orange /4 und aus Samstag, 30. 9. 2006, 0:00

Was die Kürbisse betraf, so fiel ihm die – ein Kulturverfall, soviel war sicher – Überwucherung einer wachsenden Zahl von Geschäftsauslagen mit oranger Ausrüstung zum korrekten Begehen des Überzwanzigjährigen völlig unverständlichen und also ganzundgar unsympathischen Halloweenfestes, welches ja nach panischen Marketingattacken erst in einem Monat hereinzubrechen drohte: Ausgehöhlte orange Köpfe, die einem das Fürchten lehren wollten.
So gesehen hatte die Stadt (und über verzweigte Filialnetze das ganze Land) ihre herbstliche Dekoration gerade zur rechten Zeit verpasst bekommen.

verschiedene orange Hohlköpfe
Dann aber bitte wirklich Schluss damit.



orange /3 Freitag, 29. 9. 2006, 0:00

Ja, richtig, die mit zunehmender Reife baazwoach (oö: sehrsehr weich) werdende tomatengroße Kaki hatte er noch vergessen.

Kaki (ich mag sie nicht so gern)

In Ostasien, so informierte er sich umgehend, ist die Haupterntezeit für die Kakis in den Monaten Oktober und November. Die Bäume haben dann bereits alle Blätter verloren.



orange /2 Donnerstag, 28. 9. 2006, 0:00

Die Größenabfolge oranger Früchte verlief vom oft riesenhaften Kürbis über die Orange und Mandarine (beide oft kernlos gezüchtet und also nicht in der Lage sich selbst zu vermehren) bis zu den gnomhaften Kumquats.

Kumquats: klein und etwas bitter

Dann gab es noch die knackigen Karotten, diese waren in der braunen Erde daheim.



orange /1 Mittwoch, 27. 9. 2006, 0:00

Trotzdem der Herbst bereits begonnen hatte, konnte er nur mit einem Leiberl bekleidet außer Haus gehen. Am Morgen hatte er sich unwillkürlich ein oranges T-Shirt mit dem aufgenähten Markennamenszug Boss aus der Paxschranklade gezogen und es sich, da er gleichzeitig die Radionachrichten hörte, letztlich nicht ganz ohne Häme übergezogen.



Waidmannsheil (ziemlich kursiv) Dienstag, 26. 9. 2006, 0:00

Der Hase schießt mit etwas Schrot
Den Hasenjäger etwas tot.

(Horst Eckert, aka Janosch)

Preise beim Kleinkaliberschießen der Schützengesellschft Wildalpen vom 8.-10. September 2006: Neben diversen Abschüssen (Hirsch III, 2x Gams, Wildschwein samt Wildpret etc.) gibt es Kipplaufstutzen, Motorsäge, Staubsauger. Dazu noch sonstige wertvolle Sachpreise.

Ich hätte gerne einmal alles.

(Mit etwas Schrot sollte das gelingen.)



gottgewollt Montag, 25. 9. 2006, 0:00

Dieser Lehrer (für den Erzbischof Lefebvre gerade noch nicht zu links war) wurde Jahre später angesehener Vizebürgermeister einer kleinen Gemeinde im Umland, und in dieser Zeit hungerte sich die Tochter einer, wie man gutachterlich feststellte, strafunmündigen Gemeindebürgerin in religiösem Wahn zu Tode; der (nicht) behandelnde Arzt wurde freigesprochen, ein Sozialarbeiter streng bestraft, dann wurde nicht mehr über diese tragische Geschichte geredet. Eine Recherche über im Ort vorhandene religiöse Eiferer und Privatgelehrte wurde nicht angestellt, wozu denn auch, das ist doch harmlos, solange es christlich ist und also gottgewollt; und besser, als wenn die jungen Leute nur Blödsinn im Kopf haben. Es mag ausschließlich daran liegen, dass es schon einen Wallfahrtsort in der unmittelbaren Nähe gab, dass der heimatverbundene Lodenprophet nicht heilsvermehrend initiativ wurde. Vielleicht aber würde er nur ein paar Jahre zuwarten, bis zugehörige Wunderzeichen einen neuen Gnadenort erstehen ließen. Dann könnte man endlich den Namen des Ortes, der einem Raubtier entlehnt war, in Lämmern umbenennen. Und er könnte, pensioniert, Bürgermeister und Kultwächter in einem werden.



