Spirale Sonntag, 31. 12. 2006, 0:00

Jeden Samstag, wenn die Zeitungen gratis waren und er sich (er zahlte stets freiwillig einen die vielen Diebstähle ausgleichenden Betrag) mit weißen und rosafarbenen sog. Qualitätszeitungen eindeckte, brauchte er noch kürzer zum Durchblättern der tageswichtigen Informationen und das Wochenende zu überdauern vorgebenden Feuilleton-Beilagen, immer kürzer, es stand immer das gleiche drinnen, nur die genauen Zahlen und die Orte variierten, wie sich ja auch die Welt drehte, alles war diesem immergleichen Spiel unterworfen, der eine war beleidigt, weil er beleidigt sein wollte, der andere frech, weil er ein schneidiger Bursch sein wollte, woanders wurde ein neuer Rekord erzielt (warum werden eigentlich keine alten Rekorde aufgestellt?), alles war so vorhersehbar und würde ihn bald schon nicht einmal mehr nicht interessieren.
Ob diese – nicht nur – Jahresendgedanken ein Zeichen von Pessimismus waren? Zweifellos bedeutete sein Sich-Ersparen, informiert sein zu müssen (mit dem, was man halt für wichtig halten musste), dass er Zeit und Aufnahmefähigkeit (heute sagt man: Speicherplatz) für Wichtiges, zumal Angenehmeres hatte. Optimistisch gedacht.
Nun ja, haben könnte.
Faktisch.



versch(r)oben Samstag, 30. 12. 2006, 0:00

Annähernd achtzig Jahre müsste man werden, dann dürfe man Weihnachten vergessen, stellte er sich vor, als sie ihm von der Küchenoma erzählten (eigentlich war sie eine Großtante, aber die Kinder nahmen, wen sie bekommen konnten; die andere, despotischere, hatten sie, genauso treffend, Fernsehoma genannt), die bei der Nichten-und Neffenkonvention am 22. Dezember in jener Pizzeria starke Zweifel äußerte, dass Weihnachten vor der Tür stehe, neinnein, Weihnachten sei bestimmt schon vor zwei Wochen gewesen, und wenn es übermorgen wäre, das stünde ja in der Zeitung, odernicht?
Beiden Argumenten konnte er einiges abgewinnen, und so freute er sich auf sein eigenes hohes Alter, das würde noch manchen Spaß geben. Zumindest was Weihnachten betraf.



Geflügel Freitag, 29. 12. 2006, 0:00

Völlig fassungslos indes war er, als er bemerkte, dass sich jenes Reise-Studio Ikarus den Untertitel Dodo-Tours gegeben hatte.

Dodo © Harri Kallio

Umgekehrt: Wenn es damals bei Ikarus mit einem Absturz geendet hatte, so bestand beim Wappenvogel Dodo keinerlei Gefahr: Die Dronte, die dereinst auf Réunion und Mauritius lebte, verfügte bei einer Größe von etwa einem Meter (und einem Gewicht von gut zwanzig Kilo) nur über Stummelflügelchen, wozu auch, sie wollte ja nicht weg (auch das erschien ihm nicht gerade vorteilhaft für ein Reisebüro), Feinde hatte sie keine und zu Essen gab es am Boden genug. Irgendwann wurden auch die Maskarenen entdeckt, man brachte Ratten und Schweine mit, denen schmeckten die Eier, und die Hunde und natürlich die Matrosen freuten sich über das gutmütig-tollpatschige und also leicht zu fangende Viech, frisches Fleisch für unterwegs, Mahlzeit. Bereits hundert Jahre vor Mozarts Tod war es mit der letzten ihrer Art vorbei, dead as a dodo sagt der Brite.
Dass so ein Reisebüro nicht auch ausstirbt muss an ein Wunder grenzen, stellte er sich vor.

NB: Schauen Sie sich das bezaubernde Dodo-Projekt auf der Homepage des finnischen Photographen und Bildhauers Harri Kallio an.



