Novemberwetter Donnerstag, 30. 11. 2006, 0:00

Vielleicht kommt dieses Zuwarmfürdiesejahreszeitwetter ja davon, dass in den ersten Monaten dieses Jahres die kalten Temperaturen allesamt verbraucht worden sind für unser Land, stellte er sich vor.
Und, ORFON (Steiermark, Rubrik: immergutdrauf), man hatte ja mittlerweile auch die Möglichkeit, sich sein Zimmer binnen zwölf Sekunden komplett vernebeln zu lassen, dass man seine eigene Hand nimmer sehen kann, eine Stunde lang.

In eigener Sache: Mit dem heutigen Tag ist das zweite Jahr MütterLog vollendet, d.h. ununterbrochen täglich seit 1. Dezember 2004 schreibe ich mir vor, um 0.00 Uhr einen neuen Text zu veröffentlichen. Ist eigentlich irgendwie ein ganz ein schöner Schwachsinn, sich selber so eine Aufgabe zu stellen, die niemand als man selber von sich verlangt? Umgekehrt – andere fahren extra nach Costa Rica, um auf einer Bananenschale ausrutschen zu können (obwohl es mir in der Bananenrepublik schlechthin schwieriger erscheinen will, dass es dich nicht herbirnt). Mir könnte sowas könnte mir nicht passieren, wirklich wahr.
Danke jedenfalls, dass Sie mich durch Ihre lesende und persönlich kommentierende Anteilnahme zum Weitermachen verpflichten; und danke auch fürs Weitersagen.

Weiter.



Mahlzeit (akustisch) Mittwoch, 29. 11. 2006, 0:00

Und fürs nächste Konzert bieten findige Manager Marsmenschen, zumindest aber Vulkanier auf dem musikalischen Curiositätenmarkt feil, die spielen auf baskischen Dudelsäcken und werden singend von Seehunden begleitet, die auch, eine seltene Musiziertechnik, Heringe zwischen ihre Flappen spannen und auf ihnen blasen wie auf einem Grashalm im späten Frühling, schnalzende Gebete an das Leben. Ein spirituell berührender Konzertabend ist garantiert. Anschließend Fischessen.



Mahlzeit (kulinarisch) Dienstag, 28. 11. 2006, 0:00

Die sogenannte Weltmusik, stellte er sich vor, birgt, um es kulinarisch auszudrücken, die große, nicht zu unterschätzende Gefahr, Monströsitäten wie Sushi mit Semmelknödeln, Krapfen mit Ketchup oder, so nah es uns sein mag, Gulasch mit Fritten zu servieren (dazu griechischer Bergkräutertee, demeter). Und die Piña Colada lässt sich sicher mit milchsauer vergorenem Sauerkrautsaft aufpeppen, bekömmlich und gesund. Zumindest was die Peristaltik betrifft.



eigentlich Montag, 27. 11. 2006, 0:00

Eigentlich drängte es ihn diesmal herzuziehen über den schlechten Geschmack gewisser (nicht nur österreichischer) Kabarettisten und, schlimmer noch, Kabarettistinnen mit ihrem völlig grobschlächtigen Bruhahahumor, konnte es nicht fassen, wie gerade die allerdumpfesten von ihnen die kleinkünstlerischen Vergnügungshallen am effizientesten zu füllen in der Lage waren, fresst Scheiße, Millionen Fliegen können nicht irren, dazu dann, so etwas wurde ja selbst im Kultursender gespielt, das vom Radio zugespielte, völlig authentische Sichdenbauchaltenmüssen, wie in einem Bierzelt, wirklich wahr.
Da er aber am Vorabend sein Internetperiodikum versandt hatte, was gewohnheitlich mit einer signifikant erhöhten Anklikkrate seines Logbuchs verbunden war, beschloss er, es für diesmal gutsein zu lassen und mit seiner Brandrede wider den Verfall des Geschmack’s (sic!) noch zuzuwarten.

Ja, richtig, der Weltmusikkitsch, das wäre dann auch noch ein Thema.



