mahler für liebende | von christoph becher

die bühne bestand aus einem zweiertisch in einem sehr kleinen griechischen restaurant neben dem café museum am wiener karlsplatz, die aufführung fand 1994 statt. ich hatte bertl mütter kennenlernen wollen, einen der spannendsten musiker und performer der stadt, und noch beim ersten retsina entdeckten wir, dass wir beide die musik von gustav mahler liebten. wir bestritten das gespräch, indem wir uns unsere lieblingsstellen vorsangen, und mit einem mal hatte bertl den halben ersten satz der fünften im alleingang gesungen: hauptstimmen, nebenstimmen, holz, streicher, blech, alles wurde lebendig in meinen ohren, ein vollständiger orchesterklang in der kehle dieses lausbuben aus steyr.

er ist ein solist in jeder hinsicht. der am liebsten und besten allein arbeitet. zwar hat er mit anderen höchst erfolgreiche projekte ersonnen – etwa mit erika stucky, christoph cech oder mit anthony braxton –, aber im mittelpunkt seiner kunst steht die soloperformance, die improvisation, die auseinandersetzung mit musikalischer literatur. die energie, die er dabei freisetzt, wurde so groß, dass sie nach mehr verlangte als nach seinem stamminstrument, der posaune; zwischenzeitlich sang mütter mit der gleichen selbstverständlichkeit, und wenn sich der samtweiche ton des tenorhorns anbot, griff er auch nach diesem instrument.

seit knapp einem jahrzehnt umkreist mütter die große musik seiner ahnen. schubert, der das romantische gefühl der verlorenheit so überzeitlich auszudrücken verstand, dass ihm die liebe (nicht nur, aber vor allem) der österreicher bis heute treu geblieben ist, war die erste und die größte herausforderung. es brauchte mut, um 2001 mit der „winterreise” im wiener konzerthaus aufzutreten. so entstand, wie bei jeder guten „musik über musik”, die fortschreibung der tradition, die vergegenwärtigung einer musik, die einem immer näher zu leibe rückt, je länger man sich mit ihr beschäftigt.

so mag es mütter auch mit mahler gegangen sein. je öfter man den sextsprung im ersten „kindertotenlied” beim wort „nacht”, unermesslich groß nach langem, chromatischem anlauf, vor sich hin summt, umso schmerzlicher bohrt sich diese vorgeblich tröstende schlusswendung ins herz hinein. irgendwann musste sich mütter diese melodien einverleiben, und die gelegenheit bot sich in der mahlersaison 2010/11. es entstanden die „mütterkinderlieder (nachmahler)”, uraufgeführt am 15. juli 2010 beim musikforum viktring klagenfurt.

mütter spielt die fünf kindertotenlieder aus mahlers zyklus auf der posaune, wobei er in der regel takt für takt den originalen folgt, meist die singstimme übernehmend, an vielen stellen aber auch begleitfiguren, bassgänge oder harmoniestimmen. so entfällt der klangliche unterschied zwischen gesangsstimme und instrumentaler stimme. mütter richtet die aufmerksamkeit auf eine horizontale, in der instrumentale einwürfe zwischen den strophen ihre gliedernde funktion einbüßen. herauskommt ein zusammenhängender melodischer fluss ohne hierarchische abstufungen. im ersten lied, „nun will die sonn’ so hell aufgehn!”, spielt mütter die textzeile „du mußt nicht die nacht in dir verschränken”, wechselt dann vier takte lang in eine achtelbewegung, die mahler der harfe zugeteilt hat, um danach („… ew’ge licht versenken”) wieder zur singstimme zurückzukehren. die achtelbewegung der harfe findet bei mahler ihre fortsetzung in der ersten violine und der flöte, die die lücke zur reprisenstrophe „ein lämplein verlosch in meinem zelt!” schließen. mütter legt auch diese stelle in die posaune und überspielt damit die zentrale zäsur doppelt: singstimme, zwischenspiel und dessen materialvorwegnahme werden bei ihm in eine stimme integriert. mahler scheint in der lesart mütters wagners utopie einer „unendlichen melodie” zu verwirklichen.

