Sodawassa Freitag, 31. 12. 2004, 0:00

In der U6. Zwei ca. zwölfjährige Mädchen streiten recht laut übers Trinken. Die eine wiederholt in unterschiedlichen Gereiztheitsstufen immerzu Ich trink aber kein Cola, während die andere ununterbrochen und immer lauter werdend die alleinseligmachenden Vorzüge von Coca Cola anpreist. Die Colaabstinenzlerin verläßt mit mir in der Nussdorferstraße den Wagen. Ihr Streitgegenüber schreit noch ein mich ratlos zurücklassendes Sodawassertrinker hinterher, dabei streckt sie ihre Zunge in der Art eines garstigen Kleinkinds heraus, so, wie wir das auch von Dickie Hoppenstedt (zickezacke Hühnerkacke) kennen.

Uns hat man ja damals den Genuss von Coca Cola mit der Leberprobe austreiben wollen. Wenn man eine Leber über Nacht in einen Suppenteller Cola legt, ist am Morgen von der Leber nichts mehr da. Und seht ihr, genau so geht es dann mit eurer Leber. – Es war der gleiche Biologielehrer, der uns in der Vierten vor Irish Coffee warnte: Kaffee! Zucker! Schlagobers! und!!! hochprozentiger! – Alkohol! – ein Satansgebräu! Der kleine Professor Hinterhölzl geriet richtig ins Schäumen, wenn er uns ausmalte, was für Schrecken wir unseren jungen Leibern antun würden.
In der Fünften dann hat uns Professor Steglich vieles relativiert; besonders aufgemerkt habe ich, als er erklärte, dass es zwei Organe gibt, die primär schmerzfrei bleiben: Das Hirn und die Leber.

Damit war meine spätere Pubertät gerettet.

In diesem Sinn: Guten Rutsch und hauen Sie sich nicht den Kopf an. Der tut nämlich dann schon weh.



Sporthilfe Donnerstag, 30. 12. 2004, 0:00

Die Sporthilfe hilft unseren Sportlern, und sie posieren in den verschiedensten Glück bringen sollenden Haltungen: Ein Ruderer schmeißt eine Münze ins Wasser und wünscht sich einen Knoten, unser Schwimmstar bläst die Samen von einem Löwenzahn und erhofft sich dadurch eine Zehntelsekunde (wahrscheinlich weniger) und eine Turmspringerin kniet in der Kirchenbank und betet für eine Drehung.
Natürlich haben alle ihre mit Sponsorenlogos vollgenähten Dressen an. Bei der hübschen Wassersportlerin fällt mir auf, dass sie auch von einer Firma gesponsert wird, deren (das Firmenzeichen ist aufgrund einer anatomisch bedingten Wölbung nicht ganz zu lesen) Namen mit Superfu beginnt (und recht viel mehr wird da auch nicht stehen). Wenn ich die Tatsache, dass sie sich um eine (weitere) Drehung bewirbt mit dem wenigen Platz auf dem weggewölbten Leiberlteil kombiniere, so fallen mir beträchtliche kunstvolle Verrenkungen ein, setzt doch der (ganz sicher selbstlose) Unterstützer auf die Identifizierung der attraktiven Olympionikin mit und als Superfu. Umso mehr, als sie als Synchronspringerin bereits zweimal olympisches Blech gewonnen hat.
Schöne Synchrondrehungen werden das sein, stelle ich mir vor. Weltklasse.

(Wie es mit unseren bulimischen Adlern geht, werden wir ab heute auf der Vierschanzentournee miterleben. Oberstorf ist aber leider kein traditionell guter Boden bzw. Luft für uns.)



Wellen Mittwoch, 29. 12. 2004, 0:00

Flutwelle

Die UNO ruft zum größten Hilfseinsatz in ihrer Geschichte und also in der Geschichte der Menschheit, und das Erdbeben am Meeresgrund war das stärkste seit Menschengedenken, eine Million Hiroshimabomben, allerhand. Wenn diese Superlative den Opfern nicht ein stolzer Trost sind?
Eine Frage noch: Wie lange ist die Dauer eines Menschengedenkens? In Europa, Amerika, Asien, Afrika? Und bei den Wilden?

Hilfswelle

Diese Katastrophen zu Weihnachten (2003 Bam, 2004 der Rand des Indischen Ozeans) beweisen, dass sich auch die Natur gegen österreich verschworen hat: Da zeigen wir es Jahr für Jahr der ganzen Welt, dass wir als Wohltätigkeitsweltrekordler überallhin, vor allem aber ins Dunkel unser Licht bringen (eigentlich eine Ungeheuerlichkeit, dass die Sendung nicht, wie das Neujahrskonzert, in alle Welt übertragen wird), und schon sollen wir wieder unser Geld hergeben.
Immerhin, unser fescher Herr Finanzminister ist wohlauf.

Wissen kann so nutzlos, vor allem aber hilflos sein.



Unschuldige Kinder Dienstag, 28. 12. 2004, 0:00

Da haben in Münichholz immer die Sternsingerproben begonnen.

In der Kronenzeitung habe ich am 23. Dezember gelesen, dass sich der Herr Kardinal Kinder wünscht. Das fällt ihm gerade zu Weihnachten ein, sagt der im Zölibat lebende Kirchenfürst, habe doch die Kirche Kinder immer als Geschenk betrachtet.
Eine nicht unproblematische Formulierung, denke ich mir; durch viele Jahrhunderte (und in St. Pölten und anderswo leben Traditionen bis heute fort, werden sogar auf den technisch letzten Stand gebracht, wie wir dieses Jahr erfahren haben müssen) hat man, gerade was dieses Thema betrifft, einen sehr eigentümlichen Geschenksbegriff praktiziert und kultiviert.

Ich bin gespannt, was ihnen heuer zu den unschuldigen Kindern einfällt.

(Als Kind habe ich das mit der Unschuld nie ganz verstanden. Wenn ich ehrlich bin, bis heute nicht.)



Umtauschmontag Montag, 27. 12. 2004, 0:00

Die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester bzw. Neujahr und Heiligedreikönig sind zwei seltsam gespiegelte, leere Wochen. Die erste dient dem schnellstmöglichen Umtausch der unnützen, unpassenden und mehrfach erhaltenen Weihnachtsware. Nach Neujahr aber ist überall, wo man hinkommt, Inventur und leider gerade heute geschlossen. Alles in allem tritt eine sanfte Beruhigung ein, und es ist eine trügerische: In den Startlöchern lauert man nämlich auf den Ausverkauf, und wer sich zu früh rührt, hat schon verloren.
Vorerst gilt es, die befüchteten und eingetroffenen Geschenkskatastrophen schnellstmöglich ungeschehen zu machen und im Idealfall durch Gutscheine aufzuwerten, die gleich nach Eröffnung des Winterschlussverkaufs in Wunschware verwandelt werden und so allen aber wirklich eine rechte Freude machen.
Gleichzeitig ist darauf zu achten, dass keine Wäsche auf dem Boden hängen bleibt. Dort geht es nämlich rau her bei der Nacht.