Der Sonne entgegen Donnerstag, 28. 12. 2006, 0:00

Das Flugticket, mit dem sie von ihrem zeitarmen Vater um die halbe Welt verschickt wurden, war bei einem Reise-Studio Ikarus bestellt worden. Vermutlich kannte er nur den unfallfreien ersten Teil der Geschichte, entweder er war vor dem Umblättern eingeschlafen oder, wahrscheinlicher, er hatte in der Schule aufgezeigt, kann ich aufs Klo?, und konnte sich so eine absturzlose Mythologie bewahren.
Oder aber, und das wäre schließlich am plausibelsten, es war ihm gar nichts aufgefallen, und wäre es ihm aufgefallen, er hätte nichts Auffälliges bemerkt, wasdennauch?
Das Flugzeug setzte überpünktlich in der Neuen Welt auf.



nunc dimittis Mittwoch, 27. 12. 2006, 0:00

Großväterlich stolz schwärmte noch knapp vor seinem Tod der Mittererbauer von der Tüchtigkeit seiner Enkelin, Zahntechnikerin ist sie geworden, die beste des Landes, meine Monika, und der Landeshauptmann Pröll lässt sich seine Zähne nur von ihr machen, von keinem sonst.

Ich stelle mir vor, der zahngeplagt-schlaflose König schickt seine Herolde aus, in die entlegensten Provinzen ritten sie mit dem Auftrag: Man forsche und bringe mir den Besten im Lande, auf dass er mir gute Zähne verfertige. Reich soll sein Lohn sein und die Hand meiner Tochter sei ihm versprochen. Versagt er aber, so sei sein Leben verwirkt! Und, kaum ausgesprochen, ertönte allüberall der Ruf auf den Marktplätzen seines schmucken Ländchens. Bald schon brachten sie einen nach dem anderen daher, die Beißer des Herrn aber missrieten allesamt für und für, und viele legten darob ihr Haupt auf den Block des Henkers. Da ereilte den König die Kunde, dass im entferntesten Winkel des Reiches, fast schon Ob der Enns ein junger Knabe gefunden war, von dem man sich gar wunderlich Dinge erzählte, die Bader schworen Eide auf seine Zähne, und so erging der Ruf an ihn, er nahm Maß, und der König genas. Alsbald sollte also Hochzeit gefeiert werden, doch wie sehr staunte der Hofstaat, als sich der wackere Handwerker als gar treffliche Jungfrau herausstellte!
Fortan aber durften auch Weiber in die Zunft der Zahntechniker aufgenommen werden, und jene Monika ward die erste und vornehmste unter ihnen, und sie wurde reich beschenkt. Seither verging keine Gebisskorrektur des Königs mehr, ohne dass nicht sieselbst die neuen Zähne vermessen und angepasst hätte.

So starb der Mittererbauer nach einem arbeitsreichen Leben in Zufriedenheit.

Das ist doch auch eine Weihnachtsgeschichte, oder?
(Wenngleich es – siehe die Überschrift – eine die Weihnachtszeit abschließende wäre, der greise Simeon kommt ja erst zu Lichtmess – vierzig Tage nach Weihnachten, Mariæ Reinigung, Darstellung des Herrn – dran und darf zufrieden sterben, da er das Jesukindlein erblicken durfte, wie ihm verheißen war, aber wer hätte schon etwas dagegen, auf den 2. Februar vorzuspringen, die Tage wären auch schon heller und Ostern wäre nicht mehr weit, mitten im kalten Winter, also ich ganz bestimmt nicht.)



Weihnachtswunder (twimc) Dienstag, 26. 12. 2006, 0:00

Manche Menschen scheinen nicht zu altern, Gerald G. (genannt Gmachi) aber hat dies mitsamt seinem Fahrrad seit der Mittelschule, deren Zeit jedenfalls weit in seiner ersten Lebenshälfte liegt, völlig unterlassen. Immer noch sieht er so jungenhaft-unangekommen-auf-der-Welt aus wie Rüdiger Vogler in Im Lauf der Zeit und anderen frühen Wenders-Filmen.
Im Gymnasium wurde damals seine Mutter in die Schule zitiert (oder haben sie überhaupt eine Klassenkonferenz einberufen?), weil der längliche Bub auch im Winter mit dem Ruderleiberl unterwegs war und kurze Hosen anhatte. Sie konnte das besorgte pädagogische Aufsichtsorgan beruhigen und musste es zugleich beunruhigen, als sie glaubhaft versicherte, der Knabe kenne keine Kälteempfindung, es sei ihm auch im Winter heiß, und was solle sie da machen? (Natürlich hatte er seine Blasenentzündungen, aber wenigstens musste er nicht schwitzen.)
Jetzt das Weihnachtswunder: 23. Dezember 2006, Christkindlstadt Steyr, Kirchengasse, vor der vormaligen Weihnachtserlebniswelt (gegenwärtig: Krippenausstellung, auch am Hl. Abend geöffnet): Bergauf tretend, unverkennbar, Gmachi, mit Handschuhen und Anorak! Fehlte nur noch, dass er eine Haube aufgehabt hätte.

