schneestill Freitag, 4. 1. 2019, 23:00

So still, dass man eine Stecknadel fallen hört. Nicht aufschlagen, fallen.



nicht schlicht Dienstag, 13. 3. 2018, 8:10

Auf der Suche nach der Imagination. Im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens steht nichts, ja es gibt überhaupt kein Lemma, das mit dem Buchstaben „I“ beginnt (Irrlicht? Impfpflicht?). Was das wohl bedeuten mag? Spräche es für den notorischen Realitätssinn der Deutschen und dafür, dass man ihnen nichts vormachen kann, sie sich selber noch weniger? Jedoch sie, das sind doch wir, ich und du!
O sinnenleere Welt!

Man kann es sich schlicht nicht vorstellen.



ETF Mittwoch, 7. 3. 2018, 16:06

Das genaue Alter von Krokodilen ist nur schwer festzustellen
orfon

Waren wir auch in zentraler Rolle dabei, so fehlt uns doch jegliche Erinnerung an unsere Geburt und die ersten Jahre. Ich kann etwa von mir nur sagen, dass ich wohl vor der Mondlandung geboren worden sein muss. Ansonsten bin ich auf Dokumente angewiesen und darauf, was man mir halt gesagt hat. Demgemäß handelt es sich bei der Altersfeststellung um ein generelles Problem, nicht nur aber auch für einen selber.

Außerdem ist da noch die Problematik einer tauglichen, lebenspraktischen Kalibrierung. Denn, zurück zu unseren Tieren, was ist ein Jahr für einen Hund, eine Katze, eine Eintagsfliege, bzw., umgekehrt, was ist für einen Hund (Katze, ETF,…) ein Jahr, ein Tag, der Wimpernschlag einer Libelle, eines Ais, eines Kaimans?

Wie ist das dann mit einem Jahreswagen? Welcher Marke? Welcher Jahrgang? (Ein guter?)

Und wir, wir wollen bitte ausschließlich Markenkrokodile und keine billigen Kopien, damit das klar ist.



Fremde Ohren / Schule des Staunens 19.2 Sonntag, 5. 11. 2017, 19:00

Hier ist das Manuskript zu den fremden Ohren, vorgetragen am 5. November 2017 um 18.30 im Wiener Konzerthaus. Und da ist der Blogeintrag beim so geschätzten Klangforum Wien.



Fremde Ohren / Schule des Staunens 19.1 Samstag, 4. 11. 2017, 22:22

Wenn es ein gewöhnliches Posaunenspiel gewesen wäre, würden wir wahrscheinlich bald weiter gegangen sein; denn es ist nichts seltenes, daß man auch noch spät in der Nacht aus irgend einem Hause unserer Stadt Musik hört; aber das Posaunenspiel war so sonderbar, dass wir länger stehen blieben. Es war nicht ein ausgezeichnetes Spiel, es war nicht ganz stümperhaft, aber was die Aufmerksamkeit so erregte, war, daß es von allem abwich, was man gewöhnlich Musik nennt, und wie man sie lernt. Es hatte keine uns bekannte Weise zum Gegenstande, wahrscheinlich sprach der Spieler seine eigenen Gedanken aus, und wenn es auch nicht seine eigenen Gedanken waren, so gab er doch jedenfalls so viel hinzu, dass man es als solche betrachten konnte. Was am meisten reizte, war, daß, wenn er einen Gang angenommen und das Ohr verleitet hatte, mit zu gehen, immer etwas anderes kam, als was man erwartete, und das Recht hatte, zu erwarten, so daß man stets von vorne anfangen und mitgehen mußte, und endlich in eine Verwirrung geriet, die man beinahe irrsinnig hätte nennen können.
(Adalbert Stifter, einposauniert)

Kommet also ins Wiener Konzerthaus! Am 5. November um 18.30 spiele und rede ich solo im Großen Saal. Ich spiele nur einmal. Wer jetzt die Gelegenheit versäumt, versäumt sie für immer!

[ALLES findet unter jeglichem Ausschluss einer über die im Saal befindlichen Menschen hinaus gehendenÖffentlichkeit statt: Kein Internetmedium wird streamen, weder live noch zeitversetzt, kein Küchenradio- oder -fernsehsender wird die Bedeutsamheit des sich Ereignenden in die Große Weite Welt hinaus beglaubigen.]

Das KANN doch nicht von Belang sein.

Tut das gut. Etwas findet einfach statt. (Punkt.) Aaah.

rchief
tte
ttensäge
(googleske Ergänzungsvorschläge zu einer an jenem Abend abzuhandelnden Person bzw. einem ihrer Werke.)

Verflucht sei, wer uns nicht glaubt.
Franz Kafka

Weitere stets überragende Bedeutsamkeiten alhà®r.



Schule des Staunens 18.3 Mittwoch, 20. 7. 2016, 12:00

Noch Anfang der sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts waren Blockflöten in Australien nicht erhältlich und mussten importiert werden.Ähnliches wird für hierzulande von Didgeridoos berichtet, die wir uns zu jener Zeit als bei uns noch gänzlich unbekannt vorstellen müssen. Ein wohltuend großes Schweigen also, hier wie dort.

Bis heute ist es ambitionierten Köchen nicht möglich, das schmackhafte Emu-Fleisch nach Europa einzuführen. Ob es demnächst in Großbritannien erhältlich sein wird, werden die Verhandlungen der kommenden Monate zeigen. Emus aber gelten als paradigmatisch blöd, was immer das nun auch in diesem Fall bedeuten bzw. bewirken mag.



Schule des Staunens 18.2 Montag, 18. 7. 2016, 12:00

Einige Thesen/Fakten zu Australien

• In Australien gibt es keine essbaren Pilze.

• Noch Anfang der sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts waren Blockflöten in Australien nicht erhältlich und mussten importiert werden.

• (1) Die Nullarbor-Ebene heißt nicht etwa so wegen der (nur vorgeblich) fehlenden Bäume, sondern weil ein expansionistischer norditalienischer Reisproduzent nach etlichen Versuchen einsehen musste, dass hier kein Risottoreis zu ziehen ist („null‘ Arborio“)
(2) Nein, die Nullarbor-Ebene beherbergt den Highway to Hell (seit Juli 1979)
(3) Ganz baumlos ist Nullarbor-Ebene dann aber doch nicht. Aber völlig reislos. (Womit These 1 bestätigt wäre und die Nullarbor-Ebene der Lüge überführt.)

• Der Emu ist ein blödes Vieh, das versucht, intelligent dreinzuschauen. Hat was. Gelingt aber nicht. (Wir kennen das aus dem veröffentlichten Leben.)

• Das Schnabeltier verfügt über einen betörenden Gesang, ähnlich dem des Schwans. Deswegen wird es im Idio- bzw. Soziolekt der Australoologen (das sind die Australo-Zoologen) umgangssprachlich, jedoch durchaus zärtlich ›cygnus antipodicus‹ genannt. Ihr Standpunkt ist, nebenher gesagt, dass nicht das Schnabeltier als Irrläufer der Evolution zu betrachten sei, sondern der Rest (inklusive dem Biber, wie er im Marchfeldkanal in Wien-Floridsdorf schwimmt – und staut).

• Die erste Begegnung mit einem Schnabeltier markiert einen magischen Wendepunkt auf Charles Darwins Reise zur Erkenntnis: „Glaubt jemand nur seinem eigenen Verstande, könnte er ausrufen: Gewiss müssen hier zwei verschiedene Schöpfer am Werk gewesen sein.“ Indes, was meine erste Sichtung eines Bibers im Marchfeldkanal in Wien-Floridsdorf ausgelöst haben wird, wird dereinst die Nachwelt zu klären haben: Künstler schaffen Arbeitsplätze, über den Tod hinaus…

• Das Schnabeltier wurde auch als Beispiel dafür angeführt, dass Gott Humor (gehabt, pers. Anm.) haben muss.

