Maus aus Freitag, 30. 6. 2006, 0:00

Als er gedankenverloren seine Funkmaus auf den Rücken legte, fiel ihm auf, dass sie in dieser Lage hilflos war wie ein Käfer, ihre vielen, im Vergleich zu ihrem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihr hilflos vor dem einen roten Auge.

Das ist aber keine Mäusegeschichte, dachte er sich und aus.

(Wann müssten die beiden kleinen Batterien – AAA LR03, 1,5 V – denn wieder einmal gewechselt werden? Schon erstaunlich, wie lange die hielten; ihre Leistung, wurde die in gefahrenen Mousepadkilometern, mpkm, gemessen und also angegeben? Beim nächsten Mauskauf würde er den mit dieser Fachfrage ganz sicher überforderten Verkaufsberater in einer dieser Elektronikkettenfilialien damit ganz sicher auf die Nerven gehen, nahm er sich vor, stellte er sich vor.)



Feuchte Gedanken Donnerstag, 29. 6. 2006, 0:00

Bei Duschen fiel ihm auf einmal auf, dass ihm meist beim Duschen die besten Einfälle kamen, förmlich herabgeregnet wurden sie von der Brause, er musste sich neben der stets gründlichen Körperpflegeroutine zu höchster Konzentration anhalten, das bedeutete, nicht eingeduschgelt aus dem Bad und zum Schreibtisch zu hopsen und dabei den Boden sehr partiell sehr feucht aufzuwischen, sondern das Neue zu bewahren, bis er gerüstet war für sein Tageswerk.

Seine Gedanken kreisten darum, wie es sich vermeiden ließ, dass die einherbrausenden Einfälle nicht wieder durch den Abfluss (nördlich des Äquators: rechtsdrehend – oder linksdrehend? – das gehörte auch einmal wieder untersucht! – und direkt am Äquator?) verschwänden. Einfach zuzustoppeln reichte nämlich nicht, das hatte er schon längst herausgefunden, es wäre auch zu einfach gedacht. – Oder gleich in der Dusche alles aufschreiben? Immerhin, wasserresistente Stifte gab es ja; das wasserfeste Papier schien da das Problem. – Beim Betreten der Nasszelle ein Aufnahmegerät einschalten und laut denken? Auch bei dieser Variante schien einzig sicher, dass die Aufnahme (allen modernen Rauschunterdrückungsystemen zum Spott) nur so daherplätschern würde, und das würde seinen Einfällen nicht gerecht, weshalb er auch diese Variante abschreiben musste.

Wie er so alle Möglichkeiten des Merkens von Duschgedanken nach und nach abwägte (interessant: beim geruhsamen Wannenbaden herrschte – gewissermaßen – Funkstille), war ihm auf einmal entfallen, was ihm eben eingefallen war.

Aber morgen in der Früh wollte er besser aufpassen. Morgen, immerhin.



weltzugewandt, 90-jährig (Korrektur) Mittwoch, 28. 6. 2006, 0:00

Recherchieren heißt, sich der stets trügerisch drohenden Erinnerung gewahr zu sein. Erinnern wir uns einer gymnasiastischen Maxime: Keine Mathematikschularbeit ohne Gegenprobe! Oder, um ein zum Thema passendes oft zitiertes russisches Bomotscherl zu bemühen: Er lügt wie ein Augenzeuge.

Meine Beschämung gilt der Automarke, die ich David Koblick, wie sich herausstellen musste, angedichtet habe. Würde auch ein Citroën von Stil her perfekt zu meinem so lebendigen 90-jährigen Freund passen, habe ich in meiner Vorstellung Davids erfrischend trockenen Pragmatismus außer acht gelassen. Monika, die ihn (er lebt in Steyr) oft trifft, stellt richtig und schreibt mir: Einen Toyota (Yaris) hat sich der David gekauft, wegen der Pannenstatistik!

So einer fährt nämlich gut und gern 100.000 km, ohne dass er irgendwelche Schbompanadln (oder gar Mandln) macht.



