Beilagen /1 Donnerstag, 30. 6. 2005, 0:00

In nicht wenigen österreichischen Gastronomiebetrieben werden tierische Produkte, die ihre Herkunft aufgrund ihrer äußeren Form nicht gleich preisgeben, traditionell in der Speisekartenrubrik Für unsere Vegetarier gelistet: Leberkäs mit Spiegelei, Schinkenrolle, Russisches Ei, Grammelknöderl, Hascheeknöderl, Augsburger mit gerösteten Erdäpfeln, faschierte Laberl mit Erdäpfelpürree… Und natürlich werden fleischliche Zutaten auch gerne ohne extrige Verlautbarung klassisch vegetarischen Gerichten wie Käsespätzle (viel frischer Speck), Krautsalat (reichlich Grammeln und Speckwürferl), Krautsuppe, Bauscharln, Bohnensuppe (Speck, Schinken, mmmh!) und vielem mehr untergemischt, man will eben, dass die Leute was G’scheits essen. Erinnern wir uns der Feststellung von Herrn Bösel (Indien, 1993), an sich ja nicht so ein Beilagenesser zu sein.
Ulrichsberg, bei mir, wie hier schon veröffentlicht, Neuburg an der Mühl genannt, trägt mit seinem Leitprodukt, dem (nona) Neuburger (sagen Sie niemals Leberkäse zu ihm) zur verdienstvollen Erweiterung (bzw. Vertiefung) dieser Produktpalette bei.
Es gibt nicht wenige Menschen, die sich nicht so um augenscheinlich als solches erkennbares Fleisch reißen, die, sammasieahlich, letztlich nicht wahrhaben wollen, dass für ihre Frankfurter ein Schweinderl ins Gras beißn hat müssen. Ich zum Beispiel würde mich als tendenziellen Wurstvegetarier bezeichnen. Obwohl, Schnitzl, Hendl oder ein mürbes Steak verschmähe ich schon auch nicht.



modern Mittwoch, 29. 6. 2005, 0:00

Hinweisschild auf der Mariahilferstraße:
—> Internetcafé. 1 Stunde nur € 3,-
Der Pfeil weist in die Webgasse. (Wohin auch sonst?)
Man braucht eben nur die Betonung zu ändern, und schon wird Wien modern.



Buchstabensuppe /3 Dienstag, 28. 6. 2005, 0:00

Wenn man die Überlegungen der beiden letzten Tage kombiniert, ergibt sich eine Schnittmengenantwort, die zu einer (leider zu spät eintreffenden) Lösung sowohl des Buchstabensuppenverschnittproblems als auch des Umlaut- und Sonderzeichenungerechtigkeitsphänomens führen würde: Nehmt doch bitte den Verschnitt und macht die vermissten Sonderzeichen daraus, Ä-Punkterl, Ë-Punkterl, Ï-Punkterl, Ö-Punkterl, Ü-Punkterl, Akzente, Cédilles, Zirconflexes, Hatscheks und was es sonst noch geben mag in unseren lateinischen Schriftsystemen!



Buchstabensuppe /2 Montag, 27. 6. 2005, 0:00

Als ungerecht musste ich immer empfinden, dass die Buchstabensuppenhersteller ausschließlich umlautlose und von sonstigen Sonderzeichen freie Produkte auf den Markt gebracht haben.



Buchstabensuppe /1 Sonntag, 26. 6. 2005, 0:00

Schnitzelsonntag. Gemeinsames Mittagessen in der Jugendherberge Ulrichsberg. Angeregt erörtert wird die Frage, was denn eigentlich mit dem Verschnitt geschieht, der zwangsweise bei der Herstellung der mit dem Anfang der Alphabetisierung bei jedem Kind unvergleichlich beliebten Buchstabensuppe anfällt.



