Gutachten Andreas Dorschel

  
Gutachten zur Dissertation von Bertl Mütter

Das Geräusch-das-man-macht-bevor-man-anfängt-zu-dichten


1. Präambel

Bertl Mütters Dissertation bildet den wissenschaftlichen Teil seiner Leistungen zur Erlangung des akademischen Grades Doctor artium an der Kunstuniversität Graz. Dass es sich bei dem Grad um einen ›Doktor der Künste‹ handelt, nicht um ein wissenschaftliches Doktorat, muss sich auch in der Beschaffenheit des Textes spiegeln, der einzureichen ist: Dies war mit der Gründung der künstlerischen Doktoratsschule allen daran Beteiligten klar. Wie es sich spiegeln werde, war nicht zu antizipieren, weil diesem ›Wie‹ jenes Maß an durch keine allgemeine Richtlinie zu bändigender Individualität innewohnen muss, kraft dessen Künstlerinnen und Künstler sind, was sie sind. Es wird in jedem einzelnen Fall zu sehen sein, ob eine aus sich heraus überzeugende Lösung gefunden wird – die vorliegende Bertl Mütters ist, so viel sei vorweggenommen, in höchstem Maße überzeugend. Dass diese Qualität Mütters Dissertation aber nicht zu einem Muster erhebt, das andere nachahmen sollten, ergibt sich aus dem Gesagten.


2. Gutachten

Schon die sichtbare Gestalt der Arbeit Bertl Mütters legt nahe, dass es sich bei ihr in einem bestimmten Sinne auch um ein Kunstwerk handelt, oder dass Kunst Wissenschaft hier gewissermaßen in der Wolle färbt (vgl. Modul B, 8). Wie aus dem Titel der Dissertation, Harry Rowohlts Übersetzung des englischen Klassikers Winnie-the-Pooh (1926) entlehnt, zusammen mit dem Untertitel, abzuleiten ist, legt Mütter eine musikalische Poetik vor: »Das Geräusch-das-man-macht-bevor-man-anfängt-zu-dichten. Vom Suchen, Finden, Erfinden, Entdecken des Klangs«. Wenn Mütter gerade um den modernen Klassiker des Genres, Igor Strawinskijs Musikalische Poetik (Poétique musicale sous forme de six leçons, 1942), einen weiten Bogen macht, so hat das seinen guten Grund: Sein Verfahren ist geradezu antipodisch – er scheut Strawinskijs normative Rede davon, was Musik zu sein hat und nicht zu sein hat, sondern umkreist sacht, umsichtig, ja vorsichtig die Vielfalt dessen, was sie sein kann. Dieser Haltung entspricht eine Vielfalt in den Genres des Schreibens (auch insofern kontrastierend mit Strawinskijs recht erratischem Vorlesungsstil) – der Autor selbst nennt etwa Essay, Manifest, Plädoyer, dokumentarischen Bericht und »Tractat« (Modul B, 7). Bei aller Vielfalt in Gegenstand und Zugang ergibt sich aber stets ein Reden in eigener Sache, gemäß der Maxime künstlerischer Forschung, das Objekt sei vom Subjekt nicht abzulösen.

Gegliedert ist Bertl Mütters Dissertation in elf »Module« – eine Bezeichnung, in der gewiss Ironie mitschwingt gegenüber den aktuellen Moden curricularen Designs an Hochschulen. Die Ironie und damit auch Abgrenzung Mütters rührt von dem Umstand her, dass gängige Modularität eben ein Aufbauprinzip verspricht, aufgrund dessen linear von Elementarem zu Komplexem fortgeschritten wird, jedenfalls werden kann. Demgegenüber bietet Mütter, um seine Bewegungsart zu beschreiben, das Bild der Flüsse Mäander, Timavo und Pazinica an; es wiederzugeben, hätte man die beiden Seiten herzusetzen, auf denen Mütter sie beschreibt (Modul B, 8–9) – hier muss genügen, dass damit unterschiedliche Gegenbilder zu Linearität entworfen sind. Gleichwohl tritt an der modularen Beschaffenheit der Arbeit auch etwas hervor, das gar nicht ironisch gemeint ist: »Modul« leitet sich von lateinisch »modus« »Maß« her – in wiederholten Anläufen nimmt die Arbeit an Klang, endlich an Musik ›Maß‹. Und zwar, gemäß dem zuvor Angedeuteten: Sie schöpft ihr Maß aus den Erscheinungen, und legt nicht von außen oder von oben einen ›Maßstab‹ an sie.

