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CD ARBE 15 (2020)

Bertl Mütter, Posaune, Komposition
Robert Pavlecka, Tonmeister

Aufgenommen im leeren Stephansdom, Wien.

Release: Herbst 2020.


Dem Dom
    1    irreprehensibilis (nach Bruckner)    3:21

Unterwelt
    2    Herzogsgruft    3:02
    3    Alte Pestgrube 1    3:50
    4    Alte Pestgrube 2    3:50
    5    Sarkophag 1    3:15
    6    Sarkophag 2    3:19
    7    Karner    3:15
    8    Unterkirche 1    2:55
    9    Unterkirche 2    3:12

auf Erden     
    10    Barbarakapelle    7:54
    11    Eligiuskapelle    7:25
    12    Katharinenkapelle    7:54
    13    Untere Sakristei    1:59
    14    Langhaus 1    5:07

zwischen Erde und Himmel    
    15    Bartholomäuskapelle    3:05
    16    Valentinskapelle    2:11   

dem Himmel nah
    17    Türmerstube    1:36
    18    Alte Glockenstube    3:53
    19    Pummerin (für Simon)    1:46

Dem Dom
    20    Langhaus 2    2:44
    21    Mein Aug’ und Herz (nach Schubert)    6:21


Bertl Mütter, Posaune, Komposition (AKM)
Robert Pavlecka, Tonmeister (Aufnahme, Schnitt, Mastering)
Wien, Stephansdom
30. April [10,11], 12. [2-8,21], 13. Mai [1,9,12-16,20,21], 29. Juni 2020 [17-20].

Instrument: Schagerl Mut!horns
Fotos: Mütter & Pavlecka
Impulsdank: Architektur Hören (Agnes Parfy & Nina Jul)
Domdank: Toni Faber, Wolfgang Zehetner, Georg Rejda & Team

Für Philipp Harnoncourt (1931-2020)


Kirchenmausmusik

Als Musiker unmittelbar für Menschen spielen zu dürfen ist mir unabdingbare Quelle der Vitalität. Wenn das nicht geht, bedeutet das, dass meine Liebe ins Leere rennt – ohne Gegenüber verdorrt Alles. Jules Renard (1864-1910) schreibt am 7. Mai 1891 in sein Tagebuch: »Die flüchtige Idee beim Schopfe fassen und ihr die Nase auf dem Papier plattdrücken.« Kairos heißt dieser fruchtbringende Augenblick, und es liegt in der Natur der Sache, dass ein solcher in Zeiten der Enge schwer nur offenbar wird: die Bedrängnisse hemmen, bremsen, verstören, behindern, lassen einen wie ein Tiger im zu engen Käfig sich hinundherwerfen. Derweil gilt es, beständig unseren Blick neu zu justieren; nicht zuletzt dafür werden die Kunstschaffenden ja vom Staat gehalten … und bei der ersten Gelegenheit im Stich gelassen – abseits von Sonntagsreden bei Festspieleröffnungszeremonien sind wir wochentags leider doch nicht so systemrelevant.

Gegen Ende April 2020, nach Wochen der Lähmung, nahm ich auf Einladung der Initiative Architektur Hören zwei Improvisationen auf, bei denen ich mich auf die Klang-Persönlichkeit von Barbara- und Eligiuskapelle im Wiener Stephansdom eingelassen habe, souverän getragen von Robert Pavlecka, meinem Meister des Tons. Mit einemmal erkannte ich da meinen Kairos: Wir dürfen nicht fortwährend in Passivität verharren und den gesellschaftlichen Stillstand in coronis beklagen, sondern wir müssen lernen, genau diesen Stillstand anders zu betrachten und ihn als einmaliges Potential der Ruhe nutzen! In der Folge konnten wir, wohlwollendst unterstützt von sämtlichen maßgeblichen Menschen am, im, um und unterm Dom, etwas realisieren, was unter gewöhnlichen Umständen gar nicht möglich gewesen wäre: Nicht einmal im Stephansdom Heimische kannten ihn bislang bei Tageslicht menschenleer und entsprechend stille!

Beim Spielen und Aufnehmen haben wir sämtliche Räume genau so akzeptiert, wie wir sie vorgefunden haben. Das schließt akustische Einträge mit ein, auf die wir ohnehin keinen Einfluss ausüben konnten: ist doch meine bescheidene Kunstgreißlerei kein kommerziell potentes Major-Label, das den sakralen Klangraum für reputativ dringend notwendige Aufnahmen ihrer Primadonna samt zugehörigem Tenorhelden anmieten kann, wenn beider Image einer kontemplativen Note bedarf. Nein, der Stephansdom ist kein steriles Studio und auch keine Konzerthalle mit roten Warnlampen oberhalb billeteurbewehrter Einlässe, Absolute Ruhe! einfordernd. Indes, wir hatten es nicht für möglich gehalten, wie weit die zu jener Zeit sich zurückhaltende Welt akustisch vorzudringen in der Lage sein würde: selbst die Katakomben kennen die Pure Stille nicht. Wir haben uns also dreingefunden, und so hören Sie zum improvisatorischen Raumvermessen durch meine Posaune Orgelklänge, vorbeigehende Kellerelektriker, Heizungs- und Lüftungsgeräusche, Uhrenticken, nächtlich ante portas Skateboardende gleichwie intra muros Aussetzungsanbetende und vielfältigste weitere Klänge, sie mögen sich ans Ohr geschlichen oder gerempelt haben – allen gemein ist lauterste Absichtslosigkeit, in irgendeiner Weise zu stören; wir wollen zu gern annehmen, dass alle Genannten (die Ungenannten auch), im Fall, sie hätten von unserem Unterfangen gewusst, den Atem angehalten, überhaupt gänzlich innegehalten und im geeigneten Moment (Kairos) tip-toe, through the tulips davongeschichen wären.

