mütterkinderlieder | rezensionen


BR Klassik, Johann Jahn, 13.4.2011

Der österreichische Posaunist Bertl Mütter hat sich nun, nach seinen gefeierten Auseinandersetzungen mit Schuberts und Schumanns großen Liederzyklen, an Gustav Mahlers berühmte "Kindertotenlieder" gewagt – und gewonnen.

Mahlers „Kindertotenlieder”, entstanden für Singstimme und Orchester zwischen 1901 und 1904 nach Texten der gleichnamigen Gedichtsammlung Friedrich Rückerts, arrangiert für Posaune solo? Schwer vorstellbar und – das sei nicht verschwiegen – beim ersten Hören vielleicht noch schwer zugänglich. Dennoch findet der kluge Musiker und großartige Klangforscher Bertl Mütter einen Zugang, der sehr gut funktioniert, wenn man sich die Mühe macht, in diesen eigenartigen Kosmos einzutauchen.

Herausfordern, um innezuhalten

Mütter folgt den fünf Liedern in der Regel Takt für Takt. Meist übernimmt er die Singstimme, wechselt aber auch in Begleitfiguren, Bassgänge und Harmoniestimmen. Eine rein vertikale Gliederung (Orchestrierung und Singstimme), sowie die Übersicht durch die Strophen geht verloren zugunsten eines scheinbar nie enden wollenden Flusses. Mal hält sich Mütter fast notentreu an das Original (Nr. 1 „Nun will die Sonn’ so hell aufgehn”, bei Mütter: „nunwilldiesonn”), angereichert durch allerlei Effekte wie Flatterzunge und/oder Doppelstimmigmkeit, Zirkulationsatmung, Raunen, das wie elektronisch bearbeitet klingt. Mal stockt er innerhalb eines Wortes, einer Phrase und schafft Pausen, die den Zusammenhang erschweren, die den Hörer herausfordern, innezuhalten (Nr. 3: „wenndeinmuett”)

Freie Improvisationen

Eine wichtige Rolle spielen die Intermezzi zwischen den fuünf Liedern. Es sind dies freie Improvisationen, die aber immer Motive aus anderen Werken Mahlers streifen. Mütter schreibt selbst dazu: „so muss ein konstituierendes element der dramaturgie die konterkarierung der (nie sentimentalischen!) klagelieder mit vordergründig fröhlichem oder groteskem material sein: dafür bieten sich die einer sorgenfreien (?) kinderspielwelt entnommenen wunderhornlieder an, die in einem kindlichen tone daherkommen, unter ihnen die von mir zinnsoldatenlieder genannten (der tamboursg'sell, revelge, der schildwache nachtlied,…). welche von diesen liedern aber im konzert vorbei fliegen, hängt vom augenblicklichen einfall ab, wie auch nicht gesichert ist, ob wir am schluss (oder danach) überhaupt ganz der welt abhanden kommen.”

Voller Spannung

Und so tastet er sich einmal an das abgründige Thema aus „Kuckuck hat sich zu Tode gefallen” heran (erstes Intermezzo), später tauchen noch „Des Antonius von Padua Fischpredigt” oder das „Rheinlegendchen” bis hin zu Themen aus der Zweiten, Sechsten und Siebten Symphonie auf. Auf diesen mäandrierenden Fluss muss sich der Hörer einstellen, am besten vorher die „Kindertotenlieder” im Original hören und sich dann Mütter hingeben. Nach dem letzten Takt des fünften Liedes („indiesemwetter”) lässt Mütter über eine Minute Pause auf der CD, ohne das Mikro abzuschalten. Die Atmosphäre wirkt, die Spannung wird gehalten. Dann ertönt, gleichsam als würde es zu diesem Zyklus dazugehören, das Rückert-Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen” …großartig!