BananenMütter 2006 Sonntag, 26. 11. 2006, 12:00

Liebe MBA,

(sämtliche Drittpersonsformen inkludieren Femininum und Maskulinum)

unlängst (ein ähnlich hässliches Wort, wie wenn jemand in (un)freier Rede statt des ebenso unguten aa/aah/ah/äh/ähm oder so nach jedem zweiten Wort die Bedeutung dessen, was er sagen will oder zumindest vorgibt, sagen zu wollen, durch Einfügen dieses fortgeschleppt pubertären, zubodenschauenden irgendwie zu heben, unterstreichen oder abzuwiegeln versucht), unlängst also sind wir zusammengesessen und haben uns bei apulischem Rotwein bzw. Coca Cola Light so unsere Gedanken gemacht, und dabei ist es gewissermaßen (auch so ein Wort!) äußerst schlüpfrig (strenggenommen rutschig, möglicherweise glitschig) zugegangen, in unseren Gedanken, was glauben Sie, wo denken Sie hin? In unseren Überlegungen, ich muss es zugeben, sind wir zu keiner umfassend befriedigenden Lösung gekommen, schließlich mussten wir die Diskussion mit der letztlich doch rundum konsensfähigen Erkenntnis beenden, dass keiner am Tisch diese so berüchtigte Erfahrung gemacht hat und wir es strenggenommen auch bezweifeln mussten, irgendjemanden zu kennen, der Eigenwahrnehmungsberichte weiterzugeben in der Lage wäre, denn: Keiner konnte sich erinnern je auf einer Bananenschale ausgerutscht zu sein. Diese Version des Verunfallens scheint, so unsere Überzeugung, ausschließlich in billigen Witzen vorzukommen. Und so konnten wir auch, wie gesagt, keine Antwort auf die uns zunehmend quälende Frage finden, wie denn die so gefährliche Frucht(schale) liegen müsse, damit die höchstmögliche Rutschgefahr (auf der einen Seite ein Haften, auf der anderen urplötzliches Wegrutschen; in der Folge Sturz aufs Steißbein bei gleichzeitiger Unterarmprellung reschpeckchtive Handwurzelauweh, in höherem Alter: Oberschenkelhalsbruchundaus) gegeben sei.
Sie merken schon, wir manövrierten uns in unserem Salon zunehmend in eine durchunddurch heikle Situation, und mehrmals, ich muss es zugeben, standen die Gespräche am Rande des Abbruchs, zu dem es nur deshalb nicht gekommen sein mag, weil die Runde klein war (ein sog. künstlerisches Abendessen, Gipfeltreffen der Künste im kleinsten Kreis: ein Poeta Laureatus; eine Lichtgestalt unter den Bildenden Künstlerinnen; ein Klaviermagier; der im Weingartner Compositör genannte Verfasser dieser Zeilen – verspeist wurde keine Wildente) und zudem jeglicher medialen Aufmerksamkeit und also externen Aufheizung entbehren musste, diese Kapazitäten der Hinterbringung, was der andere gerade für Gemeinheiten gesagt hat (Haben Sie’s schon gehört? Na, was sagen Sie da dazu?), diese ungeniert Haltet den Dieb! schreienden Aufhusser waren (und sind!), scheint es, gegenwärtig anderswo ausgelastet, und das ist gut so. (Irgendwie, das nebenbei, muss ich immer an die Lemuren aus der Schlussszene von Faust II denken, wenn ich im Weingartner die vorletzte Seite jener grauen Zeitung aufschlage, die nur samstags über ein breiteres Spektrum verfügt, sie aufschlage und schnell weiter blättere, bevor mir, ich sage es ganz offen, die Magensäfte hochkommen wollen.)

obacht!
Also: schön aufpassen! (Das ist keine Warnung, anwenauch?)

Mein Fragenkonvolut an Sie also:
- Kennen Sie jemanden, der schon einmal auf einer Bananenschale ausgerutscht ist?
- Hat es Sie selbst gar einmal vermittelst einer Banane aufgebirnt?
- Wenn Sie ausgerutscht sind, ist Ihr Fuß durch direktes Auftreten auf die Innen- oder Außenseite der Bananenschale ins Rutschen gekommen?
- Haben Sie sich eh nicht wehgetan?

Danke für Ihren individuellen Wahrnehmungsbericht. Somit kann ich Ihnen einen schönen Spätestherbst wünschen, sollte es noch eisig werden, tun Sie bitte aufpassen, ob etwelche exotischen Fruchtreste am Boden liegen, ja? (Nicht draufsteigen! Oderaber: Selbstversuch.)