Delphine Samstag, 25. 6. 2005, 0:00

Erdbeergemeinde Eferding. Ich stehe mit dem geborgten Auto vor einem unendlich zähen Kreisverkehr und betrachte unwillkürlich die Plakate, deretwegen das kreisrunde Verkehrsentschleunigungselement gebaut worden ist, das, wären wir in Niederösterreich, vom Landeshauptmann persönlich eröffnet worden wäre: Badeschlapfen erscheinen mir ein zu wenig gewichtiges Argument für ein Schuhgeschäft, Delphine als Werbeträger zu missbrauchen, noch dazu mitten im Freitagnachmittagsverkehrsgestank. Ob ich den WWF einschalten soll?



Mythen Freitag, 24. 6. 2005, 0:00

Die Zwölf Geschworenen haben gesprochen und die gipserne Person hinter ihren Spiegelbrillen, in ihrer Façon keine allzu raffinierte ästhetische Weiterentwicklung jener des unerreichbar lässigen Paradereichramingers Hagi

von der legendären Gardenschlauch Jazzband (weitere unentbehrliche Statusdefinitionsaccessoires Anfang der 80er: oranger Opel Kadett Kombi mit aufgeklebten, breiten schwarzen Zierleisten, anzustarten ausschließlich mit seinem nonchalant mit einem Fuchsschwanz – ich meine das Fell, nicht die Säge – versehenen Zündschlüssel, welchen er bei der Probe im Pfarrheim Münichholz an einem von allen gut einsehbaren Ort wie zufällig zu deponieren wusste, um abschließend zu fragen, ob irgendjemand seine Autoschlüssel gesehen habe), freigesprochen, auf Gerichtssaalamerikanisch heißt das: not guilty.
Knitternd hat der Kinderfreund, eine Art Peter Pan in Frühpension als Freier Mann das Gebäude verlassen dürfen, dabei seinen für ihn bis zuletzt betenden, nunmehr nichts weniger als aufgelösten Zufächlern mit dem Anflug eines dann doch recht müden Lächelns zugewunken, bevor er, free to go anywhere, ins Auszughäusl nach Nimmerland verschwunden ist.
In seiner virtuellen Heimat im Internet ist dieses not guilty nicht aufgeschienen; stattdessen prangte bereits Minuten nach der Urteilsverkündigung das heilige Adjektiv innocent.
innocent
Jean Veenenbos im Standard, 15.6.2005

Jesus, so wird man zum Mythos, auch wenn man in Wirklichkeit nichts lieber wäre als bad, ich meine really bad. Eine derart hohe Stufe aber bleibt wirklichen Größen vorbehalten, und triple bad kann nur jemand sein vom Kaliber eines Ali. Eben, The Greatest.



Krampf Donnerstag, 23. 6. 2005, 0:00

Vierzehnter Juni. Wir werden gegen halb Neun in Linz abgeholt und fahren nordwärts, an den Rand des Böhmerwalds nach Ulrichsberg. Aus dem Saurüssel heraus kommen wir mitten in einen Wolkenbruch (in letzter Zeit sagen sie dazu im Radio Starkregen; man meint offenbar, den Defekt, den eine Fraktur nun einmal darstellt, mittlerweile, wie es so schön heißt, im Griff zu haben), es ist stellenweise stockfinster, wesentlich dunkler, als es in einer gewöhnlichen Dämmerung wäre. Und vor uns, wo sich das weite Land ausbreitet, die ganze Stunde sekundenlange Blitze, die das Gras am Straßenrand in taggleichen Farben leuchten lassen. Als hätte der Himmel Krampfadern: Trotzdem wir im Auto keinen Donner hören, fühle ich mit den Schenkeln des schmerzverzerrt schimpfenden Himmelvaters (oder ist es Rübezahl?).
Was mir noch auffällt ist, dass, immer, wenn unser Fahrer nach einer Gleitphase erneut aufs Gas steigt, zeitgleich ein besonders heller, langer und krampfiger Blitz den Horizont nieder fährt.
(Gegen Krampf in den Haxen aber ist Magnesiumbrause ein recht taugliches Mittel, heißt es.)