Der Klimawandel funktioniert doch komplizierter, als wir uns das vorstellen.



Weihnachtsvokabel Montag, 25. 12. 2006, 0:00

Ein weiteres, zeitgenössischeres Wort (vgl. waggerln), welches die unerträglich-ungustiöse Art, eine selbstzufrieden-biedermeierlich-larmoyante Heimeligkeit bei gleichzeitigem bescheiden vor sich herschreiendem, volksbildnerisch sich gebendem Gezetere (und jetzt stellen Sie sich vor, liebe Hörerinnen und Hörer, es war natürlich keiner so ein wilder Bursch wie wir damals) rücksichtslos auf weihnachtlich-wehrlose Österreicher (noch dazu das ganze Jahr über) zu verströmen ausdrückt, könnte köhlmeiern sein, dachte er sich, bevor er um 18.00 das Radio ausmachte.



Elbasan® Sonntag, 24. 12. 2006, 0:00

Elbasan ist keine Salbe für Patienten vorgerückten Alters (des Kreiz, de Haaxn), das aus nur in Elba abgebauten Salzen hergestellt wird (sauteuer, aber es wirkt).
Mein heutiger Text hat aber sehrwohl mit der Gesundheit zu tun. Konkret geht es darum, dass die Menschen, um die es sich dreht, die Chance erhalten, überhaupt einmal später (sehr später) auch Patienten vorgerückten Alters werden zu können. Sie würden es nämlich nicht erleben (nicht annähernd), wenn ihnen nicht geholfen würde.
Die Allianz für Kinder (erinnern Sie sich?) betreut Kinder, die an in ihren Ländern kaum oder gar nicht behandelbaren Krankheiten leiden, bringt sie nach Österreich, wo sie (oft in mehreren Etappen) behandelt werden, sodass sie schließlich daheim als normal gesunde Menschen aufwachsen können.
Elbasan ist eine Stadt in Mittelalbanien. Zum Beispiel dort wird geholfen.
Nehmen Sie sich die Zeit (es sind keine vier Minuten), die beeindruckende, erfreulich unsentimentale und umso berührendere Tonbildschau von Christof Zachl anzusehen. Klicken Sie dazu auf das Bild:

twimc (to whom it may concern):

Frohe Weihnachten



edel, hilfreich und gut Samstag, 23. 12. 2006, 0:00

Wir befinden uns unmittelbar vor der Peripetie einer allenthalben zur Schau gestellten Humanität, des angepunschten Gerührtseins über die eigene Warmherzigkeit.
Heute wird wieder ein Kind ein in Bethlehem angezündetes Licht ins Fernsehen bringen, darum muss es korrekt (und vermutlich markenrechtlich geschützt) ORF-Friedenslicht heißen, der ORF ist nämlich als Weihnachtsbrauchtumsträger ersten Ranges zuvorderst zu nennen, und vergessenS‘ mir nicht das Logo, ja?, schließlich ist ja die Botschaft WIR WIR WIR helfen. Wem? Na den armen armen Kindern, und haben Sie meine spontane Rührungsträne schön im Bild, ja?
Bitte dann aber wirklich wieder einmal eine Ruhe geben, schließlich, man wird nicht müde es zu betonen, sich selbst vorzulügen, ist ganz Österreich Spendenweltmeister, nur die Schifahrer (na gut, dzt., die Schifahrerinnen) sind noch besser.
Also (schispringerischer ausgedrückt) keinesfalls den Absprung verpassen. Rührseligkeit als Ansehensanlauf. Ziiiiiiieeeeeehhhhh!



zerspragelt Freitag, 22. 12. 2006, 0:00

Merkwürdige Zwischenzeit nach der Sonnwende (zutreffender wäre Schattwende), es geht (angeblich) lichtmäßig aufwärts, ist aber noch vor Weihnachten, und das Jahr tut es auch nicht mehr wirklich lang, Entspannung kollidiert mit allerhöchster Verdichtung, das geht über in diese Dösphase vor Silvester, aber dann aber warte nur, warte nur, balde ruhest du auch.
Quer aber über diesen verzogenen Rahmen gespannt kommt dann auch noch die Vierschanzentournee.
Darauf
freue ich mich, in meiner Erinnerung.



