Gutachten Josef Haslinger

  
Gutachten zur Dissertation von Bertl Mütter

Das Geräusch-das-man-macht-bevor-man-anfängt-zu-dichten
Vom Suchen, Finden, Erfinden, Entdecken des Klangs

Gleich zu Beginn sei gesagt, dass es sich bei Bertl Mütters Dissertation um ein ungewöhnliches Werk handelt. Ungewöhnlich ist die Arbeit in der Vielfalt ihrer Inhalte, in der multiplen Herangehensweise an das Thema und nicht zuletzt in der gut durchdachten und ästhetisch anspruchsvollen Gestaltung. Es handelt sich nicht um eine geisteswissenschaftliche, sondern um eine künstlerische Arbeit, auch wenn sie auf eine Fülle von geistes- und kulturwissenschaflichen Bezügen rekurriert, die in den Fußnoten mehr als penibel ausgewiesen sind. Die Dissertation dient ja auch nicht zur Erlangung eines Doktors der Philosophie und/oder der Geisteswissenschaften, sondern eines Doktors der Künste (doctor artium) und ist damit Teil eines innovativen akademischen Künstlerkurrikulums, das zwar durchaus historische Vorbilder hat, aber nicht unmittelbar an eine Tradition anknüpfen kann.

Bertl Mütter bezeichnet seine Dissertation im Vorwort als eine »modular (polyphon) angelegte Arbeit über Aspekte des künstlerischen Erfindens«. (5/B5). Es geht dem Autor um eine ästhetische Auskunft zur Musik, respektive zum eigenen musikalischen Schaffen, und die will er, korrespondierend mit dem vielfältigen und auch improvisatorischen/spontanen Charakter seiner Kompositionen und musikalischen Darbietungen, nicht auf ein diskursives Theoriegebäude reduzieren. Zur Exemplifizierung der gewählten Vorgangsweise greift Mütter im Vorwort das Bild des Mäanders auf, das, abgeleitet von einem Fluss Kleinasiens, seit der Antike als Symbol für verschlungene Pfade steht, für nicht lineares Vorankommen. Er ergänzt dieses Bild durch das des weitgehend unterirdisch verlaufenden Flusses Timavo, der in der Überlieferung schon den Argonauten des Jason und den Gefährten des Aeneas seine Dienste erwies, sowie des Flusses Pazinica, der bei starken Regenfällen seine Laufrichtung umkehrt und zur Quelle zurückzufließen scheint. Eine systematische musikalische Ästhetik liegt Bertl Mütter fern. Er nähert sich seinem Thema des Suchens, Findens, Erfindens und Entdeckens von Klang auf fragmentierten und multimedialen Wegen entlang der Entstehungsgeschichte und Darstellung seiner Kompositionen vor allem aus den letzten Jahren, wobei nicht nur die Schrift, sondern auch Bild und Ton eine selbstreflexive, um nicht zu sagen metafiktionale Ebene beinhalten. Es stellt sich heraus, dass Mütters Ästhetik der Musik in hohem Maße eine Poetik der Musik ist, eine von literarischen Verfahren inspirierte Generierung von Klang.

Die Arbeit ist in elf Teile gegliedert, die in ihrer Anordnung der Buchstabenfolge des Namens Bertl Mütter entsprechen. Ein »akrostisches Spiel« nennt der Autor das in einer Fußnote (7/B7) und gibt damit zu verstehen, dass seine Dissertation eher einem literarischen Verfahren verpflichtet ist als der diskursiven Systematik der Geisteswissenschaften, wie ja auch sein musikalisches Schaffen immer wieder Bezüge zur Kunst des Akrostichons und des Akronyms aufweist. Insbesondere gilt das für das im Mai 2013 komponierte Stück ›DÜDT [tilt]‹ für Akkordeonduo, vor dessen ersten Aufführungen der Komponist jeweils den auffälligen Titel erläuterte. Insbesondere bei der Einleitung zur BEA (burgenländische Erstaufführung) am 23. Mai 2013 in Gols ließ Bertl Mütter durchblicken, dass dieses Spiel mit Buchstaben (DÜDT = Das über die Torheit oder Dialog über die Tumbheit) nicht nur thematische Bezüge zum musikalischen Werk enthält und diese Bezüge schon beim Komponieren vorgab, sondern dass sich hinter dem, was sich als Spiel (im doppelten Wortsinn als Verspieltheit und als musikalische Darbietung) gibt, auch ein tongenerierendes Verfahren versteckt. Er führt ein Beispiel an, das nicht zufällig eine produktive Nähe zu den literarisch-musikalischen Arbeiten eines Proponenten der »Wiener Gruppe«, nämlich zu Gerhard Rühm, aufweist, der, lange bevor es Computer gab, die Schreibmaschinentastatur als eine mögliche Klaviatur zu deuten begann und den Buchstaben Töne zuordnete. In der wortwörtlichen und intonationstreuen Transkription der Einleitungsrede kommt Mütter auf die mittlere Reihe der Buchstabentastatur zu sprechen: »a s d f g h kommt natürlich als ... als Tonmaterial gern auch immer wieder vor – und – das ganz kuriose – es löst sich dann ganz am Schluss auf: Wenn man des in die richtige Reihenfolge bringt, kommt man auf die entscheidende aufsteigende Linie, wie sie Schubert in ›Du bist die Ruh’‹ komponiert hat, mit diesen fünf aufeinanderfolgenden Ganztönen, das ist eigentlich magisch und es ist ... da schließt sich auch wieder ein Kreis, weil oft einmal, wenn man ganz viel denkt und so weiter, dann denken sich an einem vorbei noch wesentlich interessantere Sachen...« (180/Ü8).