Die Vorschau (Details: bitte beim Wort Vorschau anklikken)

Besonders am Herzen liegt mir der kommende Mittwoch, 29. November um 19.00 im Theatermuseum, da werden Gert Jonke und ich den Lieutenant Gustl von Schnitzler geben, im, wie es sich gehört, Eroicasaal.

1.-7. Dezember, Franzobel & Mütter, Die Weihnachtsorgie: St. Johann – Innsbruck – Winterthur – Kiel – Karlsruhe – Graz – Stainach-Irdning (heim dann über Attnang-Puchheim oder über Selzthalselzthal, gekürzter Aufenthalt)

10. Dezember, 15.00 – 20.00 Uhr
Offenes Atelier bei Victoria Coeln und Bertl Mütter, 19., Krottenbachstraße 66
17.00 Hauskonzert

Und kommen Sie zuguterletzt am 21. Dezember in den Loos-Salon. Da gibt’s die offiziöse Präsentation von muetters muellerin, dem Album.

so schauts aus
Sie sollten sich wirklich drei, vier davon zulegen. Ich sage nur: Irgendwer hat auch im Dezember Geburtstag. Oder vielleicht gibt es sonst einen von außen diktierten Anlassfall zum Geschenkschenkenmüssen.

(Aus Komplettitätsgründen: Der Rückblick)

Jetzt aber nur das Beste, wie immer und weiter so (gilt nicht für alle; der Nikolaus und sein Vizekanzler, die werden’s schon herausbekommen)!

Ihr

Bertl Mütter



Im Lauf der Zeit , 0:00

Genau so hätte es sein können ungefähr, wäre er dreimal so alt gewesen, damals, dort. Da er sich 1976 aber auf die von aknisch bedingten Gesichtsprotuberanzen zuverlässig begleitete Pubertät einzustellen hatte (ein reichlich passives Geschehen), fiel es ihm leicht, an dieser speziellen Zeit nichts ein Leben lang zu Glorifizierendes finden zu müssen, in permanenter Retrospektion, stellte er fest. Und später, später, zu seiner Zeit? Nun, 1989 war ja dann doch alles anders geworden, erst recht dann 2001, und genau dem entsprach diese Spanne in seinem Lebensalter.
Jetzt! – bin ich gespannt. (Ernst Jandl, 1925-2000)



Nofretete Samstag, 25. 11. 2006, 0:00

Die allzuschlanke Dame mit dem fehlfarbigen Haar muss im Solarium vergessen worden sein, lederhäutig wie eine vorschnell gealterte Eidechse betritt sie die Vorortelinie, als wäre sie eine ausgewickelte und aus dem Kunsthistorischen entfleuchte Mumie, so schwierig das bei der neurdings beleuchteten Antikenabteilung erscheinen mag. Aber, und das beruhigt: sie spricht Wiener Dialekt.
Ob das nicht den Schrecken steigert?, stelle ich mir vor. Und: Zeit zum Red’ Deitsch!-Lernen hätte sie ja gehabt, genug.



Noblesse Freitag, 24. 11. 2006, 0:00

Die beiden sehr freundlichen Damen saßen einander mit ihren zweimal zweisilbigen Doppelnamen kollegial in ihrem staatstragenden Hochsicherheitsbüro gegenüber, füllten es mit ihrer Kompetenz geradezu aus, als gehörten sie alten, befreundeten Adelsgeschlechtern an. Dabei verdankten sie ihre wohlklingenden Namen emanzipatorischen Entwicklungen, wie sie von den bekannt patriarchalisch denkenden Monarchisten, die sich heutzutage (d.h. mit Unterbrechungen seit 1918) am ehesten in konservativen, sich gerne christlich-sozial euphemisierenden (der Euphemismus lag am zweiten Doppelwort) politischen Gruppierungen finden, eher nicht in moderne Namensgesetze hineinurgiert worden wären.
Aber was weiß man auch, stellte er sich vor, bis Weihnachten kann sich ja noch vieles ändern.