Tromsø Donnerstag, 21. 12. 2006, 0:00

Superlativisches:
Etwas kleiner als das Mühlviertel, ist T. die flächenmäßig größte Gemeinde Europas.
Noch zwei Superlative: T. beherbergt die nördlichste Brauerei der Welt, sowie die nördlichste Universität (was wäre auch eine Uni ohne Bier?).
Es gibt etliche aufschlussreiche webcams, z.B.:
Tromsø (ein Standbild, laufend aktualisert)
(Dieser Tage eher zwischen 10.00 und 13.00 Uhr ergiebig; im Sommer: rund um die Uhr)

Wenn Herr Klaus Santa vom finnischen Polarkreis anzureisen pflegt (Rovaniemi) – obwohl, irgendwo stand geschrieben, er komme überhaupt vom Nordpol -, so liegt T. noch einmal 300 km weiter im Norden (als R., nicht als N.). Dafür ist es dort (in T.) relativ warm, und das kommt vom Golfstrom.

Womit wir, beträchtlich gebildeter, auch diese Wintersonnwende geschafft hätten.

(morgen: heller; oder ganz etwas anderes)



sofort Mittwoch, 20. 12. 2006, 0:00

Früher war ja in der Taubstummengasse, auf durchunddurch neutralem Boden, das Fernsprechamt. Mittlerweile befindet sich im gleichen Gebäude das Amt für Gleichbehandlung.
Ich stelle mir vor, dass eine Gerechtigkeit suchende Partei, wenn sie erwartungsvoll den Warteraum betritt, zuallererst ein Schild an der Tür der Amtsperson vorfindet, auf dem steht: Bitte warten, komme gleich.



satisfaction Dienstag, 19. 12. 2006, 0:00

Diese gestern hier erwähnte rechtlich gedeckte Hinrichtungs- bzw. (Canetti, schau – woher bitte? – owa!) Überlebens-Schadenfreude (ein vereinfachender Begriff) wird einem hierzulande gerade einmal beim in Städten so beliebten Falschparkerabschlepptheater geboten.
3. Juli 2004, Vorabend des independence day: Das in der Rotenturmstraße vollzogene Ritual erinnert mich unmittelbar an Berichte aus St. Quentin oder anderen Todestrakten. Schritt um Schritt, du weißt, wie es ausgeht, aber du bleibst, kannst nicht wegschauen, ein gnädiges Schicksal hat dich zum Zeugen bestimmt, der Henker, ein Mechanikertyp wie Du und ich, kommt, nimmt behäbig Maß, Gurte werden angebracht, ein Rucken und von einem durch die Menge gehenden Raunen begleitet schwebt das Auto des Bösen auf die Ladefläche der Gerechtigkeit, der Abschleppwagen setzt sich unmittelbar darauf in Bewegung Richtung Simmering Ost, dort, unweit des Zentralfriedhofs befindet sich der kostenpflichtige Parkplatz der Gesetzlosen.
Jetzt können die Fiaker wieder weiter. Hat einer amerikanisch geredet? Ich weiß es nicht.
Wenn Sie zu so einem Schauspiel zurechtkommen, gehen Sie nicht weiter, hier gibt es wirklich was zu sehen! Beobachten Sie dieses süffisant grinsende Spontanpublikum. Und: Vergessen Sie nicht, sich selbst zu beobachten.
Und wenn Sie wollen, können Sie nachher immer noch ungebrochen an das grundsätzlich Gute im Menschen glauben. Ich, für mein Teil, bemühe mich weiter. Ist ja auch bald Weihnachten.



genug Montag, 18. 12. 2006, 0:00

(ausnahmsweise dem täglichen Medientheater entnommen)

