musik – wissenschaft – freiheit [kafka]

 
(aus der Perspektive eines einfachen Hundes)

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(…)

Die Wissenschaft von der Musik ist, wenn ich gut berichtet bin, vielleicht noch umfangreicher, als jene von der Nahrung und jedenfalls fester begründet.

(…)

Auch ich stand der Musikwissenschaft, ehe ich die Stimme im Wald gehört hatte, fremder gegenüber als irgendeiner andern. Zwar hatte mich das Erlebnis mit den Musikhunden auf sie hingewiesen, aber ich war damals noch zu jung, auch ist es nicht leicht an diese Wissenschaft auch nur heran zu kommen, sie gilt als besonders schwierig und schließt sich vornehm gegen die Menge ab.

(…)

Ein Grenzgebiet der beiden Wissenschaften lenkte allerdings schon damals meinen Verdacht auf sich. Es ist die  Lehre von dem die Nahrung herabrufenden Gesang. Wieder ist es hier für mich sehr störend, daß ich auch in die Musikwissenschaft niemals ernstlich eingedrungen bin und mich in dieser Hinsicht beiweitem nicht einmal zu den von der Wissenschaft immer besonders verachteten Halbgebildeten rechnen kann. Dies muß mir immer gegenwärtig bleiben. Vor einem Gelehrten würde ich, ich habe leider dafür Beweise, auch in der leichtesten wissenschaftlichen Prüfung sehr schlecht bestehen.

(…)

Das alles gestehe ich mir offen ein, sogar mit einer gewissen Freude. Denn der tiefere Grund meiner wissenschaftlichen Unfähigkeit scheint mir ein Instinkt und wahrlich kein schlechter Instinkt zu sein.

(…)

Es war der Instinkt, der mich vielleicht gerade um der Wissenschaft willen, aber einer andern Wissenschaft als sie heute geübt wird, einer allerletzten Wissenschaft, die Freiheit höher schätzen ließ als alles andere.
Die Freiheit! Freilich die Freiheit, wie sie heute möglich ist, ein kümmerliches Gewächs. Aber immerhin Freiheit, immerhin ein Besitz.

Franz Kafka, Forschungen eines Hundes, 1922

In der Orthographie des Originalmanuskriptes
entnommen aus
Franz Kafka, Gesammelte Werke in zwölf Bänden (Band 8, FTV 12448, Seite 91ff)
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1994

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