über den hals

oder
Wie in einem Luftkurort sich das Schicksal des Jägers erfüllte


Ein Buch ohne Selbstwiderlegung gilt als unvollständig.
(Jorge Luis Borges, Tlön, Uqbar, Orbis Tertius)


Der April macht was er will


Der vordere Teil des Halses, der den Kehlkopf und den Schlund enthält, wird als Gurgel bezeichnet. Wenn man mich auf die bevorstehende Reise nach dahamdraußn einstimmen wollte, wurde mir im Scherz darüber gefahren, und schon wurde mir schlecht.

Vermutlich ist Kafka im April 1924 nicht über den Hals gefahren, um die tödliche Diagnose gestellt zu bekommen, dass die Tuberkulose auch seinen Kehlkopf befallen hat. Er dürfte, das Piestingtal aufwärts, durch die malerische Quarb nach Pernitz angereist, retour nach Ortmann und nördlich ins Tal des Feichtenbachs abgezweigt sein, ganz nach hinten bis zum Talschluss, Sanatorium Wienerwald. In eben diesen Tagen erscheint Thomas Manns Zauberberg; aber der spielt ja in Davos.
Der Name Pernitz stammt übrigens vom Slawischen perenica, was soviel bedeutet wie „ein Bach, an dem mit glühenden Kohlen gearbeitet wird”.

Meine Herkunft mütterlicherseits (matrilinear) ist Waidmannsfeld, ein sich in der hügeligen Voralpenlandschaft nördlich des Schneebergs regelrecht duckendes Örtchen. Im benachbarten Miesenbach (dorthin geht man zur Post) war Gauermann, der Maler des Biedermeier, daheim. Wunderlich, dass gerade in die Neusiedler Quellenstraße eines Frühlings eine Schiheldin geboren werden sollte. Die Mountainbikestrecke zwischen den beiden Teilgemeinden trägt heute den Namen der sympathischen Olympiasiegerin und Ehrenbürgerin. Trainiert wird nämlich nicht nur bei Schneelage, sondern auch in grünen Zeiten. Es empfiehlt sich allerdings, nicht von der vorbildlich beschilderten Route abzuweichen, im Herbst tönt nämlich rundherum Hörnergebraus, Waidmannsheil!

Roterübenrot, spinatgrün, mezzomixorange (oder -braun), melanzanilila: Früher hat die Piesting (der auch der Waidmannsbach zustrebt) oft die Farbe gewechselt. Wenn wir zu den alten Verwandten auf Besuch oder zum Begräbnis fuhren, war es jedes Mal ein lustiges Ratespiel, welche Farbe unterhalb von Ortmann diesmal zu sehen sein würde. Die biologische Kläranlage wurde 1989 errichtet, da wurden schon längst nicht mehr diese in sämtlichen glasziegelbelichteten, asbesteternitbedachten (und, auf der Wetterseite, -gekachelten) Eigenheimtreppenhäusern die das ganze Jahr in unseren Breiten viel zu kalten Steinfliesen schaumgummiert abdichtenden und also (in der kurzen feuchtwarmen Zeit) grünen Schimmel regelrecht züchtenden, bunten isoflor-Teppichböden erzeugt. Seither verfügt der kleine Fluss wieder über eine intakte Bachflora und -fauna, Petriheil!

Ignaz Ortmann, geboren im April 1824, kauft 1866 die In der Quarb (hier mündet der Feichtenbach in die Piesting) angesiedelte Schwertfabrik auf, errichtet darin eine Kunstwollspinnerei und gibt dem Betrieb und gleich der ganzen Ortschaft seinen Namen. 1888 folgt die Papiermühle, sie produziert bis heute und ist auf den Hygienebereich spezialisiert, oh, it's a Danke. In der Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Pernitz lesen wir, dass das Werk der häufigste Anlass für Alarmeinsätze ist, und am 12. April 1984 geht die Papierfabrik bei einem Brand nur knapp an der Vernichtung vorbei.

Zuerst hat es ja so ausgesehen, als hätte meine Großmutter tatsächlich in jenem Sanatorium gearbeitet. Gesichert aber ist soviel: 1924 tritt die sechzehnjährige Berta Wöhrer, Weltkriegshalbwaise aus Waidmannsfeld, ein sauberes Madl, ihren ersten Arbeitsplatz als Küchenhilfe im Kindererholungsheim am Wolfskogel, Gemeinde Pernitz, an. Ich stelle mir vor, dass ihr Kafka (er wiegt gerade einmal neunundvierzig Kilo, in Winterkleidern) und seine Dora bei ihrer Abreise am 10. April aufgefallen sein müssen. Eine Frau, die bei Regen und Wind im offenen Wagen steht, um mit ihrem Leib den moribunden Geliebten gegen das schlimme Wetter zu schützen, die ganze Fahrt, bis nach Wien hinein, muss das gezogen haben, wirklich wahr.

Die Strecke von Pottenstein nach Pernitz führt durch zwei auf beiden Seiten nahezu unbewohnte schlanke Talböden, verbunden durch einen mit wenigen Kehren erreichbaren Sattel, den Hals (662m), und gleich geht es wieder hinunter. Im Fond des Fiat 850 sorgte diese Route jedesmal für einen trockenen Rachen, dann kam dieser säuerliche Geschmack, und mehr als einmal musste meinetwegen an den Straßenrand gefahren werden, Mutters Beifahrersitz wurde nach vorne geklappt, schnellschnell hinaus. Danach ein paarmal tief Luft holen, ist ja nicht mehr weit nach Waidmannsfeld.