In Florida hat man einen Delinquenten unabsichtlich gequält. Das aus humanitären Gründen verabreichte Schmerzmittel hatte aufgrund einer stümperhaft gesetzten Injektion versagt. Um derartige Pannen fürderhin zu vermeiden, lässt man die anderen Todeskandidaten vorerst ein bisschen länger warten, hat man beschlossen; so ist in jedem Fall gewährleistet, dass sie auf menschliche Art und Weise umgebracht werden können, wir sind ja keine Barbaren.
Die liebevolle Detailtreue, mit der unsere Medien vom Todeskampf dieses zumindest doppelt Unglücklichen berichtet haben (34 Minuten Todeskampf, unbeschreibliche Schmerzen – die man sich bemühte, uns anschaulich zu vermitteln: als würden einem die Hände abbrennen), zeigt wieder einmal wie sehr wir dankbar sein sollen, dass es die USA (zumindest jene 37 Bundesstaaten, in denen Recht noch Recht ist) gibt, ermöglichen sie doch stellvertretend für alle Länder, in denen staatlich veranstaltete Lynchjustiz leider nicht mehr mit den humanen Grundrechten in Einklang zu bringen ist, vermittelst weltweit verbreiteter und multiplizierter Berichterstattung diese Anteilnahme, Gelegenheit, Genugtuung zu erfahren, ahh, das schaudert aber angenehm.

(morgen: bei uns)



plus Sonntag, 17. 12. 2006, 0:00

Am nächsten Tag dann stand das Glück wieder auf seiner Seite. Im Postkasten hatte er den Geburtstagsgutschein einer nach einem sonnennahen Planeten benannten Lebensmittelhandelskette vorgefunden, dabei hatte er doch erst im Juli gefeiert, sowas. Es wurde ihm in Aussicht gestellt, beim nächsten Mal einen Rabatt von 10 Prozent von der Gesamtsumme seines Einkaufs abgezogen zu bekommen.
So gesehen lag es an ihm, sich wieder ins Plus zu konsumieren.
Oder anders: Zehn Rolls Royce zum Preis von neun! – Was Sie sich da ersparen!



Jo-Jo-Tag Samstag, 16. 12. 2006, 0:00

Dienstag war es, und es sollte materiell ein Hoch-Tief-Tag werden.
Zuerst der vorweihnachtlich-übl(ich)e Geschenksbeutezug durch die, wie sagt man mittlerweile: Sitti. Viel zu gut war er aufgelegt, und das freute den Handel über alle Maßen; unvorsichtigerweise hatte er auch noch durch das Schaufenster seines Hutgeschäftes zurückgewunken, was ihm letztlich teuer zu stehen kam, der neue Hut ist es aber schon wert, man gönnt sich ja sonst nichts (sagt man auch). Voller Packerln kam er nach Hause, hatte gönnerhaft Kreditkartenautogramme verteilt und PIN-Codes in Bezahlterminals getippt, diese vier immergleichen Ziffern (die hier nicht verraten werden können).
Daheim dann die Post, es wurden einlangende Zahlungen angekündigt. Zufrieden stellte er fest, dass sie etwa 150 Prozent seiner eben getätigten Ausgaben ausmachen würden.
Derart unbeschwert fuhr er am Abend zu seinem Freund, den Zahnarzt, Halbjahresservice. Eine Füllung wurde gleich gemacht, reine Routine. Jetzt noch schnell das Röntgen, kurz warten, bis die Knochenbilder fertig sind, wir besprechen das dann gleich.
O-o. Trotz Freundschaftspreis minus 250 Prozent, mindestens, im Februar würden sie sich für drei Sitzungen wieder sehen; schöne Feiertäg bis dahin.
Leider bot ihm dieser Tag kein viertes materielles Erlebnis, jo,jo.
Immerhin, tröstete er sich, ab März würde sein Lächeln güldener.



Jo-Jo Freitag, 15. 12. 2006, 0:00

(Ausnahmsweise ein Zitat aus Wikipedia)

Das oder der Yo-Yo, im Deutschen häufig auch Jo-Jo genannt, gilt als zweitältestes Spielzeug der Welt.
Da ich nicht weitergelesen habe, habe ich mir vorgestellt, das älteste Spielzeug der Welt müsse demnach das oder der Yo, im Deutschen häufig auch Jo genannt, sein.
Ist es aber nicht. Es ist die Puppe.