Dekor Donnerstag, 23. 11. 2006, 0:00

Betulich, das war das Wort, das ihm gestern nicht eingefallen war, und es war das vernichtendste, was man über etwas, das sich in einem Kunstkontext darstellen wollte, sagen konnte, nein: musste.
Nichts gegen Salzteig- und Batikkreativität an ihrem Ort; aber bitte nicht in Jazzsendungen oder (es passierte – dieses entsetzliche Gesetz der Serie – gleich am folgenden Abend) in Sendungen zur aktuellen Musik.
Jede noch so hohe kunsthandwerkliche Meisterschaft aber, wie sie selbst in Staatsopern, Musikvereinen, und, ja, auch in honorigen Jazzclubs vorgeführt wird, ist, allein, in jedem Fall, an jedem Ort, zu wenig.
Kein Feuer brennt funkenlos.
(behaglich ist auch so ein Wort)
Außer Dekor.



Seniorenclub Mittwoch, 22. 11. 2006, 0:00

Im Radio brachten sie in letzter Zeit immer öfter Geburtstagsjazz. Zwei Siebziger waren es diesmal, und sie kurbelten ihre jahrzehntelang eingeübten Phrasen aus ihren Instrumenten in ein jazztypisch-applausbereites Publikum, nach keinem Solo fehlte dieses verrauchte Raunen. Bevor er, er hatte kleinere Räumarbeiten zu erledigen, endlich auf - Stille – umschalten konnte, konnte er sich zunehmend des Gefühls nicht erwehren, die beiden Herren (siebzig Jahre jung, versuchte der hörbar schulterklopfende - wos san mir fia Haberer - unerträgliche Moderator, junggeblieben-schwungvoll zu sein) spulten ein Jazzdiplomsprogramm herab, als stünden sie vor einer strengen, aber wohlwollenden Kommission, bitte aber keine Überraschungen.
Immerhin, dachte er sich, da es nun einmal zu ihrer Zeit noch keine Jazzschulen gegeben hatte, man möge ihnen ein Ehrendiplom gönnen.
Dann aber bitte Ruhe.



ozzonaffin Dienstag, 21. 11. 2006, 0:00

Spätherbst. Dieses Wochenende war der, wie man nicht müde wurde zu kommunizieren, herbeigesehnte Christkindlmarkt endlich eröffnet worden. In der nachmittags schon erleuchteten Wohnung gegenüber schwebte ein Dalmatiner.
Solange diese gasgefüllten Vorweihnachtsboten nicht in den benachbarten Park zum Äußerln geführt werden mussten, sollte es ihm egal sein, stellte er sich vor.



Location Montag, 20. 11. 2006, 0:00

Hat man die Kassenhalle im ersten Stock der Albertina einmal hinter sich, muss man, um zu den unterbelichteten Museumsmusen zu gelangen, durch einen langen Säulengang, der einen in das, wie heißt es lifestyleadäquat: Spa eines Luxushotels zu versetzen scheint; jedesmal, wenn er diese, das unserem gegenwartsbarocken Sendungselbstbewusstsein ihres Direktors idealtypisch widerspiegelnde Passage passieren musste, war er verwundert, dass kein bodyshaped couple in Frotteebademänteln von links (Workoutbereich) nach rechts (Ruheräume, Nassbereich) seinen Weg zu den Musen kreuzte.
Er würde sich eine Nische suchen und sich einsperren lassen. Dann wie es am Abend hier zuging, darüber kursierten die wildesten Gerüchte, stellte er sich vor.



ausgefallen Sonntag, 19. 11. 2006, 0:00

Albertina (ehrlicher wäre: Albrechtina), der sog. Musensaal. Ein Dinner der adäquaten und also medienpartnerschaftlichen Tageszeitung Österreich ist angesagt, man bereitet die Tische für das, wie man sagt, gedeckte Essen vor. Was ihre Erleuchtetheit betrifft, sind ganze halbe Musen völlig ausgefallen. Auch das erschien ihm irgendwie adäquat.
In der Folge würden die mal zu unterbrechenden, mal wieder aufzunehmenden Gespräche über Verhandlungen bezüglich Koalitionsverhandlungen (Verhandlungsgruppe: Repäsentierendes Kulturerbe, Untergruppe: Kulturerberepräsentanten) von einer interessierten österreichischen Öffentlichkeit aufs atemloseste verfolgt, stellte er sich vor.



