echo | muetters muellerin

 
Der österreichische Posaunist Bertl Mütter spielt ganz allein den Schubert-Zyklus. Von Band kommt einmal Fritz Wunderlich. Aber es geht in den Texten im wunderbar suggestiven Beibuch (die Ausgabe ist Buch und Klangaufnahme zugleich) auch zu Kafka oder zu Valentin und zum Lied von der Erde. Ein stimmiger und tiefer Bogen! Und Mütter spielt die Mischungen aus Begleitung und Melodie so emphatisch atmend, dass die Tiefe von Schuberts Seele, die traurige Welteinsamkeit ausgelotet werden.

Reinhard Schulz, neue musikzeitung, Ausgabe 9/07


will dich im traum nicht stören … (zur uraufführung)

Bertl Mütter bei der Hofhaymer Gesellschaft mit der Uraufführung von Muetters Muellerin, seiner NachKomposition der Schönen Müllerin für Posaune und Stimme (19.5.2005)

Der echte Freak sieht prinzipiell einmal rot, wenn jemand an Schubert herumdoktert, besonders wenn die Winterreise, das Quintett mit den zwei Celli oder gar die B-Dur-Sonate Gegenstand nach-komponierender Bemühungen sind („Ist den Leuten denn nichts mehr heilig!”). Mit dieser Reaktion der Reaktionäre rechnet Bertl Mütter wohl, denn er entschuldigt sich hinten und vorn und führt Beispiele unorthodoxer Zugänge aus Musikgeschichte und Gegenwart an. Wenn Peter Pears die „Schöne Müllerin” auf Deutsch oder Fritz Wunderlich den Lensky auf Russisch interpretieren kann, warum dann nicht ein Komponist auf seiner Posaune?

Alle Entschuldigungen waren unnötig! Dieser Schubert-Mütter-Abend in der Schlosskirche Mirabell, zu danken einem Kompositionsauftrag der Internationalen Paul Hofhaymer Gesellschaft Salzburg, war eines der packendsten und anregendsten Konzerterlebnisse seit langem.

Bertl Mütter, Posaunist von Weltruf, macht auf seinem Instrument (einer Spezialanfertigung von Schagerl) keine dummen Mätzchen. Obwohl es vom trocken hingetupften Bläser-„Pizzicato” über samtige Melodiebögen bis zum beängstigenden Dröhnen nichts gibt, was dieser Virtuose nicht an Klangwirkungen aus seinem Instrument hervorbringen kann. Durch Hineinsingen entstehen mehrstimmige Harmonien, und Obertöne tun ein ihriges zum Entstehen dieses Klangkosmos.

Muetters Muellerin spielt mit Linien aus der Klavierbegleitung, rhythmischen Elementen und natürlich mit Melodiezitaten. Doch immer wenn man glaubt, das Bächlein rauschen zu hören, eine Melodie dingfest gemacht zu haben, schleicht sich ein fremder Klang ein, legt sich eine kalte Hand auf das Herz. Plötzlich wird ein – im Wortsinn drohender – Unterton in das Instrument hinein gesungen. Zu einer Melodie – etwa auf die Zeile „Guten Morgen schöne Müllerin” - gesellt sich dann eine Art gesungener Bordun, oder umgekehrt: Über einem scheinbar unendlich lang ausgehaltenem Ton des Instruments erklingen gesungene Passagen.

Die „trocknen Blumen” wuchsen aus dem verdurstenden Boden der leeren Akkorde der Klavierbegleitung: die Einsamkeit dieses Wanderers bricht sich nicht einmal mehr in einer Melodie Bahn. Stärker auf menschliche Einsamkeit verweisen ist kaum mehr möglich.