• Die Schnabeltasse hat ihren Namen vom Schnabeltier – oder umgekehrt. Diese Frage bedürfte einer dringlichen Klärung. Man beachte zudem die Nähe des Schnabeltiers zur Wärmeflasche vulgo Thermophor (Phänotyp): Wir dürfen also von einer wie auch immer der Gesundheit zuträglichen Wirkung des Schnabeltiers ausgehen.



Schule des Staunens 18.1 Dienstag, 12. 7. 2016, 12:00

Sonntag, 17. Juli 2016, 15.00
Stift Viktring (A), Marienhof
walkabout
ein Vortrag klingender Gedanken aus der Schule des Staunens
völlige Neukonzeption (UA: 2001, Sammlung Essl)
Bertl Mütter, Mut- und Wunderhorn, Vortrag
(garantierter Didgeridooverzicht)

„Schöpfungsmythen der Aborigines berichten von den legendären totemistischen Wesen, die einst in der Traumzeit über den Kontinent wanderten und singend alles benannten, was ihre Wege kreuzte – Vögel, Tiere, Pflanzen, Felsen, Wasserlöcher –, und so die Welt ins Dasein sangen.“
Bruce Chatwin: Traumpfade – The Songlines (1987), aus dem Englischen von Anna Kamp. Frankfurt/M.: Fischer, 1992. (S. 9)

Grundlegend ist die Musik (zu der auch die gesprochene Sprache gehört) mein Werkzeug, um außermusikalische Phänomene zu untersuchen. Diesmal begebe ich mich mit ihr auf einen explizit imaginären Weg, durch Raum und Zeit. Es erklingen (keine gewöhnlichen) Lieder, als akustische Landkarten eines wohlgeplanten – und deshalb ungeahnten – intiatorischen Wegs in den Grauzonen der Wahrnehmung, Pfade, die erst im Traumwandeln real werden – und die zugleich doch in der Tagwelt erfahrbare Auswirkungen haben. Dabei wird Flüchtiges, Unnützes hörbar. (Und was für einen Nutzen hat eigentlich die Musik?)

Auf meinen Wegen trete ich als Subjekt zurück, werde als gewissermaßen Dritte Person zum Kommentator einer Reise ins Unbekannte, Geahnte.

Traumpfade als Gehörgänge, Lebensknoten. Zu einem (welchem?) Goldenen Zeitalter?

Grundprinzip sei, die Dinge in Bewegung zu halten. Spazieren also, nicht eilen und schon gar nicht hetzen, zwischen den vielfältigsten Assoziationsangeboten pendeln: jaywalking (›Eine Straße regelwidrig, unachtsam bzw. rücksichtslos überqueren und dabei sich selbst und/oder andere gefährden.‹): JAYWALKABOUT. Jeder trombonophile Jazzmusiker weiß es sogleich: Jedem Jay sein Kai; auf die zu begründende Dichotomie ›Blockflöte – Pilze‹ übertragen heißt das: Was es nicht alles nicht gibt, (nicht nur) in australis. Und jedes Meer war seit eh und je von einer Landmasse umgeben; neueste Ausnahme-Erkenntnisse bestätigen lediglich diese Regel. Wie ja auch nicht das Schnabelteier als Irrläufer (eig.: -schwimmer) in Gottes Evolution zu betrachten ist, sondern der Rest im Verhältnis zu diesem: „Wir wollen es, das Schnabeltier!“, bekennt Robert Gernhardt, und wer wollte da widersprechen, wie wortgewaltig gar?



Schule des Staunens 17.3 Donnerstag, 16. 6. 2016, 12:00

Ich habe die Nase allmählich voll mit den Wiener Zuständen. In letzter Zeit habe ich besonders ekelerregende Erfahrungen gemacht (…), ich neige sonst nicht zur Paranoia, doch werde, falls ich in Wien bleibe, allmählich einem Verfolgungswahn zum Opfer fallen, ich denke allmählich ernst darüber nach, anderswohin zu ziehen, nach Deutschland oder nach Skandinavien, denn man kann nicht ewig in einem resonanzlosen, ja schalltoten Raum leben und arbeiten, das wirkt verstummend und verstümmelnd auf die Arbeit zurück, doch genug vom Nörgeln.
György Ligeti, Brief an Harald Kaufmann, 4.1.1968.

(Aus meinem Manuskript zur Schule des Staunens vom 11.6.2016. Wird auf Nachfrage gern als .pdf zugesandt.)



Schule des Staunens 17.2 Sonntag, 12. 6. 2016, 12:00

Eine ausgewogene Zufriedenheit (nicht zu verwechseln mit Friedhofsruhe, wo jede Individualität zurechtgeschoren wird) schien als Wolke im Saal zu stehen und verblieb, lange noch. Die Kombination Ligeti – Purcell, in wohltuend applausloser Abfolge dargebracht, erwies sich als kunstvoll austarierte Einheit. Die (gewissermaßen) totalen (nicht: totalitären!) Klänge Ligetis wurden durch die stille Innigkeit Purcells gefasst, ermöglichten zwischendurch ein Zurechtrücken der Organe, Magnetisierung, bevor es wieder (man verzeihe das abgegriffene Bild) hinausging ins All. Wobei „San Francisco Polyphony“ (1973/74) mir fast wie eine imaginäre 37. Symphonie Mahlers erscheinen musste bzw. durfte.

Nach meinem Zwischenspiel sprach mich eine von einem Herrn begleitete Dame mit einem Akzent, der mir ungarisch vorkommen musste, an. Ob das ich sei, der den Text in der Ankündigung verfasst habe, diese Worte über Ligetis Grab am Wiener Zentralfriedhof? – Ja, der sei von mir. – „Ich danke Ihnen vielmals, das hat noch keiner in aller Kürze so zutreffend gesagt. Es trifft genau unsere Absichten: Wir sind nämlich die Architekten.“
[Aneta Bulant-Kamenova & Klaus Wailzer; und, ja, bulgarisch (oder zumindest mit slawischem Einschlag) hätte es mir getönt, wären meine Ohren nicht vom Thema geblendet gewesen: man nimmt halt immer das wahr, was man zu wissen meint. Indes, die Welt ist weit weiter.]

Was jedoch die bestürzend rückstandslose Kraftmeierei von „Ein Heldenleben“ mit der innigen Intensität zuvor zu schaffen haben könnte, hat sich leider nicht erschlossen: Es bleibt einem nach dieser aufwendigen (und höchstvergeblichen) Demonstration vorgeblicher Stärke eine Art verkaterter Nachgeschmack in den Ohren. Natürlich, ein tourendes Orchester (eines vom Rang der Bamberger gar) möchte seine Brillianz vorführen, und was hat man auch dagegen aufzubringen, wenn es der Chefdirigent im vorletzten Konzert seiner Amtszeit noch einmal so richtig krachen lassen will. Ob das aber nicht auch mit feinstofflicheren Klängen möglich wäre (sagen wir Bartà³ks – oder LutosÅ‚awskis – „Konzert für Orchester“, oder etwa Janà¡Äek, Martinů, Hartmann,…), muss als ratlos gestellte Frage im Raum stehen bleiben. Die keinesfalls konfliktfreie und doch seltsam wohlige Wolke im ersten Teil war da von ganz anderer, kathartischer Qualität. Aber vielleicht muss es so sein: Vergegenwärtigen wir uns die Situation am Zentralfriedhof, wo in unmittelbarer Nachbarschaft zu Ligetis Grab protzig-dominant ein theatralisch verdeckter Stutzflügel aus fettem Marmor (samt Blechrose) an Udo Jürgens erinnern soll, Nummer 1A, was sonst. Der schlichte Glasmonolith für Ligeti spricht da eine ganz andere Sprache, eine die sich mitteilt, dialogisch: Es gilt weiter zu hören.

Mit den Menschen, die zu meinem Nachspiel gefunden haben, durfte ich die gemeinsame Imagination allergrößter Musik erleben.

