Rudern Dienstag, 31. 10. 2006, 0:00

Muggia, die täglich glatte Binnenbucht. Im Bildhintergrund wendet gravitätisch ein Tankschiff, indem es von drei Jagdhundbooten zu den Abfüllanlagen der Adria-Wien-Pipeline gezerrt wird. Fünf Kadetten vom Ruderverein Muggia 1898 planschen noch recht ungeschickt im Wasser und versuchen, sich einigermaßen vergeblich im unwuchten Uhrzeigersinn drehend, in ihren nadeldünnen Booten das Prinzip geradeaus rückwärts zu verinnerlichen. In der Abfolge Aktivität – Frustrationspause (die durch Zurufe vom Trainer unterbrochen wird, der in seiner gemeinerweise mit Außenbordmotor versehenen Nussschale durchs Megaphon metallen röhrt) sehen sie aus wie Wasserläufer, die auf einem schattigen Waldteich die Oberflächenspannung ausnützend jesusgleich spazieren gehen.
wasserlaeufer, jugendlich
Trotzdem sie einem Ruderverein angehören, tragen die Knaben beim Erlernen ihres schönen Sports unserer Zeit entsprechend T-Shirts.



Phlegma Montag, 30. 10. 2006, 0:00

Gorizia – Trieste.
Ist eine phlegmatischere Route vorstellbar als das durch den Karst zum vom Himmel nicht zu unterscheidenden Golf sanfte Hinabsinken, zumal im Winterhalbjahr? Die paar Schiffe auf Reede, draußen vor den Muschelbänken von Aurisina und Duino, scheinen irgendwo zu schweben, der graublaue Horizont ist abgeschafft.



aufgeladen /4 Sonntag, 29. 10. 2006, 0:00

Mit der Zuckerrübe bemerkte er, dass es auszuufern begann, wir waren von Speichern umgeben, überall schlummerten Kapazitäten, ungeahnte wie auch genau definierte Potenziale: Schokolade, Schallplattensammlungen, Wörterbücher, Schnapsflaschen, Automotoren, was eigentlich nicht?, begann sich, wo er hinschaute, hindachte, alles zu drehen. Leben, das könnte bedeuten: sich Gespeichertes dienstbar machen, es aufnehmen, umwandeln, und wieder, transformiert, abspeichern oder aber ausscheiden.
Was jeder von uns wie einsetze, das sei wiederum sehr individuell. Allzuviel zu Verwertendes, ja Lebenswichtiges werde unerkannt und also ungenutzt ausgeschieden und noch viel mehr Müll werde als unverzichtbar beworben, dem entsprechend angestrebt, gehegt und gepflegt und blockiere, da war es wieder, das Wort: Kapazitäten, Potenziale. Leben, ein beständiges Sein zwischen dem was war und dem was sein könnte, sein hätte können. Wieviel Anteil daran jetzt der Konjunktiv (gar der irrealis) hatte, das getraute er sich in seiner unvermutet aufgezogenen vornovemberlichen Stimmung dann doch nicht näher zu untersuchen.
Jetzt ins Bad, fertig die Haare kürzen, der Akku sollte wieder soweit sein.



aufgeladen /3 Samstag, 28. 10. 2006, 0:00

Was nicht alles überall gespeichert war, stellte er sich vor. Ein Akku war das Stromgedächtnis, soweit der Ausgangspunkt seiner Überlegungen.
Nationalbibliotheken werden gerne als das Gedächtnis eines Volkes apostrophiert, was die Frage aufwirft, wer es denn brauche, besser: gebrauche. Dann war da noch der Wein, in dem die Sonne eines Jahres gespeichert war, was, wie es schien, gerne mit Wahrheit gleichgesetzt wurde, und die Sonne, das leuchtete ein, bringt ja manches ans Licht.



aufgeladen /2 Freitag, 27. 10. 2006, 0:00

In den Gebrauchsanweisungen von allerlei Elektroprodukten, Kapitel: Akku, Unterartikel: Kapazität wird der umsichtige Konsument darauf eingeschworen, die Lebensdauer dieses so wichtigen Teils bestmöglich zu erhalten. Lasse die Leistung des Geräts immer öfter immer früher nach (etwa wenn sich sein ohnehin kurzes Haupthaar* nur in zwei Aufladezyklen auf die gewünschte Minimallänge kürzen ließ), möge man den Akku durch Dauerbetrieb völlig, wie es hieß, entleeren, um ihn dann ganz aufzuladen, und er sei wieder voller Energie wie am Anfang, jedenfalls fast.
Wie wäre es, stellte er sich vor, wenn man hier die Analogie mit dem humanen Gedächtnis wieder ins Spiel brächte? Völlig entleeren und neu auffüllen, wie ginge das?