Filetministranten Sonntag, 26. 12. 2004, 0:00

Obwohl ich der eifrigste, beflissenste, versierteste, beliebteste, kurz: professionellste Ministrant war und mich von der Erstkommunion weg vom Seitenministranten zum Frontalministranten, Läutministranten und schließlich Hauptministranten hochgekniet hatte, bei den Saisonhöhepunkten (Christmette / Weihnachtshochamt bzw. Osternacht / Osterhochamt) kamen die �lteren, die das ganze Jahr nicht oder zumindest nicht regelmäßig ministrierten und schnappten sich die ministrantischen Filetstücke, vor allem den Kirchenjahrsjoker Weihrauchministrant; paarweise (einer mit dem Weihrauchschifferl, einer mit dem Weihrauchfass) mussten sie nur zweimal heraus aus der Sakristei und saßen sonst beim Mesnerschurl seinem Most oder aber auf sehr distinguierten Extraplätzen in der Nähe des Taufbeckens.
So konnte man schon damals ahnen, dass aus ihnen einmal Männer mit verantwortungsvollen Aufgaben werden würden. Und wirklich, ist aus allen vieren auch wirklich was geworden: Helm Peter war Minigolfjunioreneuropameister (er trainierte beim PSV, dem Polizeisportverein) und ist schließlich, wer hätte das für möglich gehalten, Polizist in Steyr geworden; Lachner Günter (mit ihm und seinem strenggrünen 128er coupé konnte ich in meinen ersten Studiensemestern oft nach bzw. von Graz mitfahren) ist im mittleren Management eines internationalen Großkonzerns, hat Französisch nachgelernt und lebt jetzt mit Familie in Toulouse; der Ungerrudi (er ist sehr lang und sehr schlank, darum ist der Name auch zusammen zu schreiben) hat eine von den Pfaffenbichler-Töchtern geheiratet und hat noch einmal vier Töchter; und Barth Robert ist seit ein paar Jahren Intendant vom ORF Tirol.
Keiner der vier Filetministranten ist also Pfarrer geworden, und mit mir hat das ja auch, nach vielversprechendem Start zwar, doch nicht recht klappen wollen. Das wurmstichige Harmonium vom Pfarrhof steht aber heute bei mir, Apfelthalerkurt hat es mir für das Projekt Passagiere im September 2001 renoviert, der Pfarrerbert hat eh nichts damit anfangen können und so hat er es mir offiziell geschenkt. Das beste Mittel gegen den Holzwurm ist regelmäßiges Musizieren am Halleluja-Traktor, hat mir Kurt geraten.
So schwinge ich mich nun aufs Choralmobed und wünsche noch einen schönen Feiertag!



Geburtstagskinder Samstag, 25. 12. 2004, 0:00

Heute feiert auch Richard Pils Geburtstag. Dieses Jahr durfte ich ein paarmal mit ihm und seinen Autorinnen und Autoren Geburtstag feiern, seine Bibliothek der Provinz ist nämlich 2004 fünfzehn Jahre alt geworden. Ein Grund nach dem anderen also, herzlich zu gratulieren.
Aus diesem Anlass leihe ich mir heute einen Text aus, den Richard ganz am Anfang seinen als publication PN1 erscheinenden Büchern und Katalogen beigegeben hat:

Und Provinz ist das Verhinderte, Gleißende, Unpädagogische, Wurzelige, das Neugierige, das Erfundene, Kranke, Geniale, Hungrige, Lebendige, Zornige, Glückliche, Rostige, Stumpfe, Kleine, Frierende, Freilassende, Mühsame, Nächtliche, die Moosbeere, die Kruste auf dem ausgezogenen Apfelstrudel, das Muttermal auf deinem rechten Schulterblatt, das Schweigenmüssen und Nichtverraten und natürlich die Lorenzibirne, der Marschanzkerapfel, der Brätling, der blauviolett schillernde Mistkäfer, der Raunersalat . . .

Es gibt Genauigkeit durch Unschärfe, und sie ist präziser als es alle Wissenschaft je zusammenbringen kann, wie sehr sie sich auch bemühen mag. Deshalb habe ich immer noch so eine Freude an dieser uneitlen Selbstdefinition seiner Bibliotheksidee und letztlich seiner sympathischen Person.



Ganztagsabend Freitag, 24. 12. 2004, 0:00

Das Sprichwort Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben habe ich zuallererst auf den 24. Dezember bezogen, das ist doch plausibel, wenn Bescherung erst um fünf am Nachmittag ist.
Sicher war jedenfalls, dass es das jahresbeste Abendessen geben würde: Kalte Platte mit vielen lustigen Wurstsorten, Perlzwieberln und Russen (die hat es wirklich nur zu Weihnachten und beim zweitbesten Abendessen zu Silvester gegeben; da haben wir es allerdings eiliger gehabt wegen dem Fernsehen). Statt bzw. zusätzlich zum gesünderen Schwarzbrot durften wir Weißbrot vom Sandwichwecken essen, einmal im Jahr kann man schon sündigen. Papa durfte beidemale mehr als ein Bier trinken, und für uns Buben gab es Keli oder Zitronenlift, nicht den öden selbstgemachten Ribislsaft.
Schon sonderbar, dass ein ganzer Tag nur Abend heißt. Obwohl, im Kalender ist immer Adam & Eva gestanden, die waren aber als Jesus auf die Welt gekommen ist schon lange aus dem Paradies vertrieben (ihre Spuren haben sich hernach verloren, wahrscheinlich waren sie da schon tot).
In die Mette, wo ich erfahren hätte, was es mit Adam und Eva so auf sich hatte, bin ich erst gegangen, als ich etwas älter und sehr stolz darauf war. Bis etwa zehn waren die neuen Legooptionen und das Aufbauen der Kleinbahn mit ihren Erweiterungen weitaus spannender. Mit der Eisenbahn gespielt hat aber die ersten Jahre nur Papa, zögerlich ließ er auch Gerhard zu; ich durfte zuschauen, und das tut man mit den Augen.

So verabschiede ich mich vom Advent, Advent-Kalender, der ja auch mit den Augen zu studieren ist, wenngleich Eingriffe in Kommentarform, wie das manche herausgefunden haben, hier schon zulässig (und erwünscht!) sind.

Danke fürs bis hierher Lesen. Und fürs Weiterlesen. Ermutigt durch freundlichen (und in einem Fall sogar kulinarischen!) LeserInnenzuspruch (ansich mag ich ja das Binneni nicht, aber was willst du machen, auch blöde Schreibgewohnheiten kanonisieren sich) habe ich mir nämlich auferlegt, meine kurzliterarischen Fingerübungen weiterhin täglich zu veröffentlichen, vorerst unter dem Label Advent bis Lichtmeß.

Jetzt aber einen schönen Ganztagesabend!

