vorschule des staunens

  
Ein Ver- und Entwicklungsdiarium

Staunend sahen wir das große Pferd. Es durchbrach das Dach unserer Stube. Der bewölkte Himmel zog sich schwach entlang des gewaltigen Umrisses und rauschend flog die Mähne im Wind.

Franz Kafka

Weil Kafka sie, als wärs ausgemacht, am 22. Jänner 1918 tatsächlich unmittelbar darunter in sein drittes Oktavheft notiert hat, auch die beiden nächsten Perikopen:

Der Standpunkt der Kunst und des Lebens ist auch im Künstler selbst ein verschiedener.

Die Kunst fliegt um die Wahrheit, aber mit der entschiedenen Absicht, sich nicht zu verbrennen. Ihre Fähigkeit besteht darin, in der dunklen Leere einen Ort zu finden, wo der Strahl des Lichts, ohne daß dies vorher zu erkennen gewesen wäre, kräftig aufgefangen werden kann.

… genau von da aus gehe es weiter, umfliegend! Und genau dort gehe es hin, suchend, nein: findend. Es ist ja ein dynamischer Ort. (Ort? – was sag’ ich da!?)


25. November 2013

Es schneit fettflockig, zum ersten Mal in diesem Winter. Noch ist es etwas hell. Bald soll hier ein Text übers Staunen, über den Anfang allen Staunens (gut: über einen möglichen Anfang allen Staunens) stehen.


1. Dezember 2013

Vom Spinnen roter Fäden

Gegeben sei ein Werk. Oder eine Gattung, eine Besetzung, … Darauf sei sich zu beziehen. Nämlich grundsätzlich sei die Schule des Staunens eine Ermunterung und Ermutigung, ja, eine Ermächtigung zum freien Denken, zum freien Strömenlassen der Gedanken, und die kommen nun einmal, herausgekitzelt wodurch immer (vermutlich durch besondere Federn), einfach so daher, wie sie wollen. Freiheit ist ja wirklich mehr als nur das, was ausdrücklich erlaubt ist oder gar was man darf.

Freies Denken … nun, es stehe ein bestimmtes Werk auf dem (Haupt-)Programm, dazu fällt uns was ein, von da geht es weiter. Und weiter.


3. Dezember 2013

Ein (konstruiertes) Beispiel, auch zur Frage der Distinktion, wäre Anton Bruckner, 7. Symphonie in E-Dur, WAB 107: Mit oder ohne Beckenschlag? Wie schaut das weiter aus mit (behaupteter oder tatsächlicher) Kennerschaft? (…) Musste man bei Chet Baker wirklich hineinapplaudieren, wenn er die ersten Worte von My Funny Valentine (gehaucht mehr als) gesungen hat? (…) Ist es ein Hinweis auf eine herausragende Leistung, wenn nach einem Jazzsolo applaudiert oder wird doch eher gewohnheitsmäßig nach jedem Solo applaudiert? Oder fächelt sich da das Publikum selber Kennerluft* zu? (…) Das hohe d des Tenorschwans in den Carmina Burana goutieren, abwägen und mit einem vorgeblich gelungeneren Vergleich verwerfen. Eine niedrigere Distinktionsstufe stellt etwa das Wissen ums Mitklatschendürfen (oder, je nach ästhetischer Verfeinertheit, -müssen) beim Radetzkymarsch am 1. Jänner dar…
Es drängen sich etliche weiter beliebte Gemeinplätze auf, und auch zum Musikkritiker von Georg Kreisler ist’s möglicherweise nicht weit. (Der Opernboogie entfalle gnädig.)

Und so weiter.

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* „Sie sind ein Kenner.” (Loriot)

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8. jänner 2014

widerhaken können so was freundliches sein.

wir spielen nur, es tut nicht weh!
oder, umgekehrt
wir spielen nicht, es tut nur weh!

wird wohl von beidem was stimmen. wichtig dabei: stimmen, nicht verstummen.