*(schütter, das war ein Wort, das er sich verboten hätte, was aber mehr mit den auf seinen Namen platt gereimten Hänseleien zu tun hatte, denen er als Bub ausgesetzt war, vor allem, wenn er im Ballsport versagt hatte; wegen der Haardichte war ihm jede Eitelkeit fremd)



aufgeladen /1 Donnerstag, 26. 10. 2006, 0:00

Ein Akku, das war ja so etwas wie das Stromgedächtnis eines Geräts. Ob es mit dem nahenden Nationalfeiertag zu tun hatte, dass jener seines Bart- und Haartrimmers immer öfter zur immerwährenden elektrischen Neutralität zu tendieren schien?



erhellend /4 Mittwoch, 25. 10. 2006, 0:00

Achja, bitte vergessen Sie nicht, dass in der finsteren Nacht vom kommenden Samstag auf den unmittelbar darauf folgenden Sonntag die Uhren eine Stunde zurückzustellen sind. Damit verschieben sich auch sämtliche Dämmerungseinbrüche um eine Stunde.
Nach vorne oder nach hinten?



erhellend /3 Dienstag, 24. 10. 2006, 0:00

Als besonders kritisch gilt die Zeit zwischen 16 und 21 Uhr, heißt es noch. Ich darf davon ausgehen, dass diese Erhebungen in engstmöglicher Kooperation mit der auf der Hohen Warte beheimateten Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) angestellt wurden. Und sie dürften, in dieser Ausdehnung, für das ganze Jahr gelten.
Eine ähnliche Statistik für die Morgenstunden steht noch aus, stelle ich mir vor.



erhellend /2 Montag, 23. 10. 2006, 0:00

Es dämmert, weiter.

Die niederösterreichischen Kriminalisten haben im vergangenen Winter vom 1. Oktober 2005 bis zum 1. April 2006 187 Dämmerungseinbrüche verzeichnet.
Ich habe das überschlagsmäßig nachgerechnet, und mein Ergebnis weicht nur geringfügig ab: Den 1. April mit eingerechnet, komme ich auf exakt 183 Dämmerungseinbrüche, und ich bin gespannt, wo sich die vier mir entgangenen Schalttage versteckt haben.

Gut, ich war zwischendurch auch ein paar Mal im außerniederösterreichischen Ausland.



erhellend /1 Sonntag, 22. 10. 2006, 0:00

ORFON, du bist nicht zuletzt deshalb unschlagbar, weil deine Schlagzeilen das Lesen eines dahinter verborgenen Artikels oft völlig obsolet machen, ihn, wie man nicht zuletzt angesichts des nahenden 31. Oktober versucht ist, so trefflich zu formulieren, schlichtweg ersparen, es treibt unsere Vorstellungskraft in luftigste, ungeahnt ahnungsvolle Höhen. Am Samstag, dem 21. Oktober 2006 durften wir etwa lesen: Dämmerungseinbrüche nehmen zu. Im Weiterklikken erfährt der treu an den ORF angeleinte Medienkunde, diese dem finsteren Halbjahr völlig entsprechende Erkenntnis präzisierend: Mit den kürzer werdenden Tagen nehmen die Dämmerungseinbrüche wieder zu.
Da brauchst du, willst du gar nicht mehr weiter lesen; Sätze von derart philosophischer Wucht sind Astronautennahrung fürs Hirn und können, sollen mindestens einen Tag (jedenfalls aber bis zum Einbruch der Dämmerung) dort wiedergekäut werden, stelle ich mir vor.



erhebend Samstag, 21. 10. 2006, 0:00

Auf seinem Weg in die Stadt, den er jedes Jahr so lang es irgendwie ging radfahrend zurücklegte, fiel ihm in letzter Zeit, oder, genaugenommen, seit etwa zweieinhalb, drei Jahren auf, dass die Autos immer höher geworden waren, alles hochgestellte Limousinen mit abgedunkelten Scheiben (wenngleich man die mobilen Telefonisten hinter ihnen stets zweifelsfrei erkennen konnte), was wiederum bedingte, dass der die für einen Radfahrer im Straßenverkehr nur allzuoft fatal fehlende Knautschzone etwas wettmachende Überblick allmählich untergegangen war, da konnte er sich strecken im Sitzen wie er wollte, über so einen in den Randregionen des Wienerwaldes – sammasieahlich – unverzichtbaren hochgestellten Allradklotz konnte er nicht mehr spähen.