Herzlich,

Bertl Mütter



Weingartner Donnerstag, 23. 12. 2004, 0:00

Eine mögliche Art Heimat ist mir, auch wenn das für einen in Wien lebenden Menschen klischeehaft klingt, mein Kaffeehaus. An sich schreibe ich ungern davon, will ich doch nicht, dass es entdeckt wird und es mit der Ruh dort ein End hat.
Entdeckt habe ich es zufällig, vor gut fünf Jahren (eigentlich hat es ja mich zu sich gerufen). Wie es sich gehört, wurde ich erst nach etwa einem dreiviertel Jahr für mich merkbar als immer wieder Kommender wahrgenommen, und langsam ergaben sich kurze Gespräche über das übliche A Melange, bitte – – – Ihr‘ Melange, bitte hinaus. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits das Publikum zu unterscheiden begonnen, das dieses Familienunternehmen bevölkert.
Das Weingartner ist ein reichlich patiniertes klassisches Wiener Eckcafé, mit einem großen Spiegel im kürzeren rechten Flügel, wo sich auch die wenigen, naturgemäß grünen Logen befinden; im schlauchartigen länglichen Teil (die Budl steht zu beiden Trakten in einem Winkel von 45°) stehen die Herzobjekte, jene drei bestens gepflegten Turniertische. Man spielt vorwiegend Dreiband-Carambol, wenige nur spielen nach den Regeln der offenen Partie. (Wer einen zeitgeistigen Snooker oder herkömmliche Wirtshaus-Pool-Tische sucht, ist hier am falschen Ort.) Billiard inszeniert sich hier als klassenübergreifendes Philosophieren, und oft, wenn ich vom Häusl komme, bleibe ich beim Ölofen stehen und goutiere fingerschnippend, wie es sich gehört, die oft recht eleganten Spielzüge. Zusätzlich zum Dreiband wird freitags an zwei Tischen tarockiert.
Das Publikum ist nicht nur sehr heterogen, die verschiedenen Typen haben auch erworbene Namen: Der Herr Präsident etwa (ein Rom oder Sinti mit dem Schnauzbart eines Walrosses und von stattlichem Umfang) trägt immer weißes Hemd mit Krawatte und ist unerreicht in seiner Grandezza, bei kniffligen Bällen seine ganze Gestalt mitsamt der Krawatte über den Billiardtisch zu lehnen. Gulli ist der Taxler, der nicht alle Wuchteln sofort versteht und deshalb durchaus liebevoll gehänselt wird; aber Jessy, das ältliche Spanielweiberl von Herrn Peter geht mit ihm am liebsten Gassi. Herr Kurt ist Frühpensionist, oft im Trainingsanzug und der mit Abstand dickste Mensch auf dieser Bühne, ein klassischer Nebochant, dem nie nichts passt; ich stelle mir vor, dass es seinen phlegmatischen Boxer deshalb nicht mehr gibt, weil Herr K. auf ihn draufgefallen ist. Die Damen und Herren der oberen Dienstklassen des benachbarten Etablissements versammeln sich auch jeden Abend vor ihrem Klassedienst im Eingangsbereich, da kann es manchmal recht hoch her gehen. Hoch her geht es auch, wenn Herr Strauß, ein weißhaariger Clanchef wie es heißt, sehr Geschäftsmann, deutscher Akzent, sehr freundlich und beliebt, seinen Hof hält. Seine Zechen sind immer die höchsten, und mit dem Schmattes erweist er sich auch als recht generös, wird berichtet.
Stillere Besucher haben zum Teil keine eigenen Namen, Sonntag nachmittags gibt es etwa einen Zigarrenraucher und einen Pfeifenraucher, beide etwa mein Alter und wirklich sehr gepflegte Personen. Sie lesen Zeitung, haben manchmal auch Gäste, mit denen sie leise Gespräche führen. Ein schweigsamer täglicher Besucher bis zuletzt war auch Opa, so hat man ihn genannt, und erst als sein Partezettel am grünen Filz angeschlagen war, hat man erfahren, dass er ein Professor oder so was war und fast 95 Jahre alt wurde. Zum Kaffee hat er immer eine halbe Buttersemmel bekommen.
Meistens, wenn ich vom Tod einer der Kaffeehausgemeinschaft nahe stehenden Persönlichkeiten erfahre, erkundige ich mich bei Rudi Trallala, der kennt sie alle. Rudi ist einer meiner Liebsten. Er ist schon über 75, lange Witwer, stolz auf seine Cello spielende Enkelin, und er hat sich entschieden, immer fröhlich zu sein, eben Trallala. Sein effetvoller Stoß (vor allem der spezielle Schwung) ist unvergleichlich.
Rudi Trallala
Rudi Trallala

Und so ist auch diese Woche ein Partezettel im Café ausgehängt: Herr Herbert ist im Alter von 74 Jahren verstorben. Diesmal bedarf es keiner näheren Erklärung. Obwohl ich der Meinung war, ihn gestern noch gesehen zu haben, ist es wirklich Herr Herbert, die Komplikationen nach einer Herzoperation. Erst seit etwa einem halben Jahr haben wir uns geduzt (hier ist man per Sie; trotzdem ist es eines Tages so weit, dass man sich plötzlich und ohne nähere Erklärung duzt, was nichts an der generellen Distanz ändert, und das Herr in der Anrede bleibt natürlich unangetastet.)
Herr Herbert war jener untergroße Mann, dem ich die 74 nicht angesehen habe. Etwas dicke Brille, im Sommer die extrakurze, zerfranste Jeans-Short, darüber ein quergestreiftes Leiberl, beachtlicher Bauchumfang und abenteuerlich onduliertes, möglicherweise gemeschtes Haar. Dazu eine Herrenhandtasche, Modell Mallorca 1978, Goldketterl und mindestens zwei schwere Ringe an den recht feisten Fingern. Wir haben uns immer kurz (und zunehmend freundlich) zugenickt, dabei halblaut Hallo oder Seawas gesagt. Unser innigst geliebter Opa hat seinen Körper der Anatomie gestiftet.

Was meine Position im Weingartner betrifft, so kann ich berichten, dass aus mir nach etwa einem Jahr, als mich Herr Stefan einmal beim Notenschreiben betreute, plötzlich der Herr Compositeur, kurz: Komposi wurde. Seither weiß ich mich endgültig angenommen, und heuer habe ich bereits zum vierten Mal eine Flasche Wein (Grüner Veltliner, Poysdorf, Weinviertel, Qualitätswein DAC) als Jahresgabe erhalten. Überreicht Mit den besten Grüßen von der Frau Chefin, natürlich von Herrn Peter.

PS: Der immer nervöse Schnölli mit seiner Tenorpolypenstimme, der Dichtersänger Holzi, der Manfred Mann’s Earth Band- und Sugababes-Fan Herr Stefan, der Exjugendfußballtrainer (somit Sozialarbeiter) und jetzige Oberkellner Herr Peter und andere Persönlichkeiten und Vorkommnisse werden nach Weihnachten vorgestellt.



Vorstellungen Mittwoch, 22. 12. 2004, 0:00

Halb vier, im Westen entlang des Wienerwaldes die zarte Kontur der Abendröte. Saatkrähen fliegen hoch über mich hinweg, endlos.
Ich stelle mir vor, dass sie von der Arbeit heimkehren (und in gewisser Weise stimmt das ja auch).

