Auf Punkt und Beistrich Montag, 31. 1. 2005, 0:00

In St. Ruprecht an der Raab ist vor kurzem ein Auto gegen einen Zug geprallt. Die Insassen des PKWs hatten großes Glück.

oder

In St. Ruprecht an der Raab ist vor kurzem ein Auto gegen einen Zug geprallt, die Insassen des PKWs hatten großes Glück.

Wie es am 17. Jänner 2005 auf ORFON gestanden ist, überlasse ich Ihrer geschätzten Phantasie. Hauptsache, die Insassen des PKWs hatten großes Glück. (Was wissen wir von den Zugpassagieren?)



Votivgrant Sonntag, 30. 1. 2005, 0:00

Beim Würstlstand beim Votivkino hat man die Wahl zwischen ausgetrockneten, zerklüfteten Grillwürstln und bis zur Labbrigkeit zerkochten Brühwürstln. Angeboten wird das (fast) jeden Appetit verdrängende Großstadtessen von einer Würstlfrau, deren Ton zwischen Raunzen und Keifen angesiedelt ist. Und das bei zauberhaftem Schneefall, wo sich die ganze Stadt freundlich, fast höflich gedämpft gibt, ja, selbst die Autofahrer sind gut gelaunt.
Wenn ich es mir recht überlege, habe ich mich in letzter Zeit schon latent gefragt, ob ich mich überhaupt noch in Wien, wie ich es kenne, befinde: so viele freundliche Menschen, nicht nur die in ihren Callcenterkojen dazu verpflichteten Dazuverdiener.
Liebe Votivwürschtlfrau, dein Grant holt mich auf den Boden, Wien ist immer noch anders, Wien bleibt Wien. Danke.
Oder, um es mit einer von Prof. Weber W.A. Mozart zugeschriebenen Zeile zu sagen: Wien, Wien nur du allein.

Ich genieße es, in dieser Stadt zu leben.



schwarz in weiß Samstag, 29. 1. 2005, 0:00

Die Schwärze der Pupille ist identisch mit der Schwärze zwischen den Galaxien. Lars Gustafsson, Der Tod eines Bienenzüchters (1978)

In der U2. Mir gegenüber das junge Paar, ganz weiße Jacken haben sie an, dass man sie, zumindest hüftaufwärts, im Schnee nicht sehen würde. Leeren Blicks schauen sie in die Ferne, weit jedenfalls hinter mich, ohne allerdings durch mich hindurch zu schauen, ja, das geht, der Fluchtpunkt, wo sich die vier Blickachsen (je zwei rechte und zwei linke Augen) in einem Punkt vereinen, liegt im Unendlichen.

Man könnte meinen, dass zwischen den beiden jungen Leuten Funkstille herrscht, so abgemeldet sind ihre Gesichtszüge. Wäre da nicht das unauffällige Spiel auf ihren Jeans: In weißen Handschuhen (er) bzw. Fäustlingen (sie) ruhen beider Hände überkreuz am Knie des Partners. Weil es mir auffällt, schaue ich genauer und sehe, wie sie einander durch leichtes Drücken ihr Paarsein bekräftigen, in diesem lila Tunnel und dem der äußeren Umgebung angepassten, gleichnamigen Blick.



Mundstück Freitag, 28. 1. 2005, 0:00

Ich hatte einen Studienkollegen, der hatte sich auf alle mögliche Ansatz- und Kieferprobleme spezialisiert und so intensiv damit auseinander gesetzt, dass er nach und nach alle persönlich durcharbeiten mußte. Dann wusste er, wie es nicht geht; auch ein Weg. Aber doch tragisch irgendwie; er hätte ein guter Musiker werden können.

Was ist denn jetzt das Mundstück bei einem Blechbläser?
Ein Stück habe ich eben vergoldet bekommen, dazu kommen die zum Testen ausgebreiteten Fabrikate und nicht anders als ultraleicht zu bezeichnenden titanenen, teilweise goldüberzogenen von Titanovation bzw. die dreimal so schweren Modelle von Christian Lindberg, die mir Roland Dahinden empfohlen hat.
Doch nach dem Fertigcomponïrn meines englischen Hornstücks mit französischem Titel habe ich das noch nicht, was Bläser nie haben, wenn man sie fragt, ob sie einen haben, ansatzlos erklären sie einem auch ungefragt, wenn man sie beim Herumspielen belauscht, dass es jetzt deshalb nicht so gut geht, weil sie eben gerade einmal keinen Ansatz haben.
Hauptsache ein Mundstück, denke ich mir. Besser: ein Stück (das richtige!) vom Mund aufs (richtige!) Mundstück. Dann musst du nur mehr alles richtig machen.
Am liebsten spiele ich Posaune. Sollen sich andere plagen mit diesem schönen Instrument. Und wie hat meine Lehrerin Irene in Linz immer gesagt: pumali, pumali.
Und drum gehe ich nach dem Schreiben dieser Zeilen auch auf einen Kaffee.



Mozart Donnerstag, 27. 1. 2005, 0:00

Das Mozartjahr wirft immer massivere Schatten voraus.

So haben sie im Radio gesagt. Am Vorabend Seines rüstigen 249ers.