Er würde sich etwas einfallen lassen müssen, stellte er sich auf einem Hochrad sitzend in die Stadt flitzend vor, genau, das wär’s.
hoch! rad!



tagesaktuell (überfällig) Freitag, 20. 10. 2006, 0:00

Ansich mag ich ja nicht so gerne täglich fällige Nachrichten verstreuen, aber heute muss ich eine Ausnahme machen.
Hier ist die Tagesaktualität vom Tag: Der 20. Oktober 2006 wird in Hinkunft als das Erscheinungsdatum von The Devil’s Brother aka Fra Diavolo aka Bogus Bandits aka The Virtuos Tramps (vergessen Sie den dümmlichen deutschen Titel Die Sittenstrolche) auf DVD geführt.
L&H sind die Besten!
Ein jahrelanges Vakuum ist hiermit mit, ja womit denn? – am ehesten mit Wein aus dem Keller – gefüllt. (Was ich getrunken habe, kann ich nicht mehr verschütten. – St. L.)
Stoßen wir also an auf Stanlio, Ollio, und, nicht zu vergessen, auf den wacker-gehörnten, stets glasäugigen James Finlayson (hier als Lord Rocburg).

im tempo, bitte!

Soweit die Tagesaktualität vom Tag. Sie war – man bedenke den Plot – im doppelten Sinn längst überfällig.



ausgewachsen Donnerstag, 19. 10. 2006, 0:00

Kürbiszeit ist’s, danke ORFON, dass du uns daran erinnerst. Das regelaunchte Landesmagazin (in der Steiermark mit der fröhlichen – in Wirklichkeit: gefährlichen – Drohung immergutdrauf rubriziert) berichtet uns von der diesjährigen Meisterschaft im Riesenkürbiswiegen am 1. Oktober in Eichberg bei Rohrbach an der Lafnitz im Bezirk Hartberg.
Besonders berührt bin ich vom Siegerkürbis, den ein Herr Joachim Hammerl gezogen hat, er ist, so dürfen wir erfahren, von weiblichem Geschlecht, mit 372,2 Kilogramm einigermaßen adipös und hört ausgezeichnet, undzwar auf den Namen Emma.
In Niederösterreich hätte er per (durchgesickertem) Dekret Erwin heißen müssen, und Er wäre dabei gewesen, so photographiert, dass er mindestens so groß ausschaut wie das Großgemüse.
Hier aber sind wir in der Steiermark. Und Franz wäre kein guter Name für einen Kürbis.