Das Dilemma der Kritik Dienstag, 27. 6. 2006, 0:00

Vor dem Konzert (powered by Raiffeisen), Sparkassenplatz. Die sonntägliche Steiermark in Erwartung Faustens vermittelst Schumann, gedeutet von Harnoncourt.
Die Dame neben mir mit diesen dünnen Zigaretten, die sie beim letzten Dutyfreeeinkauf in Slowenien gekauft hat und die sie sich für elegante Anlässe aufgehoben hat. Sonst nenne ich diese Rauchwaren ja Tussitschick, und sie gehören zu Gören wie Paris Hilton, ich denke auch an Starlets wie die sehr jugendliche zweite Frau des reichen, des Big Lebowski, die, obzwar keinerlei Einkommen benötigend, in einer sehr einträglichen Branche recht aktiv ist.
Trotz der eleganten Zigaretten: Nonchalance kann man nicht zollfrei einkaufen, genaugenommen nicht einmal erlernen. Und natürlich geht es mir wie den alternden Juroren bei der Missaustriawahl in Kitzbühel; die sind auch nicht annähernd so fesch und knackig und na hallo! wie die zu begutachtenden jungen Damen, ja, es würde nicht einmal fürs Liconamodellstehen reichen, sammasieahlich, bei weitem nicht, alles Deixe, alle Dudes.
Das ist, in jeder Disziplin, das Wesen und das Dilemma jeglicher Kritik.



Mutterkuchen Montag, 26. 6. 2006, 0:00

Diesmal hatte sich der Strudel, den er schon als Bub nicht gemocht hatte (den er wenigstens nicht so oft und nicht so immergleich gemocht hätte), gut eineinhalb Monate in lebensmittelechten Polyproplyenbeuteln eingeschweißt im Kühlschrank gehalten, bevor endlich die grünen Altersflecken auf seiner Oberfläche anzeigten, dass er ohne schlechtes Gewissen den braunen Biomüllcontainern überantwortet werden durfte.
Seine Freunde, die die Kuchen ihrer Mütter genausowenig begehrten, rissen sich jedesmal um die Stücke, eifrig schwelgten sie entweder von der Mohn- oder Nussvariante und lobten seine germteigbedingte Mürbe.
Aber auch sie bekamen bei ihren Elternbesuchen mit viel Liebe hergestellte Süßwaren. Ein im Freundeskreis zu organisierendes Verteilsystem für mütterliche Backwaren müsste man einrichten, dass sie dort hinkämen, wo sie ungeheuchelt begehrt und verzehrt wurden, schwebte ihm vor.



weltzugewandt, 90-jährig Sonntag, 25. 6. 2006, 0:00

Der beim Heurigen war, wie gesagt, ein 38er.

Unwillkürlich fällt mir David Koblick ein. Der ist ein 16er und wartet nicht. Sondern er lebt. Gerade unlängst hat er sich ein neues Auto (einen Citroën) gekauft. Und wenn du hinter ihm herfährst, glaubst du nicht, dass das ein Mensch im Ruhestand ist, vor dir auf der Straße.

Aber David ist ja auch nicht im Ruhestand: Eben habe ich ihm die Texte meiner neuen CD zum Übersetzen gebracht. Er macht das am besten, schon ein Zeitl.



weltabgewandt, heurig Samstag, 24. 6. 2006, 0:00

Bei unserem kleinen Heurigen, noch etwas später.
Ich moch jo nix mehr. Wos soli no mochn.
Seine Frau ist ihm gestorben, nach acht Tagen im Spital, acht Jahre ist das her, kein Monat nach seiner Pensionierung ist sie ihm gestorben, so eine Gemeinheit. Seither macht er nichts mehr, wozu denn und was denn schon auch. Ein 38er ist er, aber so wie er ausschaut und beisammen ist, wirkt er wesentlich älter. Wenn man nur mehr aufs Sterben wartet, kann sich das auch ganz schön ziehen.
Immerhin, beim Heurigen lässt sich das Lebenmüssen besser ertragen und – herauslallen.