Danke allen Ermöglichern.
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NB: Meine Manuskripte zur Schule des Staunens (.pdf) gibt’s gern auf Nachfrage.



Schule des Staunens 17.1 Sonntag, 5. 6. 2016, 12:00

Samstag, 11. Juni 2016, 19.30
Wiener Konzerthaus (A)
, Wotruba-Salon – Pause und nach dem Konzert*
Schule des Staunens Zwischen– und Nachspiel
György Ligeti und Harald Kaufmann
Über die Möglichkeit der Freundschaft von Wissenschaft und Kunst
Bertl Mütter, Vortrag und Posaune

Ligetis Grab am Wiener Zentralfriedhof ist von einer unsentimentalischen Schlichtheit und erscheint – wie jenes von Franz West – wohltuend dem Leben zugewandt. Unbeholfen unter fettem Marmor verdeckte Konzertflügel können das kaum: Künstler brauchen Menschen, die ihnen wesentliche Fragen stellen.
Hier geht es um György Ligeti und Harald Kaufmann, seinen engsten Freund nach der Emigration aus Ungarn. Beide haben sie jenen gekrümmten Blick, damit das Detail dran hängenbleibt (Jules Renard).
Was für ein Glück.

http://www.viennatouristguide.at/Friedhoefe/Zentralfriedhof/Index_33_G/Bilder_33G/west_s0a.jpg

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*Das Konzert, auf das sich meine staunenden Überlegungen beziehen, beginnt um 19.30 im Großen Saal.

Interpreten

Bamberger Symphoniker–Bayerische Staatsphilharmonie, Orchester
Hille Perl, Frauke Hess, Julia Vetö, Christian Heim, Violae da Gamba
Jonathan Nott, Dirigent

Programm
György Ligeti
Atmosphà¨res (1961)
Lontano (1967)
San Francisco Polyphony (1973-1974)

– jeweils im Wechsel mit –
Henry Purcell
Vierstimmige Fantasien für Streicher (1680)
***
Richard Strauss
Ein Heldenleben. Tondichtung für großes Orchester op. 40 (1898)

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NB: Meine Manuskripte zur Schule des Staunens schicke ich Ihnen auf Nachfrage gern als .pdf zu.



Schule des Staunens 16.4 Mittwoch, 25. 5. 2016, 12:00

Unter allen nur unzureichbar interpretierbaren Komponisten erscheint Schubert als der unerreichbarste: Artur Schnabel, gewissermaßen der Entdecker (der An-den-Tag-Bringer) der Schubert-Sonaten, wusste darum und nannte sie „Kompositionen, die besser sind, als man sie aufführen kann.“

Glenn Gould, dieser tragische Hyper-Perfektionist (denken wir nur an seine Tonbandschnipseleien), hat überhaupt keinen Schubert aufgenommen: Lediglich in einer kanadischen Fernseh-Dokumentation aus dem Jahre 1959 („Glenn Gould Off the Record“) findet sich eine Perikope von lediglich 47 Sekunden, da spielt und singt er in seinem Landhaus, nachdem er seinem Gesprächspartner die rhetorische Frage „Is this shy music?“ gestellt hat, den Anfang des ersten Satzes von Schuberts 5. Symphonie in Bb-Dur an, wobei er recht recht unbekümmert in die Tasten greift, auch in den Gatsch, wie wir sagen. – Tut das gut, Imperfektes, mithin Menschliches (jenseits der bekannten, gepflegten Marotten und Exzentritäten) von so einem musikalischen Erzengel miterleben zu dürfen: Das entdiminuisiert unsereins! Und: Ist’s auch das Einzige, was wir von Gould über Schubert haben, so hat er doch in dieser rhetorischen Frage ganz gut den Kern der Angelegenheit getroffen. Sowas kann auch nicht ein jeder. 
In den Kommentaren, wie sie auf youtube üblich sind, sehnt sich ein Gould-Fan aus New York City an diesen geweihten Ort, möchte unverzüglich aufbrechen, bremst sich allerdings gleich wieder ein, indem er mit befremdlicher Gewissheit mutmaßt, dass sich dort wohl inzwischen, wie überall auf der Welt, alles zum Schlechteren verändert haben dürfte. (Muss wohl Wiener Vorfahren haben, wenn er derart ansatzlos zu måtschkern in der Lage ist.) Dem Kommentar wird mit schlagend-affirmativem amerikanischen Optimismus gekontert: „As long as you idealize the past the present will always disappoint.“

Auch Friedrich Gulda hat sich bei Schubert merklich zurückgehalten – angeblich, weil er sich vor der seiner Musik innewohnenden suizidalen Tendenzen bewahren wollte: „Mein Verhältnis zu Schubert ist bis heute eines von äußerster Zurückhaltung und Scheu, ja geradezu Furcht. (… ) Von dieser (…) zutiefst wienerischen Schubert’schen Grundstimmung angesteckt zu werden, empfand und empfinde ich bis heute als existenzielle Gefährdung. Mich in sie heineinfallen zu lassen, wie es ja eine ernstzunehmende Interpretation erfordert; als Urwiener um diese Schubert’schen Abgründe wissend mich ihnen gänzlich hinzugeben; das eben erzeugt bei mir erwähnte Scheu, Zurückhaltung und Furcht.“ Auf Wienerisch sagte er es dem ORF-Produzenten Gottfried Kraus eines Novemberabends in den späten Achtziger Jahren auf der Straße so: „Då kaun i mi jå glei umbringan.“

(Aus meinem Manuskript zur Schule des Staunens vom 19.5.2016. Wird auf Nachfrage gern als .pdf zugesandt.)



Schule des Staunens 16.3 Montag, 23. 5. 2016, 12:00

Wir befinden uns inmitten einer Konzertreihe, die sich der zyklischen Aufführung einer Werkgruppe widmet. Ob es bei großen Kunstwerken so sein kann wie bei den in der Populärwissenschaft so beliebten Stammzellen? Dass eine einzelne Zelle über die Information(en) des gesamten Organismus verfügt, sodass sich daraus sogar alles rekonstruieren lässt? – Aber wir können doch immer nur das eben erklingende Musikstück hören. Wie setzt sich das nun in uns zu einem Großen Ganzen zusammen? (Hier: Schubertharz.)

Jetzt. Was wäre sowas? Wie kann man die Schubert-Empfindung – und das ist eine sehr spezielle Empfindung – dingfest machen, ohne sie ihres Zaubers zu berauben oder gar sie zu zerstören? Wie machen das Meeresbiologen, wenn sie so eine fragile Qualle herausnehmen? Als Kinder sind wir gescheitert, im Sand von Cà orle waren sie nur noch eine glibbrige Masse, eklig, und keinesfalls die Essenz, das Quallenhafte der Qualle (würde Heidegger sagen). Antonius von Padua, dem wortgewandten (vermutlich hat er bei seiner völlig unnötigen Fischpredigt auch den Quallen von den Freuden des Himmels erzählt), diesem Wortgewandten, soll seinerzeit Franziskus persönlich gestattet haben, den Brüdern theologische Vorlesungen zu halten, „wenn du nur nicht durch dieses Studium den Geist des Gebetes und der Hingabe auslöschest“. Was, nebenbei, der Nutzen einer Vogelpredigt, wie sie Franziskus gehalten hat, sein soll, erschließt sich mir genausowenig wie die fischige Variante. Unwillkürlich fällt mir dazu E. M. Ciorans Exercise nà©gatif „Unbrauchbarer sein als ein Heiliger“ ein. … Natürlich benötigen wir das Unbrauchbare, sonst würden wir uns ja nicht hier im Wiener Konzerthaus versammeln: Es ist noch mit keiner Musik irgendwo ein Nagel eingeschlagen worden. Zu Musik, das ja, wir haben es schon im Kindergarten gelernt: „Wer will fleißige Handwerker seh’n“ (…), das Urbild des Workin‘ Songs gewissermaßen…

Ich schließe jetzt den hier aufgerissenen Bogen nicht zu einem Kreis, lasse ihn Fragment bleiben – und verwende die Gelegenheit gleich zu einem Plädoyer fürs bedingungslose Fragment, dafür, dass wir, bedingungslos, fragmentarisch bleiben dürfen: Jeder Kreis wird in dem Moment uninteressant, da er sich schließt, ist ähnlich sinnentleert wie ein gelöstes Kreuzworträtsel (in dem die Fragen und also die lösungsbegabte Genialität ihrer Entschlüssler nicht aufscheinen) oder ein neunmalneunmalkluges Zahlenraster vulgo Sudoku: nichts als sinnentleerte Ziffern, mit null Fehlern noch dazu, zum Gähnen!