Na prack!



knapp vor Lichtmeß bis knapp vor Ostern Mittwoch, 26. 1. 2005, 6:00

Liebe MBA,

dieser Mütterbrief wird kurz. Mir fällt nämlich nichts ein, aber ich habe angekündigt, dass ich kurz vor der kommenden Veranstaltung noch einmal in einem eigenen Mütterbrief auf sie hinweisen werde, und jetzt muss ich halt schreiben, ob es mich freut oder nicht.
Warum mir nichts einfallen will, ist leicht erklärt: In den letzten Wochen habe ich nämlich zwei Stücke fertig componîrt, nushu, für das Duo Stump-Linshalm und ihre zwei Bassklarinetten, es wurde bereits für eine bald erscheinende CD aufgenommen, Material finden Sie hier, und
Elise
Pour Elise (oryctérope, bleue),

das Papier noch feucht, habe ich es gemeinsam mit Markus Sepperer samt seinem Englischhorn durch buchstabiert; eben habe ich es auf meiner Homepage gewissermaßen vorangemeldet.
Dazu kommt, dass ich seit Ende 2004 einigermaßen durchgehend verkühlt war und, weil es grad so gut passte, mir noch von Rudi links oben den 6er, 7er und 8er machen ließ. Gold ist ein guter Wärmeleiter, denke ich mir jede Nacht so um 4.00 Uhr in der Früh, eine sehr wärmeleitende Stunde muss das sein, stelle ich mir vor, auwehauweh.
Außerdem sollte ich auch schon schön langsam wieder meine Posaune beatmen, dass ich am Sonntag wieder schön spielen kann im schönen Heinzconradswohnzimmer, es ist eine Freude und eine Ehre und ich würde mich sehr freuen und es wäre mir eine Ehre, wenn Sie und recht viele Freunde, denen Sie es weiter gesagt haben, jedenfalls alle recht zahlreich, am kommenden Sonntag, 30. Jänner 2005, ab 10.30 Uhr ins Radiokulturhaus kommen. Zum Entrée wird im Foyer Kaffee gereicht, dazu die viel zu vielen Ströckkipferl (haben sie mir gesagt, dass die immer mehr anliefern, als verzehrt werden kann). Dann gehen Josef Haslinger und ich in den Saal, und auch Markus Sepperer wird sein cor anglais erschallen lassen.
Wer nicht selbst kommen kann, kann sich am Sonntag ab 11.00 Uhr auch den Live-Stream im Internet anhören.
Alle Links zur Veranstaltung, sowie einen sehr amikalen Text von Franzobel gibt es hier.
Über den 30. Jänner und wie es bald schon weitergeht, steht immer im Aktuell-Ordner auf meiner Homepage.

Und doch noch drei österreichische Vorankündigungen:

Freitag, 11. März 2005, 19.30, Klagenfurt, Dom
Lamentationes, gemeinsam mit der Domkantorei Klagenfurt in einer beeindruckend mutigen Rauminstallation

Palmsonntag, 20. März 2005, 18.00, Krems/Stein, Minoritenkirche
Eiertanz, gemeinsam mit – raten Sie (siehe Datum)
Hinweis: Franzobel und Tex Rubinowitz sind adabei.

Karsamstag, 26. März 2005, 21.30, Graz, Dom im Berg
Comœdia de Christi Resurrectione, gemeinsam mit Wolfram Berger

Wegen meiner Geschichte(rl)n kann ich auf mein wirklich tagtäglich geführtes Diarium im MütterLog verweisen. Aber was soll ich Ihnen hier davon erzählen, Sie befinden sich ja gerade mittendrinnen. Ein Tipp nur: nutzen Sie die Suchfunktion. Und: Bittedanke für Kommentare; alles, was nicht gegen den Anstand verstößt (keine nackten Frauenrücken!, keine garstigen englischen Wörter mit vier Buchstaben!), wird veröffentlicht. Und anständig und tüchtig sind doch wohl meine p.t. MBA, nicht wahr, wollen wir hoffen.

Nochwas: Carsten Fastner hat im Falter, Nr. 4/05, einen Artikel geschrieben, in dem ich mich erkennen kann. Freut mich sehr.

Daunddort: Herzlich willkommen!

Bertl Mütter

Jetzt aber noch eine gute Lichtmess-, Faschings- und Fastenzeit!



Nana , 0:00

Auf Wienstrom-Elektrokästen (Plakatieren verboten) und dicken, runden Straßenbahnoberleitungsmasten tauchen allerlei Veranstaltungsinformationen auf, die mich interessieren. Im Vorbeifahren lese ich von einer Großen Weltabschiedstournee einer gewissen Nana (der Familiennamen ist mir zu lang und klingt ausländisch).

Wurscht, es bringt auch so Assoziationen ins Rollen.
Ich stelle mir einen Menschen vor, der, am Ende angekommen, noch einmal die schönsten traurigen Arien aus Bachs Kantatenwerk mit so berührenden Textzeilen wie: Ich freue mich auf meinen Tod / Ach hätt’ er sich schon eingefunden (dann diese wunderliche Koloratur) oder Ich habe genung / (…) / Nun wünsch ich noch heute mit Freuden / Von hinnen zu scheiden.
Es ist genug damit, wirklich wahr.

Niki de Saint Phalle nannte ihre dicken, bunten Pappmachéfrauenleiber Nanas. Aber die haben keine stilbildenenden Brillen und Frisuren aufgehabt.