Biologie /3 Sonntag, 24. 9. 2006, 0:00

Schließlich hatten sie auch noch ein ganzes Jahr einen gehabt, der mit biblischem (allerdings gestutzten) Bart wissenschaftlich gesicherte Beweise für die Fundstätte der Arche Noah vorlegte, dazu erbauliche Vorträge über stigmatisierte Mystikerinnen, die sich nur von Hostien ernährten und die gesamte Zukunft der Welt (bis zum Jüngsten Tag) in dicken Büchern niederschrieben; zu dieser Zeit kannte die Welt noch kein erworbenes Immunschwächesyndrom, aber er hätte sicherlich taugliche Vorschläge parat gehabt, wie man sein Blut rein zu halten habe in dieser keinerlei Evolution sich verdankenden Schöpfungswelt.

(morgen: gottgewollt)



Biologie /2 Samstag, 23. 9. 2006, 0:00

Der andere Biologielehrer, den sie in der Unterstufe hatten, ein kleines, ernstes Männchen, konnte sich wiederum überhaupt nicht einkriegen vor heiligem Zorn, wenn es darum ging, das allerschlimmste Gift, das Menschen sich zuführen können, zu verdammen: Irish Coffee, nichts als Gift, Gift, Gift: Alkohol, Kaffee, Zucker!
Mehr brauchst du nicht, wirklich wahr.



Biologie /1 Freitag, 22. 9. 2006, 0:00

Beim Rasieren war ihm wieder einmal sein Biologielehrer eingefallen, der eine regelrechte Begeisterung für Blut hatte. Besonders plastisch wusste er die Bedrohungen, denen Bluter (Hämophile) tagtäglich, etwa auch und vor allem beim Rasieren ausgesetzt waren, zu schildern; wenn es sie nicht schon in kindlicherem Alter, beim Einsatz der Kniescheibenbremse erwischt hatte.



HerbstlMütter 2006 Donnerstag, 21. 9. 2006, 12:00

Liebe MBA,

Herbstzeit, Wanderzeit. Österreich ist schön. (Franzobel, Österreich ist schön.) – Darf ich Sie zu einer kleinen Rundreise einladen?

Vorarlberg
In Bregenz regnet’s, es herbstlt.

Burgenland

Mörbisch morscht. – Aber nein, das ist ein Witz. – Wenn’s aber regnet. – In Bregenz. Und Serafin hat längst schon betoniert.

Salzburg
Eine wahlwerbende Splittergruppe sammelt sich ein letztes Mal, ausgerechnet am Irrsee. – Der ist aber in Oberösterreich. – Na eben. – Außerdem ist der vollkommen unter Naturschutz gestellt und hat so gut wie keinen Zu-, wohl aber einen Abfluss. – Na eben.

Tirol
Ein prominenter Lienzer Rauchfangkehrermeister mit altaussehendem Dreitagesbart besitzt neben beträchtlicher Leibesfülle eine feiste Moto Guzzi mit Stereoanlage; sein Auf- und Abstieg bleibt ein Rätsel.

Steiermark
Ich habe ein grünes Herz. Dieser Tage erst habe ich es am Rande einer offiziellen Zeremonie vom Bürgermeister der Marktgemeinde St. Lambrecht auf mein leinenes Sommerjopperl gepierct bekommen.