Die Redewendung »an Klang, endlich an Musik« ist hier eine Ungeschicklichkeit des Gutachters auf dem Weg zu einem Umriss des Gegenstandes der Arbeit. Klang ist allerdings nicht gleich Musik, und Musik ist nicht gleich Klang. Doch Musik ist auch nicht etwas nach dem Klang oder jenseits des Klanges; ohne Klang keine Musik. In der klassischen Musiktradition Europas lässt sich scheinbar fein säuberlich zwischen Komponisten und Interpreten unterscheiden, und demgemäß zwischen Komposition und Interpretation: Erstere Abteilung erzeugt wohlüberlegte Strukturen, die aber nicht klingen – die Partituren stehen stumm in den Regalen der Bibliotheken –; erst die andere Abteilung ist dann für die Produktion von Klang zuständig. Schon von seinem künstlerischen Tun her, in dem das Improvisieren einen bedeutenden Platz einnimmt, liegt es Bertl Mütter nahe, eine solche Trennung zu unterlaufen. Interessant aber wird die Sache erst durch den Umstand, dass er nicht einer anderen musikalischen Praxis anhängt, in der eine solche Trennung fehlt, sondern deren Subversion in seiner Dissertation vielmehr aus dem Inneren der klassischen Musiktradition entwickelt. Das beginnt mit der Reflexion darüber, welcher Klang denn in einer »multiphonen Posaunenversion« (Modul E, 5) dem ersten Ton von Gustav Mahlers Kindertotenlied »Nun will die Sonn? so hell aufgeh?n« gerecht werde, und findet nachweisbare Spuren selbst noch im Register (wo unter »Klang« übrigens so schön wie wahr steht: »1–300« (Modul R, 18)). Dass man Klänge wie Geschmäcke1 (die Analogie zwischen beiden spielt öfter eine Rolle, siehe etwa die Referenzen auf den Wiener Gmoa-Keller: Register Modul R, 16) eigentlich nicht beschreiben kann und es doch muss: dies notwendige Missverhältnis wird in der gesamten Arbeit äußerst produktiv.

Klang, wie Mütter ihn denkt, ist niemals die Einkleidung abstrakter intervallischer und rhythmisch-metrischer Strukturen – auch dann nicht, wenn, wie so oft in Mütters Musik, eine Komposition, die einer ganz anderen Besetzung zugedacht war, für die Posaune ›angeeignet‹ (cf. Modul E, 10: »Aneignungsmusik«) wird. Der Klang ist vielmehr, um den Kontrast zum ›Kleid‹ zu benennen, der Leib der Musik, und daher gewissermaßen (um einen modischen Vergleich durchgehen zu lassen) aus deren genetischem Code, also ›forschend‹, zu entwickeln. Am Phänomen Klang werden aber im Grunde die ehrwürdigen Dualitäten physis versus pneuma, Körper versus Geist, materia versus spiritus zuschanden: Er ist das eine durch das andere, und eben deshalb figurieren Worte, die sich nicht auf Physisches oder Geistiges verrechnen lassen, wie insbesondere das Paar »schwer«/»leicht«, so prominent in Mütters Arbeit (vgl. insbesondere Modul T, zu ›dsudl‹).

Bertl Mütters Dissertation Das Geräusch-das-man-macht-bevor-man-anfängt-zu-dichten ist eine eindringliche Reflexion kreativer Prozesse. Das ›Kreieren‹, sofern dies denn der rechte Ausdruck ist – weit entfernt davon, ›Schöpfung aus dem Nichts‹ zu sein –, stellt sich dar als Schöpfen aus dem reichsten Etwas, aus nahen und fernen Quellen, heißen und kühlen, tiefen und an der Oberfläche sprudelnden, vergangenen und gegenwärtigen, realen und phantasierten. Wie nun alles zusammengemischt wird zu dem Gebräu, welches wir Kunst nennen, lässt sich wohl kaum besser fassen, als es Bertl Mütter in eigener Sache getan hat.

Die Dissertation wird mit sehr gut (1) bewertet.

Andreas Dorschel, Graz, 8. August 2013

Kunstuni Graz


Institut 14 - Musikästhetik

Vorstand: Univ.Prof. Dr. Andreas Dorschel

Leonhardstraße 15 | 8010 Graz | Österreich

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1) »Geschmäcke« ist der Plural von »Geschmack« qua Sinnesempfindung; »Geschmack« im Sinne der Gesamtheit individueller Vorlieben wird in der Mehrzahl zu: »Geschmäcker«.

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