Hut ab /2 Sonntag, 31. 7. 2005, 0:00

Das Teppichstück, ein Sitzdackerl, wie man es zum Popoanwärmen und zur Gewährung eines Mindestsitzkomforts auf billigen Holzstühlen verwendet, in Österreich meist ein Stück isoflor-Teppich mit schaumartig gummierter Unterseite, corpus delicti, an dem das ungleiche Turnier ausgetragen worden war, verschwand übrigens auf Pfiff am Dach einer der damals noch zahlreichen Münztelefonkabinen. Und die agents provocaters zerstreuten sich, als verschwänden sie durch die Ritzen der Kanaldeckel, um nach dem nicht anders als rituell zu bezeichenden Defilée der Polizei wieder die perfekt sitzenden Rollen einzunehmen: Spielleiter – Tölpel – Könner – Ratgeber (der Wichtigste: schau, das kannst du doch auch…).
Wie gesagt, sie ließen dich gnadenlos chancenlos und waren dabei balkanisch-charmant.



Hut ab /1 Samstag, 30. 7. 2005, 0:00

Jetzt wollen die doch tatsächlich das beliebte Hütchenspiel verbieten, meiner Vermutung nach das älteste Spiel der Welt; bekannt ist es zumindest aus einer Folge von Wickie und die starken Männer, ich glaube zudem mich zu erinnern, dass es auch in einem Asterix-Heft vorkommt.

Persönlich (sozusagen am eigenen Leib) kennen gelernt habe ich es vor etwa einem Jahrzehnt am Kurfürstendamm in Berlin. Mein Weg vom Literaturhaus in der Fasanenstraße zum Hotel betrug keine zweihundert Meter, es gelang mir aber mit eben jenem als Hütchenspiel bezeichneten Verfahren, binnen höchstens fünf Minuten die für damals doch recht beachtliche Gage von 1.000 DM fremd zu investieren: Vorerst in Hunderterschritten, dann, um das Tempo des Zurückgewinnens zu steigern, bei verdoppeltem Vadium.

Das beliebte Hütchenspiel
Das beliebte Hütchenspiel

Seit jenem Abend bin ich vom Glücksspiel und seiner charmanten Unterform, wo du erst hernach merkst, dass du eben gegen fünf Leute gespielt hast, nicht nur gegen den, der mit viel Geschick seine drei Becher oder Zündholzschachteln samt Holzperle vor dir, wie du denn auch anerkennend einräumen musst, durchaus illusorisch hin und her geschoben hat und du also chancenlos warst, geheilt. Aber eine charmante Situation war es schon, und einmal muss jeder seine Deppensteuer bezahlen. Mindestens.



zugute /3 Freitag, 29. 7. 2005, 0:00

Kafka aber war eine Krähe, ein Singvogel, dem manch einer schon das menschliche Sprechen beigebracht hat.

Von Adlern wird ähnliches nicht berichtet.



zugute /2 Donnerstag, 28. 7. 2005, 0:00

Dazu fällt mir der schöne Satz von Franz Kafka in Beim Bau der chinesischen Mauer ein: Es gibt vielleicht kein kaisertreueres Volk als das unsrige im Süden, aber die Treue kommt dem Kaiser nicht zugute.



zugute /1 Mittwoch, 27. 7. 2005, 0:00

Die TT, Tiroler Tageszeitung, wirbt mit einem Adler, dazu die Botschaft Der Adler sieht mehr.
So ein Blödsinn.
Es mag stimmen, dass ein Adler mehr sieht. Was nützt aber diese natürliche Sinnesüberlegenheit uns oder, wie insinuiert, einer Tageszeitung?



Limit Dienstag, 26. 7. 2005, 0:00

Gibt es eine Höchstgeschwindigkeit für Windräder?



Jubel Montag, 25. 7. 2005, 0:00

In der Deutschen Demokratischen Republik nannte man diese kleinen Fähnchen, die an die spalierstehenden Kinder zum Jubeln auf Zeichen verteilt wurden, pragmatisch-praktisch Winkelement.



