Christkindl /1 Samstag, 31. 12. 2005, 0:00

Menschen gibt es, die werden als Kälber geboren. Und bleiben es. Allerhöchstens wandeln sie sich zum Berner Sennenhund. Sie tappen hinein, wo es nur geht. Und können nie etwas dafür, wirklich wahr, gar nichts.



ausgebüchst Freitag, 30. 12. 2005, 0:00

Das Unglaubliche ist geschehen: Die Wartezeit am Aerodrom Belgrad ist verstrichen. Jetzt, auf dem Flug nach Moskau, muss die Zeit (durch ihre Verschiebung) für uns arbeiten. Ein russisches Wort habe ich nämlich beim Betreten der Maschine augenblicklich verstanden. Aeroflot bedeutet: Sardinenbüchse.



Paarungen /2 Donnerstag, 29. 12. 2005, 0:00

Krampus und Nikolaus, das wäre auch so eine Paarung; sie lässt sich aber nicht so reibungslos mit den gestern hier angesprochenen Zweisamkeits- und Abhängigkeitsmodellen vergleichen, stelle ich mir vor, Zeit ist ja noch genug.



Paarungen /1 Mittwoch, 28. 12. 2005, 0:00

So viel Zeit am Aerodrom Belgrad beim Warten auf den Flug nach Moskau an jenem 22. Oktober. Jede Menge Flugberufspaare gehen vorbei: Stewardessen und Piloten, das ist so ähnlich wie die Krankenschwestern mit ihren Doktorn.
Schon merkwürdig, dass sich dieses Verhältnisbild mit getauschten Geschlechterrollen nicht einzustellen vermag. Obwohl, fesche Flugbegleiter gäbe es ja durchaus, junge, androgyne Tänz(l)er zwischen den engen Sitzreihen, stelle ich mir nach gut drei Stunden Warten vor, unendlich lange vor dem Abflug.



verweile noch /4 Dienstag, 27. 12. 2005, 0:00

Neben meinem Dreisesselbett hat eine ältliche Frau ihren roten Zauberkasten aufgeklappt. Auf der gegenüber liegenden Seite des Ganges setzt sie sich hin, liest in der Illustrierten Evropa und wartet spinnengleich auf Opfer. Wann immer jemand, selten genug, mehr als zehn Sekunden in der Betrachtung der als Köder ausgelegten Handarbeiten verweilt, springt sie herüber. Den meisten Kleininsekten gelingt die Flucht, und die Spinnerin lauert weiter, mit einer Geduld, als hätte sie Gewissheit, am Abend doch wieder eine zumindest das tägliche Überleben sichernde Beute gemacht haben zu werden.
Ihre andere bunt mit Vorgängen aus dem wirklichen Leben bebilderte Zeitschrift nennt sich Gloria.



verweile noch /3 Montag, 26. 12. 2005, 0:00

Immer noch im Aerodrom Belgrad. Damit wir auch sicher weiterziehen, fangen sie jetzt auch noch zum Bohrln an; fein abgestuft wird dazu im Hintergrund mit Pressluft gemeißelt.
Wenn es nur doch schon der Klang der beschleunigenden Tupolev-Turbinen wäre, die uns aeroflott nach Russland brächten!



stabil Sonntag, 25. 12. 2005, 0:00

Im gleichen Bus, es ist der 35A, und heute haben wir wieder einen schnittigen Fahrer, sodass jeder Überdreißigjährige beim Kurvenschwenk, beim Einschleifen vor den Haltestellen, aber auch beim Beschleunigen um seine Knochen fürchten muss, so ein Oberschenkelhals hält halt auch nicht alles aus, und ein Cut an den Schläfen ist schneller gehaut als du denken kannst, die Haltestangen können es ganz schön in sich haben.
Du drückst den roten Haltestellenwunschknopf und in Leuchtschrift erscheint sofort, gut lesbar, jene Botschaft, die, so bilde ich mir ein, mit einem erleichterten Aufatmen durch den Fahrgasterlebnisraum, einer Welle gleich, schwappt: Wagen hält.

Wenn es nur die Bandscheiben auch tun.