(Postdictum:)

Hosiannanas
Hosimarianas
Hosimagdalenanas

Danke, Ernst. Du machst, wie immer, Mut.



verdächtig Dienstag, 25. 1. 2005, 0:00

Kennen Sie das: Sie essen ein schön mürbes (meine Mama sagt mårbes) Stück Rindfleisch oder, vegetarisch, knackige (keinesfalls zu lasche, vlg. lätscherte; Laurenz, Carlas und Franzobels Sohn hat früher statt knusprig knurpig gesagt, was onomatopoetisch wesentlich zutreffender ist, wie ich finde) Sojabohnenkeimlinge, gut war es wieder. Eine Viertelstunde nach der Mahlzeit spürt Ihr Zungenspiel unwillkürlich so ein Flankerl hinten bei den Backenzähnen auf, hartnäckig ist das, und es lässt sich selbst mit dem Zahnstocher kaum entfernen. Interessant ist, dass sich dieses Zungendrama immer an der selben Stelle abspielt, und ein Blaserl auf der Spitze ist der unangenehme Preis dafür.
Ich habe diese Zahnregion bis letzten Donnerstag die üblichen Verdächtigen genannt. Seit mir aber Rudi links oben den 6er, 7er und 8er gemacht hat, ist damit Schluss, habe ich fünfzehn Minuten nach meinem jüngsten Würstlstandbesuch zufrieden feststellen können: Vor lauter Begeisterung mag meine Zunge gar nicht mehr aufhören, die nun über jeden Verdacht erhabenen Mahlzähne mit ihrer sinnlichen Glätte zu liebkosen.
Zahnärzte, für Pfarrer Hutwelker nicht ganz zu Unrecht ob ihres unwidersprechbaren Redeflusses Spießgesellen des Teufels (was kann ein nasaliertes � nicht alles bedeuten, und wie viele nutzen das nicht schamlos aus), können auch Goldengerl sein. Rudi z.B. ist so eines.

Und jetzt beatme ich wieder meine Posaune, die klingt nämlich ohne Rindfleisch- oder Bröselresonanz auch wesentlich besser. Danke, Rudi.



gedankenarm Montag, 24. 1. 2005, 0:00

Ein blauäugiger Metropolitiker in blauem Hemd mit Krawatte grinst sprungbereit von hintergrundbeleuchteten, blauen Plakaten. Über ihn wird uns mitgeteilt: Er sagt, was Wien denkt. Darunter stehen drei recht kurze Forderungen, für die seine wie ein Mann hinter ihm stehende, nur mehr zum Gähnen Anlass gebende Fraktion hinreichend bekannt ist und die ich hier nicht erwähne, schade um den Platz.
Du mein Wien, wenn es stimmt, dass einer sagen kann, was du denkst, so musst du eine an Gedanken recht arme Stadt sein. Oder hat uns der jungerfolgreiche Burschenschaftler nur einen (seinen) armseligen Anteil verraten?

du denkenkraft! hätte ihm der selige Ernst Jandl sicher nicht in den Mund gelegt. Und H.C.Artmann hätte wohl nobel geschwiegen ob der Usurpation seiner Initialen.



Müll trennen Sonntag, 23. 1. 2005, 0:00

Rechts gegenüber sind die Papierkübel, weiters welche für Weiß- und Buntglas; die Behälter für die Plastikflaschen und noch einmal größere fürs Altglas stehen links vom Parkeingang, und ein paar Meter stadteinwärts der Container fürs Metall, der braune für den wertvollen Biomüll und zwei weitere, größere, fürs Altpapier.
Wenn es an der Zeit ist, gehe ich mit meinen weißen Birkenschlapfen (die ich nur mehr zu diesem Zweck besitze, ehrlich!) auf die andere Straßenseite und verteile unseren Abfall so gerecht und gründlich mir das möglich ist. Ich gestehe: Ich bin begeisterter Mülltrenner.
Seit letztem Sommer jedoch schaue ich besonders beim Metall- und Biomüll vor dem Einwerfen offensiv nach links oben. Mehrmals hatte ich nämlich neben mir kleine braune Flascherl zerbersten gehört, und bis ich überzogen hatte, dass das eben ein Angriff auf Leib & Leben war, war der Attentäter aus der Luft auch schon verschwunden; einmal aber war ich schnell genug und habe ganz oben auf einem Balkon die böse Frau sich nicht schnell genug ducken gesehen. Obwohl der (und nur dieser) Balkon halbwegs blickdicht verpackt ist, sind zwischen Beton und Geländer etwa drei Zentimeter frei, genug, um zu sehen, ob sich da jemand in Deckung gebracht hat und versucht, sich unbemerkt durch Balkontür in die finstere Wohnung zu stehlen. Ich hatte Geduld, die Person am Balkon auch einige Ausdauer, das kann aber ordentlich ins Knie gehen da oben, stelle ich mir vor.
Seit jenem Tag habe ich Ruhe beim Biomüll. Immer aber, wenn ich zu den Containern komme (oder auf dem Weg zur S-Bahn vorbeigehe), sehe ich am Boden frisch zerplatzte braune Flascherl Guter Stern Bitter mit Stern-Anis (Marken Boonekamp, Boonekamp Fabrik Guter Stern GmbH, D-13503 Berlin; Deutsches Erzeugnis 40% vol, 20 ml e).



Colonia Samstag, 22. 1. 2005, 0:00

Im Musikzimmer höre ich sie ein bisschen, im Arbeitszimmer kaum, in der Küche nur, wenn ich genau weiß, wann ich aufmerksam sein muss, wirklich gut aber höre ich meine Klingel nur im Schlafzimmer. Zum Beispiel jeden Freitag (an Wochen mit eingebauten Feiertagen samstags), spätestens um dreiviertel Acht, wenn die Vorposten der Müllabfuhr die Mistkübel auf die Straße stellen wollen, wird heftig auf allen Knöpfen unseres Hauses herumgedrückt. Regelmäßig fahre ich hoch vom Schlaf (ich kann sehr schreckhaft sein), tappe in die Küche zur Sprechanlage, Ja bitte?, und schon während meiner Frage fällt mir ein, dass das wieder die Coloniakübelholer sind und ihnen längst schon jemand anderer aufgemacht haben wird, nur hin und wieder darf ich mich an einem kurzen Dialog erfreuen, immer aber stehe ich dann vor der Frage aufstehen oder wieder niederlegen?
Meine Bedenkzeit halte ich auf der Toilette, und wie ich mich das letzte Mal entschieden habe, überlasse ich Ihrer geschätzten Phantasie. Aber es geht aufwärts.