Lider Mittwoch, 22. 6. 2005, 0:00

Unterwegs. Ich muss mir den Tag über meinen Geist möglichst frei halten. Wenn du am Abend spielen willst, von Innen heraus, darfst du dich nicht unkontrolliert vollfüttern lassen. Wie man sich ja auch nicht in Erwartung eines feinen Essens vorher beim Würstlstand, oder, wenn man in Linz ist, beim Leberkaspepi (der im neuen Hauptbahnhof eine Zweigstelle eröffnet hat, habe ich zufrieden feststellen können, während ich auf die Abfahrt nach Ulrichsberg wartete; jenes U., das bei mir zu Ehren des bekannten und beliebten, bei Billa und Merkur wegen des gesunden Stolzes des Produzenten seit einiger Zeit nicht mehr erhältlichen Neuburgers – sagen Sie nie Leberkäse zu ihm - Neuburg an der Mühl heißt) die Wampe vollschlägt.
Wo ich hinschaue, kann ich mir aussuchen, und ohne Fernseher lebt sichs vorzüglich. Beim mehr oder (eher) weniger freiwilligen Hörenmüssen verhält es sich da anders. Weghören ist ja, seien wir ehrlich, eine besonders intensive Art des Mitwissertums. Denken Sie bitte nicht an: Leberkäs mit Senfgurken. Drei, zwei, eins – jetzt!
Ich werde mir so Ohrenlider anmessen lassen. Sauteuer, aber es wirkt, versichert Erika.



Holde Dienstag, 21. 6. 2005, 0:00

Die freundliche Dame mit karamellfarbenem Teint, die mir im Bordrestaurant den Tee serviert, heißt, so erfahre ich auf dem Rechnungsbon, Radia Idir. Ein seltsam symmetrischer Name. Welches Anagramm sich dahinter wohl verbergen mag? (Den Vornamen einer berühmten äthiopischen Prinzessin/Sklavin habe ich schon aufgespürt.)



Luftschrauben /3 Montag, 20. 6. 2005, 0:00

Oder sind es Walfluken, wie sie gravitätisch unter einem Himmel mit Zeppelinen als Wolken in die unendlichen Tiefen des Ozeans abtauchen?



Luftschrauben /2 Sonntag, 19. 6. 2005, 0:00

Der Kasten, in dem sich der vom Rotor betriebene Generator des Windrades befindet, ist etwa so groß wie ein Reiseautobus. Wollte Don Quichote ihn überraschen, er müsste von Osten angreifen. Oder von der Seite, also vom Norden bzw. vom Süden.
Wie damals in Kastilien aber, das muss eingeräumt werden, hätte er allerdings auch hier nur Außenseiterchancen.



Luftschrauben /1 Samstag, 18. 6. 2005, 0:00

Bei Emmerich überquert der Zug die holländisch-deutsche Grenze. Außer den nun deutschen Straßenschildern, die u.a., direkt am Bahndamm, auf den hier 1885 geborenen Komponisten Eduard Künnecke, Schöpfer der silbernen Operette Der Vetter aus Dingsda, verweisen und dem Autokennzeichen (KLE) ändert sich für den Durchreisenden merkbar nichts, Herden sich im Wind drehender riesenhafter Mercedes-Sterne gibt es da wie dort. Allerdings, so bemerke ich am selben Tag noch, sind sie hier nicht annähernd so dicht gesät wie im Windpark Parndorf, knapp am Dreiländereck Österreich – Ungarn – Slowakei.
Don Quichote hätte ordentlich zu tun, stelle ich mir vor.

Natürlich, sowieso gäbe es genug Arbeit für ihn, heutzutage.



Amsterdam Freitag, 17. 6. 2005, 0:00

Amsterdam. Spaziergang durch die Innenstadt. Horden von jungen bzw. sich runderneuert gebenden Menschen haben sich scheinbar sowas von vorgenommen, heute aber wirklich gaaanz schlimm zu sein, Sachen zu machen (oder wenigstens anzuschauen), die man sonst nicht tut oder auch nicht darf. Dazu kommt eine Menge kaputter Typen, denen das lebenslange Kiffen aus den Augenhöhlen lugt, bemitleidenswerte Langzeitopfer einer falsch umgesetzten Freizügigkeit. Alles zusammen ergibt eine dumpfe Wolke, die ich jedesmal, wenn ich hier bin, wahrnehme und zügig fliehen muss, am besten ans Wasser, da bläst es dich durch, und das neue Bimhuis ist auch da. Hier zu spielen ist eine Freude, das soll schon noch gesagt werden.