Mitteilungen Freitag, 23. 6. 2006, 0:00

(noch zu gestern)

Diese Art des Sichgegenseitigerzählens von allen Bekanntem erinnert mich an die Schulzeit, Unterstufe, wo wir uns das Schicksal Winnetous oder das von Raimund Harmstorf als Michail Strogoff, den Kurier des Zaren erzählt haben, atemlos den Mund offen vor lauter Spannung.
Und jeder hatte alles gesehen, auch die Blendung.



Wetter, heurig Donnerstag, 22. 6. 2006, 0:00

Bei unserem kleinen Heurigen, etwas später.
An der Schank stehen (?) die, denen ordentlich eingeschenkt wurde. Übers Wetter geht es, worüber auch sonst. Allen Diskutanten (nun, nennen wir sie so) ist klar, dass sie ihr tagesaktuell ablaufendes Wissen aus exakt den gleichen meteorologischen Informationsquellen beziehen (Wien heute bzw. Zeit im Bild). Trotzdem informieren sie einander, teilen sich gegenseitig mit, dass es am Donnerstag ganz sicher ein Wetter geben wird.
Und was für eines.



SommerSonnwendMütter 2006 Mittwoch, 21. 6. 2006, 12:00

Liebe MBA,

so. Sommer. Die Kühlschrankkälte zu Pfingsten scheint vergessen. (Nicht von mir.) Jedenfalls endlich den Luftbefeuchter (mittlerweile ein Luftwäscher) gegen die Windmaschine ausgetauscht, Papiersturm im Musiksalon.
Ein schräger Blick in meine Compositörwerkstat. © Victoria Coeln

Viel, so viel zu tun, deshalb nur ein kurzer Brief.

(OK, ich werde inkonsequent und gönne mir, wieder Verben verwenden zu dürfen. Soviel Zeit ist dann doch noch.)

Was soll ich bei dera Hitz sagen, als einen schönen Sommer zu wünschen, vielleicht sehen wir uns daoderdort, schauen Sie sich doch auf meiner Homepage um, nächste Woche bin ich in Graz, ganz viel, bei der styriarte lassen sie mich dreimal ganz allein spielen, es wird mein Großer Grazer Triathlon, Mütters Müllerin (Schwimmen), Schubert:Winterreise:Mütter (Radlfahren) und, als Uraufführung, Mütters Dichters Liebe (Laufen), für den ich ebenjetztgleich wieder trainieren muss.

Die ersten Endorphine stellen sich ein, darf ich noch berichten.

Herzlich willkommen,

Bertl Mütter mit Sonnenmasern © Victoria Coeln

Bertl Mütter

Drei Postscripta:

1. Die heutzutage so unerhört und unverzichtbar wichtige sog. Medienpräsenz:
Heute, 21.6.2006, in der Nacht, im Radio Ö1, 23.05, und im Fernsehen ORF 1 am Dienstag, 27.6.2006 in Treffpunkt Kultur, und ein paar Radiotermine kommen noch, aber was soll das eigentlich, steht ja eh auf der Homepage, FASSE DICH KURZ! ist in den Telefonzellen früher gestanden.

2. muetters muellerin
muetters muellerin © Dorothea Wimmer
Die CD selbst ist bereits fertig daheim, schön schaut sie aus; das Album (es wird, wenn ich mir das recht überlege, eine Art Buch, und ich warte noch auf einen Text, auf den es sich zu warten lohnt) kommt bald, wirklich wahr.

3. Spielen!
Wirklich nur mehr Restplätze gibt es für meinen Sommerkurs im Rahmen des Musikforum Viktring, vom 16. bis 22. Juli 2006 am schönen Wörthersee.



    Warte nur, balde , 0:00

    Katz-und-Maus-Spiel zwischen Bär und Mensch.
    Danke, ORFON, so fängt der Sommer gut an. Da ja ab heute die Nächte wieder länger werden, wird sich die Sache mit dem Zottelvieh, das sich damit vergnügt, Tiroler Kühe zu Tode zu erschrecken, winterschlafbedingt bald schon von selbst lösen. Und die richtige Temperatur für die finnischen Hunderln hat es dann auch, kein Problem mehr mit dem Bär.