Chuzpe /4 Sonntag, 24. 7. 2005, 0:00

Dass sich Regierungen mit ihren Leistungen in gutes (hier: rotes) Licht stellen, ist herkömmliche Praxis im demokratischen Spiel (wie auch das Anprangern derselben Taten als Belastung, Ungeheuerlichkeit, Schweinerei, … durch die Opposition).
Eine neue Qualität hat aber unsere gegenwärtige Regierung eingeführt, nämlich, dass uns per persönlichem Appell dekretiert wird, worüber wir zu jubeln haben. Im Fall der Jubelmeldungen durch die Egobombe KHG erscheint mir die damit verbundene Chuzpe eine besonders dreiste.



Chuzpe /3 Samstag, 23. 7. 2005, 0:00

Gehst du durch die obere Kärntnerstraße, ist da eine zu jeder Tages- und Nachtzeit gut leserliche, rotpunktige, längliche Laufschrifttafel. Von ihr werden wir laufend instruiert, über welche Leistungen wir uns zu freuen haben, Ihr Karl-Heinz Grasser.



Chuzpe /2 Freitag, 22. 7. 2005, 0:00

Auf der Kehrseite jener genau genommen vierseitigen Bierdeckelmünze (will uns diese Form dezent daran erinnern, dass wir gefälligst jeden Schilling, pardo, Euro, mehrmals umzudrehen haben? – Danke.) läßt sich unser so fesche und milliardärinnenattraktive Finanzminister persönlich zitieren, mit Anführungszeichen unten und Anführungszeichen oben, ein echtes Zitat, als wäre der Satz dem Opus eines Philosophen entnommen: Trinkgeld ist jetzt mehr wert! Endlich rechnet sich die wohlverdiente Belohnung für guten und freundlichen Service hundertprozentig. Karl-Heinz Grasser



Chuzpe /1 Donnerstag, 21. 7. 2005, 0:00

Trinkgeld geben lohnt sich! Jetzt steuerfrei!, steht auf einer Informationsbroschüre des Bundesministerium für Finanzen, die recht sinnig in Form eines runden Bierdeckels gestaltet wurde, mit einem stilisierten Bimetall-Aufdruck, der uns Kinder der Sparefrohzeit an den guten neuen Euro erinnern soll.
sparefroh
sog. Sparefroh



unausweichliche Momente Mittwoch, 20. 7. 2005, 0:00

Du bist recht lange vor dem Einchecken am Flughafen angekommen, es gab keinen geeigneten späteren Zug. Unausweichlich nähert sich der Moment, wenn sich, nach und nach und auf einmal doch recht plötzlich, aus der internationalen Menschenmenge diese zum Warten ungeeigneten weil unfähigen, griesgrämigen Österreicher herausschälen, Seitenblickedoubles und -originale und ihre hausmeisterlich schmerbäuchig onduiliert beinahenaturgebräunten weiblichen und männlichen Interpretationen, alles Deixe.
Und doch, es kommt unausweichlich und nahezu zeitgleich der Moment, an dem du merkst, verdammt, was die anderen für dich darstellen, bist du, anteilig zwar, aber doch, für die anderen. Das ist so ein Augenblick, an dem du den Moment ausgelöscht wissen willst, der uns das Lied I am from Austria angetan hat.



möven Dienstag, 19. 7. 2005, 0:00

In Rennes, wie gesagt, kreisen lachend Möven um die Türme und über deinem Kopf. Es gibt Vögel, deren Lautgebung größere Sympathie hervorruft, und was wurden sie nicht schon besungen und gelobt dafür, wie sie die ganze wunderbare Schöpfung permanent lobpreisen etc., danke vielmals.
Bei all der Vielfalt als schön empfundener Vogelklänge fällt auf, dass der Mensch (zumindest der deutschsprachige) gerade einmal einem Federtier ein eigenes Lautverb verliehen hat, und das ist der Todesvogel, die Krähe. Warum gibt es nicht die Worte amseln, finken, spatzen, elstern, fichtenkreuzschnabeln, uhuhen, nicht zu vergessen nachtigallen, oder, exotischer, papageien, straußen (wie klingt ein Strauß?), emuhen? Selbst der beliebte amselähnliche Beo macht beo. Und der Hahn auf dem Mist, was muss er jeden Morgen artfremd von sich geben? – Er kräht! (Gut, wenigstens sein Hennenharem darf gackern, aber das ist ja wohl eher ein Hinweis auf den Dreck, den die von Witwe Bolte, noch mehr aber von Max und Moritz so geschätzten Viecher machen.)
Wir helfen uns mit einfallslosen und in keiner Weise den Lautwert abbildenden Hilfsbegriffen wie singen (welcher Vogel macht, bitte, lalalalalalala, mimimimimimimi oder selbst tirilirili?).