(Aus meinem Manuskript zur Schule des Staunens vom 19.5.2016. Wird auf Nachfrage gern als .pdf zugesandt.)



Schule des Staunens 16.2 Freitag, 20. 5. 2016, 12:00

Am Abend ist fast immer Vorstellung, und ich habe wohl kaum mehr zu steigernde Erfolge. Komme ich spät nachts von Banketten, aus wissenschaftlichen Gesellschaften, aus gemütlichem Beisammensein nach Hause, erwartet mich eine kleine halbdressierte Schimpansin, und ich lasse es mir nach Affenart bei ihr wohlgehen. Bei Tag will ich sie nicht sehen; sie hat nämlich den Irrsinn des verwirrten dressierten Tieres im Blick; das erkenne nur ich, und ich kann es nicht ertragen.
(Franz Kafka: Ein Bericht für eine Akademie)

Stellen Sie sich vor, Rudolf Buchbinder kommt zum letzten Schlussapplaus heraus, aber statt dass er sich noch einmal nonchalant verbeugt, begrüßt er den Konzertmeister, sie setzten sich nieder, und dann fängt er doch tatsächlich wieder mit dem 1. Beethoven-Klavierkonzert an. Und niemand kratzt es, COMPLETE RESET. (Wobei, ihm könnte man das irgendwie ja zutrauen.) Wie auch immer, lassen Sie uns heute im Kreis gehen. Diese Woche läuft im Radiokolleg aufÖ1 die Serie „Leben im Loop. Die Kraft der Wiederholung.“, gestaltet, von – nomen est omen – Thomas Mießgang. Hier (hic et nunc) befinden wir uns inmitten einer Konzertreihe, die sich der zyklischen Aufführung einer Werkgruppe widmet, dieser Kreis is about to close, … warte nur, balde. Im verdienstvoll gestalteten und kundig ausformulierten Programmheft – die meisten von Ihnen besitzten es wohl bereits seit dem ersten Konzert des Zyklus, zehn Tage und 187 Jahre nach Schuberts Tod,

Geht es Ihnen eigentlich auch so wie mir, dass Sie an jedem 19. November unwillkürlich Schuberts gedenken, am 31. Jänner (seinem Geburtstag) aber eher nicht? Merkwürdig. Woran das wohl liegen mag? (Ich werde später eine mögliche Antwort einflechten, ohne dann jedoch direkt darauf zu verweisen.) Vielleicht sollte man, analog zur Salzburger Institution der Mozartwoche um Mozarts Geburtstag 4 Tage zuvor, auch so etwas ähnliches einrichten, was weiß ich, eine im Sinn der Unsinnsgesellschaft abzuhaltende Rodelpartie* (oder, je nach den meteorologischen Gebenheiten, Draisinenfahrt) am Himmelpfortgrund? … Der 19., der muss für Schubertianer – Schubertianer, das gefällt mir Wagner-bedingt nicht so sehr, aber wie sagt man … Schubertiner? … Schubertisten? Oder Schubertler? … Jawohl, Schubertler, das gefällt mir … nun denn – der 19. also muss für Schubertler wohl das sein, was für passionierte Marienverehrer (hier verzichte ich auf eine Schubert-analoge Erörterung des Begriffs) der 13. eines jeden Monats ist. Es ist also ein koinzidentes, sinnfälliges Glück, dass wir diese Schule des Staunens an einem 19. begehen, dem 19. Mai: Heute in einem halben Jahr versammeln wir uns dann gedanklich in der Kettenbrückengasse bei Schuberts Sterbehaus.

(Aus meinem Manuskript zur Schule des Staunens vom 19.5.2016. Wird auf Nachfrage gern als .pdf zugesandt.)

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*In H.C. Artmanns wos an weana olas en s gmiad ged: (1959) wird neben „a schas med quastln“ (…) „a söbstbinda zun aufhenkn“ (…) und „en mozat sei notnschdenda“ auch „a rodlbadii met dode“ genannt.



Schule des Staunens 16.1 Freitag, 13. 5. 2016, 12:00

Donnerstag, 19. Mai 2016, 19.30
Wiener Konzerthaus (A)
, Wotruba-Salon – Pause und nach dem Konzert*
Schule des StaunensZwischen– und Nachspiel
Komplett im Fragment – Fragment im Ganzen

Eine Hörbriefmarkensammlung
Bertl Mütter, Vortrag und Posaune

Wir befinden uns inmitten einer Konzertreihe, die sich der zyklischen Aufführung einer Werkgruppe widmet. Ob es bei großen Kunstwerken so sein kann wie bei den in der Populärwissenschaft so beliebten Stammzellen? Dass eine einzelne Zelle über die Information(en) des gesamten Organismus verfügt, sodass sich daraus sogar alles rekonstruieren lässt? – Aber wir können doch immer nur das eben erklingende Musikstück hören. Wie setzt sich das nun in uns zu einem Großen Ganzen zusammen? (Hier: Schubertharz.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b6/Moritz_von_Schwind_Schubertiade.jpg
Moritz von Schwind: Schubertiade, 1868 aus der Erinnerung gezeichnet [wikipedia]

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*Das Konzert, auf das sich meine staunenden Überlegungen beziehen, beginnt um 19.30 im Mozart-Saal.

Interpretin

Elisabeth Leonskaja, Klavier

Programm
Franz Schubert
Sonate Es-Dur D 568
 (1817)
Sonate a-moll D 784
 (1823)
***
Sonate A-Dur D 959 (1828)



Schule des Staunens 15.2 Montag, 7. 3. 2016, 12:00

https://scontent-vie1-1.xx.fbcdn.net/hphotos-xlf1/v/t1.0-9/12806014_10153890269552492_8513103468793948309_n.jpg?oh=0293fdac04bb7309171312715bf73b80&oe=5762D32D

DieÄhnlichkeit der Traurigen Weise mit dem Bratschenmelos des Mahlerschen Adagio wurde natürlich sogleich bemerkt. Manche sehen auch Bruckners Neunte als Paten über dem Werk. Das mag auch seine Berechtigung haben. Allerdings dem Lieben Gott hätte Mahler diese Symphonie nicht widmen können und wohl auch nicht wollen; dafür gibt es ja den letzten Satz der Dritten, „Was mir die Liebe erzählt“ (auch ein Adagio, sein längstes) oder das „veni creator spiritus“ der auftrumpfenden Achten (die ihrerseits, so könnte man spitzfindig behaupten, unmittelbar beim C-Dur-Finale der Siebten anschließt; für das man ihn, seinereseits, der Lächerlichmachung des Meistersinger-Vorspiels zeihte). Nein, zum Demliebengottwidmen wäre die Zehnte allzu karg-abgründig – und gar so „objektiv“, wie es gerne heißt, kommt sie auch nicht daher.

Bevor sich in den Meistersingern von Nürnberg alles zum glücklichen Ende hin entwickeln kann, verzichtet Hans Sachs darauf, sich im Wettgesang um die allzujunge Eva zu bewerben. Dabei zitiert Wagner sich selbst mit dem zentralen Tristan-Motiv, das er dann zu einer fröhlichen Wendung hin auflöst:

Mein Kind, von Tristan und Isolde kenn ich ein traurig Stück:
Hans Sachs war klug und wollte nichts von Herrn Markes Glück.