(Exkursion: Herbstzeit, Wanderzeit – international)
Finninnen in Madeira sind kein Gourmetrezept für Menschenfresser.
Finninnen in Madeira
(Finninnen in Madeira)

Niederösterreich
Warnung vor Wanderungen in die Ötschergräben. Dem Autor ist es nur durch Flucht in eine Höhle gelungen, sich vor dem äußerst gefährlichen Großen Trauermantel (nymphalis antiopa plusquammammutum gigantissima oetscherensis), einem eiszeitlichen Relikt, in Sicherheit zu bringen.
Der Trauermantel, ein Gigant
(nymphalis antiopa plusquammammutum gigantissima oetscherensis)

Oberösterreich
Niederösterreich sei unpatriotisch, was man über Oberösterreich so nicht behaupten könne, wie man umgekehrt mit einem ebenso naheliegenden Wortspiel behaupten könne, das Personal in Kaffeehäusern und besseren Restaurantbetrieben sei in Oberösterreich a priori besser, als etwa in Niederösterreich. Beide Behauptungen sind oberflächlich, irreführend, ja, diffamierend, und das ist etwas, was wir in Zeiten wie diesen sicher nicht auch noch brauchen können. Wenden wir uns also Erfreulicherem zu.

Kärnten

Wie schreibt man Ortsende von Klagenfurt?

Wien
Anfang Oktober lösen Luftwäscher die zur Zerstreuung der heißen Luft benötigten Ventilatoren ab, nachdem sich alle versprochen haben; es war nicht so gemein gemeint, ganz sicherlich sicher nicht.

Österreich, alle Neune
Der Wahnsinn bildet Cluster. (Paulus Hochgatterer, Die Süße des Lebens, S. 252)

Schlussklauseln
Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise, vor allem aber einen schönen Sommer. Jetzt aber voll positiven Elans ins neue Arbeitsjahr! Was es uns wohl bringen mag?

Was mich betrifft: Vorschau

Was mich betroffen hat: Rückblick

Was Sie besonders betreffen sollte: muetters muellerin, das Album. Ganz neu.

Herbstlich herzlich grüßt
Österreich, im/am/ums Eck
Bertl Mütter



chinesenlos , 0:00

In Mariazell, so musste er feststellen, sperrt die Küche um 20.00 zu, ungerührt und gnadenlos, der Chinese am Hauptplatz (Essen bis 23.45; jetzt: Admiral Sportwetten) fehlte, definitiv. Eben kam er von einem durch nichts anderes als gastronomische Unterwerfung gnädigerweise gewährten dreihäsigen, nach allen Regeln der Kunst schlechtestmöglich zubereiteten Abendessen, eine Versetzung zurück in die Siebzigerjahre (Hauptsache viel; grauslich ist wurscht), jedoch leider mit dem über Jahre eressenen gastronomischen Bewusstsein.
Ihm graute vor seinen dräuenden Träumen, zu recht.



Reptil Mittwoch, 20. 9. 2006, 0:00

Mittags (zum Wandern war das Wetter zu unsicher) pilgerte (wieauchsonst konnte man die fußläufige Annäherung an Mariazell bezeichnen) er ganz in die Nähe der mitteleuropäischen Gnadenmutter, Hotel-Restaurant (vorm. Großgasthof) Goldenes Kreuz, frische Steinpilze à la crème mit Semmelknödel, herrlich (möglicherweise: göttlich).
Die Seniorchefin, eine sehr schlanke, äußerst distinguierte Dame hohen Alters, erschien von nirgendwo am verlassenen Nebentisch, um das bereits von Bröseln gereinigte Tischtuch glattzustreichen, eine rituelle Handlung. Ihre gelbgrauen Haare waren streng nach hinten gekämmt und dort zu einem Knoten zusammengefasst, dazu trug sie ein ausgesucht nobles Armband auf pergamentener Haut. Alles in allem sehr elegant, hätte sie eine Urgroßrolle in Reich und Schön spielen können. Was seine Vorstellung bestärkte, war die beunruhigende Beobachtung, dass zur Unterstützung (oder Ermöglichung?) des Dastischtuchglattstreifens ihre Zunge großechsengleich zwischen ihren Lippen horizontal hin und her pendelte ob sie Witterung aufnähme.
Im anderen Eck des kleinen Speisesalons sitzend, duckte er sich in die Wandverkleidung und wagte erst wieder zu atmen, als sie, ebenso unvermittelt wie sie aufgetaucht war, verschwunden war.
Er rieb sich die Augen, zahlte rasch und ging. Was es wohl morgen geben würde. Oder gegeben hätte.



