»Zur Überfuhr«

   
Vom römischen Jäger im Schwarzwald
seiner Luftbarke am Gardasee
und was im Feichtenbachtal war
(möglicherweise)

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Es gibt soviele Jubiläen, denen runde Zahlen nicht gewachsen sind.

Am 10. April 2017 sind es 93 Jahre, dass die gerade sechzehnjährige Berta Wöhrer – sie wusste damals noch nicht, dass sie gut 41 Jahre später die Großmutter von Bertl Mütter sein würde – in einiger Entfernung aber deutlich Franz Kafka gesehen hat, wie er, trotz nachwinterlicher Kälte im offenen Wagen und nur von seiner aufrecht dastehenden Geliebten Dora Diamant vor Wind und Wetter geschützt, das Sanatorium Wienerwald in Feichtenbach talauswärts verließ – es sollte seine vorletzte Reise auf Erden sein –, ein Schauspiel ungeahnter Tragweite, welches sich da vor ihren Augen begab.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/thumb/9/92/Sanatorium7.jpg/1280px-Sanatorium7.jpg

Nicht genug des Raunenswerten, befand sich die Welt just im einhundertundersten Jahr seit der Komposition der Schönen Müllerin, die Franz Schubert, wie allgemein bekannt, für einen 107 Jahre später geborenen Tenor ersann, nur noch gut sechs Jahre, und die Gewichter der Welt würden tauglich neu justiert werden können, »Wir haben einen Fritz!«; dazu: Hörnergebraus.

http://www.karlbauer.com/wp-content/uploads/2014/06/Schwebeschiff.jpg

Was das fernerhin mit dem Jäger Gracchus zu tun hat, der im September 1966 in seinem Kahn, der ohne Steuer fährt mit dem Wind, der in den unteren Regionen des Todes bläst, im Wunderlichen Schwarzwald vorbeigleitet, und wohin diese Reise geht, die so lang ist, dass jeder Essvorrat vergeblich wäre, kann nicht verraten werden, schlicht, weil niemand es wissen kann. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.

Willhelm (ahd.: »der auf Schutz bedachte«), so der Vorname des einzigen echten Einheimischen, der im (arisierten) Lebensbornheim Wienerwald geboren wurde, am 27. Mai 1939; sein Vater: Jäger. Vor 51 Jahren, am 17. September 1966, ist Fritz Wunderlich gestorben, nah beim Schwarzwald.

https://pbs.twimg.com/media/B6ceXHIIUAEMMiI.jpg

Es gibt soviele Jubiläen, denen runde Zahlen nicht gewachsen sind.

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UA: Schloss Lind (A), 8. September 2017

http://austria-forum.org/attach/Wissenssammlungen/Burgen_und_Schl%C3%B6sser/Steiermark/Lind/lind%20b%20neumarkt.jpg

[Anne Bennent (voc) – Sucherin; am Grün Leidende]
[Otto Lechner (acc, voc) – Seher; vom Jäger Gracchus erzählend]
Bertl Mütter (tb, voc) – von Feichtenbach erzählend; und vom Jäger Fritz

So wars gedacht.


Nachbemerkung (I)

Es gibt ein Wort im Theatervollzug, das lautet: »Neue Lage«.

So war es am Morgen des 8. September 2017, als Andreas Staudinger (Eigendefinition: »Schlossknecht zu Lind«) dezent an meine Schlafklammer klopfte: Wir hätten möglicherweise ein Problem. Die beiden anderen hätten ihr Quartier geräumt und auch ihr Auto sei weg, es gebe derzeit keine Information über ihren Verbleib.

Das bedeutete: Ich war allein. Denn, so die fernmündlich von »ganz wo anders« nachgereichte Information, eine zustandsgebundene Not bewirkte die Unmöglichkeit eines Auftretens zu Dritt an diesem Ort zur vereinbarten Zeit.

Das tat ich nun also solo, und es ist – im Rahmen der Um- und Zustände – geglückt.

Berichten darf ich, dass wir am Vorabend, beim Zusammenmontieren des Stücks im Speiseraum des Schlosses, ein großes gemeinschaftliches Glückserlebnis hatten. Wie schön sich das Stück und überhaupt alles entwickelt habe und würde. Es wurde, demgemäß, leider würdelos. Schade, aber wie heißt es am Schluss jeder Folge des Rosaroten Panthers: »Heute ist nicht aller Tage, ich komm’ wieder, keine Frage!«

Nachbemerkung (II)

Bei künstlerischen Projekten, an denen ich maßgeblich beteiligt bin, ist es mir stets ein Anliegen, ja: Bedingung, dass ein demokratischer Grundtonus integriert ist. Alle sind gefragt mitzudenken, mitzuempfinden, zu disputieren, zu widersprechen, vorzuschlagen (…), selbstverständlich stets der Sache wegen und zur geeigneten Zeit. Es gibt, wie beim Abheben eines Flugzeugs einen point of no return. Ja, und natürlich kann demokratisch auch bedeuten, dass man übereinkommt, nicht in allem einer Meinung zu sein: »Unsere Ansichten gehen als Freunde auseinander.«, bringt es Ernst Jandl auf den Punkt.

Dann trifft man sich aber schon wieder, wandert weiter, gemeinsam…

Ich bleibe gespannt.


PS:
Innig umfassender Dank Britta Sievers & Andreas Staudinger / Schloss Lind.

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