ganz anders wiederum wird das dritte lied, „wenn dein mütterlein”, dekonstruiert, indem motive zerschnitten werden, pausen entstehen, die es erschweren, den fluss des liedes nachzuvollziehen. nimmt man die singstimme der ersten zeilen „wenn dein mütterlein tritt zur tür herein, / und den kopf ich drehe, ihr entgegen sehe, / fällt auf ihr gesicht erst der blick mir nicht, / sondern auf die stelle, näher nach der schwelle”, so bleibt bei mütter nur noch übrig: „wenn dein mütterlein … den kopf ich drehe … auf ihr ge … erst … mir nicht, / sondern auf die stelle, näher … schwelle”. ähnlich wie in berios „sinfonia” läuft das original nur unterirdisch weiter. mütter spricht in diesem zusammenhang davon, er habe „diese fünf unendlich traurigen lieder […] aus ihrem mantel herausgeschält, an manchen stellen regelrecht skelettiert, töne fehlen oder werden nur angedeutet (als brächen sie weg): und geht es ja um den fundamentalsten verlust schlechthin, das herausreißen der nächsten seiten im buche des lebens.”

eine große rolle spielen die intermezzi zwischen den fünf liedern: freie improvisationen, die zum nächsten lied überleiten. dabei streifen sie motive aus anderen werken mahlers. mütter hierzu: „so muss ein konstituierendes element der dramaturgie die konterkarierung der (nie sentimentalischen!) klagelieder mit vordergründig fröhlichem oder groteskem material sein: dafür bieten sich die einer sorgenfreien(?) kinderspielwelt entnommenen wunderhornlieder an, die in einem kindlichen tone daherkommen […]. welche von diesen liedern aber im konzert vorbeifliegen, hängt vom augenblicklichen einfall ab.”

der „augenblickliche einfall” verschafft dem posaunisten eine große freiheit. zwar fliegen auf der vorliegenden aufnahme tatsächlich „wunderhornlieder” vorbei: im ersten intermezzo „kuckuck hat sich zu tode gefallen”, im zweiten „des antonius von padua fischpredigt”, im dritten „lob des hohen verstandes” und im vierten das „rheinlegendchen” mit dem volkslied „bald gras’ ich am neckar”. nicht immer aber sind die flugobjekte gleich zu erkennen. während etwa „kuckuck hat sich zu tode gefallen” sowohl mit dem profilierten hauptmotiv, mit dem das lied anhebt, als auch mit der gesangsmelodie für zwei minuten im zentrum des intermezzos steht, bleibt die „fischpredigt” nur schemenhaft erkennbar; mütter intoniert deutlich den dreivierteltakt, greift aber die wendungen des originals nur „mit spitzen fingern” an. dazu passt, dass er auf dieser cd gänzlich andere intermezzi improvisiert als bei der uraufführung. damals schweifte mütter im vierten intermezzo über die „posthornepisode” aus der dritten sinfonie und dem adagio aus der sechsten zum beginn des zweiten satzes aus der siebten, den er augenzwinkernd in den zweiten pilgerchoral aus wagners „tannhäuser” überführte. auf der cd verwandelt sich das zitat aus dem „rheinlegendchen” in das tenorhornthema aus dem ersten satz der siebten. später greift mütter zweimal auf das kindertotenlied „nun seh’ ich wohl …” zurück und bestellt dazwischen grüße aus dem finale der zweiten wie aus dem adagio der sechsten.

die „mütterkinderlieder” sind ausdruck einer großen liebe zur musik mahlers. und schon vor sechzehn jahren war mir beim griechen deutlich geworden, dass mütter nicht teilen will, dass er seine liebe ganz für sich allein haben will. so sind wir liebende. deshalb spielt er den zyklus allein. deshalb ersinnt er intermezzi, in denen er den ganzen mahler in den arm nimmt.

christoph becher, 2010


cd rk 3009 (2011) | raumklang edition modern

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