Unsicherheitsbeauftragter

  
Wien Modern 31 (28.10. – 24.11.2018)

http://wienmodern.at/CustomImages/2162_750_Sujet_neu.png?w=500

Bertl Mütter, Unsicherheitsbeauftragter

Verborgen in einem Kabäuschen im Konzerthaus erwartet Sie unser Unsicherheitsbeauftragter: Wie steht es um Ihre (unser aller?) Sicherheit? Verfügen Sie über ausreichend persönliche Unsicherheit, um – wenig wankend nur – durch unsere sosehr auf Sicherheit erpichte Welt zu wandeln? Mit seinem Muthorn gibt Ihnen Bertl Mütter persönlich für Sie erzeugte Klänge mit auf den Weg, zur Bestärkung oder Verunsicherung – ganz wie Sie wünschen!

Zudem wird, wenn nichts dazwischenkommt, der Unsicherheitsbeauftragte an drei gesonderten Terminen ausgewählte Aspekte von Unsicherheit (im Zweifel; panisch; ausgesetzt) einem größeren Kreis darlegen.

(Ankündigungstext)

https://muetter.at/cms/fileadmin/user_upload/pix500px/990830_bm_labil_dw.jpg

Hatte man mich also als Dapertutto gecastet. Streng auftragsgemäß war keinesfalls gesichert, was dabei herauskommen würde. Je nach beigeordnetem Veranstaltungsort (Großer Saal/Mozart-Saal) konnte man mich in meinem wackelichten Kabäuschen entweder im Bereich Feststiege links – Vor dem kalten Lager oder beim Mozart-Saal-Aufgang rechts auffinden. Mit diesen Spielorten bin ich nun wohl diejenige Person, die an den unterschiedlichsten Orten im Wiener Konzerthaus aufgetreten ist: Großer Saal, Mozart-Saal, Schubert-Saal, Berio-Saal, Schönberg-Saal, Wotruba-Salon, Foyer Erdgeschoss, Foyer Schubert-Saal, Foyer Mozart-Saal, Feststiege, Vor dem kalten Lager, Rechts vom Mozartsaal. (Ein undotierter Titel. Ohne Mittel.)

Meine Beauftragtentätigkeit war dergestalt, dass ich im Umfeld fast sämtlicher im Konzerthaus geplanten Veranstaltungen des Festivals Wien Modern dem p.t. publico in fünfminütigen Slots für Einzelkonsultationen zur Verfügung war (nicht jedoch, keinesfalls: zu Willen!; na gut, etwas war ich schon willig, zu Willen zu sein). Die Buchung erfolgte unkompliziert direkt vor meinem Gemerk.

Die Darlegung ausgewählter Aspekte von Unsicherheit fand im Kontext von Konzerten der Wiener Philharmoniker, Wiener Symphoniker und des RSO Wien statt, unter den Motti »im Zweifel«, »panisch« und »ausgesetzt«.

(Auf Anfrage kann ich Ihnen gerne die Manuskripte zukommen lassen.)


Kurzbericht

Was als augenzwinkernde Inszenierung intendiert gewesen sein mochte, offenbarte sich bereits nach den ersten paar Dialogen als Begegnung von ungeahnter Tiefe und Intimität: Erstaunlich, was einem Menschen in der minimalen Privatheit, hinter dem Paravent lediglich den Blicken verborgen, zu offenbaren bereit sind. (Der USB verrät keine Details, es gilt das Unsicherheitsgeheimnis.) Namentlich auch die Bereitschaft (oftmals ein Drängen), über Körpergröße und Gewicht präcise Auskunft zu geben hat verwundert, in einer Zeit und bei einem Publikum, bei dem zu erwarten stand, dass es beim Schutz persönlicher Daten außergewöhnlich sensibel sein würde.

Insbesondere die ab 4.11. modifizierte Frage nach dem subjektiven Lebensviertel (zuvor: 4 absolute Alterskohorten: <25, 25-50, 50-75, >75) hat die Menschen auf eine wohlige Art stutzig gemacht. Die kuriosesten Antworten waren eine Person mit deutlich über Achtzig, die, pfiffig, auf meinen erstaunten Blick darauf beharrte, sich im ersten Lebensviertel zu befinden, sowie jemand, der, deutlich unter Fünfzig, »na ich hoffe, im letzten« baffte. Insgesamt haben sich glücklicherweise nur wenige Besucher befleißigt gefühlt, besonders originell sein zu müssen, und nahmen die Situation als serious fun heiter-ernst.

Meine Entscheidung, ob ein verunsichernder oder ein versichernder Klang angebracht sei, stellte ich – außer die Tendenz war ausgesprochen offensichtlich – stets so dar, als handle es sich um ein knappes Abwägen im 52 : 48 % – Bereich. Dies vermittelte, schien es, das Gefühl einer gewissen Sicherheit, gewissermaßen die Sicherheit, nicht sicher zu sein, ob man sicher ist oder unsicher (vgl: »We agree to disagree« – auch das ist ja ein Agreement).

Die Kundenzufriedenheit in bezug auf den persönlich applizierten Klang kann mit nahezu 100% angegeben werden. Hartgesottene Neue-Musik-Aficionados (sie mussten in aller Regel verunsichert werden) konnte ich natürlich nicht mit für gewöhnlich als unothodox bezeichneten Klängen überraschen – gemeinhin halfen dann stramme Marsch- oder Deutsche Schlager-Klänge. Umgekehrt war ich oftmals überrascht, mit wie wenig Subtilität sich die Menschen zufrieden zu geben bereit sind.

Am wichtigsten ist mir, dass praktisch jede Begegnung mit einem freundlichen Lächeln ihren Abschluss fand – und sie anregend zu wirken schien, aus dem Gemerk hinaus in Leben.

Danke.

 

Dr. Herbert Mütter, Unsicherheitsbeauftragter a.D.

Wien, am 27.11.2018


agenda

coronisiert

 

bio

solo

ensemble

komposition

dramaturgie & text

workshop

intendanz

 

audio

foto

video

mütterbond!

 

impressum

 

muetter.at
muetter.at
muetter.at