beißfreudig Freitag, 21. 1. 2005, 0:00

Es ist einfach so viel los rundumadum, Studio, Schnupfen, componîrn,…, und so bitte ich um Ihr geschätztes Verständnis, wenn ich nicht rechtzeitig hier was Gescheiteres habe schreiben können.
Meine Zähne (links oben, 6, 7, 8 ) hat Rudi aber perfekt fertig gemacht. Sehr beißfreudig bin ich aber vorerst nicht, das Kiefer will sich noch ein bisschen an die Bergwerksarbeiten erinnern (gilt das jetzt als Tag- oder Nachtbau?), und das will ich ihm auch zugestehen; unter der Bedingung, dass jetzt dann aber bitte ein Zeitl eine Ruh ist und ich bald wieder mit meiner schönen Posaune schöne Töne spielen kann.



Zitronenfalter Donnerstag, 20. 1. 2005, 0:00

Also hat es mich doch noch einmal erwischt, ich bin die letzten Tage wieder arg verkühlt (D: erkältet; CH: verkältet), durchschnupfsicher versorgt friste ich meine verhusteten Tage. Schließlich habe ich mir doch diese 44er Pastillen (beeinträchtigen die Reaktionszeit, also Vorsicht beim z.B. Autofahren) besorgt, von denen man, wer weiß, wieso, immer zwei hintereinander nehmen soll, wobei vor allem bei spätem Schlafengehen mit der Bettschwere proportional herabgesetzter Lutschfrequenz schon eine ganz schön lange dauert, und wenn man gar einschlummert, so ergeben sich zusätzliche Probleme, bei seitlichem Liegen etwa kann es durchaus vorkommen, dass einem das strengscharfe Medizinzuckerl aus dem Mundwinkel auf den neuen Polster kullert, das macht Flecken, und dem Hals nützt es aber schon überhaupt nicht. erschwerend hinzu kommt gegenwärtig der Umstand, dass ich links oben (6, 7, 8 ) meiner körperliche Integrität vorübergehend verlustig bin, letzte Woche hat Rudi bei mir eine gute Stunde Bergwerk gespielt, und bei jeder kontrollierenden Zungenbewegung erinnern mich meine gottlob intakten Nerven persönlich daran, dass ich mit Gold ausgefüllt werden soll.
Ich bin ja in die Volksschule mit einem Wick gegangen, den Vornamen habe ich vergessen, sie haben am Ende der Sebekstraße gewohnt, gleich am Eck zum Wörndlplatz, in der Nähe von Omas oberem Garten, und er hat eine recht zarte Schwester gehabt, die hatte so eine nach innen piepsende Stimme und sie wollte uns nicht ihren Namen sagen, da hat ihr Bruder gesagt, sie heiße Wick Zitronenfalter, und kurz habe ich das dann auch geglaubt. Bis heute kenne ich ihren Vornamen nicht. Dass es Wick Hustenbonbons (und eine ganze Palette segensreicher Arzneien) gibt, habe ich erst später erfahren. Aber heute denke ich bei Wick Formel 44 an die grundsätzliche Möglichkeit, einem Mädchen den Vornamen Zitronenfalter zu geben.



verdammt gut Mittwoch, 19. 1. 2005, 0:21

0 Uhr 21
Tschuldigung, ich weiß, zu spät, aber wir haben heute liebe Gäste gehabt, Edith und Josef waren da, viel zum Erzählen, und Josef hat mir sein neues Büchl Wie werde ich ein verdammt guter Schriftsteller? geschenkt, und das werde ich jetzt (bzw. nach dem Abwaschen und Ausschlafen) lesen, und dann schauen wir weiter.



Notizbüchl Dienstag, 18. 1. 2005, 0:00

Es war letzten August. Ich war in Raabs an der Thaya und habe beim Blunznweltmeister Strohmer im Gasthaus Zur goldenen Krone gewohnt, ein Ambiente, bei dem ich mich in eine von Anna Viebrock ausgestattete Marthaler-Inszenierung versetzt fühlte. Die Wirtin hatte stark und fein geäderte Wangen, die wie Radieschen aussahen, wenn man sie frisch aus der Gartenerde zieht, oder wie eine frisch aufgeschnittene Rote Rübe; irgendwie erinnerten sie auch an Saumaisen, die Adern schienen ein Netz zu bilden, das ihre vollen Backen zusammen zu halten schien.
An diesem Wochenende im Spätsommer, es war Poetenfest, stellte ich mir knapp vor Geschäftschluss vor, dass es ganz nützlich sein könnte, so ein Notizbüchl zu besitzen, mir fallen nämlich immer wieder so Sachen ein, und die verfliegen manchmal, wenn ich sie nicht schnell skizziere. Also erstand ich ein hässliches Format-X DIN A6-Heft. Trotz des unerträglich bemühten jugendlichen Designs fanden schnell ein paar brauchbare Sätze ins bald schmuddelige vierzigseitige Heftlein. Das machte Mut, ich beschloss, mir bald ein feineres, inspirierenderes, nobel zurückhaltendes Notizbuch zu kaufen, am besten das klassische von Moleskine, das schon Bruce Chatwin oder Vincent van Gogh genutzt haben sollen. Geplant, umgesetzt, so ein schönes Büchl.
Seither habe ich exakt 4 (in Worten: vier) Seiten in dem für schnelle Gedanken viel zu edlen Bändchen beschrieben. Das Blunznbiachl aus Raabs aber ist heute, dicht beschrieben mit allerlei Ideen, Mitschriften und recht vielen recht banalen Alltagsinformationen, voll geschrieben. Bis ich wieder so eines finde, muss ich mit einem immer noch etwas zu eleganten roten Heft vorlieb nehmen, denn das schon angeschaffte und als nahtlose Fortsetzung gedachte karierte Sudelbuch hat mir meine Liebste entwendet: Sie will sich ihre schnellen Gedanken nämlich auch notieren. Dabei hat sie ein Handy, in das sie wie in ein Diktaphon hineinreden könnte.