Im Programmheft wird der Zyklus quasi literarisch eingebettet in eine Geschichte vom vergeblichen Kampf des Müllers („Es geht gar nicht anders als dass er Florian heißt”) mit dem Jäger Gracchus (einer Art fliegendem Holländer des Schwarzwaldes) um die Liebe der schönen Müllerin. Das ist originell, anspielungs-, beziehungsreich und gebildet, für die überwältigende Wirkung der Musik aber weder verantwortlich noch nötig.

Heidemarie Klabacher, 23.5.2005
DrehPunktKultur, Salzburgs Kulturzeitung im Internet


Ettore Falchetto über muetters muellerin

Lieber Bertl Mütter,

Herzlichen Dank für die neue CD. Ich habe es mir oft – sehr oft – angehört.
Wenn ich einen Brieffreund hätte, würde ich ihm darüber den nachfolgenden Brief schreiben. Ihnen meine besten Wünsche für weitere Erfreulichkeiten.

Ettore Falchetto (per Email, 27.11.2006)

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Lieber Freund,

Endlich ist die Müllerin von Mütter da und ich empfehle Dir, sie zu besorgen, bevor sie vergriffen ist. Sie ist wieder ein echter Mütter geworden, wenn auch – nach meinem empfinden – eine vollkommen andere, als die Winterreise, die uns seinerzeit so begeistert hat.

Mütter ist hier als Interpret sanfter geworden, gesetzter und, wenn es bei jemandem wie ihm Sinn machen würde, werkgetreuer. Weniger eruptiv mit seinen eigenen Gefühlen, in denen sich die Winterreise so erkennbar schön widerspiegelt und in denen sich die von Schuberts Musik nur angedeuteten aber unausgesprochenen Begleitumstände einer von uns nur schwer nachempfindbaren Winterreise jener Zeit so klar ausgeformt sind.

Es ist diese Müllerin eine äußerst sensible, einfühlsame Nacherzählung der schubertschen im Grund kitschig-schönen Erzählung in denen müttersche Bemerkungen musikalisch interpretativ mit eingewoben sind.

Was beim Hören dieses Werkes zunächst beeindruckt, ist die handwerkliche Bravour einer vollständigen Beherrschung des gar nicht so leicht zu bespielenden Musikinstruments, was man allerdings bei einem Künstler vom Schlage Mütters als eine Selbstverständlichkeit ansehen darf, was jedoch trotzdem noch beeindruckt. Mütter ist ein wahrer Meister seines Instruments, dem vergleichbar was ein Fischer-Dieskau mit seiner Stimme vermag. Seine Modulationen zwischen laut-leise, kraftvoll-sanft, schnell-langsam, traurig-heiter und was es sonst noch als extreme Gegensätze des musikalischen Ausdrucksvermögens existiert, sind verblüffend, sind begeisternd, sind – ja, ich bin geneigt zu sagen – euphorisierend.

Was Mütter hier gelingt, habe ich noch bei kaum jemandem anderen erlebt. Oder doch: bei einem Wunderlich oder bei einem Glenn Gould in ihren jeweiligen Gebieten. Er kann mit seinem Instrument und den Gefühlen, die er mit den Tönen aus ihnen hervorzaubert (oder besser, er zaubert die Töne derart aus seinem Instrument, dass diese die entsprechenden Gefühle in dem Hörer aufkeimen lassen) sowohl die Gesangsmelodie als auch die Klavierbegleitung der Müllerin (die, wie ja bekannt, bei Schubert keine Begleitung, vielmehr eine Ergänzung sind) so harmonisch miteinander vereinigt wiedergeben, dass jemand (der allerdings das Original schon recht gut kennen sollte) sich manchmal erst bewusst machen muss, welche Version er hört. Die wunderlichsche oder die müttersche.

Und dann, nach öfterem Hören, entfalten sich einem nach und nach die so sensibel eingewobenen Feinheiten des interpretativen Erlebens, die Mütter so perfekt wiedergeben kann. Ich möchte Dir allerdings nicht zu viel von meinen Empfindungen schreiben, um Dich nicht im Voraus zu beeinflussen und Dir die Freude am eigenen Entdecken dieser Gefühlsjuwelen zu nehmen. Auf einiges Wenige kann ich jedoch nicht umhin, dich aufmerksam zu machen.