Oder, wie es der Hl. Ernst, nach Aufzählung einer Reihe tierspezifisch-onomatopoetischer Klänge (blöken, brüllen, brummen, meckern, miauen, quaken, schnurren, summen,…), sagt:

vögögögögögögögögel
zwitschern

Danke.



lachhaft Montag, 18. 7. 2005, 0:00

la vache qui rit
Senner in Rennes, das wäre was, stelle ich mir vor, wie ich am Tag unseres Konzerts durch die bretonische Metropole gehe. Statt la vache qui rit, jener fröhlichen, roten Kuh vom Steckerlkas mit ihren noch aus der Vor-BSE-Zeit stammenden Flinserln, gibt es aber hier, unweit des Atlantiks, nur jede Menge wie hämisch lachender mouettes rieuses: Wie will man die aber hüten, die über unseren Köpfen zeternd hinwegsegeln?



praktisch gefangen Sonntag, 17. 7. 2005, 0:00

Robert, mein genialer Posaunenbauer, hat mir diese Geschichte erzählt von der Frau vom Bürgermeister in M., von der man beim besten Willen nicht behaupten könne, dass sie der Geschicktesten eine sei, wie sie eines Tages die Wäsche aufgehängt hat, so wie man das seit den Siebzigern bei den Neubauten immer macht, auf ihrer praktischen Wäschespinne. Das heißt, sie hat es versucht, dabei aber so unglücklich mit der Leine, den Klubben und der Wäsche hantiert, schließlich hat es sie hingeschmissen auch noch, sie hat sich verheddert und war gefangen im Spinnennetz, sodass, nach einiger Zeit, Hilfskräfte sie befreien, ja, herausschneiden mussten. Gottseidank noch rechtzeitig bevor der wohl riesenhafte Achtbeiner dahergekommen ist, stelle ich mir vor.
Wäschespinne (sehr praktisch)
Wäschespinne (sehr praktisch)



Einladung Samstag, 16. 7. 2005, 0:00

Angebot
(ohne Worte)

Ein einladendes Angebot, gefunden in Leipzig am 3. Juli 2005. Da Sonntag war, konnte ich nicht in das Geschäft, das seinen Eingang nicht in der Straße des Schaufensters hat, eintreten.
(Vielleicht ist das aber auch besser so.)



Pistazien Freitag, 15. 7. 2005, 0:00

Nikolaikirche
Leipzig, Nikolaikirche.

Amarena-Pistazieneis-Stuck, sehr sommerlich.

Passt.



passiert /2 Donnerstag, 14. 7. 2005, 0:00

(türauf)
Luigi (sehr fesch: mittelgroß, jugendlich schlank, naturgebräunt mit nur leichter Carotinnote im Teint, dunkles, kurzes, gelglänzendes Haar, dunkel gekleidet, das T-Shirt glänzt anthrazitfarben), in fränkischer Sprache (hier in deutscher Umschrift wiedergegeben):
Immer, wenn ich fort fahre, passiert was, das gibts doch nicht!
(türzu)
(Er geht einen kleinen Kreis im Gegenuhrzeigersinn)
(türauf)
Jetzt hat eh dieses zwanzigjährige Mädl einen dreijährigen Buben von mir
(türzu)
(türauf)
Weißt du, die war wirklich ganz lieb, es war eh schön mit der, wirklich, aber dass sie da gleich beim ersten Mal
(türzu)
(türauf)
und jetzt, zu Pfingsten, ich weiß auch nicht, dass das immer mir passieren muss, fahr’ ich wieder fort, ist da auf dieser Party diese Tanja, eh ein ganz liebes Madl
(türzu)
(türauf)
hat sie mir gesagt, dass sie fünf Wochen schon wartet, und noch immer hat sie keine
(türzu)
(türauf)
hätte ich vielleicht letzten Samstag lieber nicht mit der Karoline
(türzu)

Wir treffen in Kürze in Würzburg ein.