Ausgehen Donnerstag, 16. 6. 2005, 0:00

Am 7. Juni erlebte ich die seltene und also denkwürdige Überlagerung dreier recht unabhängiger Häufigkeiten: Bei der morgendlichen Körperpflege (ein Wort, das sie uns im Herbst 1984 bei der Grundausbildung in Treffling beigebracht haben, bevor wir zur Musik nach Ebelsberg gekommen sind, dort war es dann gemütlicher) machte es zweimal pffhhhht. Als erstes gab (endlich! – Mag. Doskar hat mich nicht überzeugen können) die Tube bitte auf den Kopf stellen-Zahnpasta ihr letztes Quäntchen Basen-Zahncreme ab, unmittelbar darauf hustete sich das letzte Batzerl gelbgrünen Duschgels lungenkrank in meine linke Hand. Eine kleine Sonnenfinsternis bei der morgendlichen Toilette, schoss es mir in den Sinn. Äußerlich ungerührt vollendete ich sie trotzdem.
Später, unterwegs in der Stadt, war ich zum Mittagessen in einem Lokal im Siebten. Das Einsermenü war eben ausgegangen, die freundliche Kellnerin blinzelte mir aber zu, dass gerade noch eine Portion für mich übrig sei. Danke, gerne.
Leider hat es mir dann nicht wirklich geschmeckt, das Essen war labbrig, irgendwie zerkocht. Ob der Rest in der Zahnpastatube oder im Duschgel auch eine fadere Wirkung hat? Ich weiß es nicht.
So interessant das Betrachten der Überlagerung verschiedener Zyklen aber auch sein mag, dreimal Ausgehen an einem Tag sind wirklich genug.



Blinker Mittwoch, 15. 6. 2005, 0:00

Wenn man an einer mehrspurigen Kreuzung steht, vor einem die anderen wartenden Autos, zeigen ihre mit geringfügig verschiedener Frequenz aufleuchtenden Blinker die beabsichtigte Abbiegerichtung an. Es ist ein optischer Rhythmus, der schnellere holt den langsameren ein, sie überlagern einander, die nächste Überrundungsrunde hebt an. Je höher die Wagenklasse, desto langsamer schlägt das Herz des Blinkers, je kleiner der Kübel, umso nervöser steht er an der Kreuzung, fast meint man zu sehen, wie er von einem Bein aufs andere tritt, bis endlich Grün gegeben wird und die soignierte Limousine vor ihm gravitätisch, weil automatisch eingekuppelt und leise schnurrend anfährt. (4 : 11 Blinker pro fünf Sekunden ist natürlich ein extremes Beispiel, aber es kommt schon vor, ehrlich.)
Dieses Augenkonzert wird umso komplexer, je mehr Autos nach, sagen wir: links abbiegen wollen.
Ich stelle mir für jedes Gefährt einen Blinkton vor, wenn ich, unparteiisch, mit dem Fahrrad aufs Weiterfahren warte.

(Morgen: 7. Juni 2005, der Tag des Ausgehens)