    Ein Tipp aus der Praxis Dienstag, 20. 6. 2006, 0:00

    Sauber und frisch auf die Bühne gehen heißt es. Also rechtzeitig vor dem Auftritt zur Toilette, Hände waschen, Zähne putzen.
    Mein Tipp aus der Praxis, speziell in warmen Zeiten wie diesen: Rechtzeitig meint nicht zu früh noch meint es zu spät. Zu früh kann bedeuten, dass du noch einmal ganz knapp vorher wischerln musst, das steigert deinen Stress und fällt außerdem zusammen mit zu spät, das bedeutet wiederum, dass deine sommerlich helle Kleidung in Waschbeckenhöhe dunkle Flecken aufweisen wird, natürlich vom Händewaschen, was müssen die Becken und ihre Wasserhähne auch immer so pritschelig eingerichtet sein, bis das trocknet, da kannst du aufpassen was du willst.



    Wein, vollmundig Montag, 19. 6. 2006, 0:00

    Da er den phantastischen Rotwein vor dem Schlafengehen nicht durch Zähneputzen beleidigen wollte, wachte er mit einem, wie es im Werbefunk seiner Kindheit geheißen hatte, Muro auf, der sich gewaschen hatte. Zur Beruhigung seines Mundhygienegewissens putzte er sich die Zähne zweimal hintereinander, einmal vor, einmal nach dem Duschen, hahh!, hielt er sich zufrieden die Hand vor den Luftstrom seiner Exhalation. Ganz sicher aber war er sich doch nicht, ob es sinnvoll war, ob es genügte.



    krah krah Sonntag, 18. 6. 2006, 0:00

    Diese eine verdammte Krähe im Hinterhof jeden Morgen und natürlich ganz besonders am Sonntag in der Früh. Ihre wie ein akustisches Gerippe knarrende Präsenz machte, dass nur mehr ein paar Spatzen verkümmert tschilpten, und Erinnerungen an die virtuos erfrischenden Kaskaden der, wie man sie in seiner Stadt nannte, Aumschl drohten ihm bald gänzlich abhanden zu kommen. Als Saisonvögel würden die schwarzen Wintergeister völlig genügen; im Sommer jedenfalls hatten sie hier überhaupt nichts zu verlieren, kannte er kein Pardon, aber was nützte es auch.



    Balkon Samstag, 17. 6. 2006, 0:00

    Am Bahnsteig die üppige junge Dame im rotweißgestreiften vorne zusammengebundenen Oberteil, den Oberkörper im Sitzen leicht über die Neue Kronenzeitung vorgebeugt.
    Fehlen nur noch die Geranien, muss ich mir vorstellen.



    feiertagsfrei Freitag, 16. 6. 2006, 0:00

    Endlich feiertagsfrei, bis 15. August, dachte er zufrieden, als er am Abend des Fronleichnamstags ins Bett ging. Einmal noch, übermorgen in der Früh, samstags von der Müllabfuhr herausgeläutet werden. Die Klingel war, das nebenbei, ausschließlich in diesem Raum gut zu hören; wenn er Paketlieferungen erwartete, hatte er sich angewöhnt, tagsüber deswegen im Schlafzimmer zu verweilen.