(türauf)



passiert /1 Mittwoch, 13. 7. 2005, 0:00

Immer noch der selbe ICE, das System hat für uns die Plätze 11 und 13 reserviert, wir sitzen gleich hinter der Auf-Zu-Glastür am Anfang des Waggons, mit dem Rücken zum Publikum, d.h. gegen die Fahrtrichtung.
Etliche sich selbst wohl erzogen habende Menschen verlassen zum Verrichten ihrer telefonischen Notdurft den Großraumwagen und gehen türauftürzu im Übergangsbereich zwischen den Waggons (einer Art Schlauch) mehr oder weniger deutlich artikulierend auf und ab. Kommen sie auf ihren peripatetischen Umläufen in die Nähe des Lichtschrankens, schlägt automatisch der praktische Mechanismus an, und wir können, bis sich die beiden Glastüren wieder vereinigen, aufschlussreiche und bewegende Momente aus den Biographien der fernmündlich Kommunizierenden erfahren.
Morgen erfahren Sie, was Luigi immer wieder passiert.



Regensburg Dienstag, 12. 7. 2005, 0:00

Wir treffen in Kürze in Regensburg ein. Diese Durchsage kann als glaubwürdig bezeichnet werden, ein Blick aus dem Fenster zeigt im Hintergrund die Ausläufer des Bayerischen Waldes, allerdings nur rechts und links, in der Mitte nämlich gehen dunkelblaugraue Regenwolken direkt vom Himmel auf die Erde über. Wenn mich mein topographisches Gedächtnis nicht täuscht, befindet sich hinter ihnen (oder mittendrin) das Örtchen Donaustauf mit der deutschen Ruhmeshalle, dem auf Erden versetzten Götterhimmel Walhalla verborgen.
Es dunnert. Passt.



Jahrgang, ff Montag, 11. 7. 2005, 0:00

Endlich 1. Juli. Zeugnistag im Osten Österreichs.
Ist ein Jahrgang zu Ende, folgt automatisch der darauf folgende Jahrgang, finde ich dazu passend in der Speisekarte des è express-Zugrestaurants.



sauber, weiter! Sonntag, 10. 7. 2005, 0:00

Da wir uns nun die Hände gewaschen und vom französischen Heißlufttrockner beinahe rissig fönen haben lassen, können wir uns entspannt (aah) wieder saubereren Betrachtungen zuwenden.



SommerMütter 2005 Samstag, 9. 7. 2005, 12:00

Liebe MBA,

zuerst einmal Tschuldigung, dass ich (Zutr. ankr.) mich so lange nicht gemeldet habe / Sie schon wieder belästige mit meinen Auslassungen.*)
Überraschung!
Dieser Tage waren wir in Rennes, im Restaurant Les Amandines, extra wegen uns und nur für uns haben sie nach zehn noch offen gehalten und uns sehr persönlich betreut, inkl. einem für mich sehr persönlichen, (international üblicherweise, so auch an jenem Abend in der Bretagne) in englischer Sprache gesungenen Ständchen (für das mancher gerne die Tantièmen kassieren wollen würde) mit dem perlmütternen, diatonischen Knopfakkordeon. Der Patron, siebzig wird er im Dezember, war früher Elektriker, Beleuchter und Florist, hobbyweise ist er bis vor fünf Jahren noch Fallschirm gesprungen, und immer noch fliegt er mit seinem Motorflieger, letzte Woche erst war er in Marokko. Und die Madame hat noch gerner geredet, jeder Wunsch wurde mit dem schönen Satz pas d’problème bzw., ausführlicher, il n’y a pas de problèmes, que de solutions, was so viel bedeutet wie es gibt keine Probleme, nur Lösungen erfüllt, da fällt mir ein, Tex Rubinowitz hat einmal einen Kopf gezeichnet und darunter geschrieben, Der Mann hatte so einen spitzen Mund, dass er nur Lösung sagen konnte, der Gedanke, es gäbe überhaupt Probleme war also in ihr recht tief verankert.