Wachsen Mittwoch, 18. 10. 2006, 0:00

Nach dem Rasieren, als er seinen Kopf vor dem Spiegel etwas nach vorne neigte, stellte er fest (was er ohnehin wusste), dass die Grundsubstanz seines Schädelbewuchses ziemlich genau jener des, wie es hieß, letzten Landesfürsten glich, welcher durch eine für unsere heutige Zeit in diesen Breiten unvergleichliche Durchwirkung sämtlicher Medien in Wort und Bild einem von überallher (je nach Anlass) zu lachen, feixen, mahnen, ein ganzes Land zu ermuntern, aufzufordern oder zu beschwichtigen schien, und es war ja auch kein Wunder, gab es doch keine Kreisverkehrseröffnung, kein renoviertes Marterl, kein Sängerbundtreffen und keine Wallfahrerjause, die ohne ihn vorstellbar waren, und da schoss ihm ein monstöser Gedanke durch den Kopf, was, wenn dieser omnipräsente Fürst sich eine ganze Kohorte von Doppelgängern hielt, und ob er mit seinen Haaransatzanlagen in den engeren Kreis der Bewerber aufrücken könnte, wenn er wollte, aber das war, atmete er erleichtert auf, ganzundgar unmöglich, weil er erstens etwas zu groß gewachsen war und zweitens die neben seinem Naturschädel wachsenden Haare seit eh und je (und völlig freiwillig) äußerst kurz geschnitten hielt, keine Dackelohren aus Haar, das würde Jahre dauern und wäre letztlich völlig aussichtslos, stellte er sich, erleichtert aufatmend, vor.
Im übrigen war er mit seiner Haarsubstanz immer einverstanden gewesen, zuerst die juvenile Matte, die ihn wie einen pusteligen Apostel aussehen ließ, dann, nach der militärisch verordneten, die Dichtung der Gasmaske nicht gefährdenden Kurzhaarfrisur, die der Natur folgende Tendenz zu immer kürzerem Schnitt, immer klarer, wie das halt mit dem Alter so kommt. Haarwuchsmittelwerbungen, die mit dem zusätzlich zur ausschließlich mit ihnen garantierten größeren Haardichte auch den Wiederaufbau eines männlichen Selbstwertgefühls versprachen, blieben ihm stets völlig rätselhaft, was ihn wieder jenem Landesfürsten annäherte, weil ein derart stabiles Selbstbewusstsein qualifiziert doch zu Höherem, oder nicht?, fühlte er sich schon in der (längst noch nicht virulenten) Nachfolgediskussion aufgerückt. Wichtig aber war, bereit zu sein. Ja, rechtzeitig übersiedeln musste er auch noch. Jetzt, wo er das wusste, würde er wachsam bleiben.



Statistisches Dienstag, 17. 10. 2006, 0:00

Sein recht erfolgreicher Jugendfreund hatte sowohl ein wirtschafts- als auch ein naturwissenschaftliches Studium absolviert. Also entfuhr ihm, als ihm dieser das erste Bild seines Neugebornen (verdrückt, wie alle Frischlinge), zeigte, statistisch wie auch genetisch einigermaßen korrekt: Halb der Papá!
Diese insektenforscherische Nüchternheit würde den Freund erfreuen, war er selbst gerührt von soviel aufgebrachter Empathie.



Plüsch Montag, 16. 10. 2006, 0:00

mein café

Szene beim Billiard (im Weingartner spielt man auf Turniertischen Dreiband, sehr gepflegt): Sie spielen zu viert, je zwei und zwei, und es rennt nicht nur der Ball (sagen Sie niemals Kugel!), sondern vor allem auch der Schmäh. Ich liebe es, nach der Zeitung noch ein paar Minuten zu kiebitzen, die Kommentare der Spieler wie auch der anderen Beobachter, die meistens genussreich, dass es zum mit der Zunge Schnalzen ist, man kann sagen: applicîrt werden, es ist ein patiniertes, im besten Sinn konservatives Vorstadtcafé, und in die neuen Zeiten weist der in Häusern dieser Güte unübliche Trottelsteuerautomat der Firma Novomatic mit dem praktischen Papiergeldschlitz (ausschließlich zum Einzahlen).
Herrn Stefan, der, als er noch als Kellner hier arbeitete (deswegen hat man die beidseitig förmliche Anrede beibehalten), mein Epitheton Herr Kompositör (kurz: Gomposi) prägte, ist ein Stoß nicht wirklich gut gelungen, und augenblicklich umkreisen die ironischen Meldungen den zentralen Zweiertisch. Da hebt er zu einem kurzen Stoßseufzer an, wie man ihn so nur im Weingartner zu hören bekommt:

Es is jå a jeda gegn mi
obwoi i a so a Plüschtierchen bin.

Besser gehts nicht. Wirklich wahr.



Gesundheit! Sonntag, 15. 10. 2006, 0:00

Man hatte ihn zur Lesung des berühmten Schriftstellers eingeladen, der Skrupel hat, sich Poet nennen zu lassen und es aber ist, und wie! (Als Gegenbeispiel fiel ihm bei diesem Gedanken stets jener einer Zuckerldynastie entstammende Poesiegroßindustrielle ein.) R., dieser Erzähler im wortwörtlichen Sinn, bannte das ganze Burgtheater zur Atemlosigkeit.
Nur um ihn herum schienen, Auswurfgeräusche ausstoßend, die Patienten eines Lungensanatoriums auf Kulturausgang Platz genommen zu haben. Beim Verlassen seiner Sitzreihe dann suchte er nach den Oxygenflaschen, vergebens: Es ist aber auch schon alles heutzutage miniaturisiert, zuerst verwendet es James Bond (hier: im Unterwassereinsatz) oder (was fast das gleiche ist) wird etwas für die Raumfahrt entwickelt, dann taucht es unweigerlich irgendwann für den allgemeinen Gebrauch am Markt auf. Ja genau, so musste das auch mit den auf Füllfederpatronengröße geschrumpften Sauerstoffflaschen sein, stellte er sich vor.



