OPERAN! Übers Entkommen

 
m2   operan!

m1   schuber und brahmst!
m2   schrammenmusik!

Ernst Jandl, die humanisten (1975)


Bertl Mütter (*1965)

OPERAN! Übers Entkommen (2016)
Ein siebenszenisches Musiklaboratorium aus der Schule des Staunens

     Er ist uns entkommen, Jack.
   
     Peter Vaughan (als Mr. Helpmann)
, in: Terry Gilliam: Brazil (GB, 1985)

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Dr. Mütter’s Ensemble der Radikalen Mitte (ERM)

Ursula Langmayr (Sopran)
    Frau, Schaumbad, Maus, d’Burgerl, Die Loreley von der Gemeindealpe
Matthias Helm (Bariton)
    Mann, Q., Katze, da Edi, Atlas

Bertl Mütter
    Mut- und Wunderhorn; Laverne; Spielertrainer
   

Dimitrios Polisoidis
    Viola
; La Fatina
Paul Schuberth
    Akkordeon
; Zwetsch

Marlene Traun

    Die Unsichtbare, Plusquamassistenz

(Ein kollektiver Proceß, mit unsichtbar dirigiertem Spielertrainer)

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© Nick Mangafas


Aufführungen

Wien (A), Werk X im Kabelwerk
Samstag, 3. September 2016, 21.00
Mittwoch, 7. September 2016, 19.30 – anschließend Weltflucht-Talk
Samstag, 10. September 2016, 19.30
Sonntag, 11. September 2016, 18.00


Entkommen ist nicht gleich Entkommen. Es kann einem, ist man mit knapper Not noch einmal davongekommen, glücklich widerfahren oder aber, als ästhetisches Vergehen des Eskapismus, vorgeworfen werden.

Dieser Spannung will ich mich annehmen, indem ich in sieben Szenen Versuchsanordnungen etabliere, die, von durchaus banalen Ausgangspunkten ins Monströse sich auswachsend, Fragen nach Wirklichkeitsflucht und Vergnügungssucht thematisieren, denen zugleich aber der Punkt innewohnt, an dem es (so) nicht mehr weiter geht, sodass man schauen muss, dass man davonkommt: Rücksturz zur Erde!

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Die Frage nach dem bzw. – es sind ja verschiedene Qualitäten – den Entkommen werde als mäeutischer Prozess inszeniert; auch deshalb, weil mir das Wort Mäeutik so gut gefällt*. Eben: Hebammenkunst. Also: Die Kunst, eine Hebamme.

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* … womit illustriert sei, dass ich, durchaus themenangemessen, gerne die Möglichkeit assoziativer Rösslsprünge wahrnehme – eine Eskapade nach der anderen – und aber bitte keine Kapriolen!


Sångma – Handzettel fürs p.t. publico

Ohne Struktur gibt’s kein Entkommen. Dafür dieses kleine Vademecum … Alles Spielen ist ein Behaupten, etwas sei so oder so, jemand sei diese oder jene Person: Man einigt sich auf ein Narrativ, und los geht’s. Als Kinder haben wir uns diesbezüglich mit der Prämisse »sångma« (»sagen wir«, etwa: »hiermit behaupten wir in gegenseitigem Einverständnis: …«) abgesprochen. Ich gehe weiter. Kunst, achwas, jede Erzählung, die das Leben ist, basiert auf ebensolchen Abmachungen: Die Tür ist eine Stalltür. Das Brett ist ein Bett, der Lampenschirm ein Papagei. Das Horn ist der Wald und die Geige der Tod, zumindest, wenn sie einen Ton höher gestimmt ist. Ich denke, wir verstehen uns. Alstern:

0 Aus dem Innern des Menschen / des Oceandampfers
Entleert sind wir, die Ratten an Bord: Leinen los!
1 modenmusicken nicht sein kulturenmusicken
– soisses, mit heiligem Ernst

3 mummy – Was können wir schon wissen über finale Lebensqualität?
4 beidlpracker – Luther soll an Koprolalie gelitten haben – zum Ende süßselig (?) ermattend
5 tristan-chat – Garantiert original aufgefundener Chat (dor vem oder dach nem okitus?)
6 schöön –  »… ich wurde von einer Art traumhaft glücklichen Tauer erfasst …«
7 follen – »Kinder hört’ ich greinen nach der Mutter, da süße Milch sie verschüttet« (auf den teppüch)
8 kawumm – sich wegdenken oder sich gleich unbestattbar machen (Obacht: sehr kurz sehr laut!)
9 himmel – nicht einmal Jehovas Zeugen würden es länger als sieben, acht Runden in ihrer spießigen Erlösungswelt aushalten
10 ennui – eine bei präkopolativen Heranwachsenden beliebte Mutprobe ist das FUT!-Spiel
9 himmel – »Die Infantilisierung der sog. zivilisierten Gesellschaften ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sie wieder für so etwas wie das Christentum reif werden.«

12 salta – Die Erde in ihre eigene Schwerelosigkeit hinein fallen lassen, geht das?
13 sich abhanden – entgegen landläufigen Annahmen stecken Sträuße ihren Kopf nicht in den Sand; kein beinhartes Protestlied, unvorhersehbar schlicht gar

11 katzelauf – Seufzostinato, zwischendurch kerzerlschluckerisch beteifernd – kompensative Vizelösungen der Listening Comprehension geben den Blick frei aufs Menschenmögliche

2 starduster – sternstaubabstaubend im staubstaubereich

14 abtauchen – so wohl so weh, in C
15 endogen weg – (weggedröhnt, aber endogen)
16 rattenkönig – Ratpack

17 abheben – heiter und rein, übersilbert ganz


»... hilf Himmel! Welch endlos Tönegeleis’!«
» Das sind nur die Namen; nun lernt sie singen.«


Abänderungen der Reihenfolge, Endlosschleifen etc. vorbehalten. Niemand verlässt den Saal vor den Ratten: Bis dahin bleiben wir unsinkbar. (Ohne Gewähr.)

