cave mediatricem* – eine BRANDREDE

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Hans, mein Winzer, erzählt mir, wie gerne er draußen ist im Weingarten, wie das ist mit dem Boden, mit den Trauben, wie er das Wetter und überhaupt das Klima und seine Entwicklung einschätzt, er redet vom Spüren des perfekten Zeitpunkts für die Lese, wie das ist beim Pressen und im Keller und was er Neues probieren will, abseits modischer Strömungen. Ich höre ihm gerne zu und merke mir – nichts; doch habe ich über die Jahre gelernt, seinen Wein besser zu schmecken, einfach, weil ich weiß, dass ich ihm vertrauen kann – wobei: Vertrauen, das würde grundsätzliches Misstrauen implizieren – besser also: Ich erlebe einen Menschen, der fest mit seinem Schaffen verbunden ist, ein Tiefwurzler, durch und durch authentisch. Von Aprikosentönen, Lakritz-, Litschi- oder Quittenfrucht habe ich ihn noch nie reden gehört. Dafür gibt’s ja die Weinvermittler, die erklären einem, wie Alles geht, sie kennen das richtige Glas und wo man es bekommt, lernen dir die korrekte Schlürfbelüftung der Weinprobe (über die Schneidezähne) und das Ausspucken in den Probiernapf; ich muss mir denken: Zahnarzt. Es ist so: Mein idealer Weinvermittler ist mir mein Winzer. (Mein Zahnarzt sieht das übrigens genauso.)

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Jetzt aber. Hütet euch vor den falschen Kunstvermittlern, überhaupt vor allen Vermittlern, die sich selbst ins Spiel bringen: »Lasst uns das machen, ihr seid ja nicht qualifiziert.« Mit dem einleuchtenden Instant-Versprechen, leichte Zugänge für Alle zu verschaffen, verbreiten sie ihre süßliche Lüge von Leichtigkeit.

Ihr Runterbrecher, Aufspalter, Weinzuwassermacher, Mundgerechtrichter!

Wem sein Gaumen von Anfang an fastfoodisch betäubt wurde, dem erscheint bereits ein in veraltetem Kokosfett herausfrittiertes Winnetou-Schnitzerl (mit Pommes und Ketchup) als kulinarische Errungenschaft, weil er es mit Messer und Gabel essen muss, bitte aufschneiden! Oder Wein, bis man zum Wein findet. Wer bei Adabei-Ribiselwein, Cola-Rot und Alkopops hängenbleibt, der wird seine Betäubingsdosis sukzessive erhöhen müssen, bis er einen Leibwächter braucht (noch einen!, und ein dritter geht auch noch), der wartet in trauriger Trinkeraugenhöhe beim Supermarkt an der Kassa, schön aufpassen!

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Genusskultur, Kunst, die das Leben ist, alles, das es wert ist, fordert Anstrengungen ein, und: Ja, das Leben ist anstrengend! Schönsaufen verkatert! Wir haben doch nur diesen einen Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeitsabgründen, vor deren zweitem wir uns so fürchten. Sich anstrengen lohnt sich! Wiesehr, kann man halt nur ermessen, wenn man es ehrlich probiert! … Du kannst nicht am Fuß des Bergs starten und, indem du seicht abwärts gehst, stehst du auf einmal ganz oben. Sowas glaubt nur ein Hump, Dump oder Trump (der sich immerhin diese Illusion herbeibefehlen kann – wie glücklich er doch strahlt!). Wenn du vom Erlaufboden auf den Ötscher willst, musst du erst einmal drei Stunden lang steil einen aussichtsmäßig recht dürftigen Wald hinauf, dann kommt der Rauhe Kamm, wo du manchmal kraxeln musst (oder, je nach Gusto, darfst), dann erst kommst du aufs Plateau, und der Gipfel, das kommt nämlich dazu, ist garnicht sosehr die Essenz vom Ötscher. Natürlich kannst du auch von Lackenhof mit dem Sessellift zum Ötscherhaus fahren und dann die halbe Stunde gemütlich leicht bergauf spazieren. Und du kannst das bei etlichen anderen Bergen auch so machen. Sowas ist auch nicht zu verurteilen. Ob man allerdings als Mensch, der sich Gipfeln über halbstündige Spazierhäppchen annähert, eine Idee von Berg, Gebirge (was es birgt!) bekommt, muss bezweifelt werden. Es macht einen Unterschied, und der wird auch nicht in Schritten, Höhenmetern oder angeblich verbrauchten Kalorien gemessen. (Unterschied: Pluralwort – wir verstehen uns.)

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Jedoch: Vermittlung als Hinführung, als Weisen (besser: Draufkommenlassen), wo ein guter Tritt ist, »probier einmal da«: Das lass ich mir bittegerne einreden!


* lat. mediatrix f – Mittlerin
Auch: mediator m – Mittler (im Musikbereich wenig gebräuchlich)

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