grenzkæmpfe booklet (de)


bertl mütter solo

cd arbe 2 | isbn 978-3-85129-643-3

1. auflage 1993 (vergriffen)
2., beträchtlich erweiterte, völlig überarbeitete, vielfach verbesserte und neu gestaltete ausgabe (2007); innovativ mit bonus- und malustrack!

 

vorwort zur ersten auflage (1993)

es ist zeit geworden, meine soloarbeit der letzten jahre zu dokumentieren.
alle titel dieser cd entstanden zu konzertbedingungen, jedoch ohne publikum.
die musik spielt in drei räumen: in der neutralen, privaten situation des studios, dem öffentlichen kultraum der basilika zu mariazell und in der unterwelt des wasserspeichers rosenberg I in graz.

 

vorbedingung zu einer zweiten auflage (2007)

vergriffen. ein wort, das die augen von händlern antiquarischer bücher und tonträger aufleuchten lässt. als die bestellung eines bescheidenen quantums von grenzkæmpfen seitens meines segensreichen vertriebs, dem wieser verlag, nach umfangreicher lagerrecherche von mir mit "tut mir leid, ausverkauft" quittiert werden musste, wusste ich, dass es so weit war. das nichtbedienenkönnen dieser unerwarteten nachfrage (es musste jedenfalls eine immense sein, genauer besehen dann: dreizehn; aber: was eine zahl!, was ein erfolg!) schmeckte urplötzlich nach ruhm noch zu lebzeiten, so etwas euphorisiert jeden künstler und produzenten seiner selbst. sofort war klar: die zweite auflage muss her, der markt schreit förmlich danach.

 

vorwort zur zweiten auflage (2007)

ich will mir keine bücher ausleihen, habe, in wellen, die angewohnheit, sie vollzukritzeln: was mir besonders gut gefällt (!), was mich amüsiert (☺), was mir fragwürdig erscheint (?), was ich mir merken und später auf anhieb wieder parat haben können will (strich am rand bzw. wortgenaues unterstreichen, lineallos), zudem wird das buch mit klammern vollgespickt (eselsohren sind tabu). schaue ich dann jahre später wieder in ein derart individualisiertes buch, wundere ich mich: bitte, was habe ich da markiert? heute würde ich ganz was anderes unterstreichen; vieles ist mir jetzt klar, manches aber auch unklar geworden, kontexte sind verlorengegangen, andere zusammenhänge, ja netzwerke haben sich ergeben. jedenfalls schaut mir aus dem buch ein fremder mensch entgegen, der ich selber bin.
solange wir am leben sind, kann es kein endergebnis geben. heuer werde ich zweiundvierzig, werde aber immer auch, zugleich, vier, sieben, elf, achtzehn oder neunundzwanzig sein. die frage ist, was wird sich später als jahresring oder aber als blatt erweisen?, und manche behaupten ja, immergrün zu sein.
beim nochmaligen durchsehen dieses heftleins (erste auflage) ist es mir ähnlich ergangen: war ich das wirklich?, bin ich das wirklich? – aber ja!
genau deshalb habe ich mich entschieden, die originalen texte mit meinen heutigen, ebenso vorläufigen positionen zu kombinieren. mehr dazu in der folgenden editorischen notiz.
undtrotzdemaber: einmal muss schluss sein (hier: redaktionsschl.).
oderanders: jedes fragment ist eo ipso vollkommen.


editorische notiz zur zweiten auflage (2007)