affirmativ Dienstag, 19. 9. 2006, 0:00

Die nächsten Tage wollte er in der schönen Bergwelt um Mariazell wandern und hatte sich in einem Haus Franziskus, einer caritativen Pilgerherberge, einquartiert. Die Gänge und freundlichen Zimmer des etwas gedrungenen Hauses waren, einem evangelisch-freikirchlichen Buchladen ähnlich, mit bunten Postern tapeziert, einschlägig-erbauliche Worte inklusive, eine einzige begehbare Fotobibel, Fingerzeig auf das erzbischöflich-geförderte und also recht moderne Intelligent Design: Alpenblumen, Wasserfälle, ein großer roter australischer Stein im Dämmerlicht, der unvermeidliche Raketenstart, die toskanische Ideallandschaft mit Zypressen zum Friedhof hin, und, zurück wieder in der Heimat, ein Schmetterling im Tau.
Gut, er war in einem gläubigen Haus, in dem Gläubige verkehrten. Warum aber musste man die mit derlei Propagandamaterial penetrieren? Wozu diese permanente Selbstvergewisserung? Er stellte sich massive Glaubenszweifel vor, die Poster als eine Art Panikreaktion. Wie ja eine Liebe, die ständig gegenseitig beschwört (beschworen?) werden muss, keine allzu stabile Prognose zulasse, stellte er sich vor.



luftschwer Montag, 18. 9. 2006, 0:00

Was für eine unruhige Nacht!
Man war eingeladen gewesen (ein quadratischer Geburtstag im kleinen Kreis), und aß, abendlich angemessen, leichtes Essen, was dazu verführte, ein weiteres Stück zu inhalieren, Mahlzeit.
Nun aber wälzte er sich in flachstem Schlaf von einer Seite auf die andere, und gegen Morgen hatte er endlich das Bild gefunden, das ihm erlaubte, doch etwas tiefer abzutauchen: Diese merkwürdig widersprüchliche Fülle, die zugleich den Eindruck von Leere in seinem Magen erzeugte; ein ehrlich angepampfter Spaghettibauch, entsprechend physisch und metaphysisch abzuarbeiten, da wüsste man wenigstens, woran man wäre. Aber diese volle Leere, das war nichts Gescheites, wirklich wahr.
Ob es daran lag, dass auch der langjährige Chefredakteur eines ziegelschweren bunten Wochenmagazins (der erst seit kurzem einem anderen zu Format verhelfen sollte), dessen spezifisches Gewicht fast schon sprichwörtlich eher dem eines Windeis entsprach, unter den durchaus wirklich sehr netten Gästen gewesen war?



Klausur Sonntag, 17. 9. 2006, 0:00

Eine wahlwerbende Splittergruppe schwört sich auf ihre letzte Zeit ausgerechnet am Irrsee ein. Einfach ehrlich, diese Partei, wirklich wahr.
Weitere Flachgewässer zum besinnlichen Rückzug wären noch der Altausseer-See und, zur Erholung danach, der Mattsee.