(ohne Worte) Samstag, 24. 12. 2005, 0:00

(Weil es zum Datum passt, wie Sie gleich merken werden.)

Wien IX., Nussdorfer Gürtel. Aug. Hammer OHG. Das Logo dieser Pfandleihanstalt besteht aus – erraten! – zwei gekreuzten Hämmern. (Auf die Sichel wurde verzichtet.) In der Glastür aber hängt, gut sichtbar vom Autobus aus, ein Schild, und darauf steht – wirklich wahr! – bitte klopfen.

Da wird sich das Christkind freuen.



Augen auf! Freitag, 23. 12. 2005, 0:00

Auf dieser Tournee habe ich zum ersten Mal meine neue Augenmaske mit Gelauflage dabei. Sie ist so blickdicht, da kannst du mit offenen Augen schlafen und siehst trotzdem nichts.



verweile noch /2 Donnerstag, 22. 12. 2005, 0:00

AB – Aerodrom Belgrad. Warten, wie gehabt. Meine Ohrstöpsel bewähren sich, der Lärm der zu ihren Flugsteigen eilenden Passagiere, die mit ihren Trolleys über den schwarzen, leicht genoppten Hartplastikboden rattern (davon praktisch jede Dame mit Ticktackstöckelschuhen) dringt wohltuend gedämpft in meinen Körper.
Aber ziehen tut es trotzdem saumäßig. Und legen Sie sich einmal quer über drei bis vier hartschalige Sessel. Nein, tun sie’s lieber nicht. Unbequem ist nämlich ein Hilfsausdruck dafür.



verweile noch /1 Mittwoch, 21. 12. 2005, 0:00

Skopje – Belgrad – Moskau. Der erste Abflug ist um 6.00 Uhr, es folgt eine quälende Pause in Belgrad. Ein Flughafen ist ja per definitionem ein Transportort, Mobilitätsrelais, und also lädt hier nichts (aber auch schon gar nichts) zum Verweilen ein, sei es ein freiwilliges, oder, und das ist hier so üblich, reisebedingt aufgezwungen; und auch wir wollen ja bald heim in die Luft. Was aber, wenn du (übermüdet ist ein Hilfsausdruck) auf deinen Anschlussflug ganze vier Stunden (und eine halbe) warten musst und keinen Warteraum oder, ich komme zum Anfang zurück, auch nur irgendeinen Ort zum Verweilen vorfindest; und schön wäre ein Zimmerchen, wenn’s recht wäre bitte ohne Zugluft, danke!



universal /2 Dienstag, 20. 12. 2005, 0:00

Der Boden des Universalsaals in Skopje ist mit antikem Isoflor-Teppichboden belegt und mit etlichen eingetretenen Kaugummis vollständig marmoriert; diese Imprägnierung wird heute massiv erneuert, denn praktisch jede/r der, wie sie uns sagen, sechzehnhundert Leute kaut. So wird der Boden noch lange halten.
Irgendwie beruhigend, ein Raumschiff mit sich selbst erneuernder Gummidichtung, stelle ich mir vor, wenn man bedenkt, was für Probleme die Amerikaner damit bei ihren Raumfähren immer wieder haben.



universal /1 Montag, 19. 12. 2005, 0:00

skopje, univerzalna sala
Skopje, Univerzalna Sala, ein ehemaliger Zirkus; im Osten hat man die ja traditioneller Weise mehr geschätzt als bei uns und in größeren Städten fix gebraucht und also gemauert. Jetzt haben sie ein Areal für Alles daraus gemacht, mit herrlichen violetten Schalensitzen, auf einmal macht es FLASH!
Raumpatrouille Orion
und wir befinden uns im Starlight Casino am Grunde des Ozeans, mitten in Raumpatrouille Orion, jener visionären Science Fiction-Serie, deren jede Folge mit dem Satz Begleiten wir die ORION und ihre Besatzung bei ihrem Patrouillendienst am Rande der Unendlichkeit eingeleitet wurde, gemeinsam mit Dietmar Schönherr als Major Cliff Allister McLane, der wiederum, weil er ein toller Bursche ist und also nicht alle Befehle so befolgt, wie man sich das bei der ORB (Oberste Raumbehörde) vorstellt, von Eva Pflug als attraktive Sicherheitsoffizierin Leutnant Tamara Jagellovsk vom GSD (Galaktischer Sicherheitsdienst) beaufsichtigt wird und also nur in Abstimmung mit ihr seine weitreichenden Entscheidungen fällen darf und, wenn es ganz brenzlig wird, gar das Kommando Rücksturz zur Erde! geben muss.
Die Musik dazu kommt heute ausnahmsweise nicht vom Peter Thomas Sound Orchester, sondern von der Raumprinzessin Stucky samt ihren Adjutanten Mütter und Sass, sechzehnhundert Leute sind gekommen, und so etwas ist schon enorm beeindruckend.



