Berner | Mütter

  
Florian Berner, Violoncello
Bertl Mütter, Posaune

So kann’s gehen. Man geht zur Haindlkarhütte und kommt ins Reden. Und reist auf die Azoren, um dort auf drei Inseln eine neue künstlerische Begegnung zu zelebrieren. (Beim Wort »zelebrieren« hat sich der Schreiber dieser Zeilen vertippt und stattdessen »telebrieren« geschrieben; wie treffend!)

Nach unserer ersten (zielgerichteten – man kannte sich natürlich) Begegnung darf ich sagen:

»Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.«

Dieses allzustrapazierte Zitat ist hier bitteschön nämlich schon zulässig: Wird ja auch via Lissabon in den Westen geflogen.

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Sie kennen einander aus den Augenwinkeln, als Musiker, die sich über die Jahre ein recht persönliches Profil erspielt haben. Da ihr erstes gemeinsames, das Stapellaufpodium, in der Stadt Gert Jonkes stand, führen wir hiermit den Begriff Ohrenwinkel ein. Die wenden die beiden nämlich einander zu, staunend vor der Exzellenz des Anderen.

Das musikalische Hören beginnt in der völligen Stille, und die scheint heutzutage schwieriger zu ertragen als das Gebrüll der Welt jenseits aller Schmerzgrenzen. Berner und Mütter neigen dieser Stille, dem Schweigen zu. Es könnte also das in Klagenfurt erstmals präsentierte Programm »Journey Towards Silence« ein pazifisches heißen. Da es die beiden in der Folge aber buchstäblich mitten im Atlantik spielen, nennen sie es eine atlantische Begegnung.

Wohnt doch jeder Stille mächtigste Aufwühlung inne.

Lendkanal *

Der Kanal

die Böschung

und das Gras auf der Böschung

Die Spiegelung der Böschung im Kanal und

die Spiegelung des Grases 

auf der Böschung im Kanal

Die dreifache Bewegung des Grases:

erstens die Bewegung des Grases im Wind

zweitens die Spiegelung dieser Bewegung des Grases im Wasser

und

drittens die Bewegung der Spiegelung dieser Bewegung des Grases

auf den Wellen hinterm vorübergleitenden Motorboot

Der Mann hinterm Lenkrad schaut aus

wie ein berühmter Kapitän

Er nimmt sich den Münzteller vom Kopf

und winkt zurück.


(Unser Stapellauf erfolgte unweit des Lendkanals, Kurs westwärts.)

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*Gert Jonke, in: Alle Gedichte. Jung und Jung, 2010 (S. 14).


Rezensionsnotiz, Zitat:

Zu zweit durch Raum und Zeit
Berner & Mütter im Neuen Saal*

(…)
Was gleich auffällt: Florian Berner & Bertl Mütter, sie hören einander gerne zu. Nicht nur darin ergänzen sie sich in nachgerade idealer Weise, nämlich auch, wie sie, ihn nutzend, den Raum sinnlich erkunden – das ist weit weniger banal, als es aufs erste scheinen mag: Während der eine mit seinem Bogen den Horizont von links nach rechts und wieder zurück absucht, patroulliert der andere mit dem Posaunenzug die y-Achse entlang in der Vertikalen. Da dies, wenn sie von Mal zu Mal auch scheinbar aufhebend, in der Zeit passiert, ist das Spiel von Berner & Mütter also alles andere als eine flache Sache – was sich bei ihrem »Stapellaufkonzert«, das das Konse die Freude hatte, präsentieren zu dürfen, aufs eindrucksvollste erwiesen hat.

So kam es, dass, nach unerhört kurzen eineinhalb Stunden, die nach und nach (mit teils heftigsten Aufwühlungen – Ligeti, Bach, Mütters Schubert-Referenzen; besonders intensiv in der im Duo dargebotenen »Lamentatio« von Giovanni Sollima) zur Stille sich neigenden Klänge in Mütters »Silence. J’entends mon oreille« (UA!), sowie im finalen, jedweder Schnörksel entkleidetem Bach-Choral dem erfreulich zahlreich erschienenen Publikum nichts anderes übrigzulassen schienen, als dass es sich, derart bewegt, regelrecht von den Stühlen erheben musste, langer Applaus. 

Ein denkwürdiger Abend. Wir dürfen hoffen, die beiden Ausnahmekünstler mit ihren so offenen Ohren gehen nicht verloren auf den Azoren.

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*(vom Konse, Klagenfurt am Wörthersee. Anm.)