halslos Samstag, 18. 11. 2006, 0:00

Eröffnungsstaatsakt in einem durch Staatsankauf eingerichteten Stiftungsmuseum, man begeht die Deutschen Expressionisten, sehrschön. Geladene werden zum Dinner gebeten. Unvermittelt fand er sich dem Stifter schräg gegenüber sitzend, und beide schlürften sie ihr getrüffeltes Kürbisccrèmesupperl aus einem verlängerten Schnapsstamperl, wobei sie echsengleich züngelnd dem feinen Geschmack hinterherwitterten. Der berühmte Sammler, er hatte einen Rumpf, aus dem der Kopf fast horizontal nach vorne wuchs, sah aus glasigen Augen durch ihn hindurch, sein Alter schien eine an Borges gemahnende Ironie zu zeitigen, stellte er sich vor, ja sogar verdoppelt, wenn man seinen Urberuf Augenarzt bedachte.

(morgen: Albertina)



sicher Freitag, 17. 11. 2006, 0:00

Amsterdam, Rijksmuseum. Hinter einem kniehohen Zäunchen bewachte eine Wächterin die Nachtwache, damit die Leute drauf nicht von Blitzen geblendet werden, was, wenn man hinschaute, zumindest zweimal schon passiert sein musste. Oder passte die Wächterin auf, dass den offenmündigen kreuzhohlen schulterhängenlassenden Betrachtungstouristen nicht von den, wenn auch antiquiert, so doch einigermaßen bewaffneten Soldaten Gefahr drohe, so ein Schuss löst sich ja schnell. Außerdem: Wenn die aus dem Bild steigen, wird’s eng; die könnten das nämlich jederzeit, gar, wenn man sie reizt, stellte er sich vor.

Die bewachte Nachtwache
Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606-1669): Die Nachtwache (1642). Davor: Publikum (Foto: Thomas Frison, 2005)

Man entschied, zu Van Gogh zu gehen. Dort, so glaubte man, hoffen zu dürfen, schien es – zumindest für die Betrachtenden – weniger riskant zuzugehen.



Muggen Donnerstag, 16. 11. 2006, 0:00

Mit verdrückten Augen erwachte er an jenem hier in Amsterdam in keiner Weise begangenen Leopolditag. Als er bibbernd, aber unversehrt von der Dusche zurückkam (diesen Vorhang, diesen Abfluss kannte er aus einem Film, der war aber schwarzweiss, was ihn aufatmen ließ), sah er sie, die Novembermugge, und Novembermuggen sind auch in Amsterdam rar, bestätigte ihm seine Gastgeberin, und auch er, der sich jetzt erinnerte, sich nachts mehrmals zwischen den Knöcheln seiner Rechten gekratzt zu haben (unwillkürlich musste er es jetzt abermals tun), stellte sich vor, dass er gut und gern auf die letzte Gelse des längstschonvergangenen Sommers verzichten hätte können.



elementar Mittwoch, 15. 11. 2006, 0:00

Straßenbahn in Amsterdam, so die Sprachregelung seiner Gastgeberin, sei langweilig. Wolle er weiterkommen, er solle die Metro nehmen. Das aber traute er sich dann doch nicht, stellte er sich eine U-Bahn in Amsterdam als ein in unterirdischen Kanälen betriebenes Netz von U-Boot-Kursen vor, wie in Venedig eben.
Außerdem: Um über die Horizontale durchnässt zu werden, brauchte man nicht zusätzlich zu unter den Meeresspiegel auch noch unter die Erde, stellte er sich vor, setzte sich aufs Rad und hatte sogleich die vollinhaltliche Bestätigung seiner Einschätzung am ganzen Körper.
Dass er, wohin auch immer er unterwegs sein mochte, stets gegen die Strömung würde fahren müssen, daran bestand ohnehin kein Zweifel.



Deichgedanken Dienstag, 14. 11. 2006, 0:00

Wasserrohrbruch in Amsterdam, wie sollte man sich das vorstellen?, stellte er sich vor, als er sich einigermaßen trocken durch den horizontal daherpeitschenden Regenguss zu manövrieren versuchte, bald schon durchnässt wie ein aufgeweichter Pappendeckel. Und die Holländer, die lachten novembervergnügt.
Wohin das alles abrinnen sollte, er konnte es sich nicht vorstellen.