mit dieser neuen, umfassend umgearbeiteten auflage blicken die grenzkæmpfe in ihrer geschlossenheit nun auf ein dreizehnjähriges bestehen zurück. erste vorstudien datieren gar, wie sich unschwer rekonstruieren lässt, 1991, sodass wir, völlig überrascht von der, wie es scheinen musste, plötzlichen und unerwartet großen nachfrage ernsthaft zu erwägen begannen und nach einem intensiven diskussionsprozess schließlich beschlossen, die beträchtliche editorische anstrengung einer neuausgabe anzugehen, wobei man rasch gewärtigte, sich nicht allein mit einem faksimile des originals zufriedengeben zu können, sondern dasselbe einer gründlicheren bearbeitung unterziehen zu müssen, es dabei um neues erweitern und hinsichtlich der präzisierung von daten auf den allerneuesten stand zu bringen habe, so mussten etwa, da es sich mittlerweile als notwendig erwiesen hatte, bei der angabe der aufnahmedaten dieselben um die führenden ziffern zur präzisen jahrhundertangabe ergänzt werden, zudem wurde besonderes augenmerk darauf gelegt, objektiv an dem strikten, einer nachhaltigen qualitätssicherung dienenden erweiterungsprinzip festzuhalten, bei der aufnahme von neuen beziehungsweise neu aufgefundenen, in ihrer wahren bedeutung erst jetzt erkannten stücken, kleinodien, jawohl, jede invordergrundstellung einer der modernen musikalischen strömungen zu vermeiden, wodurch einzigundallein es, wie wir hoffen, zu jener angestrebten merklichen vertiefung und inhaltlichen ausweitung fern alles modischen, gar modernistischen, kommen konnte, wir mithin ein in sich geschlossenes, nicht aber, wie noch zu zeigen sein wird, abgeschlossenes oder, horribile dictu!, verschlossenes werk vorlegen können, nach welchem das kundige fachpublikum, aber auch der interessierte laie, wie sich gezeigt hat, allzu lange verlangt hat, ein mangel, dem nun abhilfe verschafft werden konnte, in stetem bewusstsein, dass eine vollendete perfektion niemals völlig erreichbar sein kann, weshalb wir es zugleich nicht verabsäumen wollen, ihnen für ihre geschätzte nachsicht zu danken, weil es so sein musste, dass, nicht zuletzt wegen des zeitdrucks, diese neuauflage zwar in einfacheren inhaltlichen fragen auf den neuesten stand gebracht werden konnte, jedoch verbesserungen, die zusätzliche eigene untersuchungen und weiterführende überlegungen erfordert hätten, ebenso wie systematische bibliographische sammlungen in vielen, nicht jedoch in allen fällen zurückgestellt werden mussten, aber, das sei versprochen, in zukunft, und dorthin sei unser blick, sei er pessimistisch, indifferent oder, und das wollen wir hoffen, hoffnungsfroh gerichtet, wird es möglicherweise möglich sein, allfällig sich als notwendig erweisende laufende verbesserungen und aktualisierungen auf elektronischem wege in kürzeren abständen zur verfügung stellen zu können, wodurch es nicht nur, da mit allerneuesten technischen mitteln erarbeitet, heutigen, sondern auch zukünftigen ansprüchen genügen wird können und zudem der forschung auch nachmaliger generationen neue möglichkeiten zu eröffnen zu versprechen verspricht.

 


 

1    gedscho    5:52

graz, 12. april 1991
posaune stimme; aad

1993
(–)

2007
tja, die akrobatische virtuosität. post festum will ich das heroisch-hohe be nach dieser triolenkaskade herrn marsalis und seinen grimmigen rittern von der eingreiftruppe der int. jazzpolizei widmen.
achten sie bitte nicht auf den charmanten analogbandbedingten voraushall (aber das geht jetzt wohl nicht mehr).
achja: bei der instrumentenliste habe ich das trillerpfeiferl vergessen, weilnämlich: weidageds

 

2    „…denn die grenzkæmpfe hœren niemals auf…”    28:06
basilika mariazell, 10.–12. mai 1993
posaune, stimme, live-elektronik

entstanden als kompositionsauftrag für das forum feldkirch
uraufgeführt am 23. april 1992 im dom st. nikolaus, feldkirch

1993
der boden, auf dem wir fest zu stehen meinen, ist messers schneide. kaum ein hauch trennt uns vom abgrund. aber wir nehmen stets die uns genehme seite der statistik in anspruch. die chance im lotto zu gewinnen ist geringer, als die, an krebs zu sterben. wären wir uns dessen immer bewusst, es würde uns zerfetzen. im hic et nunc ist die statistik bedeutungslos: was nützt dem, der abstürzt, die tatsache, dass fliegen die sicherste fortbewegungsart ist?
groß angekündigtes bleibt wirkungslos, kleinste abweichungen lösen katastrophen aus. 3° nach links auf der geraden haben größere auswirkungen als 90° an einer kreuzung. es kommt eben auf den zusammenhang an.
grenzkæmpfe wörtlich: es ist krieg im süden. danse de la fureur. die sequenz mit oktavierter posaune bezieht sich auf olivier messiĺns quatour pour la fin du temps, wunsch nach der aufhebung der zeit.
nicht alles aber ist finster. die kleinen abweichungen können auch wunder bewirken, will ich glauben.
sich erheben, loslassen, wenn die zeit dafür gekommen ist, weiter gehen: "solange du nicht zu steigen aufhörst, hören die stufen nicht auf, unter deinen steigenden füßen, wachsen sie aufwärts." (franz kafka)