    gewartet Donnerstag, 15. 6. 2006, 0:00

    Jetzt, wo es wärmer war, Öllieferautos ihre Schläuche in die Kelleröffnungen von mit für die Großstadt nicht mehr ganz zeitgemäßen Heizungssystemen ausgestatteten Zinshäusern aus den Siebzigerjahren steckten, warben auch die Gaswasserheizungsinstallateure damit, dass jetzt, wo es wärmer war, die beste Zeit für die Wartung der so praktikablen Gaskombithermen sei, und man gewährte für die frequenzschwache Zeit verlockende Nachlässe von bis zu fünfzig Prozent (nebst einigem Kleingedruckten). Da er diese unumgänglichen Arbeiten entgegen allen Branchenempfehlungen knapp vor der sogenannten Heizsaison (was für ein Euphemismus, dachte er) erledigen hatte lassen, konnte er auch heuer nicht von den attraktiven Rabatten profitieren. Nun, was die Wartung von Heizungsgeräten betraf, so hatte er da seinen ganz privaten Verdacht, und er bestätigte sich tagtäglich in seinem Badezimmer: Bei jeder Wartung (alles ok, bitte hier unterschreiben) wurden irgendwelche kleinen, natürlich ungefährlichen, jedenfalls aber dem Installationslaien Sorgen machende Schäden erzeugt oder, besser gesagt, vorbereitet. So tropfte es bei einem kupfernen Röhrchen seit etwa eineinhalb Monaten nach dem letzten Wartungsbesuch beständig auf den Boden, nicht viel, einmal drüberwischen, kein Problem, es ist ja verfliest.
    Möglicherweise war das ein dezenter Hinweis seines Installateurs (mit dem er, um da keine falschen Vermutungen aufkommen zu lassen, hochzufrieden war), doch seinen Wartungsrhythmus um ein halbes Jahr zu verschieben. Da er aber auf die Frage, ob Gaskombithermen auch so etwas wie einen (jahreszeitlichen) jetlag ausbilden können, keine ausreichende Antwort wusste, konnte er sich, sicherheitshalber, nicht dazu entschließen, sich auf solche Unwägbarkeiten einzulassen.



    Verdichtung Mittwoch, 14. 6. 2006, 0:00

    Sonntagvormittag am Flughafen, Ankunftsareal, die Abholenden.
    Wie sich bei der Begrüßung der Erwarteten Lieben in den allerersten Worten und Gesten die komplette Summe der genau in diesem Augenblick vergangenen Reise konzentriert mitteilt. Dann ist alles klar.



    überfüllt Dienstag, 13. 6. 2006, 0:00

    Handys in der U-Bahn. Die Anwesenheit der Abwesenden.

    (morgen: am Flughafen)



    Odeur Montag, 12. 6. 2006, 0:00

    Auf dem Heimweg kam er tagtäglich über den Platz, an dem sich verschiedene Straßenbahnlinien mit einer U-Bahn kreuzten, und überquerte ihn unter diesem weißen Planendach, das ihn entfernt an das Münchner Olympiastadion von 1972 erinnerte.
    Olympiastadion München, 1972
    Wiewohl es, vornehmlich in der kalten Jahreszeit, zugig war, herrschte in diesem Schutz suggerierenden Raum der Geruch des Orients. Mit einem Mal kam es ihm in den Sinn, dass Kebab und Dürüm (welches er favorisierte) nicht viel anders wie ein frisch geöffneter Beutel kitekat rochen. Beim Gedanken, das auch einmal zu probieren, beutelte es ihn unwillkürlich.

    kitekat
    (Abb: Ein Beutel kitekat, ungarisch)

    Aber ein (einen?) Dürüm, hin und wieder: Ja, bitte, Mahlzeit, und allein schon wegen der zwei Ü.



    gewissenhaft Sonntag, 11. 6. 2006, 0:00

    Jetzt, wo es doch wieder wärmer wurde, kamen endlich diese richtig fetten Fleischfliegen beim Fenster herein. Umweltbewusst wie er war, hatte er sich schon vor Jahren bei einem Spezialversand einen Fliegenpracker aus natürlich gegerbtem Leder bestellt und konnte seither, eins mit der Natur, die lästigen Brummsummer zergatschen, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen bekommen zu müssen.



    Warteschleifenlyrik Samstag, 10. 6. 2006, 0:00

    Flugzeuge im Bauch
    Im Blut Kerosin
    Kein Sturm hält sie auf
    Unsre Air Berlin

    Obacht! In der Telefonunendlichkeit dieser weitum beliebten Airline scheinen die Aeroplane freiwillig mit 99 Luftballons kollidieren zu wollen.



    WM was sonst Freitag, 9. 6. 2006, 0:00

    (Besondere Umstände verlangen angepasstes Verhalten und zeitweiliges Außerkraftsetzen gängiger Standards; im profil hab ich’s gelesen – und meine eigenen Schlüsse gezogen.)