Fallstudie Montag, 13. 11. 2006, 0:00

Wie viele Stürze in amsterdamischen und sonstigen holländischen Treppenhäusern Tag für Tag, wöchentlich und jedes Jahr stattfinden und überhaupt seit ihrer Errichtung stattgefunden haben, diese und ähnliche Statistiken wären noch zu erstellen, stellte er sich jedes Mal vor, wenn er auf seinem Besuch in dieser merkwürdigen Stadt heil und unversehrt an der unter Meeresniveau gelegenen Haustür angekommen war.
Ab da aber war Amsterdam so horizontal wie man es sich nur vorstellen konnte, selbst der Regen.



weiter /2 Sonntag, 12. 11. 2006, 0:00

Als Verfasser eines immerzu fortgeschriebenen und zu veröffentlichenden und also (Leserbindung) täglich fälligen Weblogs merkte er urplötzlich, dass er genau diese Aufgabe für eine nicht unbeträchtliche Anzahl täglicher Leser übernommen hatte, die Statistik belegte das eindrucksvoll.
Wenn die wüssten, wie nah sie ihm von Zeit zu Zeit auf den Fersen waren, stellte er sich, leicht erschaudernd, vor.



weiter /1 Samstag, 11. 11. 2006, 0:00

Ein Buch zu besitzen, das sich beim Lesen immer um einen Vorsprung von, sagen wir: 200 Seiten dem drohenden Ausgelesenwerden entzöge, das man immerzu fortlesen könne, ja sogar (200 Seiten) vorblättern, das wäre das wahre Lesen; mit Nabokov ginge das ja nicht mehr, aber Dimitré Dinev könnte das, jedenfalls für ihn, zweifellos zustande bringen, stellte er sich vor, hoffte er.



Herbst Freitag, 10. 11. 2006, 0:00

Der große rote Kran in seiner Straße, unter dem sich so viele Blätter versammelten (was kein Wunder war, denn wenn man nach oben schaute, sah man, dass er völlig kahl war), zeigte ihm, dass es endgültig Herbst geworden war, was ihm auch dieser feucht-modrige Geruch bestätigte, der aus der Kindheit herüber zu wehen schien.



siebzig Donnerstag, 9. 11. 2006, 0:00

Siebzig Minuten sollte das Stück dauern, wusste man schon vor der Uraufführung, wieso wissen die das, wenn es noch nie gespielt worden ist, fragte er sich, und es waren in der Tat siebzig prallvolle Minuten, selten zuvor hatte er derart viele Lungengesunde in einem Konzert in Wien versammelt gesehen und eben nicht hören müssen, Versenkung, ein Schweben. Trotz aller Kontemplation bewirkte die Zeitangabe bei ihm ein, wenn auch minimales, Schwanken in seiner Konzentration, und manchen anderen schien es ebenso zu gehen, wie sollte man außerdem siebzig Minuten gleichmäßig einigermaßen bequem sitzend zu verbringen in der Lage sein, zumal bei einer Musik, wo er jede geräuschlose Umgruppierung der Position seiner Wirbel samt Bandscheiben, ja selbst das Hinabschlucken seines idealtypisch hörenden Nachbars am sich hebenden Kehlkopf vorbei als akustische Intervention empfinden musste, was ihn wieder auf die Grundinformation siebzig Minuten brachte, und da ließ es sich nicht vermeiden, dass er von Zeit zu Zeit möglichst unauffällig auf seine Armbanduhr schauen musste, aber versuchen Sie einmal in der Öffentlichkeit heimlich auf Ihre Uhr zu schauen, es wird Ihnen nicht gelingen oder Sie werden zumindest die Gewissheit haben, dass es alle anderen gesehen haben, stellte er sich vor und konnte während das gesamten Konzerts doch niemanden beobachten, der die eben gegenwärtige Position auf der Zeitstrecke (drei Siebtel, vier Siebtel, …) von seinem Arm ablesen wollte, was strenggenommen ein durchunddurch undurchführbares Unterfangen war, denn du kannst entweder die Dynamik oder den Ort feststellen, so ist das auch mit der Musik, Musik wie überhaupt das Leben in seiner Gesamtheit vermessen zu wollen wäre einigermaßen vermessen, es kann nicht gelingen, und das ist doch ein tröstlicher Gedanke.
Wer sollte also noch jemals wieder auf die Uhr schauen wollen?, und auch er vergaß darauf und konnte sich später nicht mehr auf den Zeitpunkt erinnern, wozu auch?



