bertl mütter solo | written images

cd arbe 8 (2000)

[01]   dedikation 040200     perkussion    0’28
„Selbst wenn es nur unser tagtägliches Pfeifen wäre, so besteht hier doch schon zunächst die Sonderbarkeit, daß jemand sich feierlich hinstellt, um nichts anderes als das Übliche zu tun.” (Kafka)

[02]   doppelgaenger     posaune multiphonic    4’27
nach Schubert nach Heine.

[03]   rsm     stimme    3’28

ugs. f. rhythm

[04]   etzt     posaune, stimme, muschelhörner, maultrommeln, perkussion, sprache, umgebungsgeräusche    14’39
etzt ist immer etzt. …eine Maus sein, ein Publikum zusammenrufen und vor ihm, um es zu unterhalten, Nüsse knacken … (Kafka) … mir eine Badewanne auf die Bühne stellen und darin so ungeniert singen, als wäre ich allein daheim…
Beides trifft zu. Entgegen gewissen Gerüchten allerdings nur im übertragenen Sinn.
2070 Retz … 9981 Kals: Alle Orte in Österreich mit vier hörbaren Lauten und einem Vokal ohne sonstige substantivische Bedeutung in der deutschen Sprache (Wien und Wels scheiden z.B. aus, Linz z.B. gilt); geordnet nach Postleitzahlen.

[05]   yyes     stimme, posaune    10’09         
say yes

[06]   hurrikan     euphonium    8’36
Im Deutschen für cyclone, deutsch [u; a] auszusprechen. Inkl. Auge.

[07]   tokyo rain     posaune, sprache    3’56

Beinhaltet bei mir drei Städte im Regen: Linz – London – Tokyo
(Linz) „Rätsel geben die zwei Hasen des Opfers auf. Sie wurden, vermutlich vom Täter, aus ihrem Käfig gelassen. Durch ihr Herumhüpfen vernichteten sie Spuren.” (ORF Teletext, 12.2.2000)
„Ein kleiner Junge hatte als einziges Erbstück nach seinem Vater eine Katze und ist durch sie Bürgermeister von London geworden. Was werde ich durch mein Tier werden, mein Erbstück? Wo dehnt sich die riesige Stadt?” (Kafka)

[08]   nympheA     euphonium    3’42
für ein euphonium allein
[09]   nympheB     muschelhorn    1’25
für ein muschelhorn allein
[10]   nympheC     posaune, gestopft    1’42
für eine gestopfte posaune allein
[11]   nympheD     stimme    3’30
für eine hohe stimme allein
suite

[12]   cyclôm     euphonium    5’47
Allerheiligen 1994 habe ich in cinque terre den Zug versäumt und dann, vom Bahnsteig aus, im Meer draußen, zum ersten Mal einen Zyklon gesehen.

[13]   ginkgo     maultrommeln, perkussion, stimme    3’27
Gilt als lebendes Fossil, wie im Tierreich der Quastenflosser. Das Wort Ginkgo gefällt mir aber besser.
Ich ging, die Vögel aber blieben, singend
Ich empfehle einen Kopfhörer.

[14]   raum / raeumen     posaune / euphonium    6’58   
Der Zwischenraum zwischen den Tönen / die Bewegung zwischen den Säulen.
Ein Ausräumen.
traum / traeumen

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(nachspann)

bertl mütter (*1965 | akm | austro mechana)
aufgenommen am 27. februar 2000 in der minoritenkirche stein.

aufnahme und studiotechnik    christian mühlbacher
klangbildbetreuung    karl petermichl
grafik design    michael atteneder
Umschlagbild    Stefan Emmelmann, „…ich ging, die Vögel aber blieben, singend…II” 1998
Fotos    Otto Schödl (video stills), Dorothea Wimmer (Portrait)

written images sind meine akustischen Kommentare zu Bildern von Stefan Emmelmann. Die CD liegt auch dem im Ritter Verlag erschienenen gleichnamigen Buch bei.


salzburger nachrichten

(…) Wen also besser einladen für eine musikalische Performance als Bertl Mütter? Alles kann bei ihm zur Musik werden, auch Nymphen, Zyklone und Fossilien: Posaune, Euphonium und Muschelhorn spielend, allerlei Perkussionsgegenstände bearbeitend, singend, sprechend, sich selber mit Regengeräuschen begleitend: Mütter versteht es, in der Minoritenkirche Stein aus so genannten Alltäglichkeiten „written images” (CD ARBE 8) zu kreieren: visuelle Musiken unter besten akustischen Voraussetzungen.
Wolfgang Gratzer, Salzburger Nachrichten, 1. Juli 2000


die unendlichen weiten des klanges

Der Posaunist, Sänger und Komponist Bertl Mütter hat eine neue CD vorgelegt. „written images” ist ein instrumentalisch und stimmlicher Grenzgang im Dienste der Poesie. Beim Hören der Solo-CD „written images” von Bertl Mütter ist der Eindruck allgegenwärtig, für den gebürtigen Oberösterreicher gäbe es weder im Instrumentalspiel, vor allem Posaune, noch beim Gesang irgendwelche Grenzen. Freilich, die erweiterten Möglichkeiten der Klanggebung sind bereits eine Erfindung des vergangenen Jahrhunderts. Was aber die Musik von Bertl Mütter so beeindruckend macht, ist das außerordentliche technische Vermögen, das den Musiker überhaupt befähigt, mitunter sehr weit zu gehen. Da gibt es keine plumpe Effekthascherei oder Virtuosität um ihrer selbst willen. Die Klangfärbung, das Register und die Töne, wie auch immer hervorgerufen, stehen ausschließlich im Dienste der Poesie, die all den 14 Stücken des Albums eigen ist. Ein klarer Gedanke wird in der jeweiligen Komposition verfolgt. Wie etwa im Stück „yyes”, wo 10 Minuten lang – scheinbar – mit größter Mühe der Versuch unternommen wird, das gleichnamige englische Wort herrauszuringen oder auch beim Spiel mit dem Euphonium, wo ein Zyklon akustisch evoziert wird. Von einer tiefen Poesie ist auch die „nymphen”–Suite getragen, in der Bertl Mütter zauberhafte und zum Teil überraschende Klänge u. a. mit seinem Falsett-Gesang oder auch dem Spiel auf dem Muschelhorn hervorbringt. Als asketisch und intensiv präsentiert sich Bertl Mütters Fassung von Franz Schuberts „Doppelgänger”. Das Album „written images” verdeutlicht sozusagen akustisch, was Christoph Cech einmal generell über seinen Musikerkollegen Bertl Mütter gesagt hat: „Seine unbeugsame Vitalität wirkt in keinem Augenblick wie eine Flucht nach vorne, weil sie tief in der großen epischen Kurve verwurzelt ist. Er hört nie auf zu singen, selbst wenn er schweigt, man kann sich nur hingeben oder davonlaufen.”
Ursula Strubinsky, Radio Österreich 1, Juni 2000

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danke

jo aichinger / kunsthalle krems

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