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Textimpulsdank an Ernst Jandl, Gert Jonke, Franz Kafka, Johann Gabriel Seidl, Andreas Urs Sommer, Richard Wagner.


Kleine Zwischenanmerkung (Zur Lage)

Es heißt, die Kunst soll möglichst schnell und präzise gegenwärtige gesellschaftliche Zustände und Phänomene widerspiegeln. Nun, die Thematik des Entkommens birgt alles in sich. Ein Werk zum allzu aktuellen Flüchtlingsdrama (und den Eskapismus Europas – der eigentliche Skandal) ist von mir jedoch nicht zu erwarten: Betroffenheitskitsch ist meine Sache nicht.


Und doch: Es ist alles drin. Im Übrigen gefällt mir, dass sich echappieren/eskapieren von einem vulgärlateinischen Verb mit der Bedeutung »sich davonmachen«, eigentlich »die Ordensmütze wegwerfen« (spätlat. cappa) herleitet.

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© Rudi Klein, Der Lochgott, in: Der Standard, 21.8.2015


Praktisches

Meine Art des Komponierens beruht auf einer deskriptiven Vorgangsweise: Ich gebe (je nach Situation detailliert oder freier determiniertes) Material vor, dieses wird im Kollektiv erarbeitet, wobei alle ihre individuellen Fertigkeiten in den Dienst des angestrebten Ganzen stellen: ein offener Probenprozess. Dass ich mich – primus inter pares – als Spielertrainer bezeichne, illustriert, dass die finale Verantwortlichkeit in allen Dingen der Produktion letztlich bei mir liegt.

Habe ich mich bei dsudl – das Schwere und das Leichte (styriarte 2011) der Form des szenischen Konzerts (mit Conférencier) bedient, so vollziehe ich mit OPERAN! Übers Entkommen (2016) den nächsten theatralen Schritt und erschließe mir und dem Publikum den szenischen Raum. Aus den sich im Entwicklungsprozess ergebenden Notwendigkeiten sind so auch folgerichtig Bühnenbild und Regie erwachsen, in einem kollektiven Proceß.

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NB: Da ich als Bub zuerst Pfarrer, dann Opernsänger werden wollte (auf meine Art bin ich beides geworden), stelle ich unverhohlen den Gesamtkunstwerksanspruch.


Dauer

7/4, eingedampft auf 5/4 Stunden, ohne jede Verschnaufpause.


bitte – danke!

Großzügige Unterstützer von Komposition und Druck von OPERAN! Übers Entkommen. (2016):

SKE-Fonds der austro mechana

SKE

Benediktinerstift St. Lambrecht

stift st. lambrecht, clausura

• Atteneder Grafik Design

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• Land Oberösterreich (Institut für Kunst und Volkskultur)

https://www.land-oberoesterreich.gv.at/Mediendateien/Formulare/DokumenteAbt_Pr/OOELogo_45mm_rgb_A4Bros_oR.jpg

DANKE!


Nachgestelltes, zur klärenden Verwirrung

Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,

Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,

Hast du mein Herz zu warmer Lieb’ entzunden,

Hast mich in eine beßre Welt entrückt!


Franz von Schober: An die Musik
(Vertont von Franz Schubert im März 1817, D 547)


Manchmal ist mir, als ob ich selbst hinter mir herliefe! Ich will davon, vor mir selber davonlaufen, aber ich kann nicht! Kann mir nicht entkommen!

(…) 

Will nicht – muss! Will nicht – muss!

Peter Lorre (als Kindermörder Hans Beckert), in: Fritz Lang: M (D, 1931)


[EIN PLOT]

Der Schriftsteller Jaromir Hladik wird von der Gestapo gefangengenommen und zum Tode verurteilt. Er bittet Gott, ihm noch ein Jahr zu schenken, damit er sein unvollendetes Drama Die Feinde noch vollenden kann. Als er auf die Exekution wartet, geschieht kurz vor den Todesschüssen das geheime, für die Umwelt nicht erkennbare Wunder, dass für ihn die äußere Zeit stehen bleibt, während er im Geist noch ein Jahr lang sein Drama ausarbeiten und vollenden kann.

Jorge Luis Borges: Das geheime Wunder (El milagro secreto) (1943)


Abermals: Letzte Worte

     He’s got away from us, Jack.
     Peter Vaughan (as Mr. Helpmann), in: Terry Gilliam: Brazil (GB, 1985)

http://mttw.at/downloads/presse-17-4.jpg?1472912380
© Nick Mangafas

Terry Gilliam zur Schlusspointe des Entkommens in einem Interview (1991): »Ich begann diesen Film mit der Frage im Hinterkopf, ob man einen Film machen könne, bei welchem das Happy End ist, dass jemand verrückt wird…«


Zum einschlägigen Blog »Übers Entkommen« gehts hier.

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