mütters winterreise

von otto brusatti

Franz Schubert hat das alles angeblich vor ihrer Erstpräsentation „schauerliche Lieder” genannt. Sein 24 Einzelstücke umfassender Zyklus für Singstimme (heller Tenor?) und Klavier wurde gerade noch zu Lebzeiten (1828) gedruckt, als op.89 in zwei Heften, im späteren Deutsch-Verzeichnis als Nummer 911 verzeichnet.

Bertl Mütter nimmt Schubert über weite Strecken hin wörtlich. Erstens: er behält Ablauf und Grundstrukturen bei. Zweitens: er geht mit den damals durchaus ganz modernen Liedern auch heutig modern um. Und drittens: er scheut sich nicht, selbst zu schaudern und alle anderen gleich mitschaudern zu lassen. Und dazu benötigt er nur ein wenig Blech, noch weniger an Elektroakustik und jedenfalls aber Stimme, Kehlkopf, Atem, Feschheit, Frechheit und Mut.

Schubert hat alles 1827 niedergeschrieben. In zwei Tranchen allerdings. Der offenbar verschlingende Leser Schubert bekam damals neue Texte des von ihm schon einmal so genial vertonten Wilhelm Müller in die Hand. Diesmal waren's aber keine fatalen Pubertätsleiden eines jungen Handwerkers, welch dann sich zur „Schönen Müllerin” ausweiteten. Diesmal handelte es sich um zwei schmale Bändchen, einem Taschenbuch „Urania” und einem namens „Gedichte aus hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten”. Schubert schlug vertonend sofort zu. Allerdings, und deshalb greift sich die nachgeborene Musikwissenschaft noch allemal weiterhin verwundert-frustriert auf den Kopf, Schubert komponierte zuerst nur die ersten 12 Gedichte. Dann meinte er wohl, es sei mit den Vorlagen vorbei, die Geschichte bleibe mehr oder weniger offen. Nach Monaten erst bekam er die zweite Textlieferung – und er schrieb weiter, als wäre
nichts geschehen.

Der moderne Herr Mütter hält sich mit solchen Kleinigkeiten in der Genese erst gar nicht auf. So groß und ausladend und auch irgendwie mächtig er sich körperlich mit seinem Instrumentarium zu bewegen versteht und gewohnt ist, so vereinnahmend inhaliert er seinen Schubert. Ein naiver kahler Polyphem steht da auf der Bühne, ist geschäftig, ist laut, ist verhuschend, lauschend, in action. Ob die Leute da vor und unter ihm unruhig werden oder gar schon unstatthaft gebannt aufblicken, es scheint ihn kaum zu kümmern. Mütter besucht seinen Schubert und arbeitet mit ihm.

Die 24 Lieder (12 + 12, egal was Schubert da für Werkstattvorgaben liefert) erzählen eine Geschichte. Ein offenbar noch jüngerer Mann, ein Seelchen und ein Dichter, ein Softie und ein zum Delirierender Neigender, verläßt ziemlich schnurstracks, ziemlich rasch dahinmarschierend (die Klavierbegleitung schreibt das vor) eine Kleinstadt und eine Freundin/Geliebte/Naive (?); er sieht sich – wie jeder Verlassene/Unverstandene vor und nach ihm – verspottet, gehetzt; er heult, er krallt sich im Schnee fest; er steigert sich in Erinnerungen hinein; die Eifersucht schwappt nur so aus ihm heraus. Im fünften Lied kommt er, schon erschöpft, zu einem Lindenbaum (Schubert wird nachher immer wieder zum falsch verstandenen Volksmusiker herhalten müssen); er beruhigt sich; er findet scheinbar etwas Ruhe. Scheinbar. Denn der Psycho-Weg und die vergeblichen Eigenanalysen gehen jetzt erst richtig los!

Mütter hält sich zunächst noch an die Vorlagen. Zunächst. er singt, stolziert, bläst, macht mit seinem Instrument Mehrstimmigkeiten.

Schubert im blinden Spiegel, Schubert verwischt, manchmal über Maßen auf den Punkt gebracht. Manchmal – maßlos und zugleich wenig – elektroakustisch unterstützt. Noch gelegentlicher aus irgendwelchen Original-Vorlagen anzitiert.

Währenddessen aber entwickelt sich der Winterreisen-Exeget mit Posaune und Euphonium und Computer und Notenpult und vor allem vielen vielen Zetteln vom Rampensteher irgendwie auch zum spielenden Kind – doch davon später noch mehr.

