Posaune ist ein himmlisches Instrument. Sie verschafft aber auch und vor allem der Unterwelt Gehör.

(3) Den Wiener Schubert können wir uns nicht in München oder Zürich vorstellen.

(4) Der Himmel in Wien hängt voller Geigen.

(5) Kombiniert man [22] mit [24], ergibt das für Steyr immer noch 15.000.


© bertl mütter, 2001 (ergänzt 2004, mütterweckerl: 2012)

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