2007
viel bewegung im damals noch unrenovierten kirchenraum. besonders intensiv habe ich in erinnerung, wie ich zum einpegeln des kunstkopfmikrophons fritz wunderlich das durchaus heidnische trinklied vom jammer der erde in die basilika schmettern habe lassen. die hommage à messiæn hat das ganze dann rekatholisiert; aber siehe, auch das nur scheinbar.

krieg im süden ist immer, mal mehr, mal weniger östlich, grenzkæmpfe inwendig beständig; undaberdoch: „die erde ist ein gewalttätiges paradies.” (ryszard kapuściński)
durchunddurch ungeschönt ist ddgkhna, wenn ich es staunend wiederhöre, jedenfalls eine affirmation, ungute kompromisse loszuwerden.
ein dunkler mutmacher.

 

3    de profundis    5:24
wasserspeicher rosenberg I, graz, 9. juni 1993
posaune, stimme

1837
„(as-dur) ist die tonart, bei welcher die seele für ein ueberirdisches aufgeht, und ahndungen eines jenseits oder einer höheren beglückung faßt (... sie) zeichnet den frommen, frieden gottes athmenden sinn und erhebt zur unendlichkeit eines seligen gefühls (...) es kann aber die bedeutungsvolle sehnsucht auch eine dunklere farbe annehmen oder mit schwermuth wechseln (...)
ferdinand gotthelf hand: aesthetik der tonkunst, leipzig 1837-41

1993
3 würdest du, herr, unsere sünden beachten,
herr, wer könnte bestehen? (...)
6
meine seele wartet auf den herrn,
mehr als die wächter auf den morgen.
(psalm 130)

2007
dunkel, weiter, beklemmend schön. mehr ein wegschicken als ein herbeiflennen, kann ich, mit abstand, verraten. am ende wächst dann dieser warme as-dur-klang heraus. den kann nicht einmal die zugeknallte tür verscheuchen.
es bruzzelt, so ist es nun einmal. sie können sich entweder entscheiden, dies großzügig zuzulassen, oderaber sie staunen, wie der künstler bereits 1993 das um die zwischenzeitlich begangene jahrtausendwende unerlässliche dj-remixknistern, backenbärtiges aus-klang-mach-kunst-schlagobers, vorausahnen und wohlig schmerzhaft umsetzen konnte.

 

4    idylle    6:42
graz, 12. april 1991
posaune, stimme, kleininstrumente; aad

1993
idylle.

2007
und wieder keine jazz.
der das aufgenommen hat ist heute professer. als hätt' ich's geahnt.
idyllisch.

 

5    palimpsest    10:17
basilika mariazell, 8. juni 1993
posaune, stimme, okarina, tritonmuschel, live-elektronik

1993
palimpsestos (griech.) – abgeschabtes und zum zweiten mal benutztes pergament. es scheinen alte schichten durch; mahler, schubert.

2007
eigentlich paradox: ein palimpsest, aufgenommen in einem durch, als first take.
okarina, wie ein naturlaut. der haut goût der muschel. dann, wie ein kondukt, bahnt er sich den weg zur großen symphonie, findet sie, hinter einer klangwolke (oder ist es eine wasserwalze?) verborgen, und will doch, erstmals, mit dem barfuß auf dem eise hinundher wankenden abgehn. aber er bleibt, abschaben hinoderher.

 

6    æquale (malus)   1:41
chorzimmer, stift st. lambrecht, 14. jänner 2007
posaune

anonyme hörernotiz, 2006 (vormittags)
„wenn ich eine bitte hätte: bitte keinen bertl mütter (und konsorten) am morgen. ich muss dann das radio abdrehen, denn diesen krach vertragen meine ohren nicht. auch meine katzen sehen ganz indigniert in die gegend, daran erkenne ich, dass mein geschmack nicht unbedingt der verwerflichste ist. wenn ich das radio abdrehe, vergesse ich, wieder aufzudrehen und damit entgeht mir bruckner und dergl.”

2007
weder mit dergl noch mit der orgl kannst du, nicht einmal bei schönwetter, auf den friedhof hinaus. æquale - musikstück vorwiegend ernsten charakters für mehrere gleichartige instrumente, die auch bei schlechtwetter im freien gespielt werden können, ohne schaden zu nehmen. hier: eine gleichzeitig mehrstimmig gespielte posaune.
einen schönen gruß von anton bruckner soll ich ausrichten.
was (ich vermute) minz und maunz, die (indignierten) katzen betrifft, so verweise ich auf das schlussbild vom armen paulinchen im struwwelpeter, eine æquale tränenfluth (gewissermaßen).
nb: da das stück, wenn auch frisch-herb gespielt, sehr tragisch ist, war es mir leider nicht möglich, diese neuauflagenzuwaage bonus zu nennen; freuen sie sich aber mit mir auf die nummer [8].