Sackerl fürs Gackerl Samstag, 14. 10. 2006, 0:00

Der lodengrüne Senior mit der gedrungenen Körperhaltung möchte am liebsten von der Finsternis verschluckt werden, wie ein Herr, der sich mit hochgezogenen Schultern und merkwürdig eng nachgeschliffenem rechten Bein aus dem diskreten Seiteneingang des Sexkinos stiehlt. Mit seinem etwas zu kleinen braungrünen Filzhut und dem krummkurzbeinigen Langhaardackel geht er seine abendliche Runde um den Häuserblock, eng (im kleinst möglichen Radius) dem Umfang der Häuser angepasst werden im Gegenuhrzeigersinn abschnittweise die Wände, wie heißt es: markiert, völlig ungeniert lässt er sein Hundsviech (dessen Not unleugbar ist, es ist seine Natur) neben unsere Haustür und direkt vor uns hinseichen. Oft liegt auch ein olfaktorisch prekäres Darmpressprodukt, euphemistisch Hauferl genannt, direkt vor oder zumindest neben der Haustür, im bestmöglichen Rechts- bzw. Linksweggehwinkel. Sieht uns der Geruchsverantwortliche, der zu faul ist, die Straße zu überqueren (gleich gegenüber wäre der Park) verdrückt er sich, schert sich einen – Dreck.

Sackerl fürs Gackerl

Man sollte immer ein Sackerl fürs Gackerl dabei haben. Damit ergreife man dann die canine Hervorbringung und werfe sie den Hundehaltern hinterher oder, besser, schmiere ihre noch viel zu wenig braunen Hüte ein.
Jawohl.



Beim Häuten der Zwiebel /5 – Gustafssons Liste Freitag, 13. 10. 2006, 0:00

Einmal im Jahr sollte man diese Liste durchmeditieren, und heuer ist Zeit, sie auch ins MütterLog zu stellen.

Lesen Sie Lars Gustafsson:

Verzeichnis der Kunstarten nach ihrem Schwierigkeitsgrad

1. Erotik
2. Musik
3. Lyrik
4. Drama
5. Feuerwerkskunst
6. Philosophie
7. Surfing
8. Die Kunst des Romans
9. Glasmalerei
10. Tennis
11. Aquarellmalerei
12. Ölmalerei
13. Rhetorik
14. Die Kochkunst
15. Architektur
16. Squash
17. Gewichtheben
18. Politik
19. Hohes Trapez
20. Fallschirmspringen
21. Bergsteigen
22. Bildhauerei
23. Kunstradfahren
24. Jonglieren
25. Die Kunst des Aphorismus
26. Springbrunnen bauen
27. Die Fechtkunst
28. Die Artilleriekunst

Eine kann ich nicht einordnen: die Kunst, Schmerzen zu ertragen. Das hängt damit zusammen, daß bisher niemand eine Kunst daraus machen konnte. Wir haben es also mit dem einzigartigen Fall einer Kunstart zu tun, deren Schwierigkeitsgrad so hoch ist, daß es niemanden gibt, der sie ausübt.

(Lars Gustafsson, Der Tod eines Bienenzüchters)

(Zitat Ende)

Abermals stellte er seine Frage: Dürfen Schweden eigentlich auch den Nobelpreis bekommen?