Tempo (Nachtrag; zum Nase- oder Schuhputzen) Montag, 17. 1. 2005, 0:00

Pia hat das Gefühl, dass ich ihr Leben belausche.
Da liest sie hier zum ersten Mal in ihrem Leben den Wortstamm jeiern, schon taucht es beim nächsten dag im Standard auf.
Und kaum hat sie das Wort durchschnupfsicher aufgeschnappt, kommen ihr auch schon dauernd vergleichbar kuriose Wörter unter. Neulich war sie kurz da um mir das zu erzählen. Und zum Abschied hat sie mir so ein unentbehrliches Hotelaccessoire geschenkt, wie man es so gerne mit nach Hause nimmt für die Lieben. In einer Zeit, in der es in den Hotels dieser Welt immer mehr Flüssigseifen und in fest verankerten Spenderbehältern abgefüllte Haarshampoos gibt, werden solche kleinen Guzis immer wertvoller, und ich weiß das sehr zu schätzen.
Pia hat an mich gedacht und mir einen Elegance Shoe Cleaner Sponge mitgebracht. Der deutsche Aufdruck: PUTZENSCHUHESCHWAMM.

Danke, Pia.



Silentium Sonntag, 16. 1. 2005, 0:00

Jetzt ist schon wieder was passiert.
Dieser Tage habe ich mein neues Stück (es handelt irgendwie vom Verstummen) fertig geschrieben, genau genommen war es, so, wie es sein muss, spät in der Nacht; etwa um halb zwei konnte ich den sechseckigen 0,4 mm dicken Faserstift in meiner schweigsamen Klausurzelle im Stift St. Lambrecht niederlegen. Entsprechend tief waren meine Träume, und ohne ein Wort (mit wem auch) geredet zu haben, habe ich mir doch wieder nichts behalten können, wird schon recht sein so.
Beim vormittäglichen Duschen war auf einmal der Wasserstrahl ohne erkennbare Ursache brennheiß. Ich hüpfte reflexartig zur Seite, touchierte die halbtransparente Kabinenwand und regulierte die Temperatur, indem ich den Einhandmischer so schnell ich konnte nach rechts bog, brrr. Der Schreck war gleich verflogen, in St. Lambrecht lauerte ganz sicher kein linkischer Sportpräfekt, der mich in der Duschkabine eingesperrt und mit für mich unverstellbarem kochend heißem Wasser überbrüht hätte.
Aber kurz habe ich mir doch vorgestellt, im Film Silentium zu sein. Und zwar nicht im trockenen Kino.



Murelli Samstag, 15. 1. 2005, 0:00

Murelli heißt die Limonade, die von der Murauer Brauerei hergestellt und in ihrem Wirkungsbereich hauptsächlich über die Gastronomie vertrieben wird. Auf den für das Erfrischungsgetränk vorgesehenen 0,4l-Gläsern lachen uns von einem blauem Hintergrundstreifen zwei Früchte an, die wie eine Mutation von Apfel, Orange, Marille, Pfirsich und Kartoffel aussehen. Sie lachen, weil ihnen ein unbegabter Grafiker schwarzweiße Augen (inkl. Augenbrauen) und einen Mund verpasst hat, dazu eine zu lange, gleichwohl für einen Kasperl zu kurze rote Nase. Warum grinsen diese Hybridfrüchte so? Wissen sie, dass ihnen von Murelli keine Gefahr droht, weil sie für die Limonade, der sie als Werbeidentifikationsfiguren dienen, nur mit einer Wahrscheinlichkeit von max. 0,1% zermantschkert werden?
Ich kenne nur ein klassisches Kracherl, das sich über den Wirkungsberich der Herkunftsbrauerei hinaus ein eigenständiges Image und damit ein treues Trinkpublikum sichern konnte: Kaum jemand außerhalb Steyr-Land und Linz-Land wird Mühlgruber Bier kennen, aber Schartner Bombe, die Bomben Erfrischung ist allen ein Begriff.
Murelli wird sich, so leid es mir tut, nicht durchsetzen können. Es dürfte auch am Namen liegen.
Zur Namensgebung von Produkten (und warum das im ABGB geregelt werden sollte) demnächst vielleicht mehr.



Naturgesetz Freitag, 14. 1. 2005, 0:00

Du kannst es nicht wegträumen oder ausschwitzen, du musst aufstehen.
Wenn man weiss, dass es etwa fünfzig Meter auf schönstem kalten Marmor zu bewältigen gilt, neigt man dazu, diese uralte Menschenerkenntnis ignorieren zu wollen.
Aber die Blase gewinnt immer, nicht nur unter zur Veranschaulichung dieser Erkenntnis so idealen Bedingungen wie bei meiner (Komponier-)Klausur im Stift St. Lambrecht.