Bertl Mütter nennt die elf Teile seiner Dissertation, nicht ohne Ironie, Module, obwohl sie eigentlich das, was man an Universitäten heute unter modularem Aufbau versteht, konterkarieren. Die einzelnen Module sind zu eigenen Broschüren gebunden und diese sind in einem Schuber zusammengefasst. Die Broschüren weisen sowohl eine gesonderte als auch eine durch die gesamte Arbeit durchgehende Paginierung auf. Insgesamt hat die Dissertation einen Umfang von 298 Seiten. Die mittlere Broschüre, der zufällig auch noch der Buchstabe M entspricht, erweist sich als ein besonders originell gestaltetes Cover für 4 CDs, die Beispiele aus dem Musikschaffen von Bertl Mütter enthalten, Rundfunkaufnahmen, Vorträge und Einleitungen, aber auch Zitate aus anderen, fremden Musikstücken, auf die der Autor in den übrigen Broschüren sowie in seinen Kompositionen teils direkt, teils indirekt Bezug nimmt.

Der Bezug zur lautpoetischen Tradition im Gefolge der »Wiener Gruppe« ist in Bertl Mütters Kompositionen immer wieder auffindbar. In das Stück DÜDT ist als Vorlage für die musikalische Umsetzung durch die beiden Akkordeon-Spieler das Gedicht ›eulen‹ von Ernst Jandl integriert. Hier gibt Bertl Mütter ein weiteres Beispiel dafür, wie sich Literatur für die Generierung von Klang nützen lässt. Jandls Text dient, so schreibt Mütter in der Partitur, »als Vorgabe für die individuell zu gestaltende Sprechmelodie: nach draußen dringe nur die Musik». (191/Ü19). Zu den einzelnen Textteilen gibt es dann noch ein paar zusätzliche Angaben, was den musikalischen Vortrag der beiden Akkordeonisten betrifft: »Sehr ruhig bis dumpf«; »exaltiert, schrillst«, »monoton« oder auch »völlig belanglos« (ebd). Im Grunde ist das keine Darstellung und auch keine Interpretation von Jandls Gedicht, sondern es ist die Nutzung eines Stücks lautpoetischer Literatur zur Generierung von neuem Klangmaterial. Der Bezug zu dem Gedicht geht nicht ganz verloren. Eine Komponente, das Dialogische, wird durch die separaten Tempo- und Charakterbezeichnungen für die Tonfolgen der beiden Akkordeons sogar besonders herausgestrichen, aber es ist keine musikalische Umsetzung von Jandls Gedicht, sondern eher eine musikalische Nachdichtung. Dem dialogischen musikalischen Verfahren von DÜDT hat Bertl Mütter noch ein weiteres Jandl-Gedicht zugrunde gelegt. Es trägt den Titel ›die zeit vergeht‹ und besteht nur aus den beiden silben «lus« und »tig«, die in symmetrischer Anordnung wiederholt werden. Wiederum wird das Gedicht nicht vorgetragen, sondern musikalisch nachgedichtet unter Berücksichtigung von plastischen Beschreibungen des Tempos und Vortragscharakters: »Im Verlauf immer panischer (Erstickungsangst/Hyperventilation), dabei aber so präzise wie möglich agieren.« (193/Ü21).

Die mit dem Buchstaben C (für Chaos) benannte CD enthält die Originalaufnahme des in einer der Broschüren wiedergegebenen Textes »Tractat: Im Staubstaubereich« (203-222/T3-22) sowie die in den Originalvortrag integrierten Musikbeispiele. Dieser Text – die schriftliche Fassung einer sogenannten »Lecture Performance« – kann mit Fug und Recht als eigenständige literarische Arbeit gewertet werden. Wollte man zur Beschreibung des Stils einen Vergleich heranziehen, käme man in Anbetracht der bildhaften Sprache und der oft langen, verschachtelten Sätze, vielleicht am ehesten auf David Foster Wallace. Der Text hat einen enormen assoziativen Reichtum, der rund um das Thema Staub eine Vielfalt von inhaltlichen und lautlichen Bezügen herstellt. Aber ist es ein Tractat? In einer Fußnote gibt Bertl Mütter selbst zu, dass »es sich, strenggenommen, nicht eigentlich um ein Tractat, sondern eher um eine glossolalische Glosse handelt.« (204/T4). Entscheidend für den Charakter dieser Form von Prosa ist ihr lautpoetisches Moment. Dieses hat von sich aus schon musikalische Bezüge. Durch Bertl Mütters Art, seinen Assoziationsreichtum bis in die Fußnoten auszubreiten, bekommt die Satzmelodie immer wieder etwas Stockendes, als würde der Autor den traditionellen Sätzen nicht trauen, als müsste er, so wie er es in seinen musikalischen Nachdichtungen klassischer Stücke immer wieder vorgeführt hat, auch die Tradition des literarischen Sprachflusses in Frage stellen und mit der eigenen Geschichte und der eigenen Produktivkraft bereichern.

Diese Dissertation ist der überzeugende Nachweis für eine fundierte Auseinandersetzung einer großen künstlerischen Begabung mit ihrem eigenen Tun.

Note: Sehr gut (1)

Josef Haslinger, Wien, 5. September 2013

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Deutsches Literaturinstitut Leipzig

Prof. Dr. Josef Haslinger

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