parlando

cd arbe 12 (2004) | ISBN 978-3-85129-641-9

Beim Radio, wenn man an der Skala von links nach rechts und wieder zurück gedreht hat, war da dieses warme Rauschen, und manchmal waren kurz irgend ein Musikstück oder Sprachfetzen zu hören (kaum etwas auf Deutsch), und nie hat nur der Funken einer Chance bestanden, zu erfahren, was man da eben im Hörfunk gesendet hatte, und wenn, dann redete die zufällig angetroffene Ansagerin in einer ganz und gar unverständlichen Sprache; sieht man vom Moldaublick oder vom Dreisesselberg ab, so war dies lange Zeit mein einziger direkter Eindruck vom Ostblock.
Das ungeheure Potenzial, wenn ich mir die Gleichzeitigkeit aller möglichen Sendungen vorstellte, und das absichtslose Durchrauschen (das nicht zu vergleichen ist mit dem öden Durchzappen auf der Fernseherfernbedienung und dem eiskalten Ameisenkrieg, Echo des Urknalls, der droht, wenn an einem Speicherplatz kein Sender eingestellt ist) übten eine magische Anziehung auf mich aus. Magisch war auch dieses grüne Licht (eine Farbe, die erst Jahre später bei den neuen Mint-Zahngels wieder auftauchen sollte, was bei mir sofort Vertrauen durch Vertrautheit bewirkte) im Schlitz an der Vorderseite der Stofffront des Apparats, das von links und rechts außen zueinander wollte und sich je nach Empfangsstärke recht träge mit sich vereinte und gleich wieder trennen musste, denn ich habe weiter gedreht, nur am Sonntag um zehn nach acht, wenn die Landesnachrichten mit den Flugwetterwerten der Wetterwarte Hörsching, achtelatostratocumulus, langsam Richtung Großer Sendesaal des Wiener Funkhauses wiesen, war es Zeit zu verweilen, um gemeinsam mit Oma beim Frühstück bis gegen neun mit allen anderen Österreicherinnen und Österreichern und allen Marodnmadlnundbuam zu erfahren Was gibt es Neues.
Dann aber schnell hinüber in die Kirche zum Ministrieren.

Es hat ein paar Sommer gegeben, in denen ich den heiligen Ehrgeiz hatte, auch unter der Woche täglich zu ministrieren. Lesung und Fürbitten durfte ich dabei auch vortragen, bei den Begräbnissen mit entsprechend gedämpftem Ton. Das ist gut angekommen, und wäre in Münichholz Trinkgeld üblich gewesen, ich hätte ganz gut verdient. Auf dem Land hätte man sein sollen, in der Raming etwa oder am Wachtberg.
Obelix hat seine volle Portion Zaubersaft in der frühen Kindheit bekommen, das war genug fürs restliche Leben. Ähnlich verhält sich das bei mir mit dem Ministrieren, und auch in dem einen Jahr Theologie in Graz war das alles meist recht interessant. (Vor besonders gefährlichen Einsätzen hat auch Obelix ein paar Extratropfen erhalten.) Dann aber war es genug, und mittlerweile bin ich nicht einmal mehr Laie. Die liturgischen Dinge sind mir aber noch recht vertraut, gelernt ist eben gelernt.
Im Sommer 1991 war ich zur Künstlerbegegnung in St. Lambrecht eingeladen. Seither haben sich vielfältige freundschaftliche Beziehungen ergeben, diesseits und jenseits der Clausura. Ohne jede Vereinnahmung kann ich mich hier für neue kreative Prozesse sammeln, und wenn es was zu feiern gibt (Geburtstag der Bürgermeistersgattin, styriarte-Landpartie, Gerwigs Priesterweihe), bin ich auch dabei. Wie sehr man meine Musik mag, hat ein musikalisches Abseilmanöver mit dem Euphonium ins berüchtigte Wilde Loch auf der Grebenzen gezeigt: Sie haben mich nach dem Spielen wieder herausgezogen. (Von Troubadix ist solches nicht überliefert.)
Zwei Tage und zwei Nächte Anfang des Sommers war es dann so weit: Ich habe in der Peterskirche (mittelklein, schlicht; gotischer Altar), im für die Letzten Dinge reservierten romanischen Karner und in der Schlosskapelle (bei mir weltlich konnotiert) im über dem Kloster gelegenen Areal des verfallenen Äbteschlosses aufgenommen. Drei sehr verschiedene, gleichwohl miteinander verwobene Sätze im Verhältnis 30:30:20 Minuten sind das Destillat, ein tiefes Horchen in auch für mich neue und ungeahnte Innenräume.

Es geht um nichts anderes als um Pure Musik, und weil Musik die längste Zeit italienisch beschrieben worden ist, nennen sich die Stücke auf parlando auch prologo, melodia, drammatico oder esaurimentato. Ja, sie nennen sich, haben mir ihren Namen selbst eingesagt beim Spielen, und noch einmal beim Anhören.
Musik ist bei mir Reden, und im speziellen Fall ist es ein spontanes Reden. Wie man ja auch, wenn man miteinander spricht (und sich was zu sagen hat) letztlich improvisiert, sich (in der Regel unausgesprochener Weise) auf ein Thema einigt, dann kommt das Werkl ganz von selbst ins Laufen: Vokabel, Grammatik, Syntax, Gliederung, Rede, Gegenrede. Und idealer Weise einen feinen Wein dazu.
Abgesehen von einem derartigen gepflegten Gespräch gibt es natürlich (und vor allem) die alltägliche Gebrauchssprache: sGott, eine Melange bitte, Kannst du bitte deine Tür leise zumachen.
Schon kurios, dass es, abgesehen von kultisch-liturgischen Abläufen, die der wirkmächtigen Wiederholung des Immergleichen bedürfen, genau einen Beruf gibt, wo überwiegend nicht Spontanes geredet wird: Unsere Schauspieler werden bezahlt, damit sie uns vorspielen, ihre wohlgeprobten Dialoge entstünden im Augenblick, seien das Richtige Leben; das Publikum geht ins Theater, um sich das anzuschauen, und es schätzt auch diesen Betrug.
Auch in der Musik wird meist Vorherbestimmtes wiedergegeben. Die Jazzmusik aber hat einen hohen Improvisationsanteil, heißt es. Ich bezweifle das. Wie ließe sich ein weitest möglich absichtsloses (reines) Musizieren erreichen? Und: wer könnte denn überhaupt und in letzter Konsequenz gänzlich blank aufs Podium gehen? Lenz? (…dem war es immerhin unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehn konnte.) Simon Tanner? Zeno Cosini? Ulrich? Kaspar Hauser? Gregor Samsa?
[Hier bricht der Text ab.]
Um all das geht es auf parlando.

Ich bin gespannt, wie es weiter geht.


bertl mütter, 15. oktober 2004

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erklärung

Mit vorliegender CD sind keinerlei wie immer geartete Absichten verbunden. Sollte sich später einmal das Gegenteil herausstellen, so distanziere ich mich bereits heute ausdrücklich auch davon.

bertl mütter, im sommer 2004

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