Gutachten Ernst Kovacic

  
Gutachten zu Bertl Mütters DSUDL

Sowohl als Betreuer als auch als Mitwirkender an diesem Projekt beteiligt gewesen zu sein erforderte Wohlwollen und Skepsis!

Also: DSUDL!

Mit Wohlwollen verfolge ich seit Jahren jede musikalische Aktivität Bertl Mütters: Zuletzt bei den brücken mürz führte er mit dem Trompeter Lorenz Raab virtuos improvisierend durch ein sehr heterogenes Programm: Mode schauen – Mode hören! Ein Meister der dramaturgischen Gestaltung…

Meine Skepsis gründet in meiner Erfahrung, dass viel, was landauf landab – sei es in Instrumentalmusik oder Elektronik – improvisatorische Kreativität vorspiegelt, nur zu oft in Beliebigkeit abgleitet.

Wie war das bei DSUDL?

Einige Aspekte finde ich besonders erwähnenswert:

Führen der Probenarbeit:

– grosse Effizienz

– Motivation in den Individuellen Bereichen des Musizierens

– hilfreiche Vorgaben für die kollektiven Flächen

– Allgemeine Atmosphäre wunderbar balanciert

Zusammenstellung des Ensembles: Wie sich im Verlauf der Arbeit zeigte, hat BM durch die Zusammenstellung der Instrumente und Stimmen für seine Vorhaben eine sehr »kreative« Grundlage geschaffen.

Kollektives Verhalten:

Erfahren in Arbeit mit jungen Ensembles und Orchestern stelle ich immer wieder fest: Miteinander musizieren heißt miteinander leben lernen. Ich würde allen an den wirtschaftlichen Prozessen unserer Zeit Beteiligten (Politikern, Bankiers, Multis) raten, an einem Seminar mit Bertl Mütter teilzunehmen. Er erreicht, was wir uns wünschen: eine gute Balance zwischen persönlichem Einbringen und Zurücktreten für gemeinsam wünschenswerte Ziele…

BM hat da ein grosses Ganzheitsgefühl verbreitet!

Anstreifen an Fixpunkten unseres musikalischen Unterbewusstseins:

Naturgemäß streift alles Improvisierte an Gestalten, die in einer Gesellschaft verbindlich verinnerlicht wurden. Der Hummelflug ist bekannte Metapher, nicht mehr nur Hummelflug... er wird das Schwirrende, er wird das Virtuose, er wird das…

Das Auftauchen und wieder Verlassen solcher wiedererkennbaren Metaphern schafft, wenn es nicht banal bleibt, ein eigenes formales Orientierungsnetz.

Das Verinnerlichen:

Seine Schubert–Echos werfen zurecht ein schmunzelndes Licht auf die Zeit der ›Werktreue‹: Beim Verinnerlichen eines Musikstücks – ähnlich der Verdauung von Nahrungsmitteln – begegnen sich offenbar Werk und Persönlichkeitsstruktur in besonders intimer Weise – teilweise dem Bewusstsein entzogen. Das, was als Reflexion über das Verinnerlichte erscheint ist aussagekräftig über das Stück selbst und die verinnerlichende Person gleichermassen. Die Vertreter der ›Werktreue‹ postulieren – natürlich auch zurecht – zu respektierende objektive Gegebenheiten, eben: das ›Werk‹! Dabei soll aber nicht vergessen werden, dass die Wiedergeburt des Werks sich im Innern der Menschen ereignet und dort fruchtbar wird.

BM breitet diesen Vorgang faszinierend vor uns aus … Leiermann

Höhepunkte der Dichte: Bertls Improvisationen. Seine Virtuosität, seine starke, überzeugende Präsenz!

Aber auch da vermittelt er einen Hauch von Skepsis: Könnte man jeden Tag eine solche Improvisation hören und dabei nicht das Gefühl des sich Verflachens kriegen, weil Emotionskurven sich möglicherweise in ähnlichen Abläufen äußern und erschöpfen müssen?

Insgesamt erinnere ich mich an eine sehr wachsam prickelnde, emotionell vielschichtige, bisweilen sich theatralisch humorvoll gebende, zeitweise in vorsichtigen Übergängen sich weitertastende, zu großen Ruhepunkten führende, aber auch dann und wann explosiv ausbrechende Aufführung, die mich – und ich denke auch das Publikum – in Atem hielt.

Bravo Bertl!

Für mich hat Bertl Mütter mit DSUDL ein hervorragendes Projekt verwirklicht und es ebenso hervorragend präsentiert.

Benotung: Sehr gut (1)

Ernst Kovacic, Wien, August 2013

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