King of the Road Sonntag, 18. 12. 2005, 0:00

Um den etwas längeren Exkurs endgültig abzuschließen: Wer hat eigentlich das schöne Nummernschild KRONE 1 ?

(Morgen: Skopje)



analog Samstag, 17. 12. 2005, 0:00

Mit Aspirin und Aspro verhält es sich wie mit dem ÖAMTC und dem ARBÖ, stelle ich mir vor: Beide vertreten die jeweils gleichen, recht einfältigen Interessen, einer ist da für die Roten, einer für die Schwarzen, chemisch aber sind sie praktisch ident. Vereint treten sie auf gegen Steuerwiderstände aller Art, die ÖBB und, Hauptfeind, weil im selben Revier wildernd, gegen den (grünen) VCÖ; der entspräche in diesem (naturgemäß aufs Gröbste vereinfachenden und also durch und durch ungerechten Vergleichsmodell) ganzheitlicheren Heilmethoden, Grippeglobuli etwa.
(Das Aspro, das ich vorgestern morgen eingenommen habe, ist orange und wird sich bei mir nicht durchsetzen.)



Steuerwiderstand Freitag, 16. 12. 2005, 0:00

Unmittelbar nach dem Lotto folgen, was den Steuerwiderstand betrifft, die so beliebten Wunschkennzeichen; um ihre Wichtigkeit und Originalität (es kann eben pro Verwaltungsbezirk nur einen BOSS 1 – tut uns leid, CHEFIN 1 geht sich nicht aus, das hat zu viele Zeichen – oder eine MAUS 6 geben) wirklich allen wirklich wichtigen Menschen, solchen wie sie (Autofahrern), zeigen zu können, wird nun einmal gerne gezahlt. Das zusätzlich Vernünftige daran ist, dass die Mittel zweckgebunden für die Verkehrssicherheit verwendet werden müssen, zum Beispiel für dringend notwendige Beschilderungen auf Autobahn-Testabschnitten, stelle ich mir vor.
Widerstand am Steuer soll es nämlich ausschließlich dort geben, wo das rechte Pedal ansteht. Und zum Wegdrücken aller anderen Beschränkungen haben wir die zwei Großklubs (mehr dazu morgen). Und die Kronenzeitung. Ja, auch einen Verkehrsminister mit Kojak-Blaulicht. Aber wer wird sich denn an den noch erinnern können, in einem dreiviertel Jahr, sagen wir.



Krone der Bildung / Conclusio Donnerstag, 15. 12. 2005, 0:00

Am widerstandslosesten und also effektivsten lernen wir, wenn wir nicht merken, dass wir uns jetzt mit Information vollfressen, also unabsichtlich; wenn wir uns auf etwas konzentrieren, das uns anregt, merken wir uns die interessantesten Dinge. Auch bzw. vor allem auf der Seite 5. Oder, wenn politisch recht viel los ist, auf der Seite 7.
Wie ja auch die Steuer mit dem geringsten Steuerwiderstand das Lotto ist.



Tröpferlbad Mittwoch, 14. 12. 2005, 0:00

Sie ahnen es bereits, wie mir all diese Kronenweisheiten einfallen konnten: Unlängst in Rom, zwischen 3.57 und 4.37 hatte ich Zeit, ausgiebig zu meditieren (das Einschlafen ist mir ja nicht mehr wieder gelungen), das Erlebte des jungen Tages Revue passieren zu lassen; da ist mir zuvorderst die unsympathisch unbewegliche, an der Decke montierte Brause aufgefallen, mit ihrem jedem Erfrischungsgedanken höhnenden Geriesel beim vergeblichen Umschalten auf einen erhofften, mich sonst täglich seit 1979 ganz in und an den Tag bringenden kalten Schwall, ungut, wie gesagt.
Da war es nicht mehr weit zur Kronenzeitung, können Sie sicher nun auch nachvollziehen.



