born. rondo

für Toypiano mit Innerer Stimme

Komponiert von Bertl Mütter (AKM) auf Bitte von Isabel Ettenauer.

http://www.isabelettenauer.com/5photo/download/04isabelettenauer.jpg

Dauer: Gut 15 Minuten.

Aufgeschrieben in Wien am 26. August 2007, Ergänzungen im Convento dell’Angelo, Ponte a Mariano (IT) am 9. September 2007. Uraufgeführt im Wiener Konzerthaus, Mozartsaal, am 7. Oktober 2007 im Rahmen des IGNM-Festivals.

Gefördert vom SKE-Fonds der Austro Mechana. DANKE.


Wer will, kann gleich hören:

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Die Aufnahme hat Fredi Reiter am 6. März 2008 im gastfreundlichen Cinema Paradiso, St. Pölten, gemacht. Solistin am Toypiano – mit Innerer Stimme, wie es im Titel heißt – ist die Auftraggeberin (und Widmungsträgerin) Isabel Ettenauer.


born | Kurzinfo

Für Frauen, die in einem Lebensbornheim entbinden wollten, war eine gesundheitliche und erbbiologische Untersuchung notwendig. born ist die musikalische Auseinandersetzung mit dieser monströsen nationalsozialistischen Gebär- und Aufzuchtinstitution.

Das Toypiano, dessen Klang an Mord im Puppenheim gemahnt, illustriert diesen scheinheilen Reziprokort des Holocaust. Wie homöopathisch (dabei garantiert schwurbelfrei) aufgeladenes Ausgangsmaterial von Mahlerliedern wird der Verdichtung, Auflösung, Transformation, dem Zusammenfallen und sprunghaften Wechseln unterzogen, dazu und dagegen bricht ein harmloser rhythmisierter, jedoch rassistischer Auszählreim herein, der sich, 2007 noch!, auf der Homepage einer Gruppe der katholischen Jungschar in Südtirol gefunden hat. Alles verwoben, verdichtet. Undaber viel kalten Raum lassend, zum Fürchten.

Kuckuck ist tot.


born | detaillierter

Zugegeben, das Stück ist schon recht dunkel; vermutlich auch, weil das Instrument so schaurig nach Mord im Puppenheim klingt. Oder, wie es zu Ravels l’enfant et les sortilèges heißt: die geheimnisvoll-bedrohliche Welt der Zauberdinge. Mir fällt aber auch die Schlussszene von Geschichten aus dem Wienerwald ein, wie die böse Großmutter ihre Zither schlägt.

Etliches Ausgangsmaterial habe ich mir (wozu etwas neu erfinden?, Töne sind austauschbare Platzhalter für Emotionen) aus anderen Werken (vor allem Mahlerlieder) ausgeborgt – ich nehme (besser: entnehme) aber nur kurze Tonfolgen, die ich, auch rhythmisch, verfremde; durch den inhaltlichen Zusammenhang, in dem sie in ihrer Grundgestalt vorkommen (Ich bin der Welt abhanden gekommen; aus Kindertoten- und Wunderhornliedern) sind diese Elemente gewissermaßen homöopathisch aufgeladen, und natürlich treibe ich dann damit mein Spiel von Verdichtung, Auflösung, Transformation, des Zusammenfallens und des sprunghaften Wechsels (alles nicht zu vorhersagbar). Die Wirkung dieser sehr speziellen und, wie es sich gehört, dem Hörer sich nicht unmittelbar offenbarenden Potenz hängt, das zur Beruhigung, letztlich vollends vom kreativen Moment des Spielens ab.

Schon interessant auch, wie sich beim Schreiben wesentlich größere Tiefenschärfen an mir selbst vorbei ins Werk schummeln, als mir bewusst ist. Undaber irgendwie klar: habe ich mich doch mit der Hintergrundthematik (die nicht linear ins Werk eingearbeitet wurde) zu born (merke: der zweizeilige Titel enthält nur ein englisch auszusprechendes Wort) – abseits der Musik selbst – über eine lange Zeit beschäftigt; da hat vieles Gelegenheit zum Gären gehabt, ist diffundiert.

Ich kann nichts dafür.

Es ist, wie wenn du flüstern hörst oder bloß rauschen, ohne das unterscheiden zu können.
Robert Musil, Nachlass zu Lebzeiten (1920-29)

NB: Für Frauen, die in einem Lebensbornheim entbinden wollten, war eine gesundheitliche und erbbiologische Untersuchung notwendig.


Literatur

• Gisela Heidenreich: Das endlose Jahr. Frankfurt/M.: Fischer, 2004.
• Günther Knotzinger†: Das SS-Heim ›Wienerwald‹ und die Geschichte des Hauses von 1904 bis zur Gegenwart. Feichtenbach: Eigenverlag, 2001.
• Georg Lilienthal: Der ›Lebensborn e.V.‹. Ein Instrument nationalsozialistischer Rassenpolitik. Frankfurt/M.: Fischer, 2004.
• Dorothee Schmitz-Köster: Deutsche Mutter, bist du bereit… Alltag im Lebensborn. Berlin: Aufbau, 2002.


Verweis (2022)

Zum Lebensborn läuft ein breit aufgestelltes Forschungsprojekt beim Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung.

(Schon bemerkenswert, dass es, wiewohl man um das Heim und grundsätzlich den Lebensborn wusste, erst 2020 möglich war, so ein Projekt auf die Beine zu stellen; heute können wir nurmehr die Kinder befragen.)


Jede Aufführung dieses Werks ist mittels Einzelprogramm der zuständigen Urheberrechtsgesellschaft (AKM, GEMA etc.) anzuzeigen (keine Sammelprogramme). Unauthorized copying, hiring, lending, public performance and broadcasting prohibited.


muetter.at
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