otto brusatti über muetters muellerin

... und wo bleibt sie, diese angeblich so ‚schöne’ Müllerin?

Alles ist anders.
Irgendwie.
Der Schubert Franz, der scheint, der leuchtet schon noch durch.
Überall.
Ja; doch er wurde so regelrecht abstrahiert – und funktioniert halt brav und die Basis spendend weiter.

Allein. Dieses „so” ist der Bertl Mütter, himself.

Er hat den Winterpfad verlassen, die Winterreise absolviert, bewegt sich rückwärts, wird mit Schubert noch ein bisschen jünger. Das heißt – der Herr Schubert ist in seinem eigenen Müllerin-Verkomponieren tatsächlich noch jünger, noch naiver gewesen. Mütter aber wurde zugleich erfahrener, vielleicht sogar strenger zu sich selbst. Er wirft uns – ganz im Gegenteil zum ziemlich ausmalenden Franz Schubert, zum Aquarellisten Schubert, der hinter seinen Farben vor allem viel Grauen verborgen hält – die frei-radierte, die entkolorierte Linie hin.
In jedem der Lieder.
Es gibt deren zwanzig.
Es gibt übrigens sogar noch ein paar Gedichte in diesem „Cyclus von Liedern von Wilhelm Müller” mehr. Ein „Mühlenleben” nach dem Beginn, ein „Erster Schmerz, letzter Scherz” als es evident geworden, dass der Müller-Bub keine Chance hat bei der Tochter seines Chefs, und ein darauf folgendes „Blümlein Vergißmein”; alle drei hat Schubert (offenbar bewusst) ausgelassen; Mütter ebenfalls, übrigens. Also blieb (bei beiden) eine eigentlich recht stringente und offenbar sich in wenigen Wochen wenn nicht Tagen abspielende Geschichte übrig. Ein Junghandwerker geht auf die Walz, findet in der ungemein bukolischen Landschaft Bleibe, Arbeit und ein scheinbares Lebensziel. Er kann aber weder aus seiner Jugend, seiner Unerfahrenheit, seiner spießigen Dummheit heraus, noch ist er imstande, auch nur irgendwie mit einer, ihm bis dahin fremden Emotionsflut fertig zu werden. Jeder neu Auftauchende ist ein Feind, auch wenn es selbst für ihn mit diesem angehimmelten Mädchen kaum eine engere Kommunikation geben kann. Dann (wir kennen das bis heute ja aus beinahe wöchentlich breitgetretenen Boulevard-Berichten von den gebrochenen Herzen der 17-20–Jährigen mit fatalem oder Drogen-vollem Ende) dann also ein Sich-Hineinsteigern, mehr und mehr und romantisch und bettelnd und alles schließlich im Suizid endend.
Oder auch nicht.
Denn dieser Poet Wilhelm Müller (viel gelesen seinerzeit und neben seinem frühen Wald-und-Wiesen-Romantizieren und dem schauerlichen Winterreisen ein Antike-Fan, der „Griechen-Müller”, der Bruder im Geist eines Hölderlin oder vor allem eines Lord Byron), der war auch ein Ironiker, ein Hinterlistiger, Wienerisch ausgedrückt sogar ein „Schlankerl, ein Lauser”. Seine Gedichtfolge (gedruckt in einem Buch mit dem schönen Titel „Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten”, Dessau 1821) ist nämlich noch eingerahmt. Vor dem Wandern und dem Bach und den polternden Steinen steht da ein Prolog, und nach dem beinahe grauslichen Wiegenlied folgt ein Epilog. In der Einleitung (um die sich Schubert nicht bekümmert) wird zunächst einmal vorgeschlagen, sich diese Gedichte in den langen Winternächten zu Gemüthe zu führen, wohlig, gruselig ein bisschen und vor allem amüsiert-spannungsgeladen, denn in der nun sich aufrollenden Geschichte, da passierte wohl recht viel. Am Schluss aber dann, nachdem zuvor noch geschildert wurde, wie der kalte Vollmond durch die Nebel knallt über der Leiche des noch halben Kindes, wird Müller moralisierend und sich selbst brechend. Bitte, liebe Leserinnen und Leser, so sagt er, das war jetzt ja alles vielleicht recht lieblich und schaurig und ziemlich unangenehm. Aber, es könnte doch sein: Alles ist nur eine Warnung gewesen, eine strenge und liebevolle zugleich, nämlich auf sich und seine Emotionslagen aufzupassen. Und überhaupt, so schließt dieser Herr Müller: Denken wir gelassen verzeihend an den Knaben und zieh’n wir dann vor allem für uns selbst die Konsequenzen. „So sei seiner treu gedacht bei jedem Händedruck, bei jedem Kuß, bei jedem heißen Herzensüberfluß...”

Bertl Mütter bleibt – und solches ist sonst seine Sache nicht alleweil – hart, noch härter als es Schubert gewesen.
Es bläst die Hauptlinie des jeweiligen Liedes, mehr nicht. Manchmal deutet er an, dass es schließlich auch Begleitungen und Gegenbewegungen gibt, im Original. Egal. Zudem bricht er manchmal den Fluss, setzt neu die Töne, paraphrasiert ganz wenig, aber dann brutal.
Jedes der Lieder kriegt so ein neues Kleid(chen).
Weggehetzt wird, nicht wohlig gewandert wie sonst zuerst in einem beinahe schon impressionistischen Käfig. Das Müllerhaus und seine Insassen sind Fratzen, aus denen es sich, prophetisch, schon in die nachfolgende Winterreise und den Schwanengesang vorzitierend blicken lässt. Das Mädel erweist sich als zierliche, fesche und dumme Gans. Die Blumen sind von Anfang an teilweise vertrocknet. Das Heulen und das fast schon Autistisch-Werden zwischendurch ist eher eine Erleichterung. Dann! Dieser Nebenbuhler (der davon gar nichts weiß). Das ist ein Klein-Macho aus dem Dorf, mehr nicht. Aber, wahrscheinlich ein Feschling. Ein blöder Kerl, oft angesoffen; aber Geld hat er, grauslich, ein Bursch für die Westentasche – aber wenigstens das. Oh, Schmerz! (Oh, ihr Schmerzchen!)
(Und weiter – bei der Hommage an die grüne Farbe! Mütter lässt sich überhaupt jetzt voll in die Abstraktion hinein. Die Begleitung repetiert fast ausschließlich auf einem Ton, die Melodie wurde zum Choral, vorwegnehmend schon das fatale Ende, denn alles klingt ab nun auch wie ein Bläserkondukt bei Begräbnissen auf Landfriedhöfen.)
Die letzten Eskapismen nützen gar nichts mehr. Gespenstische Lustigkeit kommt auf und dann wieder sowas wie körperliche Sensationen*) aus Schubert-Melodien. Und schließlich halt so ein Lullaby. Nicht eben versöhnlich, kalt, selbst in den vielstimmigen Passagen.

Alles ist vorbei.
Mütter:
Du hast da keine Chance gehabt in den letzten über 60 Minuten!
Müller:
Wir blasen Sonn und Sternlein aus,
Und finden auch im Dunkel gut nach Haus.
Schubert:
Immerhin komponiert zum Ende des beinahe mir das Leben kostenden Jahres 1823, dasjenige mit der Unvollendeten auch und „Fierabras” und „Rosamunde” und „Du bist die Ruh”.

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*) „körperliche Sensationen” nannte man in der Kleist-Schubert-Zeit alles, was sozusagen außerhalb des zurückhaltend-zurückgehaltenen Leibes passieren mag, auch Positives. (Anm. d. Verf.)

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