Beim Häuten der Zwiebel /4 Donnerstag, 12. 10. 2006, 0:00

Es passte ihm vorzüglich, sich – unvermutet – in dieser Woche wieder einmal, in diesem Fall zwiebelhäutend, dem Literaturnobelpreis angenähert zu haben, diesen Donnerstag sollte er verkündet werden, hatte es geheißen.
Nabokov führte bei ihm diese Liste der Ganz Großen an, die, wie heißt es so schön, zum exklusiven Kreise derer gehören, denen die Auszeichnung zuteil wurde, den Nobelpreis nicht bekommen zu haben. Es standen da noch Robert Musil, Italo Svevo, Jorge Luis Borges, Fernando Pessoa (gut, der hatte ihn in Gestalt von José Saramago doch noch erhalten), Joseph Roth, vielleicht auch Thomas Bernhard; Proust zu lesen hatte er noch keine Zeit gehabt, so wusste er nicht, ob er sich dieser einigermaßen weit verbreiteten Einschätzung anschließen konnte.
Natürlich, Kafka. – Aber konnte es einen Preis geben, der ihm nur irgendwie gerecht würde? (Eine Strafkolonie ihm zu Ehren umbenennen? Das wäre dann doch etwas makaber, stellte er sich vor.)
Und, weil es eine imaginäre Liste war, fiel ihm noch der Listenschreiber Lars Gustafsson ein, wenn er als Lebender auch nicht zu den mit irrealem Konjunktiv behafteten Großen gehörte.
Dürfen Schweden eigentlich den Nobelpreis bekommen?

(Morgen: Die Liste)



Beim Häuten der Zwiebel /3 Mittwoch, 11. 10. 2006, 0:00

Jetzt war ihm etwas Komisches passiert.
Aber es ist nun einmal so, dass wenn man sein Augenmerk auf ein Thema legt, allüberall Hinweise dafür auftauchen, so, wie einem Ende April im Auwald die Morcheln mit der leider bis heute nicht wirklich erfundenen Morchelbrille phosphoreszierend förmlich ins Auge springen (eine der sympathischsten Lügen bei Wer 3x lügt, dieser legendären Quizsendung mit Günter Tolar (ORF, 1973-77). Oder beschäftigen Sie sich mit sog. Schönheitsflecken, diesen entzückenden Mundwinkel- und Dekolletémuttermalen, und es werden ihnen kaum mehr andere Damen als derart geschmückte ins Gesichtsfeld kommen, so ist das, wirklich wahr.
Ein paar Tage nach jener so denkwürdig gehäuteten Zwiebel war er beim Lesen eines Buches auf folgende Stelle gestoßen:
(…) dann kroch der schwere, keuchende, zitternde Fahrstuhl langsam an seiner Samtleine empor, und neben ihm glitten an der durch die Scheibe sichtbaren Wand mit ihrem abbröckelnden Putz langsam dunkle Landkartenflecken abwärts, Flecken, die von Feuchtigkeit und Alter herrührten und die ebenso wie die Wolken am Himmel eine Vorliebe für die Silhouetten des Schwarzen Meeres und Australiens bezeugten.
Tja, lieber Vladimir Vladimirovitsch, die Zwiebel hast du vergessen, dachte er sich, derart zur Fraternisierung autorisiert, und das machte ihn schon einigermaßen stolz.
Dafür hat Nabokov aber auch nicht den Nobelpreis bekommen, den gibt es fürs Zwieblhäuten, raisonierte er, und mehr darüber morgen.



Beim Häuten der Zwiebel /2 Dienstag, 10. 10. 2006, 0:00

Nachzutragen sei noch der Beweis seiner Behauptung, Österreich sei dereinst in Wolkengestalt über Österreich gesegelt:
Österreich über Österreich (Ötscher, 10.8.2000)

Düstere Vorahnungen lagen in diesem Naturschauspiel, man betrachte die Verdunklungen im Süden – naturgemäß, wäre man versucht zu sagen. Und was es mit den sezessionistischen Tendenzen im äußersten Westen auf sich hatte, das würde sich auch noch weisen, war er sich sicher.
Sechs Jahre waren seither ins Land gezogen, und mittlerweile war Österreich über ganz Österreich gekommen, hatte sich – vor allem sonntäglich – als undurchdringlicher, bunter Nebel breit gemacht, schrie herum, billig, billg, nur 50 cent.
Aber seine Gedanken schweiften ab, er müsse sich zusammennehmen, damit er nicht den Faden verlöre, stellte er sich vor.