BR-Klassik

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Leipziger Kreuzer, Hagen Kunze, Juni 2011

Mütterkinderlieder heißt die Paraphrase des österreichischen Posaunisten Bertl Mütter auf Gustav Mahlers Kindertotenlieder. Dahinter verbirgt sich eher eine interpretierende Performance als strenge Neue Musik: Mütter setzt seiner Lesart des Zyklus, in der er auf der Posaune sowohl die Solostimme als auch instrumentale Linien verdeutlicht, jeweils eigene Intermezzi gegenüber, die Mahlers Musik wie eine eigene Interpunktion gliedern. Das ist großartig – und übrigens auch nachvollziehbar, ohne dass neben dem CD-Player die Partitur liegen muss.

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Münchner Merkur, bnb, 7./8.5.2011 (Muttertag)

Mütter und Kinderlieder

Gustav Mahlers Kindertotenlieder verarbeiten die Trauer über den Verlust eines geliebten Kindes. Jetzt hat der Posaunist Bertl Mütter das Werk neu interpretiert. Passend zu seinem Namen heißt die CD „mütterkinderlieder (nach-mahler)”. Mahler schrieb seinen Liedzyklus für Solo-Gesang und Orchester. Der Österreicher Bertl Mütter intoniert Haupt- und Nebenstimmen allein mit seiner Posaune. Das ist außergewöhnlich: Es gelingt ihm, mit nur einem Instrument ein vielfältiges Klangbild zu schaffen. Mütter spielt nicht nur, er singt in die Posaune. Mehrstimmigkeit entsteht. Sein weicher Ton ist Entspannung und Abwechslung zugleich. Nicht nur für gestresste Mütter.

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Harald Brandstetter („harbran”), 13.6.2011

Mahler für Posaune

Posaunen sind Mahler keineswegs fremd, fremdartig ist jedoch, wie der Jazz-Posaunist und musikalische Experimentator Bertl Mütter ausgewählte Lieder von Gustav Mahler auf nur einer Posaune interpretiert.
Seine neueste CD mütterkinderlieder (nachmahler) widmet der gebürtige Steyrer Bertl Mütter der Aufarbeitung des Mahlerschen Liedguts für moderne Ohren.
Dabei geht Mütter mit dem Werk des großen Symphonikers durchaus respektvoll um, auch läuft es nicht auf Anleihen von Versatzstücken bei einem gerade hoch im Kurs Stehenden hinaus. Bertl Mütter ist durchaus Eigenes und Eigenständiges gelungen – wie man das von ihm gewohnt ist.
Der augenfälligste Kontrast ergibt sich wohl daraus, dass Mütter bei solchen Projekten am liebsten alleine arbeitet: die Breite und Tiefe von Mahlers Orchestrationsgenie mit nur einer Posaune einzufangen, ist schon eine Leistung, nachgerade weil es ganz und gar nicht eindimensional klingt. Mütter ist mehr als ein Virtuose auf seinem Instrument, das er zerlegt wie zusammengebaut zu spielen versteht. Und diese Dekonstruktion tritt nicht nur sein Instrument, sondern selbstredend auch das Werk, das er sich auserkoren hat. Mütter ist in der Performance zuhause, der Auf-führung im randständigen Sinne.
Wenn Bertl Mütter sich etwa Wenn Dein Mütterlein tritt zur Tür herein vornimmt, dann bleibt davon ein Skelett zurück, das in seiner Trauer über den Verlust zum Hörbild eines radikalen Verlusts wird, in der Reduktion auf das Wesentliche der Partitur zu einem Destillat reinsten Mahlers, könnte man sagen.
Die fünf Lieder aus dem Zyklus Kindertotenlieder werden eingerahmt und verbunden durch frei improvisierte Intermezzi, in denen Motive aus anderen Werken Mahlers gestreift werden; nicht umsonst ist Mütter in der Lage, den ersten Satz der Fünften mit allen Stimmen vorzusingen – seine Liebe zu Mahler ist tief verwurzelt und hat hier bemerkenswerte Früchte getragen.
Völlig frappierend aber in sich logisch ist es daher, dass die Beschränkung auf ein Instrument aus Mahlers Klangkosmos eine nicht minder kosmische einzige Melodie zu machen versteht.

Link: spoudogeloion (blog)


cd rk 3009 (2011) | raumklang edition modern

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