Ausschließlich deshalb erst kann das wie kaum ein Musikstück die Zeit anhaltende Quintett zur Taufe der Seligen Morgentraum-Deutweise und damit die inoffizielle Zusammenführung des Liebespaares Eva-Walther folgen, bevor es auf die johannestägliche undalso frühsommerliche Festwiese hinausgeht. Bezeichnend, dass der Wagner-Verehrer Mahler mit den Meistersingern am wenigsten anfangen konnte und sich demgemäß auch nicht an die altersweise Verzichtmaxime Sachsens halten hat können. Jens Malte Fischer formuliert es so: „Auf der Verkettung des Frühlings mit dem Herbst, der Unreifen mit dem Überreifen ruhte kein Segen.“

Und so geschieht es auch: Mitten ins Komponieren platzt die Katastrophe, der drängende Liebesbrief des jungen, noch unberühmten Walter Gropius an Alma, adressiert „An Herrn Director Mahler“. Hat sich Gropius (absichtlich?) verschrieben, hat ihn Alma (absichtlich?) aufs Klavier gelegt, um klare Verhältnisse zu schaffen? Beide können sich das, so, wie wir das von diversen heutigen Untersuchungsausschüssen oder dergleichen kennen, beim besten Willen nicht erklären bzw. zeitlebens nicht erinnern, wie das war (und ob überhaupt). Sigmund Freud, den Mahler in Leiden (sic!) aufsucht, erinnert es so:

wie wenn man einen einzigen tiefen Schacht durch ein rätselhaftes Bergwerk graben würde.

Einmal vertut er sich dabei chronologisch, setzt das Treffen 1913 an. Dabei hat er bereits im Mai 1911 sein Honorar erhalten.

Nun denn, für Alle gilt die Unschuldsvermutung.

(Aus meinem Manuskript zur Schule des Staunens vom 3.3.2016. Wird auf Nachfrage gern als .pdf zugesandt.)



Schule des Staunens 15.1 Samstag, 20. 2. 2016, 12:00

Donnerstag, 3. März 2016, ca. 20.45 und 21.45
Wiener Konzerthaus (A)
, Wotruba-Salon
Schule des Staunens Zwischen– und Nachspiel
Zur Melodie schlechthin (der unendlichen?) – Einblicke ins Purgatorium
Bertl Mütter, Vortrag und Posaune

http://s2.imslp.org/images/thumb/pdfs/a4/f1aa05906db8ddf4273c0d606a0428703762fb15.png

Welch wunderliche Linie da aus sich selbst heraus den Bratschen entwächst. Wenn es so etwas gäbe: Ein schweigend sich ergießender Bewusstseinsstrom. 1920 heißt es: „Die zehnte Symphonie aber ist, so wird berichtet, Heiterkeit, ja Übermut. (…) Geheimnisvolle Überschriften schwirren zwischen den Noten.“ Lautete jene des zentralen (Tanz-)Satzes erst „Purgatorio oder Inferno“, so blieb die Läuterungsmöglichkeit.

https://onbresearch.files.wordpress.com/2014/08/mahler-10-sinfonie.jpg

Dieser Spannung will ich mich annehmen. Und nach dem Konzert weiteres berichten. Wer weiß, von Baal, … Tristan?

http://www.sigic.si/odzven/uploads/podobe/Mahler-10thSymphony_caption1.JPG
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Das Konzert, auf das sich meine staunenden Überlegungen beziehen, beginnt um 19.30 im Großen Saal.

Interpreten

ORF RSO Wien, Orchester
Jochen Schmeckenbecher, Bariton
Cornelius Meister, Dirigent

Programm
Joseph Haydn
Ouverture zu „Acide e Galatea“ Hob. Ia/5 (1762/1773)
Gustav Mahler
Adagio aus der Symphonie Nr. 10 fis-moll (1910)
***
Friedrich Cerha / Bertolt Brecht
Baal-Gesänge (1981)



Schule des Staunens 14.2 Mittwoch, 22. 7. 2015, 12:00

ATACAMA, ein Vortrag klingender Gedanken Aus der Schule des Staunens

Stille – Einschwingen (auf Es) – Stille
Fasten – Bruckner, zum Beispiel (plumper Bauernbleampü)
… Nachwelt? Abregnen?
von der Kugelgestalt der Zeit
dieser nabokovsche Lichtspalt
Zählen (mit besonderem Augenmerk auf die lateinische Welt; chronologisch und im historischen Präsens); nebst einer Fußnote über Bruckners unbewusst höchste Lust
Wüste … Landschaft … W e i  t   e    .     .       .
„So nah am Wasser und doch so arm an Wasser“ (Humboldt)
ἐρημίτης, Wüstenbewohner
im Kreis (Gerücht)
quirlig (dünnt aus, ins Unermessliche)
dixit Nabokov, scripsit Lucretius (De Rerum Natura)
von der Geschwindigkeit des Lichts
Supermoon (Es-Dur)
Mondkartoffel, Schädelkonfekt
irreprehensibilis

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Am 19. Juli 2015 bot die Platane No. 00652 reichlich Schutz vor der sengenden Sonne, auch wehte ein angenehm kühlender Wind durch ihre Blätter. Nachts kann man hier, wenn man sich auf den freien Rasen begibt, gut die Sterne sehen. Bitte also nicht vergessen:

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Wer will, kann sich den Vortrag vom 19. Juli 2015 hier herunterladen:

http://muetter.at/cms/fileadmin/user_upload/pix72dpi/download_pdf_button.jpg



Schule des Staunens 14.1 Sonntag, 19. 7. 2015, 12:00

Sonntag, 19. Juli 2015
Viktring (A), Schulpark, Platane No. 00652
ATACAMA [UA]
Bertl Mütter, Mut- und Wunderhorn, Stimme; Konzept; Komposition

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So stand es geschrieben:

Man könnte seine Musik als Slow Food für die Ohren bezeichnen. Wenn Bertl Mütter – einsam, nicht allein – am Podium steht und seine Instrumente hörbar beatmet, ist dies – zugleich! – karg und üppig, opulent gar, zuweilen. Für das Festival NEUE WELTEN, das sich dieses Jahr Lateinamerika widmet, begibt sich Bertl Mütter assoziativ in die trockenste Wüste, die zugleich nachts die lichtloseste Landschaft der Welt ist, von wo aus sich der unverfälschteste Blick ins Weltall werfen lässt. (Das Weltall, weniger noch als Wüste, buchstäblich beinah nichts.)

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Fragen tauchen auf: Jene nach dem Blick aus dem Weltall zu uns auf dieser Welt, der Erde. Oder jene nach den Sprachen: Einem Exoterrestrier müssten sie sehr ähnlich, ununterscheidbar eigentlich, erscheinen. Als promovierter künstlerisch Forschender weiß Bertl Mütter, dass es Aufgabe der Kunst ist, Fragen zu stellen – Antworten gibt es schon allzu viele. Allzu einfache.



Schule des Staunens 11.2 Donnerstag, 11. 6. 2015, 12:00

Das Manuskript meines Vortrags, den ich am 20. Mai 2015 gehalten habe, können Sie sich hier besorgen: http://muetter.at/cms/fileadmin/user_upload/pix72dpi/download_pdf_button.jpg



Schule des Staunens 13.2 Dienstag, 9. 6. 2015, 12:00

Mit der Präsentation meiner mütterkinderlieder am 7. Juni 2015 ist meine subaltern staunende Tätigkeit im Wiener Konzerthaus, das mir in dieser Saison die großartige Gelegenheit geboten hat, anhand ausgewählter Werke und Sujets poetisch-musikalische Untersuchungen in vivo und coram publico vorzunehmen, für diese Spielzeit zu Ende gegangen. Allen, die zum Gelingen beigetragen haben, möchte ich meinen tief empfundenen Dank aussprechen, zuallererst aber Ihnen, verehrtes Publikum.