Ein Problem, das es, wie oben bewiesen, nicht wirklich geben kann, sollte (und wird!) auch einer, ja, Lösung zugeführt werden. Es haben sich noch nicht wirklich viele angemeldet, das darf man aber so nicht sagen, alsdann:

ACHTUNG! SCHNELL BUCHEN! NUR NOCH WENIGE RESTPLÄTZE!

Montag, 18. Juli – Samstag, 23. Juli 2005
Spielen!

Imagination, Invention, Improvisation, Komposition
Kreatives Musizieren mit Bertl Mütter
Ausführliche Informationen dazu gibts direkt beim Musikforum Viktring (trauen Sie sich ruhig, den ersten Laut wie bei Vogel auszusprechen, dieser Ortsname stellt ganz sicher keinen pluralen Imperativ, gerichtet an eine näher zu definierende Gruppe, dar), wenn Sie einen schönen Gruß von mir ausrichten, wird sicher trotz der kleinen Gruppengröße (besser eigentlich: großen Gruppenkleinheit) noch ein Platz für Sie zum vergnüglichen Mitspielen gefunden werden.

Mittendrin, am 21. Juli gibts das Solokonzert in der Stiftskirche, der Kursabschluss wird am Samstag im Arkadenhof hörbar gefeiert.
All meine aktuellen Termine finden Sie wie immer in meiner Terminvorschau, schöne Sachen kommen da daher, wirklich wahr.

Besonders ankündigen möchte ich jetzt schon meinen nächsten Soloabend, ppp – parlando. Posaunenplaudereien, im Wiener Radiokulturhaus am Freitag, 16. September um 20.00 Uhr. Serious fun, das gefällt mir. Eine Möglichkeit, was das Label Kabarett indirekt, unter dem ppp veranstaltet wird (ich lege besonderen Wert auf das zweite Wort in diesem Titel), gemeint sein könnte. Und weil gerade alle aus dem Urlaub daheim sind, werde ich von den familiären Fahrten an die Adria in den frühen Siebzigerjahren vorlesen. Und was mir halt sonst noch so unterkommt; siehe dazu auch dieses (täglich neue) MütterLog.

Jetzt wünsche ich einen schönen Sommer samt Urlaub, von dem am 16. September alle wieder gesund und zufrieden daheim sein mögen!

Herzlich,
Siesta!
Bertl Mütter

*) Im Sinne einer umfassenden Zielgruppenoptimierung meines Unperiodikums bitte ich alle, die unwillig meine Nachrichten erhalten und sich möglicherweise beim Öffnen ihres elektronischen Postfaches alle ein bis zwei Monate darüber ärgern müssen, mir ein kurzes, mit dem Betreff Dankebittenichtsmehrschicken versehenes, sogenanntes e-Mail zu schicken. Dies bewirkt eine völlig problemlose und jederzeit widerrufbare Streichung aus meinem anonymen Adressverzeichnis. Danke.



Drang /5 , 0:00

Den blinden Franzosen wird in den trains à grande vitesse (TGV) kein besonders haptisches Häuslaugenmerk geschenkt, muss ich noch schnell loswerden: Unbeworben betritt man die Klokabine mit ihrem beinahe apartem Sitz aus Granitimitat und findet dort fein geschnittenes, wiewohl im Griff doch auch recht herbes rosa Papier im Spenderschlitz unter dem Handwaschbecken.



Drang /4 Freitag, 8. 7. 2005, 0:00

Das Papier, das die Deutsche Bahn ihren (an unangenehmen Problemen wie Harndrang schon oder auch nicht leidenden) Passagieren zur Verfügung stellt, ist fein genoppt, wie ich das auch von gewissen französischen Rotweinflaschen wie Châteauneuf-du-Pape kenne. Was will der offizielle Mobilitäts- und Logistikdienstleister der Fußball-Weltmeisterschaften 2006 seinen blinden Reisenden mitteilen? Deftige Häuslwitze?



Drang /3 Donnerstag, 7. 7. 2005, 0:00

Auf der Innenseite der Intercityexpresshäusltür nämlich, wenn wir, erleichert, einmal aufgeatmet haben, wirbt Granufink® (Prosta - für den Mann / Femina - für den weiblichen Beckenboden) als Naturrezept für eine starke Blase. Ganz wie dem väterlich abmahnenden Gendarmen, pardon, Polizisten (Fahrn’S halt vorsichtig, und s’nächste Mal denken’S vorher dran!) mit einem demütig-reuen In Ordnung, Herr Inspekter, kummt sicher nimmer vor vorausschauende Besserung gelobt wird.