 

7    kuß am schluß    3:38
basilika mariazell, 12. mai 1993
posaune stimme

1993
josef haslinger gewidmet; auf einer gemeinsamen zugfahrt bat er im speisewagen einige mitreisende, ihm bei der definition des geschmacks von ohrenschmalz (herb?... bitter?) behilflich zu sein: „haben sie noch nie in einem ohr geschleckt?” kuß am schluß ist eine mögliche annäherung an diese frage. ich empfehle, beim abhören dieser miniatur einen kopfhörer zu verwenden.

2007
zwischenzeitlich zum zungenspitzeren kuss am schluss mutiert. zwischenzeitlich auch nicht mehr möglich, ich meine die ausgangssituation: wo fährt denn heute noch ein speisewagen? überall diese patscherten, den fahrgast entmündigenden büffetwagerl mit ihrem einfallslosen zeug. (diese ansich überflüssige bemerkung habe ich hier absichtlich eingefügt, weil ich hoffen will, dass ich anlässlich der zweifellos sich als nötig erweisenden dritten auflage von der flächendeckenden wiedereinführung von speisewagen auch auf rein innerösterreichischen zügen – etwa zwischen innsbruck und graz – berichten werde können; [hoc] credo quia absurdum.)
was sagen sie zu dieser dramaturgie?! zuerst [6] am grab (da fällt mir ein: eines vorfrühlingstags sind der widmungsträger und ich in jerusalem, am berg zion gar, aus einem hinterrücks verriegelten, mit betonzaun und stacheldraht gesicherten – man passt auf: in dieser gegend sind schon zumindest zwei entkommen – friedhof ausgebüxt). danach [hic] der kopfhörer. und epilogisch, nach dem kuss am schluss, [8] das telephon.
„ich weiß nicht, soll's was bedeuten? – jå.” (werner pirchner)

 

8     preislied (bonus)    3:22

graz, frühjahr 1994; add (via telephon)
kartonröhre, posaune, stimme, analoger teddybärgebrummgenerator

„preis kommt von preisen.” (erwin ringel)
wenn sie sich einmal wie ein callcentermitarbeiter fühlen wollen, dann lassen sie den kopfhörer gleich auf. dieses tondokument (und als nichts anderes möge es rezipiert werden) entstand nämlich als telephonisches statement zum thema ehrenpreise und wurde 1994 erstmals veröffentlicht auf der cd werkstadt graz preis - österreichbild, einem transmedialen forschungsprojekt über die ehrenpreiskultur in österreich.
nb (1): beim angesprochenen preis handelt es sich um den förderungspreis der stadt graz, welcher mir nach einem beschluss des stadtsenats der landeshauptstadt graz in seiner sitzung vom 15. dezember 1989 am 13. februar 1990 für "besondere verdienste auf dem gebiete der musik" zuerkannt wurde. (woher die das gewusst haben, damals schon?)
nb (2): das angegebene konto ist gelöscht, die bank mehrfach verkauft; wollen sie bitte meine aktuelle kontonummer dem © impressum entnehmen. preis & dank im voraus.

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editorischer dank 2007

der vorliegenden neuauflage sind viele anfragen und hinweise aus dem kreis der leser, hörer und der fachforschung zugute gekommen. es waren viele – und deshalb muss der dank pauschal bleiben. an der einen oder der anderen stelle mögen sie die spuren ihrer hilfe erkennen können.

 

dank 1993 (kurzfassung 2007)

geholfen haben mir viele. ich habe niemanden vergessen.

 

biographische notiz

„bertl mütter wäre ja ganz gut begabt. aber er macht eine scheußliche musik.” (name d. red. persönl. bek.)

1993
bertl mütter, geboren 1965 in steyr, oberösterreich. lebt freischaffend in steyr, graz und wien. sensationelle, absatzfördernde, die kunst künstlicher machende details (workshops bei ..., spielt/e mit ..., konzerte in ...) erfahren sie vielleicht, wenn sie mich kontaktieren.

2007
bertl mütter, immer noch 1965 in steyr geboren. und lebt freischaffend so weiter, in wien und sonstwo. wenn sie noch mehr wissen wollen, schauen sie sich doch bitte auf meiner sehr empfehlenswerten website www.muetter.at um. und lesen sie täglich das muetterlog.

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