Wie, zum Beispiel, auf das äußerst gelungene Booklet, das man kaum mehr als solches bezeichnen kann, es ist ein echtes, wenn auch kleines Buch geworden mit interessanten Beiträgen und Photos.

Die Art der Kurzbeschreibung der einzelnen Tracks ist genau so, wie ich es mag. Mit kurzen Bemerkungen voller Anspielungen, die man versteht oder auch nicht, die aber nicht mit langatmigen Ausführungen langweilen. Es sind eigentlich mehr Gedankensplitter, oder Gedankensprünge, denen nicht einmal ein Känguruh mehr folgen könnte. Die kleinen Portraitphotos auf den weißen Seiten sind eine Einladung zu einem Rätselspiel, wen sie denn nun darstellen mögen. Ich glaube einige Persönlichkeiten darunter erkannt zu haben, wenn ich mir auch nicht sicher bin. Den Wunderlich, den Kafka, die Dorfmeister? Aber wer sind die anderen?

Wie, zum Beispiel, auf den durchgehenden Grundton im zweiten Teil von muemue.08.morgengruss, der entfernt an die Wirkung des mue-Leiermanns erinnert, mit seiner Gänsehaut erzeugenden Allumfassendheit.

Oder auf den meisterhaft und dezent angedeuteten Zusammenhang in muemue.04.bachseidank mit Auf dem Flusse der Winterreise. Eine feiner als haarfein gesponnene fast neuronale Verbindung, die ähnlich einem Axon zu unbekannten Verzweigungen des Gewebes weist, dessen Gesamtheit den Geist ergibt.

Oder, wie bei Mütter anscheinend nicht von ungefähr, auf die überwältigende Schönheit des abschließenden Stückes muemue.20.bachwiegenlied, womit Mütter – ähnlich wie mit seinem Leiermann – die Krönung seines Werkes gelingt. Hier erweist sich Mütters wahre Meisterschaft, sein bewundernswertes Einfühlungsvermögen in der Handhabung der Pausen. Pausen unterschiedlicher Länge mit Tendenz zur Ausgedehntheit, bewirken im Zuhörer einen seltsamen, nie erlebten Effekt. Die kurzen, immer gleichen Sequenzen der Melodie des Wiegenlieds werden durch die Pausensetzungen zu etwas Allgegenwärtigem, nicht mehr Wahrgenommenem – an ihre Stelle tritt langsam und unaufdringlich wie der Schlaf, die Stille der Pause, die immer dominanter wird und die Melodie schließlich verdrängt. Am Ende weiß der Zuhörer in seinem Unterbewussten nicht mehr, was hier gespielt wird: das Wiegenlied, das von Pausen unterbrochen wird oder eine große, wohltuende Stille, die von der Melodie des Wiegenliedes sanft unterbrochen wird. Das Erlebnis dieser wohltuenden, entspannenden Stille ist für mich das Wesentlichste an Mütters Werk. So wie die Summe aller Spektralfarben eine Nichtfarbe, das Weiß ergibt, so mag die Summe aller Musik eine Nichtmusik sein, oder anders ausgedrückt, die Absolute Musik, in der alles enthalten ist – und Mütter ist es gelungen, gleichsam das Unaussprechbare auszusprechen – wie es sich geziemt: stumm auszusprechen. Sowohl mit seinem Leiermann als auch mit seinem Wiegenlied des Baches.

Und wenn Du meine Vorstellung von der Absoluten Musik als Absoluten Blödsinn empfindest, magst Du ja recht haben, besorg Dir aber trotzdem die neue CD von Mütter. Du wirst Absoluten Gefallen daran finden.

Herzlichst,

Dein Ettore

muetter.at
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