10 initial epilogues | de

http://www.hevhetia.com/hevhetia/tmp/thumbnails/tmp-246-DPigimutterskuta.jpgcd hv 0036-2-331 (hevhetia, august 2009)

die posaune ist bekanntlich ein genuin leises instrument mit wenig ausdauer, und das klavier hat auch ganz schön viel platz zwischen seinen zehn fingern: die hier präsentierten epiloge dokumentieren unser erstes zusammenspiel, kein abgesang, ein beginnen.
nennen wir es liebe auf den ersten ton: da trifft man sich, als hätte man sich immer schon treffen müssen, und augenblicklich ist alles klar, es gibt nichts abzuklären, kein zerreden: verstörende klarheit, eine aus sich selbst verständliche natürlichkeit des klingens, schwebendes einverständnis gemeinsamen spiels. man muss metaphern schaffen, unvermittelter direktheit wegen, und darüber zu reden ist zwangsläufig ein stammeln, denn musik in dieser intensität allerhöchster und zugleich leichtfüßigster konzentration ist ein kaum auszuhaltender zustand knapp am zerspringen, ein electromagnetisches continuum, ja, ein energetisches metawesen, das du nicht berühren, aber mit deinen auratischen werkzeugen (clavier, posaunn,...), einem klumpen oder ball gleich, bannen kannst, du gibst deine spannung drein, lässt locker: ein trimmen, diese séance, es schwebt in raum und zeit, bebt vor, zurück, auf, nieder, und du mit, wenn er|sie|es dich lässt.
aber ja. der kugelblitz ist im herzen des betrachters.

bertl mütter, 6.5.2009

 

als ich an mehreren stellen nachschlug, wie die eigentliche definition von improvisation laute, stieß ich meistens auf die von mir als etwas klischeehaft empfundene erklärung: improvisation ist das gleichzeitige erfinden und erklingenlassen von musik. – dies ist sowohl wahr als auch verständlich. ich wollte aber eine präzisere, nachvollziehbarere erklärung.
ich habe neben der klassischen musik sehr oft gelegenheit, in konzerten oder im studio zu improvisieren, am häufigsten im jazzkontext, es kommt aber öfter auch zu freien, formlosen improvisationen. dabei kann es sich um die parodie einer beethoven-sonate, die anwendung der sehr speziellen klaviertechnik györgy ligetis oder sogar um improvisationen auf die –  neuerdings mir persönlich besonders nahestehende – sog. zeitgenössische musik handeln, eine musik, die in hinsicht auf harmonie, rhythmus und form markante unterschiede zu einer auf den pfeilern tonal gebundener musik aufbauenden improvisation aufweist.
gibt es überhaupt etwas gemeinsames zwischen all den spontanen musikwerken? und falls ja, was ist es, das diese miteinander verbindet? – selbstverständlich gibt es einen gemeinsamen punkt, er ist in den grundgesetzen der musik festgeschrieben: motive, rhythmische formeln, kontrapunkt der stimmen. an dieser stelle würde ich meine eigene definition formulieren: improvisation ist ein sehr schnelles, interaktives spiel, welches unter anwendung der oben genannten – und noch vieler weiterer – gesetze zustande kommt. ein spiel, bei dem es darauf ankommt, wie wir diese gesetze ausnutzen, mit ihnen umgehen, sie einander zeigen, dem anderen wegnehmen oder sie sogar verspotten. die möglichkeiten sind in der tat grenzenlos, und da es sich dabei um ein spiel handelt, spiele ich dieses spiel am liebsten mit einem gegenüber.
als ich bertl zum ersten mal hörte – es mag 1997 gewesen sein – war ich von der beinahe anfassbaren welt fasziniert, die er auf dem podium mit seiner musik zu erschaffen vermochte. damals konnte ich noch nicht ahnen, dass wir etwa 10 jahre später eine ähnliche welt gemeinsam schöpfen würden.
in diesem spiel ist bertl als partner und gefährte in der lage, tore zu öff-nen, die den energien freien lauf lassen. wir haben in der folge nichts anderes zu tun, als den weisungen obiger gesetze und einander lauschend uns unsere nächsten schritte und gedanken zu überlegen, während wir die gerade entstehende musik beobachten.
wahrscheinlich gibt es nichts aufregenderes in der musik – unabhängig davon, ob wir von improvisierter oder in notenschrift fixierter musik reden –, als den augenblick, in dem zwei musiker den zauber des moments, seine unbegrenzten möglichkeiten und die umwandlung des nächsten gemeinsamen schrittes zu einem neuen ausgangspunkt gemeinsam festhalten zu können.
das bedeutet für mich, glaube ich, improvisation. ich bin immer glücklich, wenn ich bei diesem unterfangen einen partner finde, der diese richtung, die unter unseren füßen zu einem weg wird, ähnlich auskundschaftet wie ich, und mit dem das gemeinsame musizieren einfach nur spaß macht.

miki skuta, 23.4.2009

muetter.at
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