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Der elektrische Seestern auf der anderen Straßenseite hat es nicht ganz bis Weihnachten geschafft und ist verglüht. Damit ist das laute Blinken wieder dem vertrauten blauen Schattenspiel der haushaltlichen Fernsehgeräte (das früher synchroner ablief) gewichen.

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Zum Zahnarzt nach Purkersdorf. Umsteigen in Hütteldorf. Auf einem Zettel lese ich, dass man am Hl. Abend das Friedenslicht aus Bethlehem auch an diesem Bahnhof abholen kann, gratis natürlich (der Frieden kostet nicht so viel wie der Krieg). Noch zehn Minuten. Im Warteraum ist es nicht ganz so kalt. Beim Eintreten stelle ich mir vor, dass ich halblaut frage Wer ist bitte der Letzte? Aber ich traue mich dann doch nicht. Nach ein paar Minuten bleibe ich allein übrig, obwohl in der Zwischenzeit kein Zug angekündigt worden ist. Ich stelle mir vor, dass ich erst hinaus darf, wenn wieder jemand eintritt. Gottlob kommt noch ein junge Frau herein und löst mich aus, knapp, doch rechtzeitig vor der Einfahrt meines Zuges.
Beim Schreiben dieser Zeilen habe ich bereits links unten Keramik; in der Nacht habe ich geträumt, dass mir bei einem Zahn das Gold herausgebröselt ist, wie eine Sternschnuppe.



Lichtspiele Dienstag, 21. 12. 2004, 0:00

(Nachtrag und Erweiterung zum 19./20.12.)

Trotzdem habe ich das Stadttheater (wie gesagt, ein Name, der mir aus den dargelegten Gründen nur schwer über die Lippen kommt) dann intensiv von Innen zu erleben bekommen, wie ich überhaupt immer, wenn mich was fasziniert hat, versucht habe, das jeweilige System backstage zu erkunden: Als Pfarrhofgeist, Blasmusiker und – Filmvorführersohn.
Papa hatte in den späten Fünfzigerjahren schon Filme vorgeführt, erfuhr ich damals (es muss etwa 1980 gewesen sein). Und jetzt hatte er gehört, dass sie im Volkskino jemanden suchen. Er musste nur wieder neu angelernt werden, die Nachschulung für seinen neuen Nebenjob konnte er problemlos im Biograph absolvieren. Weil er ein Familienmensch war, nahm er in kauf, samstags nach dem Hauptabendfernsehprogramm noch außer Haus zu gehen, um dort bei der geheimnisvollen Nachtvorstellung (NV) ab 22.30 das fachmännische Hantieren mit dem Filmmaterial eingehend zu studieren. Die NV wurde im Schaukasten bei der Autobushaltestelle ohne die anregenden Bilder beworben, wie es sie sonst bei Filmen wie Herbie – ein Käfer auf Extratour und sogar Bilitis gab; ja, selbst bei Schulmädchenreport 1 (1970) bis 13 (1980) wurde der interessierte Cineast mit aufschlussreichem Vorinformationsmaterial versorgt, mit kunstvoll überklebten Nippeln und Schamhaardreiecksbuschen, recht phantasieanregend auf jeden Fall. Für die NV musste man sich mit dem adjektivisch ausgeschmückten Titel (blutjung, feucht, heiß,…) begnügen, darunter stand nur noch der Text Jugendverbot. Mit Rücksicht auf den freizügig gestalteten Inhalt können keine Bilder gezeigt werden.
Natürlich interessierte sich Papa nur für die Kinovorführtechnik, und von den Filmen, selbst wenn man sie anschauen hätte wollen, konnte man pro Akt (20 Minuten) nur etwa die Hälfte sehen, in der Zwischenzeit musste der nächste Akt vorbereitet und der abgespielte zurückgespult und in der Schachtel versorgt werden, viel Arbeit auf jeden Fall. Und hören konnte man bei dem Lärmpegel im Vorführerkammerl nicht wirklich viel.
Selbst später, als Papa dann im renovierten Stadttheater spielte, konnte er mir von vielen Filmen nicht sagen, wie sie ausgegangen sind. Aber ich durfte alle sehen, es gab dort nämlich keine NV, es ist ein seriöses und familienfreundliches Kino, bis heute.
Das Biograph gibt es schon lange nicht mehr. In der Nähe gibt es aber einige Videotheken.

Wir haben ihn erreicht, den 21. Dezember. Die Winterreise ist zu Ende. Das Licht nimmt wieder zu. Ab morgen.



Packerl Montag, 20. 12. 2004, 0:00

(Nachtrag)

Mir fällt noch ein, dass die Packerl in den späteren Jahren immer kleiner geworden sind, und schließlich wurden die Weihnachtsfeiern der Steyrwerke ganz eingestellt. Ich glaube, der Vorwand war der Umbau des Volkskinos ins Stadttheater.
Das erklärt auch, warum es bis heute nicht so beliebt ist.

(Vielleicht hat es die Feiern aber weiterhin gegeben, ich selbst war aber ins allzu jugendliche Alter entwachsen.)



Weihnachtsfeier Sonntag, 19. 12. 2004, 0:00

Eine Weihnachtsfeier, habe ich mir lange vorgestellt, muss genau so ablaufen, wie das bei den von den Steyrwerken im Volkskino abgehaltenen Kinderfeiern war. So, wie ja auch in der Kirche alles mehr oder weniger zentral geregelt ist, wie man das richtig zelebrieren soll von (Orgelgetöse) – Imnamendesvaters bis Dankseigottdemherrn – (Orgelgetöse).
Damals hat das Werk das Volkskino für ein paar Tage für seine prächtigen Feiern reserviert gehabt. Das war noch vor dem Umbau, da gab es noch den Balkon mit ein paar Logen, und mit insgesamt über elfhundert Sitzplätzen hatten wir das größte Kino österreichs; nach dem Umbau blieben mickrige 623, dafür aber gepolsterte Klappsessel übrig, und das Haus nannte sich auf einmal Stadttheater, ein Name, der bis heute nicht ganz zu den Herzen der Steyrer gefunden hat.
Ich kann natürlich nur von den Feiern für die Arbeiterkinder berichten, die Angestellten kriegen sicher noch größere Packerl. Vorher müssen die Geschenke aber im Saal verdient werden. Links vorne an der Bühne steht so ein großer Christbaum mit großen Kugeln oben und rosaroten und blauen Girlanden, alles strahlend, majestätisch. Dann spricht ein Herr eine Ewigkeit, sicher recht wichtige Sachen, ich verstehe nur und jetzt wünsche ich euch viel Freude, aber es dauert noch, vorher kommen die weltberühmten Florianer Sängerknaben. Der Dirigent, von dem wir abgesehen von seinen kurz nickenden Verbeugungen nur das streng hinaufrasierte Genick zu sehen bekommen, hat ein speckiges blaugrünes Sakko an, wie wir es von den russischen oder tschechoslowakischen Eishockeytrainern kennen, und alles ist wirklich recht streng. Die Buben, von denen wir uns nicht vorstellen können, dass sie nicht auch aus Wachs sind, singen sicher recht schöne Lieder, das interessiert aber keinen, es wird aber trotzdem brav applaudiert, ist ja wirklich eine beachtliche Dressur, die wir da zu sehen bekommen, allerhand. Dann haben wir es überstanden, und endlich kommt der ersehnte Zeichentrickfilm von Walt Disney, lustig, und viel zu schnell vorbei.
Nach diesem aufwändigen Festakt, der dem familiären Christbaumanzünden und obligatorischen Weihnachtsliedersingen und Weihnachtenwünschen am Hl. Abend zu entsprechen scheint (da muss man durch, bevor endlich die Geschenke ausgepackt werden dürfen), stürmt alles hinaus zur Packerlverteilung, tumultartige Szenen sind das. Mama ist recht geschickt und übernimmt jedes Jahr die Schachteln recht schnell, und beruhigt können wir heimkehren. Merkwürdig, es macht uns nichts aus, dass wir mit dem öffnen tatsächtich bis zur familiären Bescherung warten müssen, jede Diskussion wäre auch zwecklos.
Aber am Hl. Abend ist klar, welches Packerl zuerst dran kommt.