Was unterscheidet ein Naturgesetz von einer Binsenweisheit?



schweißen Donnerstag, 13. 1. 2005, 0:00

Wie ich neulich in Meidling in den Zug gestiegen bin, hatte ich Glück und fand schnell ein nur mit einer freundlichen älteren Dame besetztes Abteil. Nachdem ich meine Habseligkeiten verstaut, den Mantel ausgezogen und mich mit diesem zufriedenen Ausatmer auf den nicht zu weich gepolsterten Sessel fallen hatte lassen, verging keine halbe Minute. und ein Herr etwa meines Alters mit kärntner Dialekt fragte is do no(ch) a blazzele frei? – Aber selbstverständlich, bei zwei Passagieren im 6er-Abteil.
Ich ahnte den Fehler, als er die Schwelle der Glasschiebetür nur leicht überragte: der sauber und etwas zu korrekt gekleidete Fahrgast, der mit seinen schmalzig glänzenden schwarzen Haaren keineswegs ungepflegt wirkte, und der in seiner Hand ein erbauliches Bändchen hielt (Titel etwa: Gnade des Glaubens), verbreitete augenblicklich einen gnadenlos stechenden Geruch, der es mir unmöglich machte, länger im Abteil zu bleiben. Fluchtartig verließ ich die streng riechende Kammer und fand Asyl bei einem Schüler, der nur bis Wiener Neustadt fuhr, diesmal hatte ich Glück.
Spontan fallen mir zwei Personen ein, denen ich in meiner späteren Jugend bzw. in der Studentenzeit begegnet bin, beide waren sie katholische Priester, und sie hatten beide dieses ölig schillernde und süßelnde Lächeln (die Lippen etwas zu stark auf einander gepresst). Besonders der neue Kaplan in Münichholz fiel mir als recht verklemmte Natur auf, denn vor jeder unter achtzigjährigen Frau, mit der er sprach, musste er recht ungustiös in eines seiner in allen Talaröffnungen darauf wartendes zerknittertes Stofftaschentuch schleimen. Wir haben uns damals lustig gemacht über den armen Kerl, den ein unbarmherziges Reinheits- und Moralideal zwang, jegliche körperliche (um nicht zu sagen: sexuelle) Empfindung als Sünde wider den rechten Glauben unbarmherzig zu verdammen. Für Pater K. war das Rotzen der Fluchtweg; dazukamen recht fette Haare und ein unnatürlich gesteigerter Bartwuchs, dem offenbar auch nicht mit mehrmaligem Rasieren beizukommen war, immer schmalzten die Bartstoppeln hervor. Sein unerbittlicher Schweißgeruch trug sicher auch dazu bei, dass Pater K. bei uns Jugendlichen sich leider nicht wirklich beliebt machen konnte (und er bemühte sich ebenso redlich wie umsonst, locker auf uns zu wirken). Zugegeben, die Latte nach dem charismatischen und von mir jetzt noch sehr respektierten Pater G. lag hoch; aber auch den hat das System auf dem Gewissen, wie ich heute weiß. Wie es überhaupt wenige katholische Geistliche zu geben scheint (ich kenne ein paar!), deren Pertsönlichkeit vom vorgegebenen System hochgradig gestört und zerstört wird. Das ist sehr schade, und es richtet immer noch viel Schaden an.
Ich erinnere an den großen Viktor Rogy, der zu Zeiten der Roten Lasche eine passende Postkarte mit folgendem Satz bedrucken ließ: Ich empfehle dem Papst: Heirate!



Tempo (engl.) Mittwoch, 12. 1. 2005, 0:00

Gestern habe ich hier von den wunderbaren Schnäuztücheln der Fa. Tempo geschrieben. Ich bin Ihnen noch den englischen Packerlaufdruck schuldig; er übertrifft in gewisser Weise die deutsche Version dieses heilsamen weichen Papierls, steht da doch tatsächlich (und recht wörtlich übersetzt) soak-through-secure.
Mir fällt die legendäre englische Inhaltsangabe von Loriot ein, die die Ansagerin, wie es heißt, mit gewinnendem Lächeln vorzutragen hat: Auf dem Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue befinden sich außer dem jüngsten Sohn Meredith auch die Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth aus den benachbarten Ortschaften Nether Addlethorpe und Middle Fritham, ferner ein Onkel von Lady Hesketh-Fortescue, der neunundsiebzigjährige Jasper Fetherston, dessen Besitz Thrumpton Castle zur Zeit an Lady Molesworth-Houghton, einen Vetter von Priscilla und Gwyneth Molesworth, vermietet ist. (Etwas mehr von diesem Text finden Sie hier.)
Der Albtraum der von Eveline Hamann verkörperten Fernsehansagerin nimmt seinen Lauf, und wir wollen hoffen, dass der überforderten Dame beim unausweichlichen Nervenzusammenbruch ein paar durchschnupfsichere Taschentücher gereicht wurden.



Tempo Dienstag, 11. 1. 2005, 0:00

Um Weihnachten waren wir verkühlt. Das Gehuste und die Schnäuzerei muss als nicht gerade angenehmster Teil des Lebens angesehen werden. Erst gegen Ende des Siechtums, im schönen südsteirischen Weinlande, bin ich auf die ultimativen Taschentücher gestoßen (davor war der Vorrat der zum Ende der letzten Verkühlung gekauften blauweißen Packerl aufzubrauchen). Das Glück einer sprachlichen Schöpfung, die mir trotz eingeschränkter Geschmacksempfindung auf der Zunge zerging, beschleunigte meinen Heilungsprozess enorm. Auf der Tempo-Packung stand da dieses wunderbare Wort, und ich kann bestätigen, dass, wer zehnmal hintereinander durchschnupfsicher in einem Atemzug zu sprechen in der Lage ist, sich als geheilt betrachten kann.



