verborte (2004)

  
geographisch-erotische Sonate für Sopran und Bassflöte

komponiert im Juni und Juli 2004 für

Judith Lehner, Sopran (nunmehr: Rammerstorfer)
und
Thomas Frey, Bassflöte

Dauer: etwa zwanzig Minuten
Uraufführung: Salzburg, Schloß Leopoldskron, 15. Juli 2004


Prolog und Erster Teil
(„Wo fahren wir heute wieder hin?”)

Die Flötenlinie vs Die Sopranortlitanei

Das Finale
in dankbarem Gedenken an Ervín Schulhoff (1894/1919/1942)


Ich liebe merkwürdige Ortsnamen

2000 habe ich ein Stück gemacht („etzt”), in dem ich österreichische Orte, deren Name aus vier Buchstaben mit einem Vokal besteht, strukturbestimmend ins Werk einbaute, wobei Orte mit einer bekannten substantivischen Bedeutung in der deutschen Sprache ausgeschieden wurden, z.B. Wels - Fisch; ebenso Namen, wo nicht mindestens vier Buchstaben zu hören sind, z.B. Hall, H-A-L (ganz abgesehen von der ersten Ausschlussregel).
Für verborte habe ich nun sämtliche im Register des Autoatlas Österreich aufgelisteten Ortsnamen verwendet, die Verben sein könnten, es aber nicht sind, da es für sie keinen sprachlichen Bedarf  jenseits des geographischen Topos zu geben scheint. Das geht von abern bis züggen.


Prolog und Erster Teil

Am Anfang steht das Motto, gestellt vom Sopran: „Wo fahren wir heute wieder hin?” Die Flöte setzt mit einem absolut beliebigen Quart-Quint-Ostinato ein (könnte dem Streicherpart einer Brucknersymphonie entnommen sein, hier mit eingebauten Konzentrationsfehlern). Dazu nennt die Sängerin einen Ortsnamen um den anderen, in breitem Dialekt. Der zweite Ruf unterbricht das kurze Spiel: „Was machen wir dort?” Weiter geht das Flötengedudel, und die sprechende Sopranistin sagt weiter ihre Liste auf. Da wir die Verben nicht kennen (können), die Sängerin aber recht derb spricht (und auch Pointen platziert), müssen wir annehmen, dass es sich um unanständige umgangssprachliche Begriffe mit implizit oder gar explizit sexueller Bedeutung handelt.

Der Dynamikverlauf im Prolog folgt den beiden mir zugänglichen Aufnahmen der sonata erotica für Muttertrompete von Ervín Schulhoff aus dem Jahr 1919.

Ein gemeinsamer Sättigungsseufzer beendet den ersten Teil.


Die Flötenlinie vs. Die Sopranortlitanei

Ich misstraue dem melodisch/harmonisch/rhythmischen Einfall und liebe es, mir die musische Inspiration durch sehr willkürlich erfundene Regeln abnehmen zu lassen.(Diesen Vorgang der Findung des Tonmaterials könnte man als inspiratives Outsourcing bezeichnen; damit springe ich begeistert auf den Zug der Zeit auf. Warum soll diese Effizienzsteigerung nur der Wirtschaft vorbehalten bleiben?)

Für verborte habe ich die bei der ersten Recherche gefundenen neuen Verben mit den ihren Orten zugeordneten Postleitzahlen (PLZ) kombiniert und diese alphabetisch ihren Ortsnamen nach geordnet (von 5222 abern bis 2852 züggen). Jede Ziffer von 1 bis 0 = 10 wird einer über eineinhalb Oktaven verlaufenden Skala zugeordnet, wobei die letzte Zahl (bei 5222 also 2) zugleich der erste Ton ist, auf dem sich die Skala für die nächsten vier Ziffern (z.B. 8943) aufbaut. So wird permanent moduliert. Jeder Ziffer entspricht der Wert einer sechzehntel Note, bei aufeinander folgenden gleichen Tönen wird der Tonwert entsprechend addiert (im Fall von 5222 etwa zu einer Sechzehntel und einer punktierten Achtel). Um zu große Sprünge zu vermeiden, wird immer das kleinstmögliche Intervall zum nächsten Ton gewählt (d.h. die vertikal gedehnte Struktur wird linear eingedampft); ausgenommen sind die Wendepunkte an den Rändern des Tonumfangs der Bassflöte. Diese – rekursive – Regel zeitigt die Flötenlinie im langen Mittelteil des Stücks, und das Tempo ist so schnell, wie es gerade noch halbwegs gemütlich geht.

Die selben Vierergruppen von Ziffern habe ich auch der leicht zeitversetzt erklingenden Sopranortlitanei zugrunde gelegt. Durch Errechnen ihrer endgültigen (also einstelligen) Quersumme in Kombination mit einer auf sie bezogenen chromatischen Skala (deren erster Ton ausgehend von c' pro PLZ um einen Halbton ansteigt, um nach dem h' wieder bei c' zu beginnen) habe ich das Tonmaterial hier destilliert. Dazu kommen als Text die nach PLZ geordneten Ortsnamen, wie ein psalmodierendes Rezitativ (also zugleich sakral und recht weltlich) vorzutragen: auf demselben Ton bei maximal zweisilbigen Namen, den Ton wechselnd und kurz innehaltend bei mindestens dreisilbigen Verben. So schreitet das Tonmaterial weiter, indem wir von aspern (1220; Quersumme = 5) bis ströden (9974; Q = 29 = 11, endgültige Q = 2) Österreich von Wien bis Osttirol durchwandern.


Das Finale

Mit der oben genannten Methode wurden bei der Sopranortlitanei nur ca. drei Fünftel der Quersummentöne aufgebraucht. Das trifft sich gut, es fehlt ja noch das Finale: Ich stelle sie also den beiden Interpreten (ein gutes Wort, es bedeutet Übersetzer) zur Verfügung, die jetzt wieder, diesmal wirklich gemeinsam (und nicht nur gleichzeitig) musizieren werden. Beim Herausschreiben auf einen Zettel haben sich von selbst etwa siebzehn Zeilen mit elf bis neunzehn Tönen ergeben. Die habe ich in dieser Abfolge verkomponiert und mit Elementen des Texts der Sonata erotica von Ervín Schulhoff verbunden. Dazu noch die Überschriften vor der dreiteiligen Struktur: 1894 / 1919 / 1942.

Nach textlich (musikalisch eher nicht) vollzogenem Beischlaf (von „nicht, nicht doch, ah, Du!” bis „Komm, lass uns wieder vernünftig sein!”) klingt das Stück mit einem innigen „Ervín” recht besinnlich aus.


© Bertl Mütter (AKM), 14. Juli 2004

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