Verständigung /4 Dienstag, 14. 6. 2005, 0:00

Sie ahnen es bereits: Auf jener Löhrgassenglastüre werden etliche internationale Telephonwertkarten angepriesen. Auf übersichtlich wirken sollenden, in Wirklichkeit aber umständlichen Plakaten informieren sie dich, dass nur diese Karte wenige Cent kostet (wenn es ginge, würden sie dir was zahlen fürs Telephonieren), dafür kannst du viele Minuten, Stunden, Tage mit ganz weit entfernten Verwandten reden; kleingedruckt dann die gesetzlich vorgeschriebenen, gar nicht der Rede werten minimalen Bereitstellungsgebühren, zu vernachlässigenden täglichen Administrationsgebühren, Mindestabrechnungsbeträge, Taktungen etc. u. dergl…
Calling Cards (endlich ist der zeitgemäße Begriff heraußen!) gibt es viele, und nicht wenige sind spezialisiert, etwa auf die Türkei, den Nahen Osten, Indien, Bangladesh, Pakistan, beim Prosi verkaufen sie hauptsächlich welche, die den billigsten Tarif nach Nigeria oder Ghana versprechen. Die sie vertreibenden Dienstleistungsunternehmen haben für ihre der Völkerverständigung dienlichen Produkte so klingende Namen gewählt wie BestCard, Global One, TeleCard, Televoice, Servus Media, KingCall, UniCard, MegaTel, Quality Europa; jene mit geographischem Zielschwerpunkt heißen z.B. Smile Africa, Africa Direct, Gold Africa, Taj Mahal,…
Wie ich an der Auslage des Telephonladens in der L?hrgasse vorbei geschlendert bin, bin ich aber stutzig geworden. Das dominante Plakat in der Glastür warb nämlich für eine Calling Card mit dem für ein solches Produkt sonderbaren Namen Babylon. In welcher Sprache wird einem da das Guthaben angesagt?, stelle ich mir vor. Und: wie lässt sich das mit der moralisch so hoch stehenden Aufgabe der transnationalen Verständigung vereinbaren?

Mein Gegenvorschlag, für ein positives Konkurrenzprodukt: Esperanto.
Das wird ein Erfolg.



Verständigung /3 Montag, 13. 6. 2005, 0:00

Als mündiger Konsument höre ich mir gerne am Samstag vormittag die Schadenfreudesendung help im Radio an. Da bringen sie schöne Beispiele aus dem wirklichen Leben, wie Unternehmen, die mit der (mangelhaften) Herstellung oder (unzureichenden) Verteilung einer Ware oder aber mit (behaupteten) Dienstleistungen ungeniert viel Geld verdienen, ihre arglosen Konsumenten übers Ohr hauen. Help (früher mit original Beatles-Signation, nachdem deren Rechteinhaber aber offensichtlich mit help gedroht hatten, nur mehr mit daran knapp vorbeischrammendem Pirchner-Logo; so ähnlich verhält es sich bei Wenn der Teekessel singt… (eben nicht mehr) zur Musik von Yusuf Islam, die ihn, unter dem Titel Father and Son, als Cat Stevens weltberühmt gemacht hat), verhilft ihnen (den Konsumenten) zu ihrem Recht, was von den im Radio namhaft gemachten schwarzen Schafen ihrer jeweiligen Innung oder Handelskammer im durch Öffentlichkeit erzwungenen Rückzugsgefecht in der Regel als freiwillige Kulanz bezeichnet wird, purer Edelmut allüberall also.
In dieser lustigen Sendung sind Kommunikationsanbieter Dauergäste am Pranger. Ich habe aufgepasst und mir gemerkt, dass du, wenn du Telephonwertkarten kaufst, ganz genau das Kleingedruckte lesen musst, damit du halbwegs abschätzen kannst, ob das von dir gewählte Produkt tatsächlich so günstig ist, wie behauptet. Oder ob sie dich übers Ohr hauen (was beim Telephonieren doppelt schmerzen würde).

(Morgen: was ich auf der Glastüre in der Löhrgasse gelesen habe.)



Verständigung /2 Sonntag, 12. 6. 2005, 0:00

Manchen von Ihnen dürfte bekannt sein, dass ich mir das Privileg herausnehme, ohne beidseitige Fernsteuerung (Sender, vor allem aber Empfänger in Gestalt eines mobilen Telephons; in England schauen sie dich mit großen Augen an, wenn du dazu handy sagst) ganz gut durchs Leben zu kommen. Für dringende Telephonbedürfnisse verfüge ich über diese praktischen und günstigen Telephonwertkarten, mit denen du von jedem digitalisierten Tastentelephon aus billigst sprechen kannst: Gratiseinwahl (0800), bitte geben Sie ihren PIN-Code ein, du tippst die zwölf Ziffern in die Tastatur, und das 24 Stunden parate Fräulein vom privatisierten Fermeldeamt sagt dir, wieviel Guthaben du noch hast, daraufhin gibt sie dir das Freizeichen, du wählst, et voilà! – schon tutet es wo anders.
Glauben Sie mir, das klingt viel komplizierter, als es in Wirklichkeit ist. Ich schwöre auf dieses Fassedichkurztelephonieren.