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Ich darf Ihnen versichern: Für Staunende gibt es kein Staunende!

Weiter

Staunen, das ist nämlich viel mehr als nur wahrnehmen.



Schule des Staunens 13.1 Dienstag, 26. 5. 2015, 12:00

Sonntag, 7. Juni 2015, 18.00
Wiener Konzerthaus (A)
, Schubert-Saal
Schule des Staunens – Vorspiel
mütterkinderlieder (nachmahler)

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In den mütterkinderliedern nähert sich Bertl Mütter dem Klangkosmos Gustav Mahlers: Die nah am Vorbild musizierten Kindertotenlieder konterkariert er dabei improvisatorisch mit mahlerschem Material, vor allem aus den (scheinbar) heiteren Wunderhornliedern. Dichte Musik, Mahlerharz, bis ins Schweigen.

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„die bühne bestand aus einem zweiertisch in einem sehr kleinen griechischen restaurant neben dem cafà© museum am wiener karlsplatz, die aufführung fand 1994 statt. ich hatte bertl mütter kennenlernen wollen, einen der spannendsten musiker und performer der stadt, und noch beim ersten retsina entdeckten wir, dass wir beide die musik von gustav mahler liebten. wir bestritten das gespräch, indem wir uns unsere lieblingsstellen vorsangen, und mit einem mal hatte bertl den halben ersten satz der fünften im alleingang gesungen: hauptstimmen, nebenstimmen, holz, streicher, blech, alles wurde lebendig in meinen ohren, ein vollständiger orchesterklang in der kehle dieses lausbuben aus steyr.

(…)

die „mütterkinderlieder“ sind ausdruck einer großen liebe zur musik mahlers. und schon vor sechzehn jahren war mir beim griechen deutlich geworden, dass mütter nicht teilen will, dass er seine liebe ganz für sich allein haben will. so sind wir liebende. deshalb spielt er den zyklus allein. deshalb ersinnt er intermezzi, in denen er den ganzen mahler in den arm nimmt.“

christoph becher, 2010

______________________________

Das Konzert, dem ich meine mütterkinderlieder zur vertiefenden Vorbereitung voranstelle, beginnt um 19.30 im Großen Saal.

Interpreten

Orchestre Philharmonique du Luxembourg, Orchester
Matthias Goerne, Bariton
Emmanuel Krivine, Dirigent

Programm
Anton Webern
Passacaglia d-moll op. 1 für Orchester (1908)
Gustav Mahler
Kindertotenlieder für eine Singstimme und Orchester (1901-1904)
***
Richard Strauss
Also sprach Zarathustra. Tondichtung frei nach Friedrich Nietzsche op. 30 (1896)



Schule des Staunens 12.2 Sonntag, 24. 5. 2015, 12:00

Die am  21. Mai 2015 vom RSO unter Cornelius Meister aufgeführte 9. Mahler war nicht nur für mich eines der aufwühlendesten je erlebten Konzertereignisse. Kathartisch nachgerade. Namentlich im ersten und vierten Satz war es nahezu unerträglich zu erleben, wie die Bindungsenergie zwischen den Molekülen nicht mehr recht zu halten schien. Diese Welt von gestern, sie musste zusammenkrachen, und Mahler hat es, nunja, gewusst.



Schule des Staunens 12.1 Donnerstag, 14. 5. 2015, 12:00

Donnerstag, 21. Mai 2015, ca. 20.00
Wiener Konzerthaus (A)
, Schubert-Saal
Schule des Staunens – Pausenintervention
Auflösung – Ablösung
Übers Hinauskommen

Gäste: Sascha Hois & Leonhard Paul, Posaune

104 Jahre und drei Tage nach Mahlers Tod, und Sterben bedeutet zuallererst nichts mitnehmen können (wohin auch? womit denn?), erforschen wir zwei letztlich komplementäre Strategien der Auflösung: Einstimmiges und komplexe Verwebungen von Klanglinien.

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Es ist mir eine besondere Freude, zwei von mir verehrte Meister ihres (ich darf sagen: unseres) Instruments als Gäste begrüßen zu dürfen: Sascha Hois, den phänomenalen Soloposaunisten des RSO und meinen, hmm, alten Kumpel Leonhard Paul, der wesentlich mehr noch ist als der Weiße Clown bei Mnozil Brass.

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Wir werden aber weder phänomenal noch clownmäßig agieren, sondern schlicht einen Versuch übers An-der-Welt-Zerbröseln und Wieder-Zusammenkommen (verändert, wie das nun einmal ist, wenn es einen zerbröselt hat) unternehmen. Ein ölig verzogener, quasi gregorianischer Choral (nach Jimmy Giuffres cry, want) und eine kristalline Stelle im ersten Satz der Neunten, misterioso (wo alles auseinanderzufallen droht) sind die Pole unseres Stücks.

Spätestens seit 1908/09 wissen wir ja: die Schwerkraft ist längst nicht mehr das, was sie einmal war. Und die Posaune, selbst im Trio gespielt, sie ist ein leises Instrument, voller Ahnungen. Bis dorthin, wo nichts mehr weht.

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Worum es also im Konzert geht (meine Behauptung: siehe Überschrift), das ab 19.30 im Großen Saal stattfindet, darüber werden wir voraushörend unsere Instrumente befragen.

Interpreten

ORF Radio-Symphonie-Orchester Wien
Hilary Hahn, Violine
Cornelius Meister, Dirigent

Werke
Max Bruch
: Fantasie unter freier Benützung schottischer Volksmelodien Es-Dur op. 46 für Violine
 und Orchester „Schottische Fantasie“ (1880)
***
Gustav Mahler
: Symphonie Nr. 9 (1908-1909)



Schule des Staunens 11.1 Freitag, 8. 5. 2015, 12:00

Mittwoch, 20. Mai 2015, 21.30
Wiener Konzerthaus (A)
, Buffet Mozart-Saal
Schule des Staunens – Nachspiel
stimmhaft
Zur Abbildung der menschlichen Stimme im Instrumentalklang

„Kein Instrument gleicht derart der menschlichen Stimme wie (…).“ – Bläser wähnen sich bei einer solchen Ergänzungsaufgabe gerne im Vorteil. Aber Imitation, das ist doch etwas fürs Varietà©, künstlerisch jedoch meist ein Missverständnis. Wie aber lässt sich das in der Stimme sich äußernde Wesen eines Menschen im Klang abbilden; wer weiß, Seele gar?

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/50/Gray956.png

Blasmusik, wie sie hierzulande als künstlerischer Breitensport mit ästhetisch zumeist recht beschränktem Horizont geübt wird, sie braucht Windkraft! Dass diese Windkraft, die prononciert zur Hervorbringung Neuer Musik eingesetzt wird, sich eine Kapelle nennt, stimmt mich optimistisch und vorfreudig auf vielfältig sinnliche Hörgenüsse.

Die frisch erlebten Klänge werden wohl unvermeidlich spontanen Eingang finden müssen in meine Anstellungen.

Jetzt – bin ich gespannt! (Ernst Jandl)
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Das Konzert, das mir ausreichender Vorwand für meinen Vortrag samt Posaune ist, ereignet sich um 19.30 im Mozart-Saal.