    Eine Studie der deutschen DEKA-Bank hat zweifelsfrei herausgefunden, dass sich das Bildungsniveau und der Fußballerfolg eines Landes indirekt proportional zu einander verhalten. In einem streng wissenschaftlichen Verfahren ist man zu dem Ergebnis gekommen, dass sechs Studenten mehr pro tausend Einwohner direkt dazu führen, dass das Fußballteam dieses Landes (so es sich qualifizieren konnte – was weitere Schlüsse nach sich ziehen dürfte) bereits in der Vorrunde dreimal eine auf den Deckel bekommt und aus.

    Österreich, Du mit Schifahrern gesegnetes Land, stelle ich mir weitere Proportionalitäten vor.

    Häuslgoal
    Sog. Häuslgoal; aufgefunden in Maissau, auf der Heimreise vom Begräbnis des bekennenden Fußball- und Formel-1-Fans Otto M. Zykan. (Das Ergebnis der heute hier beginnenden Pausen-WM wäre interessant.)



    unten oben Donnerstag, 8. 6. 2006, 0:00

    Das Begräbnis von Otto M. Zykan, eine eigenwillige Feier und zu hundert Prozent in seinem Sinn. Keiner der bei solchen Anlässen scheinbar unentbehrlichen Jenseitsverweiser wurde gesichtet und konnte Ansprüche auf ihn erheben.

    Wohltuend, dass einmal jemand stirbt und tot sein darf.

    Und doch: Da man den Friedhof verließ bevor der Sarg in die Grube gelassen wurde, gibt es keine namhaften Zeugen seiner Grablegung. Sollte sich daraus der Nukleus einer neuen Religion ergeben, die Zykanisten, so trete ich ihr hiermit bei. Und habe mir ein niedrige Mitgliedsnummer gesichert, bin also vom Start weg fein heraußen, hehe.

    Oder, um mit Otto zu schließen:

    wir sind immer oben
    und wenn wir einmal unten sind
    ist unten oben

    Genau so ist es!



    Organ Mittwoch, 7. 6. 2006, 0:00

    Chor und Orchester hatten den Boden der Arena schon kräftig aufgestampft. Bedächtig und selbstgewiss erhob sie sich und packte ihren luxuriösen Mezzo aus. Gerade dieses bisschen zu tief, das sie sang, verbreitete im Saal genau jene Aura kollektiver Beglückung, als würde einem mit einer langen Feder schräg unter die Rippen gestrichen.
    Erhebend.



    genetisch (offener Brief) Dienstag, 6. 6. 2006, 0:00

    Sehr geehrte Frau Tenner,

    im Ö1-Klassik-Treffpunkt am 3. Juni 2006 hat Ihre Gästin Timna Brauer recht anschaulich von ihrer beglückenden Arbeit mit Kindern erzählt.
    Im Verlauf des Gesprächs darüber wurde mir augenblicklich schlecht, als Sie plötzlich mehrfach eine vorgegebene Disposition insinuierten, in dem Sinn, dass Kinder jene Musik, in deren Umgebung sie aufwachsen, deswegen so leicht erlernen können, weil sie in ihnen genetisch grundgelegt sei. So Ihre Behauptung.
    Unmittelbar vorher aber hatte Timna Brauer von der faszinierenden (und Vorurteilen entgegenlaufenden) Erfahrung erzählt, wie in ihren Konzerten jüngere Kinder (bis zu einem Alter von etwa sechs, sieben Jahren) eine Ihrer kulturellen Herkunft fremde Musik (und sogar Tanzbewegungen) sofort zu adaptieren in der Lage sind. Diese Unvoreingenommenheit verliere sich mit dem vertieften Hineinwachsen in jene Umwelt, in welche die Kinder (und damit wir alle) nun einmal hineingeboren sind.
    Damit hatte Timna Brauer die empirische – und vernunftgemäße – Widerlegung einer genetischen Disposition zu spezifischen künstlerischen Leistungen (bzw., das ist immer die Folge, allgemeinmenschlichen Ausdrucksweisen) gebracht.
    Sie aber bestanden weiterhin auf dem Begriff genetisch. Mit Timna Brauer aber hatten Sie eine Völker verbindende Brückenbauerin, ja, eine wichtige Heilerin, zu Gast; umso größer ist mein Entsetzen. So harmlos das in diesem Zusammenhang gemeint sein mag, können Behauptungen dieser Art einem obskuren Rassismus (dessen ich Sie nicht bezichtigen will) hilfreiche (Pseudo-)Argumente liefern. Und von da ist es nicht weit zur Wissenschaftlichkeit einer rassischen Physiognomie.