Lieber Thomas Glavinic, Samstag, 16. 9. 2006, 0:00

es tut mir leid, aber ich habe es nicht weiter geschafft als bis Seite 188, dann habe ich, entgegen meinen sonstigen Prinzipien, kursorisch vorgeblättert, bis zum Schluss und Aus. Ihr Buch Die Arbeit der Nacht ist ein Lauf im Hamsterradl, voller ausgelutschter, reichlich vorhersehbarer Allgemeinplätze.
Den Kameramörder (atemlos!) und Wie man leben soll und selbst den jetzt von Ihnen selbstdistanzierend geschmähten Herrn Susi habe ich auf recht unterschiedliche Weise genossen und schätze darum Ihre Vielseitigkeit, sodass ich auch auf Carl Haffners Liebe zum Unentschieden gespannt bin, nicht zuletzt erprobt-zuverlässiger Fürsprecher wegen. (Ich kann es nicht fassen, wie Daniel Kehlmann mit seiner Empfehlung diesmal derart daneben hauen hat können.)
Die Arbeit der Nacht aber beleidigt die Intelligenz lesender Menschen (ganz abgesehen von seiner sprachlichen Dürftigkeit und diesem mangelhaften Lektorat). Ein Plot mit einer Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte-Verrückung aus dem über Nacht geschehenen Märchenhaft-Irrealen (im Gegensatz zur Wand aber leider ganzundgar poesielos) mit einer in seinen angeblich realistischen Konsequenzen derartig undurchdachten Wischiwaschi-Beliebigkeit ist nichts anderes als ein katastrophaler verlegerischer Irrläufer. Wenn es schon (das nur als Beispiel), wie sich bald herausstellt, nirgends mehr Menschen gibt, kein TV, Radio oder Internet, warum bitte gibt es dann Strom, Benzin, Wasser? Wohl nur, weil die Geschichte (ist es überhaupt eine?) damit von vorne herein zusammengebrochen wäre.
Was mich noch verärgert hat, waren die recht durchschaubaren Interviews mit diesen eintrainierten Sätzen, die über einen sich mental etwas angekränkelt gebenden Autor für das Buch interessieren sollten.
All das (die Kampagne, mehr noch: Das Buch) wäre besser ausgeblieben.
Wie gesagt, ich hoffe, dass Carl Haffner Ihren ramponierten Ruf wieder herstellen wird. Darauf aber will ich mich freuen (um positiv zu schließen).
Mit freundlichen Grüßen,

Bertl Mütter



aha /2 Freitag, 15. 9. 2006, 0:00

Das Geschirrreinigungsmittel (er verstand unter Geschirrspülen stets das Abspülen des Geschirrs nach der tatsächlichen Reinigung mit den fettlösend-schäumenden bunt-duftenden Säften, wozu man kein Mittel, sondern ausschließlich frisches Leitungswasser brauchte – wer wollte auch Rotwein mit konzentriertem Winterapfelbeigeschmack oder Tirolerknödel mit Aloeverabalsam?), das Geschirrreinigungsmittel also (danke, Rechtschreibung!) hatte auf der Rückseite einen Verweis auf einen gewissen Soda-Effekt.
Elektrisiert von diesem schönen Wort stellte er sich augenblicklich das zufriedene Sich-Strecken nach Abschluss des finalen Abspülvorgangs vor, ein Wieder-Haltung-Annehmen, das durchaus als typische Bewegung, die ausreichend auf die Ausübung eines Berufs (Tellerwäscher) hinweisen könnte, sodass der den Soda-Effekt darstellende (sicherlich sympathische) junge Mann einen idealen Kandidaten für Robert Lembkes Was bin ich? abgegeben hätte, stellte er sich weiter vor.
Zudem musste dieser Soda-Effekt ein, wenn auch entfernter, Verwandter jenes im Titel dieses zweiteiligen Eintrags im MütterLog insinuierten sein.

(Aha.)



aha /1 Donnerstag, 14. 9. 2006, 0:00

Wer lange genug der Zeit hinterher ist, ist ihr irgendwann voraus, dachte er zyklisch, als er im Altweibersommer ein Geschirrreinigungsmittel der Winter-Edition mit dem Duft von Winterapfel (konzentriert) aus dem Schrank unter der Abwasch hervorholte, einigermaßen erstaunt und, ja, belustigt las er auf der Rückseite den zur Erwerbzeit möglicherweise kaufreizenden Satz Das Dufterlebnis beim Spülen für ein sinnliches Wintervergnügen.
Lange würde es nicht mehr dauern bis zu jener zimtenen Zeit, stellte er sich durchaus unzufrieden den unentrinnbaren Licht- und Wärmeverlust bei gleichzeitigem Feuchtigkeitszuwachs vor. Damit hätte er sich jetzt wirklich nicht beschäftigen wollen, wirklich wahr.
Was ihn an dem beinah magentafarbenen Spülmittel aber besonders faszinierte, war ein werbeeffektiv geschwungen platzierter Zusatzbegriff, den es wert schien, näher zu erwägen.