Vorwintersonnwendmütterbrief 2004 Samstag, 18. 12. 2004, 0:46

Liebe MBA,

jetzt auch noch meine Nachrichten. Ich will es kurz machen, gebe ein paar kleine Hinweise und dann Wiederschaun, Frohe Weihnachten und 1 Gutes Neues Jahr, Alles Gute etc. u. dergl. (ich komme unten darauf zurück).

Zuvorderst muss ich sagen, dass meine neue CD parlando angekommen ist, und sie ist fertig zum Verschicken, inklusive
– Porto und Verpackung
– einer schönen Geschichte (wahlweise in drei Sprachen: ital/dt/engl)
– sechs Fotos (eines davon von Victoria Coeln extra in Teheran aufgenommen)
– einem Stiftswappen (St. Lambrecht)
– dreier Räume (Peterskirche / Karner / Schlosskapelle)
– fünfundzwanzig Stücken (10 / 8 / 7), aufgenommen, als die Tage, unmerklich erst, gerade begannen, kürzer zu werden, kann ich sie jetzt verschicken, da die Tage bald, unmerklich noch, länger werden, ist sie um wohlfeile € 20,- binnen kürzester Zeit direkt bei mir erhältlich.

Die unentbehrlichen Hintergrundinformationen zu parlando finden Sie hier. (Da kann man auch fünf Stücke ganz anhören!)
Wer lesen will, was geschrieben steht, findet es hier:
– auf Italienisch
– auf Deutsch
– und auf Englisch.

Danke dem Stift St. Lambrecht, dem SKE-Fonds der austro mechana und natürlich meinen wunderbaren Schagerl-Posaunen.

Mehr lässt sich jetzt nicht sagen, Kritiken gibt’s ja noch keine, also machen Sie sich bitte selbst Ihr Bild und – bestellen Sie!

Zur allgemeinen Weltbetrachtung in dieser vorfestlichen Zeit darf ich auf meinen Adventkalender im MütterLog verweisen. Da finden sie täglich um 0.00 Uhr + ein paar Sekunden ein Fensterl in Form von ein paar Zeilen zum Verweilen.

Bleibt mir noch, auf den sicher noch einmal gesondert anzukündigenden Sonntag, 30. Jänner 2005 hinzuweisen, da gibt es um 11.00 Uhr eine Matinée im RadioKulturhaus, dem Wohnzimmer von Heinz Conrads, gemeinsam mit Josef Haslinger als Gesprächspartner und Markus Sepperer am englischen Horn; er wird mein neues Stück Pour Elise (oryctérope, bleue) pour un seul cor anglais zum ersten Mal spielen. Vorher muss es allerdings noch componirt werden, ebenso wie ein Stück für zwei Bassklarinetten das den Arbeitstitel nushu trägt, und das Petra Stump und Heinz-Peter Linshalm bei mir bestellt haben und schon Mitte Jänner aufnehmen wollen. (Die beiden haben diese Woche im Konzerthaus übrigens ein fabelhaftes Konzert gespielt, und Beat Furrer hat ihnen ein berückendes Werk dafür geschrieben.)

Das war doch diesmal ganz kurz; obwohl, wenn Sie allen gelegten Schlingen nachgehen, ist es doch ein rechtes Pensum. Ich danke schon jetzt für Ihre Ausdauer, darf zumindest darauf hoffen, will ich hoffen, rede ich mir ein.

So komme ich wie versprochen zum Schluss auf den Anfang zurück, es ist ja alles eine Schleife irgendwie, und nicht umsonst spricht man vom Jahreskreis. Also:

Wiederschaun, Frohe Weihnachten und 1 Gutes Neues Jahr, Alles Gute etc. u. dergl.

Herzlichst,

Bertl Mütter



Wohllebengasse , 0:00

Vor ein paar Tagen bin ich durch die Wohllebengasse gegangen. Mir ist eingefallen, wie wir, Timbre, im März 1999 bei Ernst Jandl zum Proben waren. Er hat uns danach ins kroatische Restaurant im Haus eingeladen. Ein Grandseigneur, wie er, selbst kaum ohne Schmerzen bewegungsfähig, es sich unter keinen Umständen nehmen ließ, Lauren und Elisabeth in den Mantel zu helfen. So viel Wärme konnte dieser Mensch schenken, eine Wärme, die mich jedesmal durchströmt, wenn ich seine Texte lese oder, besser, Ihn höre.
Seither hat der Gastronom gewechselt, heißt jetzt Wertvoll, und die Homepage ist (was einem Restaurant nicht passieren sollte) geschmacklos (weshalb ich hier auf ein Link verzichte).
Ernst wohnt seit 2000 nicht mehr im Vierten. Aber bei den Klingeln unten steht, in seiner Handschrift, immer noch sein Name.
Ich stelle mir vor, wieder einmal eine Klingelpartie zu machen. Das macht Mut.



Moebius /1 Freitag, 17. 12. 2004, 0:00

In einem Einrichtungshaus sehe ich ein Plakat, auf dem der blinde Dichter Stephen Kuusisto mit seiner Braille-Schreibmaschine und seinem Golden Retriever abgebildet ist. Aus dunklen Brillen lächelt er verschmitzt in die Kamera. Das Photo ist von Elliott Erwitt, und selbstverständlich ist es schwarzweiß. Das Statement des blinden Finnen katapultiert mich in eine gedankliche Moebius-Schleife: Das Licht stelle ich mir so vor, wie Sie es sich nicht vorstellen können.
Sowas macht wieder Mut (Im Zweifel mehr als fünfzackige elektrische Seesterne).