Thriller (Nachtrag) Mittwoch, 8. 11. 2006, 0:00

Abermals ein Ausschnitt aus der gestrigen ORFON-Perikope: In Millionen Haushalten in Westeuropa ist am Abend das Licht ausgegangen. Aber auch einige Niederösterreicher sind am Samstag im Dunkeln gesessen.
Dazu schreibt mir ein Freund aus einer Grenzstadt Ob der Enns, Metropole des oberösterreichischen Mostviertels, einen persönlichen Wahrnehmungsbericht:
(…) Wir haben übrigens auch um zirka 23.30 die Lichter gelöscht und sind bis heute früh im Dunkeln gelegen (…)
Immerhin, so hoffe ich, dürfte es zu keiner Panik gekommen sein, stelle ich mir vor.
Erdbebenmeldungsanalog sei angeregt, weitere Wahrnehmungsberichte direkt an ORFON zu senden. Was wir brauchen ist nämlich Information, in diesem Fall: Onformation. (Das ermöglichte unseren Politikern auch, besser das Ohr am Volk zu haben, sodass sie uns, in umfassender Kenntnis des Wählerwillens, noch besser regieren können.)



Thriller Dienstag, 7. 11. 2006, 0:00

ORFON, du erhellst regelmäßig unsre herbstlich-trüben Mienen. Ich darf zitieren, was du am Sonntag, 5. November 2006 berichtetest:
In weiten Teilen Westeuropas kam es Samstagnacht zu Stromausfällen. In Millionen Haushalten in Westeuropa ist am Abend das Licht ausgegangen. Aber auch einige Niederösterreicher sind am Samstag im Dunkeln gesessen. 1.800 Haushalte im Raum Kilb im Mostviertel hatten gestern Abend keinen Strom. 13 Minuten lang saßen die Menschen im Dunkeln.
Erinnern wir uns wieder einmal an den dir so verwandten Fliegenden Zirkuss von Monty Python’s. Da gab es eine Sequenz, wo ein Nachrichtensprecher vor wechselnden Tierdias gleichlautende Katastrophenmeldungen verlas. Der jeweils mit dem eingeblendeten Dia synchrone, die ernste Meldung abschließende Satz lautete stets gleich: No (oppossums, parrotts, penguins, …) were involved. Dann wurde das Dia gewechselt.
Zur weiteren Ausdifferenzierung solcher Berichte über die stromausfallsbedingte nächtlich-niederösterreichische Umnachtung empfehle ich, nach entsprechend grundlegenden Recherchen (vergiss bitte nicht, das heutzutage unerlässliche making-of gleich mitzuproduzieren), folgende Abfolge vierbuchstabig-einvokalisch-mostviertlerischer Ortschaften zwischen Erlauf und Sierning: Kilb – Grub – Koth – Hürm – Mank – Busendorf (ohne Seitenblicke geht’s nicht!) und abschließend die Bezirksstadt, was auch sonst: Melk, Sonnenaufgang am Strome.
Und, wichtig noch!, bitte bring das endlich auch in den internationalen Medien unter; die ignorieren diese Wichtigkeiten nämlich regelmäßig aufs provinziell-provozierendste! (Wenn du willst, gebe ich dir die Emailadressen von CNN oder BBC World.)