Krone der Information /3 Dienstag, 13. 12. 2005, 0:00

Am nachhaltigsten, und jetzt komme ich auf den Punkt, hat mich eine junge Dame beeindruckt (ich nenne sie Bianca – ihr richtiger Name ist mir bedauerlicher Weise entfallen), die, keine zweiundzwanzig Jahre alt (und also die unvorstellbare Spanne von etwa acht Jahren älter als ich), im informativen Beipacktext das Geheimnis der Straffheit ihres Popos und ihrer Brüste preisgab: Bei jedem Mal Duschen dreht sie zum Schluss zuerst so warm auf, wie sie es gerade noch aushalten kann, dann, plötzlich, sich selbst überraschend, folgt ein kräftiger, kalter Schwall, von den Füßen beginnend hinauf und schließlich, brrr, den Rücken hinab. Dazu wird, so das lebensfrohe Ding, kräftig gejuchazt.
Und sehen Sie, genau so mache ich es seither, und ich schwöre darauf. Wenn Sie ab nun auch ein derart wechselwarmes Duschen praktizieren, können Sie sich überlegen, ob sie es aufgrund meines Ratschlages tun oder aber, und ich fände das durchaus korrekt, ihren gesamten Straffheitsdank auf Bianca konzentrieren wollen.



Krone der Information /2 Montag, 12. 12. 2005, 0:00

Die Seite-6-Mädchen hießen nur so; in Wirklichkeit erschienen sie, gut beim Durchblättern auffindbar, stets auf einer rechten Seite, also auf der Seite 5 oder, wenn in der Politik recht viel los war, erst auf der Seite 7.
Aufschlussreich war, was die flinken Krone-Redakteure über die hübschen jungen Damen mit den schönen Brüsten alles in Erfahrung brachten bei ihren umfangreichen Recherchen: Kübelweise Fanpost bekamen sie (woher wussten die Bewunderer ihre Adressen? – und: Was steht in so einem Fanbrief an ein Unter- oder Badewäschemannequin drinnen? – Models haben sie ja noch nicht geheißen, die Manuelas, Brigittes und Sabines Ende der 70er), und sie froren sich für uns an der für die Jahreszeit zu kühlen Atlantikküste die Nippel hart, oder aber sie scherzten zur Weihnachtszeit (immer erst nach dem – busenfreien – Advent), mit kleinen, die interessanteren Körperpartien eben nicht ganz hundertprozentig verhüllenden Pelzchen auf Hawaii oder Tahiti, wo man sie samt Kleidung hingeflogen hatte, damit sie uns in der Krone schwarzweiß grüßen lassen konnten; und sie haben uns auch das eine oder andere Mal persönliche Tipps für ein glücklicheres Leben geben können. Einen solchen Ratschlag beherzige ich bis heute, und werde ihn auch morgen wieder in dankbarer Erinnerung befolgen.
Eben, morgen.



Krone der Information /1 Sonntag, 11. 12. 2005, 0:00

Von der weiten Welt wurde man in der Rubrik Ausland informiert, es gab da internationale Riesenkürbisse, Liliputbibeln, weiße Königspudel mit Diamantdiadem, weiters Piloten und von in ihren eigenen Fliegern angereisten Jetsettern (wie wir sie noch allsonntäglich als Bösewichte bei Columbo sehen) selber herausgefischte Haifische, Weltstars allüberall, und in Australien haben Weihnachtsmänner ein Ruderbootrennen im Wüstensand gemacht, so eine Gaudi, noch dazu bei dieser Hitze: Ausland war die alltäglich Papier gewordene Version des so beliebten panoptikum, der Sendung mit dem Siebenvierteltakt, die sich nur in einem unterschied, nämlich dem, dass sie im ORF leider keine aufstrebenden wohlproportionierten jungen Damen zeigten, obwohl mich das schon auch interessiert hätte.
(Über ein mein Leben bis heute bestimmendes Bildungserlebnis mit einem Seite-6-Mädchen werde ich morgen berichten.)