Aloa-Oe Montag, 10. 1. 2005, 0:00

Es gibt so Tage, da hängt einem jeder, der einem begegnet, seine ganze Geschichte und all seine Probleme psychischer, physischer und metaphysischer Natur um. Kletten sind das, aber wirklich. Um beim botanischen Bild zu bleiben schlage ich vor, so einen Tag (in Abwandlung einer populären gastronomischen Verirrung) Tag Hawaii zu nennen.
Und wenn dich jemand anjeiert, wird dir fürderhin leichter sein, weil in dir drin ein besänftigendes und dich milde lächeln machendes Aloa-Oe summen wird.



traumlos Sonntag, 9. 1. 2005, 0:00

Neulich bin ich erwacht und hatte noch alle Details meines letzten Traumes parat zum Aufschreiben, damit ich ihn Ihnen hier erzählen könnte. Sehr bewusst, damit mir nichts entfalle, ging ich aufs Häusl und machte meine ersten tagtäglichen Handgriffe, Luftbefeuchter nachfüllen und anstecken, Wasser ergänzen, Heizung auf Tagesbetrieb stellen, Radio einschalten. Und dann kurz zurück ins Bett. Wie ich mein erstes Wort, guten Morgen, meine Liebe, sage, merke ich im selben Moment als es zu spät ist, dass mir durch das Sprechen augenblicklich der ganze Traum, komplett, hinuntergefallen ist.
So ähnlich muss es Frau Lot und natürlich Orpheus mit Eurydike ergangen sein.
Orpheus und Eurydike (Canova)
(Canova, Orfeo ed Euridice, Museo Correr, Venezia)

Das ist es.

Soviel wieder einmal zur Erinnerung.



Kribbelnahrung Samstag, 8. 1. 2005, 0:00

Es ist ein nicht unangenehmes Kribbeln, wenn dir beim Sturz eines Abfahrtsläufers oder Schispringers ein Hoppala auskommt. Das Fernsehen liefert diese Mitzitternahrung, hilft uns, das schöne Schaudern kollektiv und nicht ohne Mitgefühl zu speichern. Niki Laudas Unfall oder Hans Krankls 3:2 unterscheiden sich in ihrer emotionalen Wirkung letztlich nicht allzusehr, und so jung ich auch war, Jochen Rindt war bei mir nicht zuletzt durch seinen Tod so populär.
Die Kinder finden Falco geil, und auch mir fielen noch viele ins Nirvana oder sonstwohin vorausgegangene Gestalten unserer populären Identifikationskultur ein. Es würde aber allzusehr ausufern.
Sicher ist: Solange die Kamera daraufgehalten wird, wird uns nichts entgehen.
(Wenn uns auch das Video von Hermann Maiers Motorradunfall schmerzlich abgeht, so bleibt uns immer noch Morioka. Oder nine-eleven.)

Lesen Sie dazu auch Thomas Glavinic’ Kameramörder.



zuschauen Freitag, 7. 1. 2005, 0:00

Wie gesagt: Ich kenne das Gefühl, an einer (naturgemäß keineswegs mit der aktuellen vergleichbaren) Wasserkatastrophe nicht direkt, sondern lediglich als ungefährdeter Zuschauer Anteil zu nehmen: Münichholz als erhöhter Stadtteil war und ist vor jeder Flut sicher, und wenn in Steyr Hochwasser war, war das attraktivste, nicht über den Ramingbach zu können und den Schulbesuch leider versäumen zu müssen. Für uns Münichholzer (und wohl auch für die Ennsleitner und alle anderen höher angesiedelten Steyrer) hatte die Flut immer Sensationscharakter. Wenn mir meine Mutter erzählte, wie sie im 54er-Jahr mit den Zillen am Stadtplatz gefahren sind, habe ich mir das abenteuerlich, ja sogar lustig vorgestellt.

Europa z.B. ist so ein Münichholz.



Neujahrsgruß Donnerstag, 6. 1. 2005, 0:00

Wie ich am Neujahrstag meine Eltern angerufen habe, bin ich in eine emotionale Zwischenwelt gestürzt, auf einmal persönlichst betroffen und ohne den Schutz der nur einseitigen Bekanntschaft, wie sie in Projektion zu tragischer Prominenz von Jochen Rindt bis zum Enkel des thailändischen Königs besteht: Meine Mutter erzählte mir, dass mein Freund Josef mit seiner Familie der Flutwelle relativ leicht verletzt entkommen war. Ich hatte gar nicht gewusst, dass sie in der Katastrophenregion auf Urlaub waren und mich über meine anonyme Betroffenheit hinaus nicht gesorgt. Jetzt auf einmal musste ich mir augenblicklich die ärgsten Sorgen machen, und zeitgleich (eigentlich vorher schon) kam das Aufatmen, dass, um mit dem gestern beprochenen Herrn zu reden, Alles OK ist.
Sein Abheben beim ersten Klingelton war einer meiner glücklichsten Momente überhaupt. Schon merkwürdig, alle Gefühle von extremer Sorge bis totaler Erleichterung auf einen Emotionspunkt konzentriert zu erleben. Ich stelle mir vor, dass das eine Situation wie vor dem Urknall ist, wo alles (und sein Gegenteil) gleichzeitig und in höchster Dichte existiert.

Ich wünsche Ihnen, solche Erlösungen auch erleben zu dürfen. Es gibt sie, in jedem Leben, will ich hoffen.



Kapriolen Mittwoch, 5. 1. 2005, 0:00

Der Sturm am Morgen. Im Hof sehe ich das letzte Blatt, wie es sich löst und zu seinen wilden Kapriolen durch die Luft getrieben wird. Der Frühling könnte kommen, die Pappel wäre so frei.