(morgen: Der Jo-Jo-Tag)



Kennzeichen Donnerstag, 14. 12. 2006, 0:00

Warum erkennt man den Tontechniker, pardon: Bühnenmeister (meist geprüft) aus hundert Menschen zweifelsfrei heraus? Liegt es an den grauschwarzen langen glatten, hinten mit einem Gummiringerl zusammengebundenen Haaren, an der dioptriengesättigten Brille (angekettet), am Schmerbäucherl / Wamperl (dazu abgewetzte weite Jeans, schwarzgrau wie die Haare), am (zweifellos praktischen) Leatherman, an der Tschik, die prinzipiell auf der Bühne, quasi zur Begrüßung angezündet wird?

(Um es klar auszudrücken: Ich mag das alles, es vermittelt Heimeligkeit, Branchennestwärme; naja, ohne Tschik ginge es auch.)



ostinato Mittwoch, 13. 12. 2006, 0:00

Aus Pirmasens sei er, der deutschen Schuhmetropole, und heute sei sein erster Diensttag (hoho, an einem Freitag), den Job hier in Tirol habe er über Ausschreibung im Internet gefunden und tatsächlich die Stelle erhalten, unglaublich, und er sei stolz, dürfe stolz sein in der Tat, der erste voll ausgebildete Bühnenmeister mit Abschluss in Österreich zu sein, heute Dienstantritt, er wollte nach Jahren einfach weg aus Primasens, dieser Schuhmetropole, da ist Tirol gerade recht gekommen, dass er die Stelle bekommen würde, damit habe er als geprüfter Bühnenmeister schon spekulieren dürfen, schließlich habe er sich als offenbar bestqualifizierter durchsetzten können, müssen, der erste in Österreich an diesem ersten Dezember, was?, bloß zwo Mikrophone, nur zum Reden, naja, das kriegen wir schon hin, war’n ja schon alle bei mir, aber der Shepp, der war vielleicht zugedröhnt und hat aber toll gespielt, naja, am Mikrophon vorbei, aber einen Sound hat er schon gehabt, ja, Pirmasens, Schuhhauptstadt, (…)

(Mein Partnerstadtvorschlag, zur Güte: Taufkirchen an der Pram)



Lautverschiebung Dienstag, 12. 12. 2006, 0:00

Zu Nikolaus, als er sich, wie immer zwanghaft beim Verzehr von Mandarinen, des deutschen Schlagers Mandolinen um Mitternacht erinnerte, beschlich ihn ein merkwürdiger Verdacht: Rex Gildo war Legastheniker gewesen.



Wurscht Montag, 11. 12. 2006, 0:00

Wurststand an Wurststand, überall Wurststände. Kiel, Wurststadt. Die weihnachtshandwerklichen Produkte auf der Holstenstraße sind Nebenerwerb, nichts als Vorwand. Es geht um die Wurst.
Da er ans Meer gekommen war, hatte er sich auf Fisch eingestellt. – Fisch wollen Sie essen, Sie wollen Fisch essen? Nee, können Sie vergessen, bei uns gibt’s keinen Fisch.
Umgekehrt, welche Topographie brachte eigentlich keine Würste hervor, dachte er sich, stellte er sich vor.
Das Hotelfrühstück dann war sehr reichhaltig und gut. Bloß der Räucherlachs war ausgegangen. Fischlos verließen sie den Norden.
Immerhin, Spiegelei gab es.



Bespiegelungen Sonntag, 10. 12. 2006, 0:00

Was wollen Sie? Spie-gel-ei? (…) Moment.
Tuscheln mit dem gleichrangigen, diensterfahreneren Kollegen. Ernste Mienen. Aber man ist dran an der Beilegung des Problems, wurde ihm geflissentlich vermittelt. … Rücksprache mit der Frühstückschefin. Bereits nach etwa einer halben Minute signalisiert die die Anspannung auflösende Körperhaltung aller drei, dass dem, wie es scheint, so noch nicht dagewesenen Gästewunsch möglicherweise näher getreten werden könne, man müsse nur noch eine Expertenmeinung einholen. Also wird der Koch befragt, der zu erkennen gibt, dass er sich dieser Aufgabe gewachsen fühlt.
Jetzt geht alles flink, und keine zwanzig Minuten später ist das gelbweiße Spiegelei (zwo Stück) serviert, danke vielmals.
Draußen geht die Sonne auf. Es ist spät.