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Interpreten
Windkraft – Kapelle für Neue Musik
Marcus Weiss, Saxophon
Manuel de Roo, E-Gitarre
Kasper de Roo, Dirigent

Werke
Edgard Varà¨se: Intà©grales (1924-25)
Georg Friedrich Haas:
… über den Atem, die Stille und die Zerbrechlichkeit …. Versuch (1994)
Arturo Fuentes: In der Luft (2014)
***
Johannes Maria Staud:
Violent Incidents (Hommage à  Bruce Nauman) (2005-2006)
Iannis Xenakis: Akrata (1964-1965)
Giacinto Scelsi: I presagi (1958)



Schule des Staunens 10.4 Dienstag, 28. 4. 2015, 12:00

Warum kann es kein Bruckner gewidmetes Konfekt von überregionaler Bedeutung geben? Wir müssen jetzt konfektmäßig natürlich fair bleiben: auch Schubert wird von den Großzuckerbäckern bis heute ignoriert (selbst vom Demel!); streng genommen hat es letztlich nur Mozart geschafft. Die „Bach Würfel“ sind eine kühl kalkulierte Erfindung des Jahres 1985, von derselben Salzburger Konditorei Fürst, von der auch die „Original Salzburger Mozartkugel“ stammt; dass deren großer Konkurrent aus Bad Reichenhall, die Paul Reber GmbH & Co KG, sich jüngst erst durch eine nichts weniger als unwürdig zu bezeichnende geschmäcklerische Gender-Anbiederei, die „Constanze Mozart-Kugel“ (etwas süßer umhüllt als die klassische Mozart-Kugel*) selbst disqualifiziert hat, sei hier nur nebenbei erwähnt. Zurück. Weder Schubert, Beethoven, Mendelssohn, Schumann, Mahler oder Wagner gar, haben es geschafft ins Schokoladenland. Und das „Webern-Zigarrl“ aus Mittersill kann wohl nur als zynische Entgleisung eines örtlichen Zuckerbäckers (er wirbt ansonsten mit „Tauerngipfeln“) bezeichnet werden. Seien wir also froh, dass es kein Brucknerkonfekt gibt, denn was könnte das auch sein? Eine Marzipan-Kartoffel, die auf seinen oftmals recht kahl dargestellten Schädel rekurriert? Man könnte sie, und das wäre doch stimmig, plastilinanalog je nach Bedarf verformen. Wie sich ja auch Bruckner immer wieder verbogen hat, gemeint hat, sich verbiegen zu müssen. Angeblich.

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* Ist das nicht ein Bärinnendienst für ein so wichtiges gesellschaftpolitisches Anliegen!?

Genug jetzt hier davon. Wenn Sie den kompletten Vortrag lesen wollen, können Sie ihn hier herunterladen.  http://muetter.at/cms/fileadmin/user_upload/pix72dpi/download_pdf_button.jpg



Schule des Staunens 10.3 Sonntag, 26. 4. 2015, 12:00

Warum man wohl die Nägel der großen Zehe (der Daumenzehe) soviel seltener schneiden muss, als jene der anderen (vier Stück, pro Fuß, gemeinhin*)? Ob es sich hier um ein ähnliches Täuschungsphänomen handelt wie die so beliebte übergroße Wahrnehmung des Vollmonds beim Aufgehen, knapp am Horizont, davor sich abzeichnend eine großstädtische Silhouette, und allen gehen die Mäuler auf vor Staunen: ein Supermoon! Steht so ein Himmelsereignis bevor, wird man von den heute gängigen Informationsmedien ausreichend vorenthusiasmiert, als gäbe es nichts wichtigeres zu berichten, und das wird wohl auch wahr so sein. Oder täuscht man sich – und uns? Gegen derartige Ablenkungen empfehle ich, an einem solchen Abend Bruckner zu hören.

Bruckners Schädel indes (war er in Steyr, so wurde er von Sepp Stöger, dem dichtenden Friseur, gewartet) war eine Mondkartoffel, wie sie ein zwei Tage vor oder nach der Fülle erscheint. Mond, täuschendes Licht.

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* Dass Marilyn Monroe polydaktil gewesen sei, ist ein bis heute sich haltendes hartnäckiges Gerücht, aber nicht mehr.



Schule des Staunens 10.2 Freitag, 24. 4. 2015, 12:00

Bruckners Biographie steht im Banne der Anekdotalität, man könnte sogar von einem Anekdotalitarismus sprechen. Nämlich: es reiht sich Klischee an Klischee. Angebliche Charaktereigenschaften werden uns da überliefert: der Tölpel, der Bauernbleampl, der unterwürfige Kerzerlschlucker, immer zumindest eine Nummer zu groß angezogen, schlampert noch dazu. Die Zeitgenossen, sie haben ihn allesamt verkannt und wahrlich Wagner nur war sein Genie bewusst.

Das ist bitte alles falsch! … Wie aber jede falsche Überlieferung kristallisiert sie entlang eines wahren Kerns. Ab dort jedoch wuchert es aus. … In der Tat hatte Bruckner größte Mühe, sein musikalisches Werk vor fremder Einflussnahme zu behüten, zu verteidigen. Er ging dabei keinesfalls immer geschickt vor und musste in Kauf nehmen, dass diejenigen, die von der Größe seiner Kunst nichts begriffen hatten, in seinen privaten Angewohnheiten wühlten. So ist das, bis heute. Gut zwei Drittel der doch recht umfangreichen Bruckner-Bibliographie handeln unnötigerweise von den Merkwürdigkeiten, insbesondere dem äußeren Erscheinungsbild und Gehabe eines angeblich kindlichen Mannes. Bruckners Charakter wird uns also hauptsächlich über mehr oder weniger verbürgte Anekdoten überliefert, weniger bis kaum in persönlichen Zeugnissen. Es gibt auch kein von ihm formuliertes musikästhetisches Programm, und seine Allgemeinbildung muss denn auch als recht marginal angesehen werden. So einer kann kein satisfaktionsfähiger Gesprächspartner für Meister Wagner sein! Einzig seine – vorbildlich edierten – Briefe sind neben den Partituren (die er, nicht blöd, in ihrer Originalgestalt der heutigen Nationalbibliothek vermacht hat) beredtes Quellmaterial; die Briefe bieten vor allem auch aufgrund gewisser darin unleugbar zutage tretender Schrulligkeiten recht vergnüglich (aber bitte nicht schadenfroh!) zu lesende Informationen über Bruckner, den Menschen, Bruckner den Typen, Bruckner, den (Eigenzitat:) Kampl.

Fritz von Uhdes (1848–1911) Gemälde „Das Abendmahl Christi“ aus dem Jahr 1886 zeigt ganz links am Kopfende der Tafel Anton Bruckner, als Jünger mit Blickkontakt zu Jesus. Bruckner, der, so Uhde, Hauptapostel. … Ob er sich wohl getraut hätte, Ihn um glaubensvollzugsbezügliche Erleichterungen zu bitten? Weil, war sein spontaner Ausruf, als er von der ihm zugedachten Rolle im Gemälde erfuhr, auch: „Jå, bin i denn a Jud‘?“, so hat er doch, sich einkriegend wohl, in herausbrechender Frömmigkeit auf seine zweifellose Unwürdigkeit hingewiesen, in so einer ehrenden Rolle abgebildet zu werden, und so gehört sich das ja bitteschön auch. (Mehr zur Nichtswürdigkeit als Lebenshaltung weiter unten.)

Zur Physiognomie Bruckners gibt es, ausgehend von den traditionsstiftenden Nekrologen im Oktober 1896, zwei parallel laufende Linien, die ihm einerseits Imperatorenprofil, andererseits einen Bauernschädel bescheinigen. Die Neue Freie Presse wusste gar, dass es an Kaiser Claudius gemahnte, diesem Kampl.



Schule des Staunens 10.1.2 Mittwoch, 22. 4. 2015, 12:00

Zählen (22.4.)