Krone des Wissens Samstag, 10. 12. 2005, 0:00

Dein Wissen hast du mit der Krone stetig fortbilden können. Dafür gab es die Denksport-Aufgaben, und sie werden praktischerweise noch heute im Anzeigenteil aufgelöst. Bei Wußten Sie schon? wusste ich etwa Anfang der zweiten Gym erstmals alles. Das Kreuzworträtsel (es handelt sich eigentlich um Ausfülldiagramme ohne zusätzliche Denkarbeit) gelang vorher schon, mit Papa lernte ich die Bildungsfragen fränkischer Hausflur, Grautier, Wenderuf beim Segeln, Ort auf Ameland; ab der dritten Gym konnte ich ihm zusätzlich zu den englischen Antworten endlich auch bei den höchste Bildung verlangenden Lateinfragen beistehen. Gemeinsam gelangen selbst die zweiseitigen Großen Weihnachtsrätsel mit den ganz viele Buchstaben umfassenden, kniffligen Spezialfragen Berühmtes Weihnachtslied, 4 Worte (25 Buchstaben, 25.12.) oder (6.1.) Krippenfiguren aus d. Morgenland, 4 Worte (22 Buchstaben). Bald mussten mir nur noch gewisse Anfangsbuchstaben eingesagt werden, bei Init. v. Göring etwa hatte ich mit Elf noch Bildungslücken, obwohl nach dem die VÖEST, nun ja, nicht mehr benannt war, den Staberl habe ich ja nie gelesen, der hätte da möglicherweise auch geholfen.



Krone der Bildung Freitag, 9. 12. 2005, 0:00

Ich stamme ja aus einem Kronenzeitung- (später: Neue Kronenzeitung-) Haushalt, und wesentliche Elemente meiner Grundausbildung zum Österreicher verdanke ich Ihr. Allerdings: Den Staberl habe ich, ein Instinkt wohl, nie gelesen, wirklich wahr, auch wenn sich mein Vater oft empört hat, mit, nicht über Herrn Richard Nimmerrichter, was für ein falscher Name auch.



Die Möglichkeit eines Himmels Donnerstag, 8. 12. 2005, 0:00

Die Krähen behaupten, eine einzige Krähe könne den Himmel zerstören; das ist zweifellos, beweist aber nichts gegen den Himmel, denn Himmel bedeutet eben: Unmöglichkeit von Krähen.
Weiß, danke für den Gastsatz, Franz Kafka, selbst eine Dohle, spätestens 1918. So betrachtet erfüllt Rom diese zentrale Grundbedingung. Zumindest am frühen Morgen des 21. Oktober 2005.



buongiorno (2. Anlauf) Mittwoch, 7. 12. 2005, 0:00

Roma also, Hotel Villa delle Rose, um 5.00 Uhr müssen wir aufbrechen. (So weit waren wir schon.) Wenn ich mich zügig dusche und das aufgelegte Gewand anziehe, reicht es, wenn mich der sehr freundliche Nachtportier um 4.40 Uhr anruft. Gewissenhaft und frühaufstehnervös wie ich bin, wache ich um 25 nach auf und drehe mich zufrieden zur Seite, eine viertel Stunde ist heute Nacht prozentuell viel potenzielle Schlafzeit. Um .38 denke ich, jetzt bin ich aber gespannt, ob auf den Herrn, so freundlich und berufserfahren der etwa Sechzigjährige auch sein mag, Verlass ist. … 40 … 41 … 42. Ich wähle die 9, nein, Sie brauchen mich nicht mehr aufzuwecken, danke. Sonst klingelt es ganz sicher, während ich unter der Brause stehe, und alle in den Nachbarzimmern Schlafenden würden geweckt (bzw. die durch die dünnen Wände durchhörbaren Schnarcher unterbrächen ihr ihnen verborgenes Sägedrama). Ab also in die heiße Dusche, der kalte Guss am Schluss tröpfelt nur, ungut, aber was soll’s, schnellschnell und trotzdem zufrieden steige ich ins Gewand. Zuletzt lege ich die Uhr an, 5 vor, das nenne ich Zuverlässigkeit.
Ich stutze, starre, laurel&hardygleich, ein zweites Mal auf das Ziffernblatt und wähle die 9, si, scusate, wecken Sie mich bitte doch, wie um 1.00 Uhr beim Einchecken besprochen, auf, grazie.
Einschlafen habe ich erst um .38 können, aber gnadenlos-zuverlässig pünktlich um 4.40 Uhr klingelt das Telefon, buongiorno.