(Morgen: Der mündige Konsument)



Verständigung /1 Samstag, 11. 6. 2005, 0:00

In der Löhrgasse wie auch sonst in Gürtelnähe befindet sich seit einiger Zeit ein Dienstleistungsbetrieb, der einem die Kommunikation z.B. mit entfernten Verwandten ermöglicht, er besteht aus ein paar sperrhölzernen Telephonkabinen (Ferngespräche sind bis auf die Straße heraus zu hören, weshalb ich auf den Laden aufmerksam wurde); fürs kybernetische Interagieren im (oder mit dem) Internet stehen drei Computermonitore im ansonsten schmucklosen Kammerl, habe ich durch die mit Werbematerial fast vollgepickte Glastür gesehen. Solche oft euphemistisch sich als Café bezeichnenden Bedürfnisanstalten sind mir wohlvertraut, schließlich habe ich auf meinen laptoplosen (sonderbares Wort) Reisen zumindest einmal täglich Bedarf, meine elektronische Post zu erledigen; manchmal füttere ich auch dieses Diarium mit hochaktuellen Logbucheinträgen von unterwegs. In der Löhrgasse bin ich unlängst auch nur vorbei gegangen, vom Weingartner zum Bahnhof, langsam genug aber, um zu sehen, was mir zu denken gegeben hat.

(Morgen: Telephonwertkarten)



Bürstl Freitag, 10. 6. 2005, 0:00

(Epilog zu Herrn Spitzl)

Irgendwann mussten die Pumpsitze nicht mehr hochgepumpt werden, ich selbst war hochgeschossen. Auch im österreichischen Fernsehen tauchten jetzt die Les Humphries Singers auf, blumenkindliche Vorläufer jener singenden Altkleidersammlung, die vor ein paar Jahren als Kelly Family weltweit ihre heile Familienwelt aus ihrem Campingmobil, einer Weiterentwicklung vom knallroten Autobus, verbreitete, und bei Erkennen Sie die Melodie sangen sie in Kostümen und Bühnenbild von Hair Lieder aus My Fair Lady.
Ich war jetzt wirklich groß genug für einen dieser Zeit gemäßen Haarstil (und keinen Haarschnitt!); meine Haare sollten die neue Freiheit zu spüren bekommen und, vor allem, nach außen verkündigen.
Herrn Bürstl (sprich: Bürschtl), er hatte auch einen Vornamen, an den ich mich allerdings nicht mehr erinnere, war genau der richtige Friseur dafür, schon sein Nachname verriet es mir. Und sein kleiner Salon (der nichts von einer Ordination hatte) lag viel praktischer, weil Tür an Tür der Schuster Prader seine Werkstätte hatte. Herr Bürstl hat nicht, wie Herr Spitzl, vor sich hin gesummt, sondern er hat mit mir geplaudert, so richtig von Mann zu Mann, aber redselig war er schon auch.
Auf die Seifenbelohnung musste ich allerdings verzichten. Es fiel mir nicht wirklich schwer, schließlich war ich jetzt jugendlich.



Spitzl /3 Donnerstag, 9. 6. 2005, 0:00

(Nachtrag zur Gästeseife, aber jetzt!)