(Morgen: Wie das Lesen so spielt)



Beim Häuten der Zwiebel /1 Montag, 9. 10. 2006, 0:00

Beim Häuten der Zwiebel fiel ihm auf, dass das letzte Blättchen, das noch übrig war, exakt die Flächengestalt Australiens (ohne Tasmanien) hatte, noch dazu an der richtigen Stelle, unten rechts.
Wie ihm ja auch einmal am Gipfelplateau (man hatte eben den Rauhen Kamm bezwungen) des Ötschers Österreich in Form einer Wolke vorbeigezogen war.
Beim nächsten Mal würde er wieder aufpassen, wer weiß, vielleicht gelänge ihm, sagen wir: Südamerika, bis hinauf zum Panamakanal.

Da kamen ihm die Tränen.



Gmunden /6 – Guten Morgen Sonntag, 8. 10. 2006, 0:00

Aber, vor die Wahl gestellt, den Freitagmorgen – so hatte man ihm gesagt – ab 7.00 Uhr mit bis oben vibrierender Pressluft begrüßen zu müssen oder sich (wie sich herausstellen sollte völlig unnötigerweise – weil die folgende Nacht eine ganzundgar verschwiegene werden sollte) ohrstöpselbewehrt unserer morgenfrohen Jugend zu erfreuen, wählte er dann doch als zeitmaschinistische Übernachtungsoption jene vom Heute aufs Morgen und nicht retour zum Freitag, was natürlich ein völliger Blödsinn war, so etwas zu denken, aber was stellte man sich nicht alles vor, damit das Leben erträglicher oder eben unerträglicher würde, ganze Industrien, nicht nur in Hollywood, lebten davon, stellte er sich vor.



Gmunden /5 – Akustisches Samstag, 7. 10. 2006, 0:00

Akustisch aber war die Nacht durch drei Konstituierende bestimmt.
1. Ein unsichtbarer Autobus, aus dem, so stellte er sich vor, eine renitente Rentnergruppe,
die auf einer völlig unverbindlichen Werbeverkaufsveranstaltungsfahrt der Firma HaWaTex Haushaltswaren und Textilien GmbH Hamburg zu wenige Heizdecken erworben hatte, die Fahrt an den Traunsee und das im Fahrpreis enthaltene Schnitzel aber sehrwohl konsumiert hatte (die vorgesehene Schifffahrt mit der Gisela war sich, eine stets eingeplante Leider-Rache der mittlerweile ebenso wie ihr seniorisches Publikum illusionslosen Werbeverkaufsveranstaltungsfahrtenveranstalter nicht mehr ausgegangen),
nicht und nicht aussteigen wollte, oder die man nicht aussteigen ließ, bis dass nicht genug umgesetzt worden wäre; oder hatte man die Kohlenmonoxidvariante gewählt, weil der Motor des Busses lief und lief und lief, ein Klang, der über den Platz zwischen seinem Hotel und dem See aufs idealste in die Höhe geleitet wurde, sodass die Schallwellen ausgerechnet und ausschließlich bei seinem Fenster herein wollten.
2) Die sich alkoholisch ihrer selbst vergewissernde Schuljugend an jenem Schulanfangswochenende in dieser Bezirkschulstadt, ein Klang, der über den Platz zwischen seinem Hotel und dem See aufs idealste in die Höhe geleitet wurde, sodass die Schallwellen ausgerechnet und ausschließlich bei seinem Fenster herein wollten.
3) In Pausen von 2), und nachdem 1) doch noch vorbei war (wahrscheinlich war der Tank des Autobusses leer gelaufen), wirkten noch die sehr agilen Seelebewesen – Fische und Algen ausgenommen -, mithin die flügelige Fauna; vor allem die tagsüber eh recht herzigen Blesshühner/Blässhühner (Fulica atraLinnaeus, 1758) aka Hurbeln mit ihrem weißen Streifen am Kopferl, deren enterische Lautgebung einerseits an Snorre = den Faulen Willi, erinnerten, andererseits aber wie eine schlecht geölte Schanktür quietschten, ein Klang, der über den Platz zwischen seinem Hotel und dem See aufs idealste in die Höhe geleitet wurde, sodass die Schallwellen ausgerechnet und ausschließlich bei seinem Fenster herein wollten.
Jetzt aber Gute Nacht!