verweichlicht Mittwoch, 13. 9. 2006, 0:00

ORFON, ich steh so auf dich, du bist ein vollwertiger Ersatz für die Krone und Österreich! Und vordergründig stimmt jeder lebensbejahende Österreicher (und sicher erst recht die Österreicherin) diesem überschriftlichen Anliegen ohne lange überlegen zu müssen zu: Greenpeace, sagen sie uns, sei gegen Weichmacher in Sexspielzeug.
Der Haken an der Sache: Die wollen alternative Weichmacher einführen, keine abtörnenden Phthalate oder so also. Was jetzt sie genau damit meinen, das verraten sie uns nicht, und augenblicklich stelle ich mir etliche Möglichkeiten des Weichmachens vor. (Ich trau mich aber nicht, das hier näher auszuführen.)



inadäquak /3 – Nachtrag: meine Zykanbitte Dienstag, 12. 9. 2006, 0:00

Lasst Lebendige Zykans Werk aufführen, so wichtig und faszinierend seine konservierte Stimme uns nachklingen mag.



inadäquak /2 Montag, 11. 9. 2006, 0:00

Ottos Begräbnis (ich habe davon berichtet), es war so wohltuend; sehr persönlich und mutig auch Irenes Rede, noch vorher, im Haus: Ein Lieber stirbt und darf tot sein; natürlich groß die Trauer, gepaart mit der Dankbarkeit, einen Platz in seiner Nähe gehabt zu haben. Aber klar und unsentimental, wie es ihm entspricht.
Ich will hoffen, dass ihre Worte (wohl zum Abschluss) dieses ausgestellten Gedenkens zurück zu jenem Niveau geführt hat, dass seiner würdig gewesen wäre. Ich musste mich von der Masse der großteils ihre Zykannähe aufs unerträglichste zurschaustellenden sämmertlichen Eigenwäscher entfernen.
Der Regen beim Radeln (meine recht persönliche Referenz an Otto) hat gut getan.



inadäquak /1 Sonntag, 10. 9. 2006, 0:00

Wenn es einen Menschen gegeben hat (gibt es noch weitere?), der allem sentimentalisch-professoralen Gefühlsgedusel gegenüber völlig immun war, dazu durchunddurch uneitel, neugierig und einem von Anfang an Persönlichkeit zugestehend, dann war das Otto M. Zykan.
Was bitte soll dann eine durch zumindest zweieinhalb inferiore Ausgrabredner derartig aus dem Ruder geratene (ansich gutgemeinte und sinnvolle) Memorialveranstaltung wie unlängst Am Himmel. Schon die beiden Begrüßungssalbader kamen nicht umhin, völlig unangebrachter Weise den Ortsnamen mit pseudreligiösen Assoziationen zu usurpieren: Wir sind hier Am Himmel, da sind wir ihm nahe, weil er ist jetzt im Himmel.

Chachacha (um russisch zu dassichnichtlachen).



Konfektende Samstag, 9. 9. 2006, 0:00

Jetzt hat es BRAVO geschafft, respaktabel-jugendliche fünfzig Jahre alt zu werden, man war froh gestimmt, erinnerte sich an Zumeinerzeit, Dr. Sommer, mehr noch Dr. Korff (der mit den zwei eff; bei ihm gab es öfters ganzseitige Mädchen), und wie man alles erfahren hatte. Dann aber, kaum zwei Wochen darauf kommt die Meldung, dass die Praline eingestellt wird.
Wie soll denn da noch ordentlich beim Friseur pubertiert werden, stelle ich mir vor und sorge mich um unsere heranwachsende Jugend.



rituell /4 Freitag, 8. 9. 2006, 0:00

Ob sie in den Regalen der IKEA-Märkte in Schweden lauter, sagen wir: deutschsprachige Bücher (denen sie dadurch zweifellos zu Bestsellerehren verhülfen) stehen haben? Bei uns jedenfalls wird kaum ein Buch gestohlen, bin ich mir sicher.