Im Original-Schubert gehts jetzt langsam erstmals ans Eingemachte. Tränen, Tränen, Tränen. Alle wie aus dem Tiefkühlfach. Und sofort das Ganze gespiegelt, in harmonischen Rückungen. Ein Bach begleitet den Winterreisenden, Eis drüber, Hitze drunter. Die ersten Halluzinationen stellen sich ein. Man vermeint ein Irrlicht zu sehen, ist erschöpft. Reminisziert doch andauernd, träumt von Blumen, erwacht, weiß eigentlich nicht mehr was und warum, der Mensch mutierte zum Sehnenden und irgendwie aus seinem kleinen Paradies Vertriebenen zum Psycho-Problem-Fall. Dann, am Schluß des ersten Dutzend der Lieder, das Besingen der Einsamkeit, der Winterreisende arrangiert sich, hat sich in sein Schicksal gefügt, zieht einen Schlußstrich unter das bisherige Leben?

Mütter hat inzwischen auch seinen Eigenimpressionismus unterm Lindebaum verlassen, macht sich mit Echo-Wirkungen einen individuellen schweren Kondukt nach dem anderen, übersprudelt sich dann, will Opernsänger sein, jammert, vergißt gelegentlich auf alle Instrumente. Sein Irrlicht gleicht einem Nebelhorn. Sein Rasten ist nervös, sein Frühlingstraum ein jammerndes Kleinkind, seine Einsamkeit die eines Behinderten, eines Dodels.

Dann. Zweite Abteilung.

Die Post verheißt bei Schubert noch einmal Bindungen, Stricke, Seilschaften an und für dieses Früher. Resignation dann. Man sieht sich als Altgewordener und hofft auf die Altersmilde in sich selbst. An der kauzigen Tierwelt belustigt man sich dann. Als Winterreisender sucht man Naturmetaphern um sich irgendwie noch geistig zu beschäftigen; allerdings – Natur! – sie ist feindlich (wie immer) und beißt. Ein Sturm noch, eine Abkühlung wohl wie nach einer Sauna – ein temporäres Sich-Erholen?

Auch Mütter spielt Post, kräht aus dem Greisenkopf und begleitet eine Krähe, seine Naturerlebnisse geschehen durch einen Schleier, die Stürm am Morgen spielen sich vor allem in seinem Kopf und aus dem schreienden, blubbernden Mund ab.

Bei Schubert geht's in die Schlußrunde. Abermals Irrlichter, Täuschungen – Wegweiser und falsche Pfade – Wirtshäuser als gefügige Totenäcker – völlig sinnloses Aufbäumen und ein sich-selbst-Mutzusprechen – die Nebensonnen dann, die blinden Flecken am veruntreuten Himmel – der legendäre Leiermann, sozusagen der Anti-Schutzengel.

Mütter wird auch immer stiller; er trauert quasi um und mit sich selbst und seinen Instrumenten; dann wird ihm das bisserl Trauern auch schon wieder ordentlich fad, man schmettert zur Abwechslung; die Nebensonnen sind wieder Greisengesang und eine Kasperliade offenbar für Astronomen und Astrologen; der Leiermann dauert lang, ein unangenehmer, ein verletzender Bordun (aber Schubert will das sowieso auch so), man braucht viel Luft für das Instrument und den Gesang gleichzeitig, man hat sich zu verausgaben.

Dann, nach der Einladung an den Leiermann, den Winterreisenden auf seiner Flucht, in seinen Selbstmord, in sein Eigenauslöschen, in die Gegenwelt – was eben auch immer – zu begleiten: Stille, viel Stille.

Es wird berichtet, daß damals, als Schubert seine Winterreise erstmals im Freundeskreis vorführte, man etwas ratlos, ja vor den Kopf gestoßen, jedenfalls aber nicht eben froh gewesen. Mütter bekam nach seiner Präsentation/Performance (bezeichnenderweise im Schubert-Saal im Wiener Konzerthaus) viel Applaus, auch viel Stille zurückgegeben, dann viel Müdigkeit nach einem angespannten Verfolgen seiner Darbietungen dargebracht. Außerdem sind einige auch ratlos gewesen, vor den Kopf gestoßen, nicht eben recht froh.

Und das sollte ein Kompliment sein.


© Otto Brusatti, Juni 2001

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