sostenuto (mothers’ morton’s memories)

  
Bertl Mütter, Posaune, Basstrompete, Stimme, Komposition

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Meine Stücke sind nicht zu lang. Wenn man sie anhört, scheinen sie sich in die Landschaft der Zeit einzufügen, die ich mitbringe. Würden Sie sagen, dass die 'Odyssee' zu lang ist? Ich empfinde, dass die Stücke eine natürliche Länge haben, damit sie ihr Leben ausleben können.”
Morton Feldman (1926–1987), Middelburg-Lecture, 2. Juli 1985

Morton Feldmans Stücke beginnen augenblicklich und dauern nach dem Verklingen weit noch an. Als wären sie immer schon da. Aus der Zeit. Und sind es ja Klangwelten, um die wir seit jeher gewusst haben. Feldman hat sie uns lediglich gehoben. Eine Musik, in der alle Musik (und nicht nur diese) eingebettet ist.

Eigentlich komponiere er nur aus Trauer darüber, dass Schubert gestorben sei. Er hätte es nicht extra sagen müssen. Aber es eröffnet assoziative Seitenäste: Zum Adagio des Streichquintetts D.956 (September 1828), zum Adagio von Schostakowitschs letztem Werk, der Violasonate op.147 (6. Juli 1975) und zum Adagio sostenuto von Beethovens Sonata quasi una fantasia op.27/2 cis-moll (1801), deren anfängliches Triolenmotiv eine Verbindung zurück zu den Triadic Memories (1981) herstellen könnte.
Im Übrigen: Erinnern ist ein nach vorne projizierender Vorgang, macht gegenwärtig, fundiert die Zukunft.

Bertl Mütters sostenuto ist ein sehr langes sehr leises Stück. Wo sich die Zeit aufhebt. Über das Aufhören, Fragen zu stellen. Musik von infamer Zartheit und Langsamkeit als Bewegung in der Stille. Im Finstern. Katakombenklänge.

”John [Cage] once mentioned that Morty [Feldman] had once said to him that sometimes when he, Morty, was composing, he felt as though he were dead, and then (he implied) some music was really happening.” *

Die Uraufführung war zum Neumond hin. Dann wurde es wieder heller. In der Nacht.

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*Christian Wolff (*1934), Vorwort zu: Cage, John / Feldman, Morton: Radio Happenings. Köln: Edition MusikTexte 001, 1993.


(Zusatzmaterial, zum Teil in die Möglichkeitsform verschoben)

Die Musik bestehe im Wesentlichen aus Mantren … Mantren im Sinne – selbstredend aspiritueller – Kontemplation (wenn das möglich sei) … Gruppen von Mantren, gewonnen auch aus den assoziierten Beiwerken (Beethoven, Schubert, Schostakowitsch). Dazu, als Lehmschicht, Elemente aus den Cellosuiten von J. S. Bach, scheiternd gespielt auf der Basstrompete. Sowie aus der durchs Instrument hörgeatmeten Katakombenluft. (Wir spielen immer in K.)

„Ein Wesen ist zu denken als eine Serie von Anfängen.” … „Man sucht sich einen Anfang dort, wo er Kontur gewinnt, und ein Ende, bevor es Kontur verliert.”(Andreas Dorschel, Verwandlung)

„(…) Rauschenbergs Entdeckung, dass er ,weder Leben noch Kunst’ wollte, ,sondern etwas dazwischen’. Ich begann dann damit, Musik zu komponieren, die eben mit diesem ,Dazwischensein’ zu tun hatte. Und ich tat das, indem ich die Grenzen zwischen Material und Konstruktion verwischte, sowie Methode und Anwendung miteinander verschmolz, (…)” (Feldman, Essays)

Zudem stelle sich die Frage nach einer allfälligen Leugnung der Ausdrucksabsicht und ihrer Auffassung als besonders raffinierte, hintersinnige Ausdrucksabsicht. (vgl. Niklas Luhmann, Das Kunstwerk und die Selbstreprodukton der Kunst)

Das Werk bestehe aus drei oder vier großen Blöcken. Dazwischen gebe es kürzest mögliche Pausen (5’), zu denen einzig ein Verlassen und Betreten des Raumes (des Systems) gestattet sein soll.

Im Übrigen könne (und dürfe) [und solle?] es auch scheitern. sostenuto sei ja Teil des (stets und jedenfalls final) scheiternden Lebens, anhaltend ausgehalten zum Ende.

„(…) und ein Ende, bevor es Kontur verliert.” (Andreas Dorschel, Verwandlung)

Das Ergebnis eines Kunstwerks, was sei es? – „… etwas, das man nur mit Mühe klassifizieren kann.” (Morton Feldman, Essays)

Eben: Wozu Ergebnisse?

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für dorothea

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