18. Jänner 2014

affirmative Nachricht (leicht gekürzt)

(…) wenn du etwas zum intermedialen LeseUndGebläse machen könntest, also zum Wechselspiel zwischen musikalischer und literarischer Sprache, wobei du hierfür also deine Posaunenpoesie mit deiner Sprachundsprechpoesie verbinden könntest, dann hättest du wohl ein Alleinstellungsmerkmal. Und bist gleichzeitig genau da, wo dich deine Dissertation hingebracht hat: Vom Spielen zum Dichten zum spielenden Dichten und dichtenden Spielen.
Gerald Lind
, 17.9.2013

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28. Jänner 2014

Es gehe nicht – wie zeitgemäß dilettantenüblich* – um ein Staunen anstatt Verstehenwollen, sondern um Staunen als Fragen aufwerfende Vorbedingung, hin auf den Wunsch, etwas genauer, in einer größeren Umfassendheit begreifen zu lernen und so dem, was landläufig als Verstehen bezeichnet wird, etwas näher zu kommen. Dies sei das zentrale Ziel einer sich ethisch, ja moralisch begreifenden Schule des Staunens, die sich explizit an neugierige Menschen wendet, denen das Staunen ein Erkenntnishalbschritt ist:

 •  Vorschule des Staunens
 •  Schule des Staunens
 •  Öffnen, hin zu einem begreifenden Verstehen
 •  Gehet hin und tuet desgleichen!

Weiter. Bewegung.

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* vgl. Thomas Rietzschel: Die Stunde der Dilettanten. Wie wir uns verschaukeln lassen. Wien: Zsolnay, 2012. (S. 71)

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16. Februar 2014

Staunvorbilder. Wer oder Was wäre das? Oder, hm, Wie wäre das?

Da es beim Staunen immer erlaubt sein muss, fragmentarisch zu bleiben, muss ich zuallererst Bouvard und Pécuchet* als meine leuchtenden Vorbilder benennen und erkläre sie hiermit zu den Schirmherren all meiner Anstrengungen; ich bin sicher, sie würden sich freuen. Ihr glühender Enthusiasmus, mit dem sie, Universaldilettanten par excellence, zu Werke gehen, ringt mir den allerhöchsten Respekt ab. Merkwürdigerweise sind die beiden in unseren Breiten nicht so geläufig (gut, sie stellen einen schonungslosen Spiegel unser aller Dilettantismus’ dar – haben wir es nötig, uns das von einem Franzosen aufzeigen zu lassen?), weshalb ich den Handlungsverlauf kurz skizziere:

Bouvard und Pécuchet, zwei Büroangestellte (Kopisten), glauben unbeirrbar an den Sieg der Vernunft. Nach ihrem Kennenlernen, der Feststellung einer Geistesverwandtschaft, beschließen sie, Bouvard hat eine Erbschaft gemacht, sich ein Landgut zuzulegen. Dort widmen sie sich der Reihe nach (und immer nur so weit, bis es ans Eingemachte ginge) mit Feuereifer der Landwirtschaft, dem Garten- und Landschaftsbau, der Lebensmittelkonservierung, der Schnapsbrennerei, den Naturwissenschaften, der Chemie, der Anatomie, Medizin und Biologie, der Geologie, Archäologie, Geschichte und Architektur, der Literatur, dem Drama und der Grammatik, der Ästhetik, Politik, der Liebe und der Gymnastik, dem Okkultismus, der Theologie, Philosophie, dem Selbstmord (durch die Religion werden sie davor errettet), der Pädagogik, Musik, Stadtplanung und den möglicherweise ganz sicher daraus abzuleitenden gesellschaftlichen Reformen. So gründlich (und episodisch) sie sich mit all diesen (Para-)Wissenschaften beschäftigen, so gründlich (eig. noch gründlicher) scheitern sie jeweils, sodass die schließlich, als hätten sie die Erde in einer semipermeablen Blase umrundet, wieder da zu stehen kommen, von wo aus sie angefangen haben: Zurück zum „Kopieren, wie einst“. Konsequent in ihrer Inkonsquenz stellen sie ihre hochtrabenden intellektuellen Bemühungen ein. Das Werk endet mit der eifrigen Vorbereitung zur Herstellung eines Doppelschreibtisches, an dem sie gemeinsam (ab)schreiben wollen.

Wir kommen wie von selbst zu Thomas Bernhard, pars pro toto zitiere ich aus seiner Ansprache bei der Verleihung des Österreichischen Staatspreises**: „[…] es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es ist vieles lächerlich; es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt. […] Was wir denken, ist nachgedacht, was wir empfinden, ist chaotisch, was wir sind, ist unklar.” Er sagt das, nicht ohne uns Befreiung anzubieten: „Wir brauchen uns nicht zu schämen, aber wir sind auch nichts und wir verdienen nichts als das Chaos.”