Lichter Donnerstag, 16. 12. 2004, 0:00

Das Licht in dieser dunklen Zeit.
Gegenüber blinkt täglich ab Einsetzen der Dämmerung (wenn es überhaupt möglich ist, das festzustellen, ist das bei diesem bleiernen Wetter so um zwei, halb drei) ein fünfzackiger Stern. Er spielt wirklich alle Stückln, dreifach in drei Farben konturiert lässt er in verschiedenen Geschwindigkeiten recht zackig all seine Programme ablaufen. Wie ein elektrischer Seestern hängt er im Fenster, sehr schön, wirklich wahr.
Noch nie habe ich so viele technisch aufgemöbelte weihnachtlich dekorierte Privatfassaden gesehen wie heuer. Das dachte ich mir schon die letzten beiden Jahre.
Ich stelle mir vor, dass in wenigen Jahren schon (sicher vor dem endgültigen Abschmelzen der Polkappen) der Lichtplafond erreicht worden sein wird und alles blinkt und leuchtet, immer. Dann wird die Industrie mit der Erzeugung von Dunkelbirnen bzw. – Technologiefortschritt! – Finsterdioden die Haushalte und Geschäftsstraßen für die dann radikal um sich greifende innovative Werbeidee der Verdunkelung ausrüsten.



Erinnern und Verschwinden Mittwoch, 15. 12. 2004, 0:00

Meine erste Erinnnerung ist eine vom Verschwinden, genauer: wie der Vorhang im Kinderzimmer (er war mit allerlei Kinderzeug, Bausteinen, Kasperln… bedruckt) immer finsterer wurde. Ich hatte mir nämlich eben ein Loch im Kopf, das im Krankenhaus mit drei Nähten versorgt wurde, geschlagen und fiel in Ohnmacht.
Die Vorgeschichte hat mir Papa dann bis zur Matura fast täglich erzählt, und noch heute brauche ich nur das Wort kopfimloch zu sagen, schon startet er mit der Wiedergabe meiner kindlichen Darstellung des Dramas: Büd owaghaut – ins Kabinett miassn – gschprunga – kopfimloch.
Der Verlauf der Geschichte in Umschrift: Ich war im Wohnzimmer auf die Couch geklettert und hatte dabei Das Bild (Vase mit Mohnblumen, ein Druck) aus dem Haken gehoben, wodurch es auf den Boden fiel. Zur Strafe musste ich ins Kinderzimmer, das Kabinett. Dort waren unsere Betten (mein Bruder ist dreiunddreißig Monate älter) noch übers Eck aufgestellt. Gerhard sprang von einem Bett zum anderen. Das konnte ich auch, glaubte ich. Ich sprang – zu kurz – kopfimloch.
Mein Der Welt Entschwinden habe ich bis heute nicht vergessen, und es wird mich begleiten bis zum Schluss. Und dass ich es nicht vergesse, dafür habe ich diese kleine Narbe an der Stirn. Bis zum Schluss.



Erinnern und Bewahren Dienstag, 14. 12. 2004, 0:00

Voriges Jahr (2003) war ich zum Komponistenforum Mittersill eingeladen. Das Thema der wunderbaren Woche war Musik und Kind. Einen Tag waren auch SchülerInnen aus dem Gymnasium bei uns oben am Schachernhof. Ich habe sie gefragt, was ihre ersten Erinnerungen sind. Eine hat mich besonders fasziniert: Ich war wohl im Spital. Ich sollte Suppe essen, aber ich verweigerte, denn vom Boden des Tellers schauten mich Schneewittchen und die sieben Zwerge an, und sie baten mich, sie zu verschonen. Deshalb habe ich auch unter keinen Umständen weitergelöffelt.
So wurde an jenem Tag im Krankenhaus Zell am See das Reich Hinter den sieben Bergen noch einmal vor der Vernichtung bewahrt.
(Diese Geschichte habe ich dann in meine Komposition Einspielen. Ausspielen eingebaut.)



Träume erfüllen Montag, 13. 12. 2004, 0:00

Auf einem Plakat sehe ich einen Fernsehmenschen als Christbaum verkleidet. Er verkündet, bis Weihnachten den Zuschauern ihre geheimsten Wünsche zu erfüllen.
Mir fällt ein: Manche Männer (richtige Männer) in ihren Sportwagerln haben sich mit den (materiellen) Mitteln eines Erwachsenen möglicherweise einen Traum erfüllt, den sie sich als kleiner Bub eingebildet haben. Da denke ich mir dann oft: Burli!
Ich stelle mir vor, erwachsen erfüllte Träume könnten die etwas trotzige (und das Wort protzig klingt nicht zufällig recht ähnlich) Umsetzung der Vorstellung sein von: Wie hätte ich gerne, dass es in der Kindheit war, damit ich mich jetzt gern daran erinnern könnte? Und deshalb werden das teure Auto und die teure Uhr (oft unter beträchtlichen Entbehrungen – der Angehörigen) finanziert. Und der zweijährige Sohn kriegt seinen Elektrobenz. Zum Üben, damit er lernt, wie es später sein soll, wenn er sich (videounterstützt) an diese schöne Zeit gerne zurück erinnern wird, um sich dann endlich sein seit Kindestagen ersehntes Cabrio genehmigen zu können.
Ich habe mir damals gewünscht, ein eigenes Zimmer mit der Kleinbahn zu besiedeln und (außer bei der Rudi Carell-Show) jeden Abend damit zu spielen. Als Einziger am Trafo.
(Vielleicht fahre ich deshalb heute so gerne Bahn.)



Vergrößern Sonntag, 12. 12. 2004, 0:00

Noch einmal zum Vergrößern.
Einmal wurde einen Herbst lang im Fernsehen ein Zeichenwerkzeug beworben. Es hieß zeitgeistig-schnittig Sketch-A-Graph, und man konnte mit einer merkwürdigen, wie sich später herausstellen sollte sehr wackeligen (und deshalb unbrauchbaren) Gitterkonstruktion endlich alle möglichen Konturen nachfahren, Landkarten etwa, 1:1 oder auch 3:1 und natürlich auch 1:3.

sketch-a-graph
Sketch-A-Graph

Das musste man einfach haben, es war nachgerade unentbehrlich für jeden Haushalt. Nie haben wir es verwendet, es gab keine Landkarten zu vergrößern, und für das Nachzeichnen der bereits von ihm befahrenen Straßen verwendete Papa einen grünen Filzstift auf einer eigens angeschafften österreichkarte, die bis Cáorle reichte; das schaute bald so aus, als ob Steyr eine isolierte Nervenzelle sei, von der aus sich die ste ins Weiß des bisher unerforschten Europa reckten, mit wenigen (und wesentlich kleineren) Knoten bei den sich über die Jahre wenig ändernden Familienurlaubszielen.
Würde ich heute eine Weltkarte nehmen und darin die von mir zurückgelegten Wege quer durch die Kontinente so genau wie möglich einzeichnen, das zufriedene Gefühl meines Vaters nach einem Sonntagsausflug (und mein Stolz auf seinen und unseren erweiterten Aktionsradius) ließe sich doch nicht wieder herstellen.