Es mag paradox erscheinen, aber gerade durch eben jene Beiklänge – denen ich das Epitheton Lärm (was störender Schall per definitionem wäre) hiermit ausdrücklich versage – wird die außerordentliche Stille, in die der Dom im Frühling 2020 selbst am helllichten Tag getaucht war, aufs eindrücklichste dokumentiert. Gehen Sie doch nach dem Auslaufen der sog. Neuen Normalität ins zentrale Sakralgebäude einer beliebigen Metropole und weiden Sie ihre Ohren einmal bewusst am babylonischen Stimmengewirr, dem Pegel, den die kollektive chaotische Lebendigkeit wachruft. Verglichen damit war was wir gesammelt haben ein Kirchenmaustritt.

Nachsatz
Fünf Monate nach dem obigen Eintrag, am 9. Oktober 1891, notiert Jules Renard: »Das wahre Glück wäre, sich an die Gegenwart zu erinnern.« Vielleicht können meine Klänge eine gewisse Hilfe dabei, nein: dafür sein.


Lauteres Klingen

Mir schupft es das Blut eimerweise durch den Körper.
Andreas Okopenko

Du spielst ein kleines Motiv, variierst es sinnreich, addierst deinem frühlingshaften Florilegium einen wohlklingenden Gedanken. Da passiert dir eine kleine, völlig unbedeutende Unreinheit im Ton, ein leichtes Bröseln, eine Bindung gerät etwas holprig und das Intervall ist nicht so sauber, wie du es gerne gehabt hättest und es jedenfalls sein müsste: Fehler! Um zu kaschieren, wiederholst du ihn, sie!, wörtlich, sinngemäß, in Paraphrasen, so gut es geht. Dadurch erscheint jetzt alles Erklungene wie genau so gewollt: ›Wenn du einen Fehler machst, wiederhole ihn dreimal, dann ist er richtig.‹ Diese Strategie hat als unfreiwillig verinnerlichtes Erbe der einst mehr durchlittenen Schule des Jazz in dein Spiel hineingewirkt, fein marmoriert, manchesmal auch gröber: nicht jeder hat immer das Zeug zum Kobe-Rind, und wer täte einen auch dreimal täglich wohlig und zielführend massieren, zu wessen Vorteil, der vom persönlichen Jenseits her jedenfalls anderen schmeckt?!

Beim Weiterspielen passierst du zusätzliche Unebenheiten, regelrechte Schlaglöcher klaffen auf, üble Patzer passieren. Derart steckst du mitten im dich beim Tun zunehmend abschätziger Kritisieren, gleich von allem Anfang an war es das erschreckend wohlbegründet befürchtete ausufernde Schlamassel! Nichtswürdiger du, nüchtern besehen hast du nie noch im mindesten einen klar artikulierten, korrekt intonierten Ton hervorgebracht! … Die immer verzweifelteren Rechtfertigungsaffirmationen überwuchern, umklammern jedes zarte melodische Rinnsal, wie du es möglicherweise intendieren würdest, kanalisieren es unter die Erde, ein trauriger Wienfluss dem gleichermaßen avitalen Donaukanal zu, Rattenzone im besten Fall. Schon der erste Schritt brachte dich vom Weg aller Tugend ab. Sich verselbständigender Bestemm ist der Höllenweg zu polterndem Populismus unseligster Art. Es ist ein großes Glück für die Menschheit, dass unsereins fast nie irgendein hochrangiges öffentliches Amt zu bekleiden bekommt! Mea culpa! Mea culpa!

Derart in selbstdestruktiven Zwangsgedanken eingesponnen klingt indes draußen dein Spiel fort, es verhallt, der Meister der Aufnahme zeigt mit beiden Daumen nach oben, und du kannst dir nicht vorstellen, was er damit andeuten könnte. Was ist geschehen?

(Dies zur gerne propagierten Mär vom achso lauteren, seelenreinen und aller Absichten frischfreien Sein im Spiel; mit dem ich nichts weniger als die Weltherrschaft anstrebe: Sie werden sich noch wundern!)


Weitere Details folgen, wenn es was zu berichten gibt.

muetter.at
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