Drang /2 Mittwoch, 6. 7. 2005, 0:00

Ich will aber nicht mehr länger warten müssen, erleichtert darf ich nach einer Weile hallo zur eben der Toilette entsteigenden Dame sagen. Auch sie wurde soeben, wie ich gleich erfahren werde, über ein einschlägig wirksames Produkt, auch für die Frau, umfassend informiert.

Der 6. Juli, Fest der Hl. Sexburga, ist der Welttag des Kusses. Ob mir dieser Umstand vor vierzig Jahren mein auch zum Posaunenspielen ganz gut brauchbares Lippenpaar beschert hat?



Drang /1 (für Josef Haslinger) Dienstag, 5. 7. 2005, 0:00

Alles geht noch schneller im ICE, Inter City Express, nur manchmal muss man, wenn man muss, warten, liest dabei unwillkürlich am Gang vor dem Klo die hier zielgruppensicher platzierte Werbung, die einen mit der hämischen Frage Harndrang? ein die Lippen zusammenpressen machendes mm-mm abnötigt. Das Präparat, welches speziell uns Männern in einer solchen Stresssituation Abhilfe verspricht, nennt sich PROSTAGUTT® forte. Allerdings, so erfahre ich, muss ich noch warten, bis ich fünfzig bin, weil ab da erspart es jedem zweiten Mann unangenehme Probleme.
Dies ist der richtige Augenblick: Lieber Josef, bei dir ist es heute so weit! Mögen dir auf deinem Lebensweg nur noch angenehme Probleme begegnen! (Ich selbst habe ja noch zehn Jahre und einen Tag Zeit.)



Agoraphilie /2 Montag, 4. 7. 2005, 0:00

Es ergibt sich eine künstlerische Frage, vorweg vehement zu bejahen: Ist es möglich, bei größtmöglichem Raum-Lassen höchste Dichte zu erreichen? – Das ist nicht nur möglich, es ist sogar unbedingte Voraussetzung künstlerischer Arbeit (immer auch dieser enstatische Zustand in wildester Ekstase, Auge des Taifuns, mit bedacht – und nicht zu verwechseln mit dem rasenden Stillstand, der Panik des horror vacui).
Dichte zu Raum, das hat auch mit einem elektronenhaften Kreisen zu tun, wie die berühmte Erbse um den Eiffelturm (die hat’s nämlich in sich!).



Agoraphilie /1 Sonntag, 3. 7. 2005, 0:00

Freitag Mittag. Ferienbeginn im Osten, der Zug ist (u.a. mit einem aus unzähligen Fähnlein Fieselschweifs zu regelrechten Fieselkompanien zusammengepressten Pfadfinderlager) mindestens zweistöckig besetzt, trotzdem er nur auf einer Ebene angelegt ist, warum müssen wir auch ausgerechnet heute los, nein, Moment, es ist nicht anders gegangen, wir mussten kurzfristig umdisponieren und statt des bequemen Nachtzugs tagsüber fahren, mit einmal Umsteigenmüssen, damit es sich auch wirklich auszahlt. (Dass ich üblicherweise azyklisch reise, ist mein schwacher Trost)
Große Menschenverdichtungen sind mir unangenehm, suspekt; ich gehe ihnen, wo und wie ich nur kann, aus dem Weg. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum ich Musiker geworden bin, denn auf der Bühne (die nicht im Bierzelt steht) ist reichlich Platz, Philharmoniker, gar im klaustrophobischen Orchestergraben, das war nicht mein Weg, und auch von der Bigband habe ich mich, mit raren, wilkommenen Ausnahmen, abgeseilt.



Gendarmenende Samstag, 2. 7. 2005, 0:00

Mit 1. Juli wurde in Österreich die Gendarmerie abgeschafft und der Polizei zugeschlagen, keine gens d’armes mehr, alle sind auf einmal trés poli(e)s. Mir wäre es ja umgekehrt, Abschaffung der Polizei zugunsten einer gesamtstaatlichen Gendarmerie, lieber gewesen.
Schon allein wegen Louis de Funès.



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