Distanzen, Proportionen Samstag, 11. 12. 2004, 0:00

Das hat alles mit Erinnern zu tun.
Am ersten Adventwochenende bin ich zu Fuß in die Stadt gegangen, den alten Münichholzweg. Ich habe mir den Winkel vor unserer alten Wohnung in der Buchholzerstraße angeschaut, habe den nachts unbeleuchteten Schotterweg auf der Rückseite vom Straßerhof entlang gesehen, wo die Frauen aus den Kellern herauf zum Wäscheaufhängen gegangen sind und wo wir Kinder gespielt haben, oft verscheucht, wegen der Wäsche. Was habe ich mich immer gefürchtet, wenn ich abends von der Musikschule heimgekommen bin. Bei den Kelleraufgängen lauerten dann nämlich die Mörder, und ich nahm jedesmal schon auf der Gablerstraße den Haustorschlüssel in die Hand, um ihn parat zu haben, wenn ich ihn atemlos vom Rennen zitternd ins Schlüsselloch fingerte, denn im Winter war die Haustür schon ab sieben Uhr zugesperrt. Ein paar Mal hat es mich auch geschmissen, mitsamt meiner Tenorhornschachtel, vornüber, dann hörte ich sie schon kommen und nur ein Wunder hat mich jedes Mal gerettet.
Jetzt muss ich erkennen: Es waren nur wenige Meter, dreißig vielleicht. Alles war früher so viel größer! Mitgewachsen sind nur die Weihnachtsdekorationen und die Pfefferkuchenhäuser auf der Promenade und überhaupt alles, was mit der Vorstellung von Wie es früher war zu tun hat. Es ist dies aber ein hoffnungsloser Versuch, die Proportionen lassen sich nämlich nicht beliebig erweitern. Wenn in den weihnachtlich aufbereiteten Einkaufswelten Christbaumkugeln baumeln, groß wie Medizinbälle ( Josef Haslinger), dazu hängt in jeder Stadt der größte Adventkranz der Welt (oder zumindest Mitteleuropas), so beschwört das mit aller Gewalt das verlorene Staunen des Kindes, und das ist ein hoffnungsloser Versuch in dieser Zeit der großen Hoffnung. Das Erzeugen von Staunen ist zur Poesie-Industrie verkommen.
Das Gefühl damals mag groß gewesen sein; es erwuchs aber aus dem Kleinen.



Kaki-Advent Freitag, 10. 12. 2004, 0:00

Duino, am 6. Dezember 2004, im Garten der Villa Gruber.
Ein Adventkalender für die Vögel in Gestalt eines Kaki-Baums. In strenger Hierarchie bevölkern ihn Ringeltauben, Elstern mit türkis-schwarzer Zeichnung und drei haselnusseisbraune Eichelhäher, garrulus glandarius, mit ihrem unverkennbaren hellblau-weiß-schwarzem Flügeldesign und mit diesem Schopf, der an Jugendliche mit gelierten Haaren erinnert.
Von oben picken sich die Vögel Schnäbel voll orangem Fruchtfleisch.
Ich stelle mir vor, dass der Vorrat am Baum bis ungefähr gegen Weihnachten reichen wird.



Waggerln Donnerstag, 9. 12. 2004, 0:00

Damals war eine Vorweihnachtszeit ohne Karl-Heinrich Waggerl unvorstellbar. Dieses liebenswürdig-runzelige Männchen, das wie der etwas schwächelnde Cousin des selbst im höchsten Alter der Welt noch einen Haxen ausreißenden Luis Trenker daherkam, strahlte eine großväterlich-weise Heiterkeit aus, und es war klar, dass er bei allen Geschichten, die das Jesuskindlein in Wagrein und Umgebung (vornehmlich auf der Flucht nach Ägypten) erlebt hatte, selbst dabei gewesen sein musste. Er schien immer schon so alt gewesen zu sein, und dass er mit seiner niedlichen, etwas verschmitzten Harmlosigkeit zugleich auf eine seltsame Weise geschichtslos und jedenfalls unpolitisch war (zumindest zwischen 1938 und 1945), wurde mir erst später erzählt.
Ich schlage vor, die Erfindung und das Auftreten einer derart historisch-geschichtslosen Persönlichkeit fortan mit dem schönen Verb waggerln zu bezeichnen.



Verschiedenes Mittwoch, 8. 12. 2004, 0:00

In heiligeren Zeiten gibt sich die Kronenzeitung immer besonders christlich. Man merkt das vor allem daran, dass die Schönen auf Seite 5 oder 7 mit verhüllten Nipperln posieren, die Bilder sind unschuldig poetisch gehalten, keine femme fatale wird in diesen Tagen aus der Muthgasse in die Kolportage oder zu den Abonnentenhaushalten transportiert. Ja, oft sind die Damen sogar regelrecht bekleidet.
Ich erinnere mich an ein Hochfest der Himmelfahrt Mariens (15. August, ungefähr 1979 muss es gewesen sein), als Herr Dichand nach einem zur Vorbereitung des Papstbesuches beim österreichischen Katholikentag stattgefunden habenden Läuterungserlebnisses eine schwer wiegende Mitteilung machte: Ab heute werde die Zeitung moralisch einwandfrei produziert. Deshalb werde man in futuro keine Inserate der Rubrik Verschiedenes mehr veröffentlichen. So war es dann auch, und vorbei war es mit den über Jahre die Phantasie so wunderbar anregenden kurzliterarisch-erotischen Ohrenglühmachern à la öffne nackt, Traumweite 130 oder Französischstunde bei Hausfrau mit Tagesfreizeit im elterlich abonnierten gesamtösterreichischen Informationsorgan (in dem, wie mir Papa stets versicherte, nur die Wahrheit steht, nicht so wie bei der Propaganda im Ostblock oder früher beim Goebbels) lesen zu können.
Wann die Moral der Krone wieder verfiel und die ausgesperrte Inserentinnengruppe wieder zugelassen wurde, habe ich dann nicht mehr verfolgt, denn schon Jahre vorher hatte ich diskreten Zugang zu den spezialisierteren Medien in Papas Nachtkastl gefunden.

Soviel also zum Hochfest der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau und Gottesmutter Maria.



White Ribbon Dienstag, 7. 12. 2004, 0:00

In der U-Bahn sehe ich Plakate, auf denen unser aller Fußballteamchef Hans Krankl mit folgendem Spruch abgebildet ist: „Wer seine Frau schlägt, hat bei mir kein Leiberl.“
Solche Aktionen sind zu begrüßen, es geht um das Bewusstmachen eines argen Problems, und Johann K. ist ein integrer und glaubwürdiger Proponent für diese Sache. Umgekehrt kann man einwenden, dass es Einem leicht gemacht wird, gut zu erscheinen: Ribbon (sei er weiß, rot oder rosa) oder sonstwie angesagten Sticker aufs Sakko, und schon bist du fein heraußen. Im Februar 2000 hat man nur mit dem Schlüsselbund zu scheppern brauchen.
Ich stelle mir vor, dass man prominente Männer filmt, von denen man weiß, dass ihnen bei ihrer Frau öfters, wie es so schön heißt, die Hand ausrutscht. Sie erzählen uns, warum sie selbstverständlich mit ihrer vorbildhaften Popularität für die Gute Sache einstehen. Das Video wird dann ihrer (Ex?-)Frau gezeigt und sie dabei gefilmt. Dann projiziere man die beiden Filme gleichzeitig auf gegenüber liegende Wände.