Zuverdienst Samstag, 9. 12. 2006, 0:00

Duschtester, jawohl, das wäre was. Er würde Guten Tag sagen, dabei seinen mit den neuesten Sicherheitsmerkmalen versehenen Dienstausweis in Kreditkartengröße aus dem Sakko blinken lassen, darf ich mal Ihre Dusche sehen?
Duschinspektor, so ein Beruf ließ sich im Nebenerwerb ausüben. Und er würde sauber bleiben.



lebenspendend Freitag, 8. 12. 2006, 0:00

In Kiel dann war sie, nach genauem Studium, schließlich doch noch so, wie er es liebte, mit festem, gerade nicht schmerzendem Strahl. Die Wassertropfen perlten die vorbildlich gereinigte, durchsichtige Acrylwand hinab, wie Spermien im Mikroskop, faszinierend. Zufrieden konnte er den vorgewärmten Fliesenboden betreten und einen guten Tag beginnen.

(übermorgen: mehr zum Frühstück)



Duschkopfüberforderung Donnerstag, 7. 12. 2006, 0:00

Ein Hotel aber überforderte ihn mit seiner Brause: Das badtechnische Wunderding hatte derart viele (sicher noch weit mehr, ungeahnte) Programme, dass es ihm recht gewesen wäre, man hätte ihm eine charmante Assistentin zur Einschulung beigestellt.
So liberal aber schien man selbst im skandinaviennahen Kiel oben nicht zu sein.



Duschindizien Mittwoch, 6. 12. 2006, 0:00

Ob die Ausstattung der Dusche ein Hinweis auf das Selbstverständnis einer Zivilisation sei, Aufschluss gebe, wieviel individuellen Gestaltungs- und Bewegungsraum man seinen Bürgern zugestehe und seinen Gästen – durchaus auch in erzieherischer Absicht – gewähre? Auf dieser Reise, die sich auf – allerdings recht weit entfernte – Regionen des deutschen Sprachraums beschränkte, bekam er es jedenfalls mit einer breiten Duschvarietät zu tun, nicht immer ein feuchter Spaß.
Da gab es Brausen, deren Schlauch war so kurz, dass sich Menschen über 1,70m gefährlich bücken mussten, wollten sie sich den Oberkörper, den Kopf gar duschen; beim Aufrichten lauerten die Armaturen dem Hinterkopf auf. Besonders perfide erschien ihm auch der Umstand, dass der Schlauch jedesmal abknickte, wenn er sich strecken wollte und drohte, aus dem Einhandmischer hervor zu platzen.
(Von der Beschaffenheit des Wasserstrahls war hier schon früher die Rede.)
(morgen: die Duschkopfüberforderung)



billig Dienstag, 5. 12. 2006, 0:00

Die NEUE – Zeitung für Tirol verspricht die ganze Wahrheit für 50 Cent.
Das gefiel ihm. Wenn er bedachte, wie viele Menschen in seinem Land sich gerne (und lieber) mit fünfzig Prozent von ihr zufrieden geben wollten, reduzierte das doch den Preis dessen, was man wissen wollen musste, auf ein noch attraktiveres Maß. Was ihn zudem beschäftigte war die Frage, ob die NEUE, die auf der Straße in praktischen Selbstbedienungsbeuteln angeboten wurde, auch über Abonnenten verfüge und wie teuer ihn denn dann ein Exemplar täglich neuer und also wechselnder Wahrheit zu stehen kommen würde; wäre der Preis günstig, er würde ernsthaft eine solche Bindung erwägen.
Vorerst aber würde er einmal das Testabo anfordern, selbstverständlich völlig unverbindlich, wirklich wahr.