So ergeht es einem, wenn man exakt eine Stunde seiner Zeit voraus ist. Das Ungerechte daran: Ich konnte diese Zeit nicht zurückfordern, etwa in Moskau später aufstehen, noch dazu bei plus zwei Stunden Zeitverschiebung (die jetzt einzurechnen mich aber gar nicht freut). Gute Nacht!



buongiorno (1. Anlauf) Dienstag, 6. 12. 2005, 0:00

Nach dem armaturischen Attnangpuchheimexkurs zurück nach Roma, Hotel Villa delle Rose, um 5.00 Uhr müssen wir aufbrechen, in der Tourbibel heißt das lobby time, nach Skopje fliegt man nämlich via Zürich, weil das schneller geht, zumindest, wenn man trotz landungsverzögernden ortstypischen Nebels den Anschluss erwischt, aber das ist eine andere Geschichte, die jetzt nicht hierher gehört, außerdem haben wir ihn ja erwischt, obwohl, die hätten auf uns gewartet, haben sie uns im Flieger gesagt, weil die Airline das Festival mitgesponsert hat und außerdem noch eine zweite Gruppe, jene um Madeleine Peyroux, der wir zuletzt am 7. Juli in Rennes begegnet sind, wo sie nach uns gespielt haben, mit an Bord sind, die spielen aber erst morgen, da wäre es halb so schlimm gewesen, wenn sie verspätet angekommen wären, wir aber spielen heute Abend in Skopje, nach uns Abdullah Ibrahim, mit ihm habe ich zuletzt am 2. Oktober 1999 in der Leipziger Oper gespielt, das war eine nicht allzu erfreuliche Begegnung, eher bedrückend, wie jemand, der sich als Wegweiser z.B. für mehr Gerechtigkeit ausgibt, merkwürdig einbetoniert wirkt und also selber den angezeigten Weg nicht gehen kann, ich bin gespannt, ob und wie er sich erinnert an damals, naja, ich kann es verraten, weil ich ohnehin in meinen Tourberichten die Zeitebenen mehrfach durchkreuze, es war eine kurze, aber herzliche Begegnung im Hotel Aleksandar Palace, naturgemäß dem ersten Haus in der in ihm, Aleksandar, Geschichtsverankerung suchenden, sehr jungen Republik, deren internationale Abkürzung gegenwärtig FYROM heißt, Former Yugoslav Republic Of Macedonia.

Was es mit dem Aufstehen in Rom auf sich hatte und warum es nicht auf einmal geht, davon zu berichten, davon morgen im 2. Anlauf.



Fabriksverkauf Montag, 5. 12. 2005, 0:00

(Direkt dazu, ein Monat später)

Attnang-Puchheim, neben der Westbahn. Ein Bad- und Sanitärbedarfsunternehmen bietet jeden Freitag von 8.00 bis 12.00 Uhr einen Fabriksverkauf von Armaturen, Brausen, Wasserhähnen und dergleichen unter dem Sammelbegriff Auslaufsortiment an.
Ob sie Badewannenstöpsel auch dabei haben, frage ich, stelle ich mir vor.