Gmunden /4 – Olfaktorisches Freitag, 6. 10. 2006, 0:00

Diese Nacht von Freitag auf Samstag nämlich sollte es nicht zum Augenzumachenkönnen kommen; zudem konnte man sich die Nase  schlecht zustopfen, wenn die Zigarettenrauchfähnchen aus den offenen Fenstern der unteren Ränge ausschließlich und ausgerechnet bei seinem Zimmer hereinwollten.
Wie heißt es so schön: Nur weil du nicht paranoid bist, brauchst du nicht glauben, dass sie nicht hinter dir her sind.

(morgen: Akustisches)



Gmunden /3 Donnerstag, 5. 10. 2006, 0:00

Man hatte ihn im Seehotel – erraten! – Schwan untergebracht, sehrschön dieser Blick auf den See. Da er später am Abend angekommen war, sah er nichts vom Traunstein als den roten Punkt wohl eines Senders (am Morgen dann war der Berg vom Nebel regelrecht wegretuschiert).
All das schärfte Gehör und Geruchssinn für die kommende Nacht.



Gmunden /2 Mittwoch, 4. 10. 2006, 0:00

Gmunden, wo der Traunsee ausrann, hatte man immer schon der Schwäne wegen besucht, und er hatte sich immer gefragt, warum man so weit fahren musste um diese unsympathischen Viecher zu besuchen, noch dazu wo es in seiner Heimatstadt mehr als genug, dazu allerlei Enten und, vor allem im Winter, jede Menge Möwen gab, die durch den morgendlichen Nebel wie schlecht geölte Schwingtüren quietschten.



Gmunden /1 Dienstag, 3. 10. 2006, 0:00

Gmunden, das war so eine Stadt, deren Name der äußeren Form nach einem Verb im Infinitivum entsprach, dessen Bedeutung man nicht (noch nicht oder nicht mehr) kannte. Der Griff ins Regal zum Wörterbuch der bisher unbenannten Gegenstände und Gefühle war umsonst, Gmunden existierte dort nicht, es schien kein Bedarf zu bestehen, etwas infinitiv mit gmunden zu benennen, und näher betrachtet könnte das durchaus plausibel sein, Gmunden, ein Verbort ohne verborgene Bedeutung, sehr aufschlussreich, wirklich wahr, stellte er sich vor.
Oder, um es kurz zu sagen: soso.



aaah shut up Montag, 2. 10. 2006, 0:00

Er war berüchtigt, und zur Höchstform lief er auf, wenn er Gäste bei seiner Livesendung hatte, die keine Ahnung von seinem Rang und Status hatten; er würde ihnen schon beibringen, welcher Meinung sie zu sein hätten. Besondere Meisterschaft hatte er darin erlangt, seine Gäste nicht eher zur Sache kommen zu lassen als bis er seine Position ausgebreitet und sie so gelenkt hatte, dass sie ihm unwillkürlich zustimmen mussten. Und wenn sie dann endlich ihre Meinung kundtun wollten, blieb meistens nicht mehr viel Zeit.
Beim Zuhören (es belustigte ihn jedesmal) musste er in einer solchen Situation vehement an John Cleese denken, wie er einen Interviewgast, den er mittels immer unverschämt-amikalerer Anreden (vom Sir bis zum Schatzibaby) zermürbt hat, sodass dieser schon (völlig zurecht) empört das Studio verlassen will, schließlich durch Zurückrudern zum Sir und wollen Sie uns bitte jetzt von Ihren neuesten Film erzählen den Gast noch einmal beschwichtigt, der hebt an, aber kaum hat er den ersten Satz zur Hälfte gesagt, würgt ihn der Moderator (was für ein schöner Wortsinn!, moderator – Leiter, Lenker; der das gehörige Maß Anwendende, Helfer) ab mit diesem berühmten (siehe Überschrift).
Es ist zum Niederknien. Herrlich, großartig.



Sonntag Sonntag, 1. 10. 2006, 0:00

Seit einem Monat nun täglich, das Straßenbild an wirklich jedem Schilderstangl hervorkragend gestaltend vor allem samstags und sonntags, penetrierte Österreich Österreich. Um 50 cent konnte man sich diese unerträglich bunte Tageszeitung, bei der die Schauer (es ist eine andere, die eine für Leser ist) das Gefühl haben sollten, jetzt aber wirklich Alles Wichtige erfahren zu haben, undzwar exklusiv und völlig geheim noch.
Österreich, du hast Östereich gerade noch gefehlt, dachte er sich an diesem Wahltag.



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