Weiter also, ein weiteres Scheitervorbild, nämlich der immer wieder unverzagt seinen Felsen berganrollende Sisyphos, glücklicher, vermutlich glücklichster aller Menschen. Was wird uns denn eigentlich über seine Befindlichkeit beim Hinabgehen zum Fuß des Berges berichtet? Immerhin gelang es ihm, dem verschlagensten aller Menschen, zuvor durch skrupellose Schlauheit mehrfach, trickreich den Tod zu überlisten, und wir wollen hoffen, dass er sich etwas von diesem Geist in seiner Lebensstrafe bewahrt haben möge, sich gar, wie Naranath Bhranthan in der altindischen Legende, wie unbändig am Zurückrollen des Steins ins Tal erfreue, semper et sempiternam.

Bleibt noch Don Quixote. Auch so ein Neugieriger. Ich schließe vorerst also mit Franz Kafka***: „Sancho Pansa, der sich übrigens dessen nie gerühmt hat, gelang es im Laufe der Jahre, in den Abend- und Nachtstunden, durch Beistellung einer Menge Ritter- und Räuberromane seinen Teufel, dem er später den Namen Don Quichote gab, derart von sich abzulenken, daß dieser dann haltlos die verrücktesten Taten ausführte, die aber mangels ihres vorbestimmten Gegenstandes, der eben Sancho Pansa hätte sein sollen, niemandem schadeten. Sancho Pansa, ein freier Mann, folgte gleichmütig, vielleicht aus einem gewissen Verantwortlichkeitsgefühl, dem Don Quichote auf seinen Zügen und hatte davon eine große und nützliche Unterhaltung bis an sein Ende.”

Genau, nützliche Unterhaltung, bis ans Ende. Die wünsche ich uns allen.

(Schaut eh ganz gut aus.)

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* Gustave Flaubert (1821–1880): Bouvard et Pécuchet (erschienen 1881 posth.)
** Thomas Bernhard, in: Meine Preise, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009. (S. 121-122, Rede gehalten 1967)
*** Franz Kafka, in: Gesammelte Werke in zwölf Bänden (Band 6: Beim Bau der chinesischen Mauer und andere Schriften aus dem Nachlaß, in der Fassung der Handschrift), Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 1994. (S. 167, entstanden 1917)

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25. März 2014

Was hab ich’s gut: Ich muss in meiner Schule des Staunens nicht auf die von der Wissenschaft immer geforderte Umfassendheit achten, muss nicht sämtliche denkbaren Permutationen mitbedenken, sondern ich darf anreißen, Wege andeuten, manche losgehen, andere völlig ignorieren. So darf ich mir erlauben (ich erlaube es mir einfach!), dass nach Punkt 2.2 Punkt 9 kommen kann, warum auch nicht, und vielleicht gelingt mir ja, unbeabsichtigt und absichtslos, mit dieser Art des willkürlichen Auswählens ein Thema kompletter (umfassender) abzubilden, als ginge ich mit allzugroßer Komplettheitsakribie an es heran. Nur im Fragmentarischen (zu mehr sind wir nicht in der Lage) ruht die Vollkommenheit; Vollkommenheit, großes Wort, ich schüttle es sogleich, teilweise, wieder ab.

Zugleich, des will ich mir immer gewärtig sein, ist keinesfalls gesagt, dass nicht etliche andere Möglichkeiten des Betrachtens existieren – genaugenommen Unendlich weniger Eins – was, mathematisch, immer noch Unendlich und, für Nicht-Mathematiker (und Nicht- bzw. ungläubige Theologen) denkmöglich, lediglich eben um Eins (1) weniger als Unendlich (∞), also schon noch ganz schön viel ist. Voll (zumeist abendlich) frischen Elans also hinein ins jeweilige Sinnendrehellpsiod, und alles dreht sich irgendwie (auch) um bzw. Über Reden: Musik als Sprache als Musik.

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16. Juli 2014

Die Schule des Staunens sei zuallererst Ermutigung zum persönlichen Staunen. Meine Erschließung zeigt genau einen Weg: meinen, im Augenblick der Präsentation. Morgen kann er (sich) schon wieder ganz anders verlaufen. – Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?*
Und wenn jemand, sagen wir: bei Bruckner an, sagen wir: Zehennägelschneiden denken muss: Wer sollte ihm/ihr das verbieten? Gespannt aber sind wir jedenfalls auf die assoziative Herleitung und die sich daraus ableitenden Schlüsse.

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* Heute meist dem – von 1949 bis 1963 – ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland Konrad Adenauer zugeschrieben, um ihn als Realpolitiker zu kennzeichnen, der schnell und flexibel auf veränderte Umstände reagiert. In diesem Sinne wird gern die Ergänzung beigefügt: „Es kann mich doch niemand daran hindern, jeden Tag klüger zu werden.” (Quelle: Wikipedia)

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