Herr Spitzl, man ahnt es schon, hatte keinen Vornamen. Dafür verfügte er über mezzo-mix-braunes, feinst gewelltes, transparentes (keinesfalls als schütter zu bezeichnendes) Haar; hätte man ihn gefragt, ob er es töne (oder gar färbe), er hätte eine solche Unterstellung genau so entrüstet zurückgewiesen, wie der Deutsche Bundeskanzler oder Gerhard Rühm dies völlig zu recht zu tun pflegen. Und geduftet hat er; Herr Spitzl war ein sehr gepflegter, schlanker Herr. Ein Herr, eben.
Seinen Namen, stelle ich mir vor, hatte er von seinen Fingern, besser, Fingerspitzln (Kuppen kann ich mir bei ihm keine vorstellen), denn er richtete die Köpfe der Buben (die auf seinem Pumpsitz unwillkürlich zu strammen Knaben mutierten), mit festen, beinahe schmerzenden, wenn ich es mir genau überlege: schraubzwingengleichen Fingern millimetergenau ein, bevor er ihnen mit Schere und seinem am Genick wohlig schaudern machenden, brummenden Elektroscherer zu Leibe rückte. Bewegen war strengstens verboten, (flaches) Atmen erlaubt. Zum Abschluss versteifte man sich ohnehin unwillkürlich von selbst und hielt den Atem ganz an, denn da rückte er dir mit seinem ausgeklappten Rasiermesser zu Leibe, das er vorher am karmesinroten Abziehriemen schärfte, dabei summte oder pfiff er ein Liedchen durch seine gespitzten Lippen: seine weberknechtbeinchenlangen Finger massierten dir scheinbar beiläufig ein paar Tropfen Rasierwasser seiner persönlichen Duftnote in den Nacken, dann kratzte er den ungezogenen Flaum von deiner Knabenhaut ab, aufwärts vom Krepppapierkragen, brrr.
War er dann, am Ende der Behandlung (Herr Spitzl war gewissermaßen der Zahnarzt für die Haare), mit dir zufrieden (und du selber hattest einen steifen Hals, der bis ins Steißbein ausstrahlte), gab es eine pastellfarbene, linsenförmige Gästeseife als Belohnung, danke Herr Spitzl.

Sonst hat uns Herrr Spitzl nicht angerührt, und auch auf der Straße hat er uns nicht gekannt; obwohl, zurück gegrüßt hat er schon.

(morgen: Herr Bürstl)



Spitzl /2 Mittwoch, 8. 6. 2005, 0:00

(Nachtrag zur Gästeseife, 2. Anlauf)

Der Friseur meiner Kindheit hieß also, wie gesagt, Herr Spitzl. Obwohl, Friseur, das hat mit frisieren zu tun, und was willst du dich frisieren, wenn nach einer Viertelstunde Stillsitzenmüssen nur mehr bleistiftspitzkurzes Haar übrig bleibt; keine Rede von Bitte nur die Spitzln schneiden!, wie ich das später beim Herrn Bürstl sagen sollte. Aber ich greife um Jahre vor.
Herr Spitzl war also nicht der Friseur, sondern der Haarschneider meiner Knabenzeit, so ist es richtig.

(morgen mehr)



Spitzl /1 Dienstag, 7. 6. 2005, 0:00

(Nachtrag zur Gästeseife, 1. Anlauf)

Haareschneiden hat als Bub bedeutet: Herr Spitzl.
Herr Spitzl war der Herren- und Knabenfriseur im Salon Indrich. Der Sohn (vom Indrich, nicht vom Herrn Spitzl, von dem keine Nachkommen bekannt sind), Alois, war ja, obwohl gelernter Friseur, unter anderem Amazonasforscher und so etwas wie der Steyrer Reinhold Messner, auch frisurmäßig. Im Pfarrheim hat er seine Multivisionsdiaschauen in modernster Überblendetechnik geprobt; wir in Münichholz haben schon von Greenpeace gewusst, da haben sie in Zeit im Bild noch keine Ahnung gehabt, was das überhaupt ist. Dass man tatsächlich Abenteurer werden konnte, war für einen Buben irgendwie entmutigend, weil entmystifizierend. Das spannende an den Geschichten von Karl May war ja, dass unsere Helden durch die Unmöglichkeit, ihnen nur irgendwie nahe kommen zu können, geschützt waren und also auch der eigene Traum vom Abenteurertum. Selbst Lex Barker ist dem wahren Old Shatterhand nie persönlich begegnet. Einzig Ralf Wolter und Sam Hawkins haben sich auf ein Bier getroffen (in dem Ort, der einmal Springfield heißen sollte, bei Moe’s; damals war das aber noch ein veritabler Saloon, wenn ich mich nicht irre, hihihi), später ist dann noch Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abbul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah (welcher ein direkter Nachfahre des Osmin aus Mozarts Entführung war), dazu gekommen, da ist es zugegangen, der Orientale hat ja nichts vertragen, fast angemacht haben wir uns, beim Barte des Propheten!
Bart. – Richtig, ich wollte vom Friseur erzählen. Ich weigere mich übrigens beharrlich, dieses Wort mit ö zu schreiben, das tut mir im Auge weh, und im Innenohr.