Ein- oder zweimal sind wir zum Urlaub ins Karl Maisel-Urlaubsheim der Gewerkschaft der Metall- und Bergarbeiter gefahren. Über den Hals, wie auch sonst. Bevor es die Gewerkschaft übernommen und adaptiert hatte, war das Gebäude ein in der ganzen Monarchie berühmtes Sanatorium gewesen, die staubfreie Luft und die begnadeten Lungenfachärzte, Dr. Baer und Dr. Kraus, sorgten bei vielen Patienten für Linderung ihrer Leiden. (Kafka haben sie aber nicht mehr helfen können.) Von 1938 bis 1945 hieß das Haus nach einem nicht ganz freiwilligen Eigentümerwechsel Lebensborn Wienerwald (davon will man in Pernitz aber nicht so gern reden). Ein eigenes Standesamt registrierte die rassisch hochreinen Neugebornen, deren Mütter oft von weit her kamen. Als einziges aus Feichtenbach selbst stammendes Kind wurde am 27. Mai 1939 Willi Lindb. (ahd. „der auf Schutz bedachte”) im Lebensbornheim geboren. Der Beruf seines Vaters: Jäger.

Mit dem vom Roten Kreuz angeregten Flüchtlingsheim im seit 2002 leerstehenden Hotel Feichtenbach ist es nichts geworden, die Bürgermeisterin jenes Ortes, durch das der Bach fließt, an dem mit glühenden Kohlen gearbeitet wird, hatte das Ohr am Herzen des Volkes und sie hörte Volksaufstand.
Aber lassen wir die für so viele so traurige Vergangenheit endlich ruhen! Sportliche Betätigung in der Natur (Mountainbiken, Schifahren, mit steigendem Alter aber etwa auch die Jagd) sind da viel populärer, eben. Und gesünder, als dauernd über Büchern und Listen zu brüten und lästige Fragen zu stellen, die keiner beantworten kann. Oder will.

Bevor er das Gesangsfach belegte, studierte Fritz Wunderlich Anfang der Fünfzigerjahre an der Musikhochschule in Freiburg im Breisgau, dem Tor zum Schwarzwald, zunächst das Waldhorn.

Die Föhre oder Kiefer ist ein besonders harzreicher immergrüner Nadelbaum. Im südlichen Niederösterreich ist die österreichische Schwarzföhre, pinus nigra austriaca, der vorherrschende Baum, dessen Harz besonders hochwertig ist und das österreichische Pech zum Besten der Welt machte.

Wer keine Luft mehr bekommt, verstirbt innerhalb kürzester Zeit. Mögliche Ursachen sind das Zuschnüren des Halses, die sog. Strangulation (vgl. Krawattltenor – lt. Peter Wehle, Sprechen Sie Wienerisch?, ein schlechter Sänger, der hohe Töne besonders forciert – als ob ihm eine zu eng gebundene Krawatte auf den Kehlkopf drücke); die tuberkulös bedingte allmähliche Perforation sämtlicher Atemorgane, sodass kein Sauerstoffaustausch ins Blut mehr möglich ist und der Patient innerlich erstickt; wenn der Kopf (Nase, Mund; gleichzeitig) eine ausreichend lange Zeit unter Wasser gehalten wird (Ertränken bzw. Ertrinken - die Grenzen sind fließend).
Ein willentliches Sichselbstersticken (trotziger Knaben etwa) durch hinreichend langes Anhalten des Atems ist kaum möglich.

Mit einem Strick um den Hals bricht, eine Mindestfallhöhe vorausgesetzt, das Genick, und der Tod tritt augenblicklich ein. Wer heftig mit dem Kopf auf einem harten Untergrund (Stein, Steinfliesenboden…) aufschlägt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit schwerste Schädelverletzungen davontragen, manch einer überlebt, andere versterben innerhalb weniger Tage. In unserer heutigen Zeit gelingt es einer weit fortgeschrittenen Intensivmedizin immer öfter, Menschenleben zu retten, fast schon sprichwörtlich ist etwa die Methode, einen Patienten in sog. künstlichen Tiefschlaf zu versetzen; ein Weiterleben, mal mit, mal ohne schwerste körperliche und geistige Einschränkungen.

Wer weiß, was aus Fritz Wunderlich geworden wäre, wäre er in höherem Alter verunglückt.


Epilog

Der Jäger Gracchus ist seinem Fährmann im Wienerwald entkommen, als sich bei Pernitz*) im Piestingtal ein junges Mädchen in ihn verliebt hatte. Sie stellten seine Flucht geschickt an: Die Einheimische mit den dunkel-geheimnisvollen Augen blinzelte zum geschmeichelten Führer, dieser kurze Augenblick der Unachtsamkeit reichte dem Jäger, es so einzurichten, an seiner statt einen schwindsüchtigen Prager Patienten des den Talschluss beherrschenden Sanatoriums in den Kahn zu setzen. Schließlich konnte er wenig später unter dessen Namen in Kierling bei Maria Gugging vollends in die Unterwelt übersetzen.

Seit damals befährt der Bootsführer mit seinem neuen Gast, eine leichte Fracht von kaum fünfzig Kilo, weiterhin die irdischen Gewässer. Trotzdem zweifellos ist, dass er den Schwindel von Anfang an gemerkt hat, behauptet er steif, er führe den Jäger Gracchus, wen auch sonst.
Seit jenem Vorfall aber erklingt bei seinen Fahrten mit dem Wind, der in den unteren Regionen des Todes bläst, in einem fort das Lob der schönen Müllerin, mit unirdisch wunderlicher Stimme.

*) Eine etymologisch verbindliche Erklärung, dieser Name stamme von [lat.] pernicies (Vernichtung, Verderben, Untergang), kann nicht gegeben werden.


Der Mai ist kommen, der Winter ist aus


© Bertl Mütter, 2006

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