von franzobel
neulich bin ich nachts durch wien spaziert und habe in einem illuminierten büro eine gigantische, eine den ganzen, bestimmt fünf meter hohen raum ausfüllende aufgeblasene milka-kuh gesehen. vermutlich hat da jemand einen ballon getestet. für mich war es jedenfalls ein schön groteskes bild, als wollte die aufgeblasene milka-ballon-kuh den raum von innen sprengen, was herausreißen, abheben und davon schweben.
irgendwie hat mich dieses bild an bertl mütter erinnert, vielleicht, weil er mit seiner posaune abhebt wie kein anderer, weil er sich bei schokolade auskennt wie auch kein anderer, nichts unversucht lässt, immer hunger hat und gleichzeitig in exorbitanter, aber nicht nur unguter weise beredt ist und in irgendwelchen gedankenhemisphären davon schwebt. er ist aber keineswegs verstiegen, eher eine assoziationsapparatur, ein grandioser alleinunterhalter, der ständig kleine und große, pointierte und unpointierte geschichten zum besten gibt, jemand der ganze gesellschaften für stunden unterhält und auch hin und wieder dampf ablässt. ein fürst, eine gestalt aus alice im wunderland, ein österreichischer posaunen humpti-dumpti, jemand auf den lewis carroll ganz offensichtlich vergessen haben muss.

wollte man ihn, den bertl mütter, physiognomisch auf den punkt bringen, hätte man zwei ungeheure lippen, lippen, die essen, sprechen, singen, pfeifen, wunderbar musizieren – alles andere, kommt es mir vor, ist nur um diese lippen herum und nur deretwegen aufgebaut.
klar können lippen nicht besonders fußball spielen, wo ich ihn kennen gelernt habe, dafür sind sie leidenschaftliche kreuzworträtsellöser, haben ein exorbitantes gedächtnis, ungeheure geographiekenntnisse und einen leichten hang zum i-tüpfel-reiten.
bertl mütter ist der einzige mensch, den ich kenne, der die texte zu den kronenzeitungs-seite-fünf-mädchen liest und davon auch noch nutzen zieht. so kommt, behauptet er zumindest selbst, seine körperliche straffheit vom täglichen kaltduschen, was sich aus eben solch einem kronenzeitungs-seite-fünf-mädchen-text ergeben hat. er hat die gabe, seine kindheit in steyr-münichholz immer wieder ins zentrum des weltgeschehens zu rücken, von wo aus er dann alles überblickt. seien es nun die mütter-weckerl oder der gleichnamige elektriker, der onkel hans und die tante greti, ein grundkurs in autokennzeichendekodierung oder supermarkt-akrostichon-auflösung, bertl mütter weiß einen immer wieder zu verblüffen, er kommt vom hundertsten ins tausendste ins millionste, ohne je einen zusammenhang herzustellen und bringt eben dadurch die zerrissenheit des menschen in der heutigen gesellschaft auf den punkt, den er selbst so unübersehbar wie unerbittlich verkörpert.
ich bin glücklich, in grotesk-pointierten, radikalsatirischen lesungsperformances mit diesem glücklichen menschen auftreten zu dürfen. der vorarlberger romancier robert schneider hat einmal nach einer solchen veranstaltung bertls bescheidenheit gerühmt. doch das stimmt allenfalls im vergleich mit ihm selbst. wer mütters bescheidenheit rühmt, soll sich einmal seine homepage (muetter.at) ansehen. wenn bertl etwas nicht ist, dann ist es bescheiden, da ist er wie die aufgeblasene, platzen wollende kuh. aber er, bertl, ist ein grandioser mensch und musiker, der aus seiner posaune töne herauskitzelt, die immer wieder verblüffen. ein magier unter den blechbläsern. da wäre jede falsche bescheidenheit geheuchelt, weil da hebt man ab und schwebt davon.
franzobel, 13. november 2004