(morgen mehr)



Gästeseife /2 Montag, 6. 6. 2005, 0:00

Die Gattung der Gästeseife (die Engländer haben dafür den kulinarischen Begriff cake of soap geprägt) verfügt über zumindest zwei Arten: Die in unzeitgemäßen Hotels bereit liegende in Form eines mehr oder weniger abgerundeten Quaders (Unterarten: einpapierlt / in kleinen, beim Öffnen zersplitternden Plastikboxen) und jene, oft linsenförmige, für die privaten Gäste zu Hause (diese erwartet die Handwäsche unverpackt und namenlos).

Beide stehen auf der Liste der bedrohten Alltagsaccessoires.



Gästeseife /1 Sonntag, 5. 6. 2005, 0:00

Mit der Ausbreitung der Flüssigseife, die in einer wachsenden Anzahl gut geführter Hotels in nachfüllbaren Spendern zur den Haut-pH-Wert schonenden Reinigung fest an die Badezimmerfliesen gedübelt ist, wird ein wenig beachteter Alltagsgegenstand nach und nach (und hoffentlich nicht ganz) verdrängt: Die Gästeseife. An ihr erkennt man ein unzeitgemäßes Hotel.
Es ist meiner vorauseilenden Sympathie sicher.



Piaristen Samstag, 4. 6. 2005, 0:00

Unlängst, auf einer Dachterrasse in der Josefstadt. Blick stadteinwärts, halblinks die Piaristenkirche MariaTreu, sehr schön leuchten die Kreuze mit dem Maria-Logo im Abendlicht. In der Piaristengasse gibt es den netten Stadtheurigen, fällt mir noch ein.

Wäre ich Geistlicher geworden, ich hätte versucht, bei den Posauristen unter zu kommen. (Sicher ein Missionsorden, stelle ich mir vor.)

So aber ziehe ich mit meiner schönen Posaune per urbem et orbem, auch eine Mission, allerdings!
Allerdings ohne Bekehrstress.



Mütters Müllerin µµ/28 Freitag, 3. 6. 2005, 0:00

Endlich 19. Mai 2005; heute wandere ich also das erste Mal als Müller den Bach entlang.

Im Zug nach Salzburg. Der freundliche Mitarbeiter der Österreichischen Bundesbahnen, bei dem ich zur 1. Klasse aufzahle, trägt ein Schild, darauf steht Müller – Reisebetreuer.
Ob er schon einmal jemand nach Riva (oder in den Schwarzwald) begleitet hat?



Mütters Müllerin µµ/27 Donnerstag, 2. 6. 2005, 0:00

Dichter

1824. Beitrag zur fünfzigjährigen Jubelfeyer des Herrn von Salieri (1750-1825), erstem Hofkapellmeister in Wien, von seinem Schüler Franz Schubert:
(…)
Engel bist du mir auf Erden,
Gern’ möcht’ ich Dir dankbar werden,
Unser aller Großpapa,
Bleibe noch recht lange da!

Schubert sagte von sich selbst:

Ich bin für nichts als das Componieren auf die Welt gekommen.

Da hat er aber recht gehabt.



Mütters Müllerin µµ/26 Mittwoch, 1. 6. 2005, 0:00

Zeitläufte

(1814.)
Schubert wird Schulgehilfe beim Vater; Napoleon nach Elba verbannt.
Beide kommen da raus. Aber nicht für recht lange.



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