kalorienfrei Montag, 4. 12. 2006, 0:00

Um dreiviertel zehn erst war er aufgewacht, schnellschnell duschen, das Frühstück noch erwischen. Die Stube fand er leer, nur auf einem Tisch war ein Korb mit Semmeln, davor ein dicker Porzellanteller mit dem, was er das österreichische Gastronomiefrühstück nach ÖNORM (1971) nannte: einpapierlter Butterquader, Plastikhonig, Plastikmarmelade, Leberaufstrich in Aluminium. Gleich würde die hornhäutige Wirtin mit dem Zuspätblick die Teekanne herstellen, die man nur mit einem Topfhandschuh anfassen konnte, weil das Wasser zuallererst den Griff aufgeheizt hatte, was zur Folge hatte, dass der ausgerauchte Teefixsackerltee (Assam Ceylon Blend) bestenfalls lauwarm war.
Guten Morgen, rief er ohne weitere Erwartung ins Leere, morgen, echote ein Gast hinter seinem zweiten Bier, sonst herrschte Ruhe. Er drehte noch eine Runde im Saal und schritt dann wieder zügig zur Treppe, nur rasch zurück ins Zimmer und, jawohl, es war genug Bewegung, der Verdauungsapparat war angeworfen, der Frühstückszweck erfüllt; andere, dachte er, müssen, um gesellschaftsfähig zu werden, jeden Tag eine Stunde früher aufstehen, umständlich starken Kaffee trinken und drei Zigaretten rauchen, alles auf den lichten Magen. So gesehen war ihm die ÖNORM 1971 ein ausreichend erleichternder Segen, stellte er sich vor.



spin-off Sonntag, 3. 12. 2006, 0:00

Der Geschäftsführer war derart vernarrt in seine mitlenkenden Scheinwerfer, dass er sich gar nicht mehr einkriegen wollte.
So war das also mit der Beugung des Lichts zu verstehen, dachte er sich, beifahrend um die Kurve lugend.
Sonst, rundherum, Nacht.



Abriss Samstag, 2. 12. 2006, 0:00

Anfang Dezember war es Zeit, sich den Taschenkalender für das nächste Jahr zu sichern. Dazu war es mittlerweile sein privater Brauch geworden, dass er jedes Jahr in eine geschützte Buchbinderwerkstätte fuhr, um sich dort sein dezent kreativ gestaltetes Exemplar auszusuchen, im Inneren gewährleisteten die immergleichen Einlageseiten mit dem Lesebändchen größtmögliche Kontinuität, sodass alles zusammen ihm eine Art Segen für die Zukunft versprechen mochte, und wer will das nicht.
Jetzt hatte sich aber eine Kleinigkeit verändert: Das – zugekauften – eigentliche Kalendarium verfügte plötzlich über ein perforiertes Eck, sodass man, war eine Woche vorbei, durch sein Heraustrennen beim Durchblättern mit dem Daumen stets zur aktuellen Woche finden konnte, sehr praktisch, wie es schien, und sicherlich mehrheitlich gutgeheißen in der bei solchen Projekten unabdinglichen Teamsitzung.
Wozu aber bitte dann das Lesebändchen?, dachte er sich und fand sich in seiner dräuenden saisonalen Mürrischheit bestätigt. Was blieb ihm auch anderes übrig, als sich mit dieser Änderung seines kommenden Lebens abzufinden. Aus einem, wie er mit einemmal wusste, Instinkt heraus (keinem schlechten), hatte er nämlich Abrisskalender schon seit jeher verabscheut. Außerdem: wenn ein solches pures Vergänglichkeitsobjekt nachging, konnte es passieren, dass man, wie Karl Valentin, Weihnachten zu Johanni feiern musste.
Noch ärger aber wäre der Ganzjahresadventkalender, stellte er sich vor. Der würde auch noch kommen.



Wandern Freitag, 1. 12. 2006, 0:00

Der Dezember fängt gut an. Bei mir kam die rechte erste Adventkalendertürlanregung bereits am 25. November hereingeschneit (trotz zuwarmfürdiesejahreszeit).
Es wandern nämlich nicht nur die Gletscher zu den Polen (Nord, Süd; Warschau bleibt eisfrei), sondern, ahh, ORFON, Sie ahnen’s, Die Christkindlmarkt-Grenze ist in den letzten Jahren kontinuierlich in Richtung Süden gewandert.
Jawohl, so fängt der Advent gut an. Noch dazu in Tirol. Obwohl, weder Rosegger noch Waggerl gelten als Tiroler (ich glaub’s aber eh nicht).



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