Niko Montag, 6. 12. 2004, 0:00

Am 1. November 1994 habe ich zum ersten Mal einen Zyklon gesehen, es war im Meer draußen, direkt vor der Küste von Cinque Terre. Wir haben am Bahnsteig auf den Zug gewartet, als plötzlich dieses unheimliche Brausen aufkam. Dann sahen wir auch schon den Trichter, wie er sich an der Wasseroberfläche kreiselnd seine Nahrung holte. Die Szene war gespenstisch, machte aber keine Angst. Auf einmal gingen die Menschen wie hypnotisiert vom Bahnsteig zu der Mauer vor, die die Bahntrasse vom Meer trennte; niemanden schien zu interessieren, dass auf dieser Strecke abgesehen vom Regionalzug, der uns nach La Spezia bringen sollte, auch Schnellzüge aus dem Tunnel brausen.
Als drei Tage später meine geliebte Großmutter gestorben war, musste ich sofort an den Himmelstrichter denken; dass ich beim Erleben des Zyklons so sonderbar berührt gewesen war, fand jetzt seine traurige Erklärung, die mir zugleich Trost spendete.
Ich habe bei Omas Begräbnis mit meiner Posaune Abschied genommen. Persönlicheres habe ich nie zuvor und vielleicht seither nicht mehr wieder gespielt. (Vielleicht muss ich deshalb so selten zu ihrem Grab.)
Am 1. April 2004 habe ich wieder auf einem Friedhof musiziert. Niko war gestorben. Ich hatte ihn kaum kennen gelernt. Er war der im Alter von etwa zwölf Jahren gegangene Sohn von Freunden, und er war schwerst behindert, ja, so sagt man. Seine Mutter hat in privater Initiative eine integrative Theatergruppe gegründet, wo die parallelen Welten der Behinderten und der so genannten Normalen zusammengeführt werden. Die feinstoffliche Sensibilität jener Menschen, von denen man meinen würde, dass sie kaum etwas mitbekommen, oder uns gar etwas von ihnen mitgeteilt werden könnte, berührt jenseits der Bereiche, um die es in unserem so reellen Leben tagtäglich geht.
Nikos Tod hat an seiner Erreichbarkeit wenig verändert, das war bei seinem Begräbnis und darüber hinaus den vielen Freunden, die er hatte, spürbar. Das spendet Trost für unser aller Leben.
Ein bestärkendes Erlebnis war auch, dass ich am späteren Nachmittag des 1. April auf der Straße Max getroffen habe. Er war freudig aufgewühlt: ein paar Stunden zuvor hatte seine Freundin Lisi Josefine zur Welt gebracht. Lisi hatte ich im Zug nach Oberösterreich zu ersten Mal getroffen. Das war an einem 24. Dezember.

Wer sich für die Theatergruppe interessiert: Den Verein Delphin finden Sie hier. Auf der Begrüßungsseite sieht man übrigens Niko. Mit Dominik, seinem Bruder. Und Delphine gibt es auch im Meer vor Cinque Terre.



Krampus Sonntag, 5. 12. 2004, 0:00

Passend zum Datum.
Zur Bibliothek des jungen Christen gehörte damals unbedingt die Fotobibel, ein Neues Testament in heutigem Deutsch (erschienen 1977; ich hab’s gerade gegoogelt – es gibt übrigens keine Bilder davon im weltumspannenden Netz), mit ganz beeindruckenden, einen im Glauben bestärken sollenden Bildern. Am Einband startete (in orange) ein Verkehrsflugzeug, weiters erinnere ich mich an einen Artisten im weißen Turnerdress samt Balancestange, der hoch über einer Schlucht mitten in den Wolken übers Seil spazierte, und dann noch an eine Photographie, die mir zum Tag zu passen scheint: Da sah man eine Herde von lauter weißen Männern, Bischöfe waren das, wie sie zwecks Konzilseröffnung die Stufen von St.Peter in Rom erklommen.
Ich stelle mir vor, dass zwischen all diesen Nikoläusen ein buckeliger, kettenrasselnder Krampus, mit so einem Schwanzerl und Bockshörndln herumwuselt. Weil ohne Krampus auch kein Nikolo.



Punschzone, die zweite Samstag, 4. 12. 2004, 0:00

Ich stelle mir vor, dass bei den Modehäusern für die Frau ab (Größe) 42 – in Wien z.B. Kloucek, Pia Antonia, Ulla Popken (so ein schöner Name; Barbara, was heute besser passen würde, heißt kein solches Geschäft, und rund wären ja eher Barbapapa bzw. -mama) – anstatt des üblichen karitativen Heißalkoholgetränks ein speziell für die so schön üppige Klientel kreierter Orangenhautpunsch ausgeschenkt wird.
(Was für ein Safterl für den starken Herrn in seinen XXXL-Geschäften ausgeschenkt wird, darüber denke ich noch nach.)



Punschzone Freitag, 3. 12. 2004, 0:00

Im innerstädtischen Bereich wird die Vorweihnachtszeit zur geschlossenen Punschzone. Für alle möglichen Guten Zwecke flößt man sich das Warmalkoholgetränk hektoliterweise ein.
Ein von mir in der damals noch nicht so sich nennenden Christkindlstadt Steyr beobachteter Umstand war, dass der Gute Zweck letztlich darin zu bestehen schien, dass die sich in Löwenklubs oder ähnlichen philanthropischen Bünden organisierenden Ortsprominenten diese Gelegenheit nutzten, um ihre Mildtätigkeit hemmungslos zur Schau zu stellen, wochenlang, oder, im Sommer, ein besoffenes Stadtfest lang. Zusätzlich nützlich war natürlich auch das große Photo, das dann in der Steyrerzeitung und natürlich auch im Amtsblatt veröffentlicht wurde, mit einem fast nicht mehr ins Bild passenden Scheck über sagen wir 18.753,- Schilling (� 1.362,83), wie er der der jeweiligen Partei nahe stehenden karitativen Organisation (deren Obmann zufällig auch der Oberlöwe oder so war) übergeben wurde. Hätte jeder, der sich viel gesehen als Wohltäter zum Punsch oder zu den Bratwürschteln gestellt hatte, selbst einen Betrag, der seinem Geldbörsel kein Loch gerissen hätte, hergegeben, es hätte mit Sicherheit mehr herausgeschaut (abgesehen von den Kosten für den Symbolscheck, den man so sicher nicht einlösen wird haben können).
Da sich die Welt seit 1980 immer schneller dreht, sehe ich heute die Punschzone Stadt nur mehr von feschen karitativen Damen und Herrn und Töchterln und Söhndln bevölkert, vor und hinter den Punschbudln.

PS: Weniger veröffentlichend spenden können Sie hier (inkl. Spendengütesiegel): Friedensdorf International



Sängerknaben Donnerstag, 2. 12. 2004, 0:00

Die Sängerknaben machen zu wenig Lärm, als dass die genehmigte Obergrenze erreicht werden könnte, heißt es.
Diese Information habe ich in ORFON bereits am 17.8.2004 aufgeschnappt, erachte es aber gerade jetzt für besonders wichtig, davon zu berichten.



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