Kulturtechnik Sonntag, 4. 12. 2005, 0:00

Istituto svizzero di Roma. Alles neu, in Travertin und überhaupt. Selbst auf den Toiletten verlangen sie dir fortgeschrittene Kenntnisse in swiss lifestyle ab. Fehlt dir eine solche Ausbildung, so bist du mit der Bedienung der Armaturen hoffnungslos überfordert.



weltläufig Samstag, 3. 12. 2005, 0:00

Istituto svizzero di Roma. Ein Gut, mitten in der Stadt, riesenhaft, fantastisch. Wir sind zur großen Eröffnung geladen.
Ein Typ Schweizer dominiert die festliche Menschenmenge, der seine Internationalität vor sich herträgt so wie jene Städter, die, wenn sie auf Landpartie gehen, sich peinlich landverbunden geben, so mit Lodenjanker, Knickerbocker und Goiserer. Peymann hat dieses Spezies, die sich stets dem alten, bedrohten, durch ihn und mit ihm und in ihm untergehenden Burgtheater verbunden fühl(t)en, seine Gersthofer Lodenmafia genannt: Sie kommen mit ihren Allrad-Cruisern von den steilen Abhängen des Wienerwaldes zum Meinl am Graben, und Meinl-Kaffee ist es auch, was er heute in Berlin am meisten vermisst, sagt er.
So trifft man sich.



metropolisch Freitag, 2. 12. 2005, 0:00

Der Taschendoktor Delialioglu (so ein schöner Name!) hat seine Ordinationszeiten geändert und dies auf einen Zettel geschrieben, den er (oder seine Sprechstundenhilfe) in die gläserne Eingangstüre gepickt hat. Darunter steht: Danke für Ihre Verstädtnis.
Es gibt in der Tat keinen besseren Taschenreparateur in dieser Metropole, und er hat mir sogar meine geliebte und entsprechend verschmuddelte Umhängetasche wiederbelebt, obwohl ein nagelneuer Klon von ihr schon seit einigen Jahren daheim wartet, endlich auch her- und vor allem mitgenommen zu werden.
Sie wird noch warten müssen, dankeherrdokter.



WinterMütter 2005 Donnerstag, 1. 12. 2005, 12:00

Liebe MBA,

Winterdienst
(Koblenz Hauptbahnhof, 10. Juni 2005)

… still wird es also dieser Tage, das tut auch einmal ganz gut, 2005 war nämlich schon viel los, äußerlich (Meilen in der Luft, Kilometer am Boden) wie innerlich (MenschenMusik). Im Dezember nehme ich nur noch die CD zu Mütters Müllerin auf (ich räume ein: das ist auch nicht gerade nichts). So sei dieser MütterBrief genutzte Gelegenheit, einmal nicht von meinen künstlerischen Aktivitäten zu erzählen, auf meiner Homepage erfahren Sie ohnehin genug darüber).