Heute, am 22. April, ist, da es sich um kein Schaltjahr handelt, der 112. Tag des Jahres. 2-2-4 – 1-1-2 — ist das nicht schön? Immanuel Kant wäre 301, Lenin 145, Vladimir Vladimirowitsch Nabokov 116, Kathleen Ferrier 103, Yehudi Menuhin 99 und Charles Mingus – God must be a Boogie Man – rüstige 93. Weiters gratulieren wir Jack Nicholson zum 78er und Fußballzauberer Kakà¡ zum 33er*. Der 21. April vermerkt keinen für meine Zwecke nennenswerten Todestag. Zwei Jahrestage: Exakt 102 Jahre weniger einem Tag vor Einführung des deutschen Kampfhundeeinführungsverbotes wurde in Karlsruhe der Verein für Deutsche Schäferhunde gegründet, von Menschen. Und die Evangelisch-Lutherische Kirche in Amerika begeht den Tag der Schöpfung – es scheint sich um einen Jahrestag zu handeln; meine zugegeben nicht sehr erschöpfenden Recherchen konnten mir keine näheren Informationen liefern, ob es sich um ein rundes Jubiläum handelt, auch nicht, was wir uns darunter vorzustellen hätten.

Dreinreden (22.4.)

Was für einen Unfrieden das Dreinreden doch da und dort stiften kann: Jack Nicholsons Dämonie kann so in keinem Drehbuch stehen. Man hat nicht vermocht, ihn einzubremsen. Und wenn es doch geschieht (überm Kuckucksnest), zu wem wohl helfen wir!? … Kakà¡ ist uns bekannt als Fußballzauberer. Da halten sich ebensolche Lehrlinge besser fern. … Kathleen Ferriers (oder auch Julius Patzaks) eigenwilliger Klang, wäre er geglättet (homogenisiert) worden, wer erinnerte sich heute noch an sie? … Wie läsen sich Nabokovs Bücher, müssten sie ohne diesen süffisant geschliffenen Spott auskommen? … Und wie hörten sich gewisse Aufnahmen des Charles Mingus Workshop an, hätte er nicht bei gewissen Gelegenheiten, zur Intensivierung des Ausdrucks, einen geladenen Revolver dabei gehabt: Seine Leute spielten buchstäblich um ihr Leben! Und es ist ja eh nichts passiert. (…)

______________________________
* Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Summe der beiden Schallplattenumdrehungsgeschwindigkeiten (33 bzw. 45) die Grammophondrehzahl 78 ergibt? Das kann doch bitte kein Zufall sein!



Schule des Staunens 10.1.1 Dienstag, 21. 4. 2015, 12:00

Zählen (21.4.)

Heute, am 21. April, begehen wir, da es sich um kein Schaltjahr handelt, den exakt 111. Tag des Jahres. Anthony Quinn wäre Hundert. Geboren wurde er in Chihuahua, jener Stadt, die auch der kleinsten Hunderasse ihren Namen gegeben hat; vor allem im 18. Jahrhundert wurden diese possierlichen, oftmals aber recht affektierten Tierchen von ihren Damen zur privaten erotischen Belustigung eingesetzt, weshalb sie nicht umsonst recht treffend Schoßhündchen genannt werden. Anthony Quinn seinerseits spielt in seinen Filmen vielfach (manchmal auch sympathisch) scheiternde. Josef Meinrad, ein großer bescheidener, wäre bereits 102. Seit 873 Jahren tot ist Petrus Abaelardus, und in zwei Jahren sind es auch schon wieder 900 Jahre, dass man ihn, im Spätsommer seines Lebens, entmannt hat, ein Attentat im August war’s. Mark Twain ist 105 und Willi Boskovsky, der Jahreseröffnungsstehgeiger meiner Kindheit, auch schon wieder 24 Jahre tot; Nina Simone verstarb vor einem Dutzend Jahren. Festlich stimmt uns, dass auf den Tag genau heute vor 2.768 Jahren Rom auf sieben Hügeln gegründet wurde, während es exakt 2.600 Jahre später, am 21. April 1847, in Berlin zur Kartoffelrevolution gekommen ist, die man sich ersparen hätte können, hätte man das neophytische Nachtschattengewächs nicht aus Südamerika über die Kanarischen Inseln bis nach Europa gebracht. 1847 dann sind die Kartoffelpreise gleich einmal sprunghaft angestiegen, was den Leuten in Berlin nicht recht war. 1847, diese Zahl wollen wir uns merken. Nebenbei: 1847 ist, als Primzahl, eine Zahl für Singles. Bruckner muss sich, als einer, der nur wenig von seinem Leben mit anderen teilen durfte (wollte er je überhaupt?), oftmals wie eine Primzahl vorgekommen sein; 1847 war er, so ein Zufall, primzahlige 23 Jahre alt. … Um den historischen Exkurs abzuschließen: Im Jahr 2001 wurde, am Vorabend des 102. Jahrestags der Gründung des Vereins für Deutsche Schäferhunde (in Karlsruhe war das), das Kampfhundeeinführverbot eingeführt. Aber wer bitte würde denn sowas sich oder gar jemand anderem antun? Ich finde, Schoßhündchen wie etwa Chihuahuas reichen da völlig zufriedenstellend.

[Bruckner, der arme Teufel, hatte bis ins hohe Alter eine derartige Angst vor Pollutionen, (ungewollte) Selbstbefleckungen, dass er sich nicht anders zu helfen wusste, als eine spezielle Sanitärunterwäsche (Gummiunterhosen) zu tragen.]

[Als wärs die Vorsehung selbst, erreicht uns am 22. April 2015 diese Meldung: „Promisternchen Paris Hilton (34) trauert um ihr Schoßhündchen Tinkerbell. ‹Mein Herz ist gebrochen. Ich bin so traurig und am Boden zerstört›. (…) Sie habe 14 tolle Jahre mit dem Hund verbracht, der an Altersschwäche verendet sei.“ … just am hundertsten Geburtsfest des Chihuahuagebornen. Das kann kein Zufall sein! – Quelle: orf.at]

Dreinreden (21.4.)

Was für einen Unfrieden das Dreinreden doch da und dort stiften kann: Hat nicht Romulus recht gehabt, sich vom gleichfalls wolfsmilchgesäugten Mauerspringer Remus nicht verhöhen zu lassen? … Hätte doch Heloises Onkel Fulbert dem Abaelard seine Freundin gelassen und sich besser selber kastriert! … Und wieviel schöne Sirtaki-Poesie liegt nicht in der ingeniösen Ingenieursbeharrlichkeit eines Alexis Zorbas, sodass ihm seine Materialseilbahn bei der – ähh – Jungfernfahrt derart grandios zusammenkrachen kann, dass wir uns, mit ihm und ermuntert von ihm, aus tiefstem Herzen freuen dürfen!?



Schule des Staunens 10.1 Montag, 13. 4. 2015, 12:00

Mittwoch, 21. April 2015, 18.30
Donnerstag, 22. April 2015, 18.30

Wiener Konzerthaus (A)
, Berio-Saal
Schule des Staunens
dreinreden
Über künstlerische Autonomie. Und Konfekt.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a4/Anton_bruckner.jpg

Warum gibt es kein Bruckner gewidmetes Konfekt? Was könnte so etwas sein? Eine Marzipan-Kartoffel, die auf seinen oftmals recht kahl dargestellten Schädel rekurriert? Man könnte sie, das wäre doch irgendwie stimmig, plastilinanalog je nach Bedarf verformen. Wie ja auch Bruckner gemeint hat, sich verbiegen zu müssen. – Gehen wir Heutigen ihmgemäß um mit Bruckners erratisch-monolithischer Genialität? Was meinen wir eigentlich besser zu wissen – und woher denn, bitte?

______________________________

Die beiden Konzerte (Dienstag/Mittwoch), auf die ich mich (derart und ganz anders) mit meiner Posaune samt Stimme erzählend implizit/explizit beziehen werde, beginnen jeweils um 19.30 im Großen Saal.

Interpreten
Wiener Symphoniker, Orchester
Christian Tetzlaff, Violine
Robin Ticciati, Dirigent

Werke
Robert Schumann: Konzert für Violine und Orchester d-moll, WoO 1 (1853)
***

Anton Bruckner: Symphonie Nr. 4 Es-Dur WAB 104 „Romantische“ (1878-80)




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