rituell /3 Donnerstag, 7. 9. 2006, 0:00

Weiter.
Schnellschnell durch die SB-Zone, Pfannen, Teller, Gläser, Kerzen, Bürozeug, Zimmerpflanzen wollen aufgeladen werden, lauter Sachen, die du schon lange ohne es zu wissen gesucht hast. Ein paar Artikel kriegst du nur an der Auslieferung, dafür gibt es die – ein Zugeständnis an das Gastland, stelle ich mir vor – Würschtlzone nach den Kassen, diesen Preis könnte kein Standler halten, also hinein mit dem Kombiangebot, ein Paar Frankfurter mit beliebig oft nachfüllbarem Softdrink (welchen man daher, korrekter, als Sooftdrink bezeichnen sollte; das geht aber nicht, weil sie auch nur einmalig zu befüllendes Softeis anbieten, stelle ich mir vor) und Senf und Ketchup bis zum Abwinken (wer’s mag).
Da dir immer noch Zeit bleibt, kannst du im Schwedenshop die Familenpackung, 1.000g köttbullar (zum Selberzusammenbauen, inkl. Preiselbeermarmelade) und natürlich die Mega-Schwedenbomben kaufen, dazu ein paar typische Nordmeerprodukte (vor allem eingelegte Heringe, etwa in Senfsauce).
Und beim nächsten Mal das ganze Programm von vorne, da werden alle Lebensmittel nachgekauft, die du nach dem letzten Besuch unmittelbar nach dem Heimkommen und Verstauen augenblicklich vergessen hast und die also (bis auf das runde Knäckebrot) längst verdorben sind.

(morgen: eine Frage beschäftigt mich schon noch)



rituell /2 Mittwoch, 6. 9. 2006, 0:00

Einkaufen bei IKEA bedeutet Essendürfenmüssen (wozu sonst ginge man in dieses Erlebnismöbelhaus?). Idealerweise absolvierst du zuerst die Möbelausstellung, fühlst dich dabei wie die Kugel in diesem hölzernen Geschicklichkeitsspiel mit dem labyrinthhaften Parcours (wie heißt das noch schnell?), wo du durch rechts-links bzw. vorne-hinten Drehen die Position der Spielebene so änderst, dass sie an den bedrohlichen Löchern vorbeirollt. Wenn das uff geschafft ist, wartet die kugelförmige Belohnung; diese ist aus faschiertem Rentierfleisch und nennt sich köttbullar.

köttbullar, am Blechköttbullar, am Teller

Die wichtigsten (und bindendsten) Einkaufserlebnisse sind eben kulinarischer Art.



rituell /1 Dienstag, 5. 9. 2006, 0:00

1977 hat Österreich das unmögliche Möbellhaus aus Schweden beschert, mit dem lustigen Elch als Wappentier, den wegzubekommen sie sich dann einigermaßen schwer getan haben und, sammasieahlich, dieser Inbusschlüssel, der das verdammt-fröhliche Selbstzusammenbauenmüssen wesentlich trefflicher symbolisierte (sollte man meinen), hat es letztlich nicht geschafft, einen festen Platz in unseren Herzen zu erobern, bei weitem nicht. Mittlerweile aber wohnt kaum mehr ein Haushalt noch, alles in Österreich (und nicht nur dort) lebt schon.
Sicher ist jedenfalls, dass mit IKEA eine neue Kultur von Einkaufserlebnisritualen in unser Leben gekommen war.