was bin ich? /2 Montag, 6. 11. 2006, 0:00

Jener Olsberger Uhrmachermeister hatte in seiner sehr geschmackssicher eingerichteten Verkaufswerkstatt feinste Geräte, mit denen er die ihm zur Kontrolle und Reparatur anvertrauten mechanischen Uhren, wie man sagt, auf Herz und Nieren prüfen konnte, Oszillometer etwa, die den Puls der Chronographen sehr genau zu messen in der Lage waren. Dazu wurden die Armbanduhren eingespannt und das Schwingungsverhalten ihrer Unruhe in den verschiedensten Positionen analysiert.
Eines Tages war ein korrekt gekleideter Herr mit der glaubwürdigen Behauptung erschienen, sein edles Uhrwerk am Handgelenk gehe falsch, undzwar hinten. Der Meister übernahm die Uhr zur eingehenden Analyse und stellte in sich dehnenden Versuchsreihen zunehmend kopfschüttelnd fest, dass sie, so etwas war ihm noch nicht untergekommen, in exakt einer Position dazu tendierte, sich etwas mehr Zeit zu lassen, als sie gedurft hätte, nämlich mit dem Aufziehpfropfen nach oben, was bedeutete, dass ihr Träger jeweils über einen längeren Zeitraum seinen Ellenbogen ruhend abgestützt halten musste. Er überlegte sich also wie so etwas kommen könne, welchen Beruf so jemand wohl ausübe, und als der Kunde am vereinbarten Tag pünktlich in der Werkstatt erschien, vermochte der uhrmachermeisterliche Ratefuchs dem unter chronographischer Tagesverlängerung leidenden aufs Gesicht zuzusagen, dass es sich bei ihm nur um einen Beamten handeln könne, Volltreffer, und es war ihm auch sofort peinlich (dem Uhrmacher).
Erinnern wir uns: Bei Robert Lembke mussten die Gäste stets eine Handbewegung vorführen, einen kleinen, nicht verräterischen Hinweis auf ihre Tätigkeit; hier hatte sich die Nichtbewegung, ja, das Einrasten im Ausrasten als typisches Merkmal eines Berufs, ja einer Berufsgruppe (von einer Tätigkeit konnte ja weiters nicht mehr die Rede sein) verraten.
Tja, lieber Herr Offizial, beim Olsberger Uhrmachermeister ist dein Schweinderl leer geblieben.



was bin ich? /1 Sonntag, 5. 11. 2006, 0:00

Zu Erzählen wäre die Geschichte von jenem Uhrmacher (nach dessen Beruf hier also nicht gefragt wird), er war in einer kleinen Stadt im Hochsauerlandkreis daheim, kulturell sowohl interessiert als auch initiativ und gehörte außerdem einer kleinen Kabarettgruppe an, die recht häufig die seiner Uhrmacherwerkstätte (er hatte sich auf mechanische Werke spezialisiert, so gut das eben in einer Kleinstadt ging, doch dazu weiter unten) angeschlossene Spielstätte, das Alte Kino von Olsberg (jetzt ist es heraußen) mit einem dedizierten Publikum zu füllen vermochte.
Wie das Leben eben so spielt, es bringt selbst die besten Sketches und erst recht Pointen.

Ganz im Allgemeinen und nur nebenbei gesagt: Kunst ist stets eine der Öffentlichkeit dargebotene Untertreibung der tatsächlichen Umstände und Begebenheiten.

(morgen: wie das Leben eben so spielt)



anhaltend Samstag, 4. 11. 2006, 0:00

Zum Ende der Sommerzeit wurde ja nicht, wie allgemein angenommen, die Zeit eine ganze Stunde angehalten, sondern es wurden nur die Uhren um exakt eine Stunde zurückgestellt. Weil – wie hätte man sie auch Ende März so präzise beschleunigen können?
Genau so musste es sein, stellte er sich, ausgeschlafener als sonst so früh am Morgen, vor.



verfrüht Freitag, 3. 11. 2006, 0:00

Venzone. Am Morgen hatte sich der Hahn, der ein nachgerade idealtypisches Kikeriki pflegte, verkräht. Der Nachtexpress aus Wien war nämlich nicht und nicht dahergekommen, erst eine Stunde später als sonst näherte sich dieses anschwellende cchhh, gefolgt vom Geräusch ölgedämpfter Eisenräder, dem Zischen der Zugperipetie, dann kam noch das abschließend abschwellende cchhh. Morgen aber würde auch er sich von der Sommerzeit gelöst haben und, vorausgesetzt der Nachtzug käme pünktlich, den Einklang von Natur und Technik wieder herstellen.



Hupen Donnerstag, 2. 11. 2006, 0:00

Muggia. Folgetonhörner schreien von Triest über die Bucht. Tarzan in der Großstadt.



Gehen Mittwoch, 1. 11. 2006, 0:00

Ob Jesus tatsächlich Jesusschlapfen getragen hat, konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden; den Gang über den See Genezareth dürfte er jedenfalls barfuß angetreten haben, stelle ich mir vor.



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