Kurzbios (wie sie zur Veröffentlichung freigegeben wurden)

Florian Berner (*1973, Wien) studierte an der Wiener Musikuniversität bei Angelica May und dem Alban Berg Quartett sowie bei Mario Brunello in Italien. Er gründete 1993 das Hugo Wolf Quartett und ist mit diesem Ensemble seit über zwei Jahrzehnten in allen Musikzentren der Welt zu Gast. Ausgedehnte Konzertreisen führen ihn durch ganz Europa, nach Asien, Süd- und Nordamerika, die Carnegie Hall NY, Cité des Arts, Paris, Berliner Philharmonie, Kammermusikfest Lockenhaus etc. Berner war »Rising Star 1998«, Preisträger des »Sonderpreises der Wiener Philharmoniker« und des »Europäischen Kammermusikpreises«. Zahlreiche CD Aufnahmen erschienen bei VMS, cpo, CamJazz, Gramola und Extraplatte.
2016 war er Mitbegründer das Alban Berg Ensemble Wien, das einen eigenen Konzertzyklus im Wiener Musikverein präsentiert und in Ossiach das Festival BERGfrühling ins Leben gerufen hat.
Florian Berner hält Meisterkurse an zahlreichen amerikanischen Universitäten, war Dozent für das Simon Bolivar Youth Orchestra, für ((superar)), das Norwegische Jugendsymphonieorchester, die Ötztaler Kulturwochen, Verona Summer Festival uvm. Seit 2013 ist er Professor am Landeskonservatorium Klagenfurt.

Bertl Mütter (*1965, Steyr) gilt heute als der große österreichische Posaunenindividualist. Man könnte sein Spielen ein Hörbarmachen durch die Posaune nennen: Mit bannender Präsenz erkundet er Musik, die ihn besonders berührt, sei das nun Schubert, Mahler oder entfernteren Traditionen entstammendes. Außerdem lädt der promovierte Doctor artium in seine Schule des Staunens, u.a. ins Wiener Konzerthaus. Als Komponist ersinnt er gerne Musiklaboratorien, 2016 etwa bei Musiktheatertagen Wien mit OPERAN! Übers Entkommen sein erstes dezidiertes Musiktheaterwerk – Utoperan! folgt 2019. Seit eineinhalb Jahrzehnten leitet Mütter den Improvisationskurs Spielen! beim Musikforum Viktring-Klagenfurt. Bertl Mütter lebt als freischaffender Musiker, Komponist und Schriftsteller in Wien, Steyr und unterwegs. Seine exklusive Schagerl-Posaune ist das Muthorn-s.


mission statement

»Journey Towards Silence«
developed & presented by
Florian Berner, cello & Bertl Mütter, trombone

In »Journey Towards Silence«, two eminent musicians are meeting and interfering far beyond any daily concert routine. Their instruments, the cello and the trombone, use to carry similar roles within their families but nevertheless are seldomly played together in the pureness of their warm sounds. Plus, Florian Berner and Bertl Mütter are considerable individualists, open to new experiences and even surprises, too.

Listening to solo music brings us as closely as considerable towards the emergence of a piece of art: The actual player somehow represents the inner occurencies of inspiration and brings it all down to earth, to the ears. Furthermore, an improvising musician is not merely re-enacting music one might already be familiar with but is providing insight directly into the alchemistic process of creating art at first (and only) take.

Not only is »Journey Towards Silence« a double concerto program for trombone and cello, but this unique artistic event may be called a meta-concerto. Especially developed for the Festival de Música dos Açores, the amazing Austrian Soloists Florian Berner (cello) and Bertl Mütter (trombone) are presenting their music not one after the other but interlacing and, finally, even interacting: When Florian and Bertl are performing they become each other’s first listeners—which means far more than it may seem at first sight, since music is firstly derived from devoted listening. The audience has the unique chance to be part of this very intimate creation. The music played—composed by, recomposed and improvised after Bach, Schubert, Ligeti and Mahler (among others)—belongs to the deepest and most personal soundings ever perceived.

»Inner Silence« may be a main topic which the artists will try to pursue, silence amidst all that noise in the world. The Açores, situated between two very noisy zones on the globe, may turn out to be the perfect archipelago for achieving paths back to things of real importance. Thus, »Journey Towards Silence« by Berner/Mütter may be considered as an invitation to wind down and recharge your batteries.

And, of course, life is the greatest, most outrageous journey!


The Artists

Florian Berner (*1973, Vienna/Austria) is one of the leading cello players of his generation. As founding member of the Hugo Wolf Quartett (1993) and the Alban Berg Ensemble (2016) he has toured all around the globe, gives high end master classes and, since 2013, is cello-professor at Klagenfurt Conservatory. Florian’s instrument is a Nicolò Gagliano, Napoli 1819.

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Bertl Mütter (*1965, Steyr/Austria) may be called the great Austrian trombone individualist. Coming from a jazz background he transforms any music appealing to him into a very personal language. He is also spezialized in appearing at uncommon places and extraordinary acoustic environments. As first-ever graduate Bertl holds a Dr.art. degree from the Graz Music University (2013) and is a Schagerl endorser, his actual trombone the Muthorn-s, Mank 2002/17.

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