(mehr dazu morgen)



Selbstversuch Montag, 4. 9. 2006, 0:00

An jenem Sommernachmittag (die Hitze war bereits gebrochen), als er mit dem Fahrrad durch den Regen (was heißt Regen? – selbst Qualitätszeitungen würden diesem Wasserwetter ohne Zögern und völlig zurecht das publizistische Killeradjektiv sintflutartig beigeben) von der Innenstadt in seinen Außenbezirk heimgefahren war (es waschelte derart, dass die Kapazität der Kanaldeckel bei weitem überschritten, besser gesagt: übergossen war, was zur Folge hatte, dass er nicht nur bergauf, sondern, vor allem, gegen den – knöchelhohen – Strom pritschelnd antreten musste), hatte er diesen völlig unnötigen Selbstversuch unternommen, auf den er, brutalst überrumpelt (ein passendes Wort, bei diesem den über die Maßen lang anhaltenden Wolkenbruch begleitenden Donnerdonnern) dankegerne verzichtet hätte, und zuhause, sich der Kleider entledigt habend, stellte er fest, dass bei aller Qualität unserer heutigen Kleidung einzig und allein seine Haut das Prüfsiegel wasserdicht verdiente. Die lebensrettende heiße Dusche konnte diesen Augenschein noch einmal eindrucksvoll untermauern.
An diesen überflüssigen Erkenntnisgewinn musste er jedesmal denken, wenn er auf seine wasserdichte Armbanduhr blickte, deren Glas beim Hinaustreten auf die Straße augenblicklich milchig beschlug, Wochen noch, und das nach Ablauf jedweder Garantie.



paululum /8 Sonntag, 3. 9. 2006, 0:00

Umgewälzt auf größere Dimensionen könnte man behaupten, dass dieses paululum der österreichische Namen schlechthin sein müsste, stellte er sich, nicht nur was den Fußball und die Politik betraf, vor.
Dieser Gedanke machte ihn alles andere als froh.

Und jetzt hinein ins Arbeitsjahr, es gibt viel zu tun!

Warten wirs ab.



paululum /7 Samstag, 2. 9. 2006, 0:00

paululum, so viel sei noch nachzutragen, ist mehr als eine Anspielung auf den Vornamen des Weltverkosters P., es scheint ihm also gewissermaßen in den Namen hineingeschrieben, dieses gustierende Lebensmotto, denn es bedeutet im Lateinischen soviel wie: ein bisschen, ein wenig, eine Kleinigkeit.



paululum /6 Freitag, 1. 9. 2006, 0:00

Im Fortschreiten seines Studiums war der Kontakt zu P., dem Müßigen, weniger geworden, er musste sich fern halten von so viel Trägheit, und er tat gut daran. Schließlich war die Verbindung ganz abgerissen.
Unlängst, als er sich für eine gute Woche in seiner Studienstadt aufhielt, traf er ihn dann wieder, nachdem er ziemlich umständlich nach ihm recherchiert, ja, fast gefahndet hatte. Er fand ihn unverändert, und das ist das vernichtendste, was man an einen Menschen, den man mehr als zehn Jahre nicht gesehen hatte, bemerken kann, bzw., schlimmer noch, muss: P. brachte sich mit leichten Gelegenheitsjobs durch, nichts Fixes jedenfalls, sicher ist sicher.
Er merkte, wie gleich wieder der alte Unwillen in ihm hochstieg, fragte ihn, wie jemand, der so viel gelesen habe, nicht damit etwas machen wolle, anwenden eben, zitierte ihm einen seiner Lieblingssätze vom Bau der chinesischen Mauer, der so gut auf P. passte, wie er fand, Es gibt vielleicht kein kaisertreueres Volk als das unsrige im Süden, aber die Treue kommt dem Kaiser nicht zugute, und achselzuckend wurde dem beigepflichtet: Jo mei.
P., so stellte er sich und ihm vor, müsse doch ein perfekter Buchhändler oder Bibliothekar sein. (Er konnte nämlich wirklich gut über Bücher reden, sodass die Leselust in einem aufkam.) Nein, sagte P., es würde ihn zu sehr seiner Freiheit berauben, außerdem müsse er dann lesen, und er wolle lesen können, auch wenn es sich wahrscheinlich um die gleichen Bücher handle.
Er resignierte. Und doch, sonderbar, eine Portion Respekt nötigte ihm P.s sich der Welt verweigernde Haltung schon auch ab.
P., dieser säkulare Einsiedler des Geistes.



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