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Ich komme ja, das ist bekannt, aus der schönen alten Eisen- und Christkindlrührseligkeitsstadt Steyr. Am Tabor war, so lange man glaubte, sie zu brauchen, die Trollmann-Kaserne (Asylsuchende lassen sie dort jetzt nicht hin; obwohl, es wäre schon schön eingezäunt; diese Menschen mit dem dunklen Blick aus Augen, die Unbequemes sehen mussten – wovon wir bitte jetzt nicht reden wollen -, passen nämlich sowas von nicht in die Lichtinsdunkelpropaganda unserer Spendenweltmeisternation, wir haben ja auch arme Leute, zweifellos). Gegenüber gibt es das Altersheim, ganz in der Nähe (und durchaus praktisch) den Friedhof; und dahinter, an der Geländekante, mit herrlichem Blick auf die Stadt, das Taborresti (so hat es immer geheißen, und nach jeder ministrierten Leich durfte ich dort hin; neuerdings trägt es, neu übernommen, für die noch Diesseitigen sehr genussreich, ein zweites Hauberl). Freitag Nachmittag kauft ganz Steyr im Tabor-Einkaufscenter ein und möbelt sich samstags beim Leiner auf.
Allianz für Kinder, Logo Logo Spendengütesiegel
Mittendrin aber steht das Friedensdorf. Von ihm will ich diesmal erzählen. Und kann es aber nicht. Es ist nämlich ein Dorf ohne Ortstafel, ja ohne Häuser, besteht es doch nur aus einem Türschild samt Büro. Trotzdem aber ist es keineswegs virtuell: Es wird überall dort errichtet, wo Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten medizinische Behandlung (sofort, langfristig und mit Nachbetreuung) brauchen. Die Schwerpunktländer sind Afghanistan, Albanien und Angola. Mit Unterstützung zahlreicher Naturaldienstleister (Fluglinien, Konsulate, Krankenhäuser, Gastfamilien, …) werden vor Ort untersuchte Kinder zur oft lebensrettenden Behandlung nach Österreich geflogen, hier operiert und nachbetreut und wieder nach Hause zu ihren Familien gebracht. Eine, und das ist auch (nicht zuletzt wegen der Lokalisationsmissverständnisse, Stichwort: SOS) der ab 1. Jänner 2006 geänderte Name, umfassende Allianz für Kinder. Selbstverständlich schon längst mit dem österreichischen Spendegütesiegel, und das kriegt nicht ein jeder; die 262 peinlichen Fragen haben bei Licht ins Dunkel für das Jahr 2005 etwa bis knapp vor Weihnachten auf ihre – dann doch (selbstverständlich problemlose) Beantwortung warten müssen.
Nicht verkneifen will ich mir einen Seitenhieb auf die beliebten Society-Charity-Veranstaltungen, wo man sich gerne zu (fraglos hochlöblichen) Wohltätigkeitszwecken sehen lassen kann. Wenn die Durchführung eines Fun-Events das gut Zwanzigfache (wodurch wird das bitte finanziert?) von dem kostet, was dann auf dem, bitte lieb in die Kamera lächeln, Spendenscheck oben steht (und das Geld monatelang nicht überwiesen wird), stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit, bzw. wer ist wem Mittel zu welchem Zweck? Würde eine NPO (non profit organisation) eine derartige Relation zwischen Verwaltungsaufwand und tatsächlich dem Spendenzweck zuführbaren Mitteln aufweisen, jeder Geschäftsführer säße sofort im Häfm. In Steyr arbeiten sie jedenfalls sehr direkt; dass Michael Schodermayr und Thomas Wöhrer samt kleinem Team kaum Zeit zum, damit verglichen, unaufwändigen Wunschpunschtrinken bis zum Wohltätigkeitsrausch haben, müsste ich eigentlich gar nicht mehr anmerken.
Bitte informieren Sie sich auf der einschlägigen Homepage der Allianz für Kinder, rufen Sie an (07252-80263) und vor allem: Spenden Sie.

Ich schließe meinen Kreis zur oben geschilderten Umgebung in Steyr-Tabor: Im Sinne der Lebenden bitte ich, von weihnachtlichen Kranz- und Blumenspenden abzusehen, sondern die dafür vorgesehenen Beträge der Allianz für Kinder, Konto 27.300, Raika St. Ulrich, BLZ 34543 zu spenden.

Nachsatz: Jeder Euro, der bis 31. Dezember mit dem Vermerk WinterMütterBrief (oder kurz: WMB) eingeht, wird von mir (bis zum – hoffentlich überschrittenen – Zehnfachen meiner monatlichen Spende) verdoppelt. Versprochen.

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Ehe ich mich Mit den besten Wünschen für heuer verabschiede, will ich versuchen, wieder leichter (keinesfalls aber unernst) zu werden. Adalbert Stifter soll mir dabei helfen:
Wir müssen hier bemerken: welch ein rätselhaftes, unbeschreibliches, geheimnisreiches, lockendes Ding ist die Zukunft, wenn wir noch nicht in ihr sind – wie schnell und unbegriffen rauscht sie als Gegenwart davon – und wie klar, verbraucht und wesenlos liegt sie dann als Vergangenheit da!
(A. S., Der Hagestolz, 1844)
In diesem Sinn: Meine bald gegenwärtigen (etc.) Termine (viele sind das momentan nicht, ich erinnere an die Illustration ganz oben) finden Sie wie immer in meiner Terminvorschau.
Und was vorbei ist, ist vorbei, es liegt, wir haben es eben gelernt, verbraucht und wesenlos da, nachzulesen genau da.

In der Zwischenzeit (= sog. Gegenwart) ein schönes Leben, vor, während und nach Weihnachten. Und im Neuen Jahr. Und so weiter.

Mit den besten Wünschen,

Bertl, 40.

Bertl Mütter



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