Gutachten Gerd Kühr

  
Gutachten zum künstlerischen Teil der Doktorarbeit

Das Geräusch-das-man-macht-bevor-man-anfängt-zu-dichten

von Bertl Mütter


Vom Suchen, Finden, Erfinden, Entdecken des Klangs nennt Bertl Mütter seine Dissertation zur Erlangung des akademischen Grads Doctor artium im Untertitel. DSUDL – das Schwere und das Leichte stellt das zentrale künstlerische Projekt dieses Dissertationsvorhabens dar, weshalb es auch im Rahmen dieses Gutachtens im Mittelpunkt stehen soll.

Das Werk DSUDL, das im Juli 2011 in Viktring und Graz zu seinen ersten Aufführungen kam, wird von Bertl Mütter als Ein Stück Musiklaboratorium beschrieben. Abgesehen von der besonderen Thematik charakterisiert der im Untertitel aufscheinende Begriff Musiklaboratorium insgesamt die Arbeiten Mütters treffend.

Ein Mezzosopran, ein Tenor und sieben InstrumentalistInnen (darunter der Autor, seine Posaune und Stimme als ,Spielertrainer‘ einsetzend) befassen sich anhand der üblichen Routine eines Konzertablaufs (in Echtzeit also) mit grundlegenden Fragen der Kreativität und des Entstehens von Musik, wobei die Grenzen zwischen dem schöpferischen und dem nachschaffenden Akt immer wieder verschwimmen, ganz im Sinne des durch die Improvisation geprägten und erfahrenen Instrumentalisten Mütter. Die Form des Abends – die Aufführungsdauer von DSUDL beträgt circa 100 Minuten – wird durch den vorherrschenden Laborcharakter bestimmt, der gleichzeitig für Mütters generelle, bisweilen über das Musikalische hinausgehende Herangehensweise stehen mag.


(In Zusammenhang mit der Beurteilung von künstlerischer Arbeit scheint es m. E. nicht nur gerechtfertigt sondern auch unabdingbar zu sein, subjektive Aspekte sowohl des Dissertanten als auch des Gutachters zu berücksichtigen, sie nicht im Sinne einer nicht einzulösenden und in diesem Kontext nicht einforderbaren Wissenschaftlichkeit zu vermeiden.)

Mütter nimmt die Bedeutung des Wortes »componere« wörtlich, definiert es und praktiziert es zudem gleichsam über Epochen und Kulturen hinweg: zusammenstellen, -legen, -setzen, -bringen. Unter dem vereinigenden Schirm der Musikgeschichte finden zahlreiche (Selbst-)Zitate und Allusionen Platz, die allesamt phantasievoll, spielerisch und assoziationsauslösend der Annäherung an das Thema und dessen Verdeutlichung dienen. Dazu gehört auch das Einnehmen von interdisziplinären Blickwinkeln, die einen Bogen über die verschiedenen Künste bis hin zu den Geistes- und Naturwissenschaften spannen. In drei Stufen (Prolog 1 – letzte Zurichtungen, Prolog 2 – Aufwärmen, Prolog 3 – Üben) gelangt Mütter zum eigentlichen Kern der Themenstellung. Das Einstudieren, Proben, Üben zieht sich wie ein roter Faden durch das Programm und schließt das persönliche und das kollektive Tätig-Sein ein: Üben einerseits als tägliche Manifestation der musikalischen Praxis und andererseits als beständiges Befragen, Verändern, Ergänzen, Einreißen, Neubauen der Tradition.

Man könnte durchaus zu der Meinung gelangen, dass sich ein derartiges Konzept teilweise oder sogar grundsätzlich dem Diskurs der zeitgenössischen Musik entzieht, nicht zuletzt auch deshalb, weil es eine penibel ausnotierte, bis ins Letzte fixierte Partitur nicht gibt, und man damit den gängigen Werkbegriff in Frage gestellt sehen könnte. Dies wäre jedoch zu kurz gegriffen, denn es erweist sich vor allem ein Aspekt dieser Arbeit als untrennbar mit zeitgenössischem Musizieren verbunden – die vollkommene Beherrschung der »Grammatik« der Musik von heute (die Vertrautheit mit verschiedenen Stilen, mit den mannigfaltigen und zahlreichen neuen Spieltechniken, das Verständnis für die Wurzeln der sogenannten »Neuen« Musik, die Sensorik für die Fragilität und den Bruchlinien von Musik im Allgemeinen und im Besonderen, usw.). Von Seiten der Ausführenden bildet dies die Voraussetzung für die Verwirklichung, für die erfolgreiche Umsetzung der Idee Vom Suchen, Finden, Erfinden, Entdecken des Klangs. Dies zeigt sich im Übrigen auch deutlich bei Mütter, dem Instrumentalisten, selbst, der die zeitgenössische Klangwelt verinnerlicht hat und sich wie selbstverständlich in ihr bewegt. Dementsprechend hohe Anforderungen werden an alle Ausführenden von DSUDL gestellt, deren Spiel (musikalisch-instrumental und darüber hinaus auch darstellerisch) unverkrampft und ungekünstelt gelingen muss.

Bertl Mütter gelingt es in DSUDL und in anderen Werken, sich musikalisch und künstlerisch schlüssig zu positionieren, Kreieren und Nachschaffen auf eine ganz eigene Art zu verbinden, sich in deren Grenzräumen (frei) zu bewegen: Er hat die ständige Veränderung als stets zur Verfügung stehende Möglichkeit im (Hinter-)Kopf, denkt sie mit (bei der Erstellung des Konzepts und der Partitur) und erspürt sie (als Interpret am Instrument); er »bewegt« sich, soll heißen arbeitet und spielt in einem – immerwährenden – Laboratorium.

Der künstlerische Teil der Doktorarbeit wird mit sehr gut (1) benotet.

Gerd Kühr, Graz, 17. August 2013   

Kunstuni Graz

Institut 1 – Komposition, Musiktheorie, Musikgeschichte und Dirigieren


Univ.Prof. Mag. Gerd Kühr
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