    Ich extemporiere common sense (der in Wirklichkeit auf hanebüchenen, völlig überkommenen, sentimentalischen und klischeehaft-romantisierenden Vorstellungen beruht), und er ist leider immer noch allzu weit verbreitet: Der Zigeuner, der seine Musik im Blut hat, der Negerjazz und so weiter; sind ja niedliche Völkchen, solange sie für uns aufspielen, die wir die wahre Hochkultur mit dem Löffel, nein, mit den Genen gefressen haben; und solange sie nicht an die Tore unserer Wohlstandswelt klopfen…

    Wie wäre das in ihrem Wirkungsbereich als Chefin des RSO, wenn für Konzertprogramme mit ausgeprägtem Wienbezug (sagen wir Schubert, die Strauß-Dynastie oder auch Mahler und Berg – um die wienerischsten bzw. altösterreichischsten zu nennen) die Musiker zumindest an den entscheidenden Pulten einen genetischen Nachweis zu erbringen hätten, dass sie kraft ihrer Herkunft zur traditionskonformen Interpretation dieser Musik befähigt sind, weil sie diese - unsere - Musik, im Blut haben?

    Darf ich Sie also bitten, mir Ihr Verständnis das Adjektivs genetisch zu erläutern.

    Oder kann es sein, dass Sie den zutreffenden Begriff soziokulturell gemeint haben?

    Ich wäre erleichtert.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Bertl Mütter



    zuwiterzln Montag, 5. 6. 2006, 0:00

    Ein letztes noch zum Konzert von Stump-Linshalm, die, ich wiederhole mich (was soll ich anderes?) so phantastisch musizieren, Können mit Herz vereinen, in einem Wort also höchst musikalisch – äh – musizieren. Und das bei nicht gerade leichter Kost – die dann aber so erklingt, als wäre das Zeug, das unsereins für sie schreibt, das einfachste von der Welt; ich habe den Verdacht, dass das wohl auch so ist.
    Beim Hören also habe ich mir gedacht, diese Stücke sind so fein nuanciert, wir schweben mit den Interferenzen, ein Flirren ist in den Bleikammern des Musikvereins, faszinierend, wirklich wahr.
    Ich stelle mir vor, dass es Zeit wird, dass ich ihnen ein neues Stückl schreibe; eines mit Terzen und Sexten (sog. Mariazellerterz). Aber schon ein heutiges, um das klar zu stellen.
    (Der Name und damit das Programm des noch zu schreibenden Werks sei bereits in der Überschrift festgelegt.)



    Unterwelt Sonntag, 4. 6. 2006, 0:00

    Das blecherne Zimmer (euphemistisch als Metallener Saal bezeichnet), in den man das Duo Stump-Linshalm, dieses phantastische Musikerpaar abgeschoben hat, ist das Neue-Musik-Alibi des Musikvereins, das für alles eher geeignet ist als für kammermusikalische Klänge: jeder Ton fällt direkt aus dem Instrument auf den Boden, so furztrocken ist die Akustik (Akustik? Welche Akustik?).
    Die genoppten schwarzen Hartgummifliesen erinnern an den Belgrader Flughafen, dazu diese blecherne Wabenwandverkleidung, wie in einer U-Boot-Kantine, abscheulich.
    Weil: Heutige Musik bedeutet Ärger, stubenrein sind die nicht, Pack, also lieblos einen Boden hineingeknallt, den man schnell abspritzen und aufwischen kann. Unwillkürlich suche ich nach dem Gully in diesem dark room.
    Ein Konzert hier findet unter hermetischem Ausschluss von jeglicher Außen- bzw. Oberwelt statt, und das ist ja auch schon was, stelle ich mir vor. Immerhin, hingefunden habe ich ja.



    U-Musik Samstag, 3. 6. 2006, 0:00

    Um Acht erst geht es in den Metallenen Saal (über den ich mich morgen gesondert auslassen werde, einmal noch darüber schlafen, dann fällt das vernichtende Urteil milder aus), mein kompositorisches Musikvereinsdebut steht an. Im Unterschied zum alten Beethoven im Goldenen Saal kann ich drei Vorzüge für mich verbuchen: Erstens gibt es direkte Kommunikation zwischen den Ausführenden und ihrem Aushecker, weil beide Seiten noch leben; das ist der zweite Vorzug, aus dem unmittelbar der dritte folgt: Ich kann mir das Ganze anhören. Und, hors catégorie, ich kann außerdem meinen Mütter-Namen am Monitor auch noch lesen. Wenn also wer O Freunde, nicht diese Töne ausrufen dürfte, dann einzigundallein ich. Will ich aber nicht, denn Petra und Heinz-Peter spielen, ich kann gar nicht sagen wie fein und sensibel und perfekt und mit Herzblut auch noch. (Ideal wäre beleidigend, weil untertreibend.)
    Warum sie der hochmögende Musikverein aber in den Metallenen Saal abschiebt, will mir nicht in den Sinn. Wie gesagt, ich werde ihn morgen so richtig auseinandernehmen, vielleicht nützt das ja was.
    Ein Trost (Trost? Wozu?) zum Abschluss: Gold ist ja auch nur ein Metall. Und: In den Katakomben tönt es heute grundliegender. Untergrund, eben.



    Fersengeld Freitag, 2. 6. 2006, 0:00

    Wien, äußerste Innere Stadt, halb Acht.

    Von allen Seiten wird auf das Musikvereinsgebäude zugehastet, es gilt die 9. Symphonie von Herrn van Beethoven zu ersprinten, Männer (auch gesetzteren Alters) im Anzug laufen in eleganten Schuhen mit harten Lederabsätzen, Damen galoppieren im Kostüm daher, tripp trapp, tripp trapp, was tut man nicht alles für die Kunst.
    Dieses Schauspiel wiederholt sich täglich. Und wenn mich mein Eindruck nicht täuscht, ist der Laufstil der Musikvereinszuspätkommer gänzlich verschieden von jenem derer, die eilig ins Konzerthaus müssen.
    Noch aber ist hier und heute Zeit: der Chor hat seine auf den Karlsplatz heraus klingenden Einsingvokalisen noch nicht beendet, mmmmmimimimimimimimimiiiii.
    Also schön pomali, Gnä Frau. Und mein Konzert beginnt ja auch erst um Acht.

    (Mehr darüber morgen.)



    zeitlos Donnerstag, 1. 6. 2006, 0:00

    Ich bitte Sie, die Qualität der Wortmeldungen von J.H.* zu entschuldigen, das lag nicht in unserem Bereich - (Pause) - äh – die technische Qualität…

    Danke, Hubert Arnim-Ellissen, für diese Absage im Ö1-Mittagsjournal am 31. Mai 2006.

    *) Auf ein Ausschreiben der Initialen der Person mit den Wortmeldungen minderer Qualität wurde verzichtet: Das ergibt wenigstens einen Google-Eintrag weniger. Immerhin; und ich stelle mir weitere fehlende virtuelle Aufspürerlebnisse vor, die sich zum Schneebrett, zur Lawine auswachsen mögen, und dieses Bild gönne ich mir angefühls des für die Jahreszeit viel zu kalten meteorologischen Sommerbeginns. Sommerbeginn, dass ich nicht lache, cha cha (um sibirisch zu schließen).



    Powered by WordPress kostenloser Counter