Was aber ist der Wind gegen das Wasser.

Ich kenne das Gefühl, an einer Wasserkatastrophe nicht direkt, sondern lediglich als ungefährdeter Zuschauer Anteil zu nehmen: Münichholz als erhöhter Stadtteil war und ist vor jeder Flut sicher.

Ich stelle mir vor, wie es unserem feschen Herrn Finanzminister bei seinem glimpflich verlaufenen Tsunami-Erlebnis gegangen sein könnte auf den Malediven, male mir die Substanz der von ihm ohne jeden Zweifel mit wichtigen und wichtigsten Persönlichkeiten in seinem leider-nicht-mehr-Urlaubsparadies geführten Gespräche aus; ein gesteigertes Bedürfnis, materielle Hilfe zu leisten scheint im eigenen Aussagen zufolge demütig Gewordenen ja nicht aufgekommen zu sein, und + 100% von Null bleibt nun einmal Null (habe ich mir überschlagsmäßig ausgerechnet). Ich versuche in das Herz eines Menschen zu schauen, der angesichts zahlreicher Toter und Verletzter ringsum die Meldung Alles OK in die trockene Heimat schickt.
Ist das nicht die höchste Vollendung eines egozentrischen Weltbildes? Dürfen wir erwarten, dass, wenn der junge Herr G. sich durch den Klimawechsel beim Heimkommen (wir wollen’s nicht hoffen) einen Schnupfen geholt haben sollte, alle in seiner Nähe mit Schneuztüchln herumfuchteln und auch verkühlt tun müssen? Konsequent wäre es, und Er selbst empfände es, stelle ich mir vor, als durchaus angemessen.
Zur Komplettierung eines verheerenden Bildes: Es gibt Politiker, die auf ihr rhetorisches Ego verzichten, indem sie von sich selbst in der dritten Person sprechen; wenn es besonders persönlich wird, dürfen wir uns über ein heimeliges man freuen. Die Ich-Unbewusstesten sind nicht darunter, habe ich beobachtet. KHG jedenfalls, der uns in seiner demütigen Bescheidenheit wissen ließ, dass seine vorschnelle Abreise aus dem Paradies das Signal gewesen wäre, die ganze maledivische Volkswirtschaft zusammenbrechen zu lassen, verkehrt mit sich nur per Er (groß geschrieben, nehme ich an).

Dem traue ich nicht.



Praktisches Dienstag, 4. 1. 2005, 0:00

28. Dezember 2004: Ein Schritt ist getan. Ich habe widerstanden.
Obwohl, die praktische Sammelbox für bis zu 50 CDs oder DVDs hätte mit ihrem grauen Design gut zum Regal gepasst, und ich hätte meine Radiomitschnitte Platz sparend, dezent und elegant unterbringen können.
Diesmal aber habe ich den Eduscho ohne neues so praktisches TCM-Produkt verlassen. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber immerhin.
Andererseits, nüchtern betrachtet, die Box wäre schon recht praktisch gewesen. Hoffentlich haben sie es nächste Woche noch wo in einer Filiale. Umgekehrt, dieser Schritt aus der TCM-Knechtschaft ist auch ein Wert für sich (wenn auch nicht für die Firma Eduscho).

(Da es beim Schreiben dieser Zeilen bereits recht spät ist, werde ich die Sache noch einmal gründlich überschlafen. Und in der Folge für keinerlei Auskünfte über den Erwerb oder Nichterwerb des beschriebenen und wirklich sehr praktischen Produkts zur Verfügung stehen.)



Bergiselsternsinger Montag, 3. 1. 2005, 0:00

Im Sommer mit einem Tuppergschirr voller Wurstsalat einen Tag im Stadtbad zu verbringen, dann noch einen Tag und noch einen, das war das schönste im Jahr, was man in Steyr tun konnte. Dafür habe ich sogar das Cordoba-Spiel versäumt: Als ich an jenem brennheißen 21. Juni 1978 vom Bad kommend den Plenklberg hinaufging, muss wohl das 3:2 gefallen sein, denn aus dem Hochhaus, dort, wo Barth Robert wohnte, drang aus allen Fenstern gleichzeitig ein unglaubliches Geschrei, ich dachte schon I werd narrisch, die Geister vom Zirkus Krone, der ein paar Jahre vorher noch hier auf der damaligen Polizeiwiese gastiert hatte, rächten sich für die frevelhafte Bebauung mit Hochhäusern (zwei fünfstöckige, ein siebenstöckiges Wohnhaus). Der Geisterchor gab sich aber bald als Jubel zu erkennen, und auch ich war auf einmal sehr stolz auf unser kleines österreich. Das Bad war an jenem Nachmittag nicht so überfüllt gewesen, wie es bei so einem Wetter immer war, und langsam kombinierte ich die Zusammenhänge.

Wovon ich aber erzählen will ist, dass es neben dem sommerlichen (Stadt-)Bad eine schönste Zeit voll höchster Wichtigkeit gab, und das waren die Tage vom dritten bis zum sechsten (eigentlich: fünften) Jänner, Sternsingen.
Auch hier gab es, analog zum Ministrieren, Filettouren, etwa die, wo man bei den Furtners vorbeikam (Resi war der Altstar im Kirchenchor), es immer Würstel für alle und 1.000,- Schilling für die Kassa gab. Und natürlich die Tour zu den Bauern, die wurde am letzten Tag mit dem Kaplan als Begleiter von jenen Buben gemacht, die dem Alkoholgenußalter am nächsten standen. Manche Jahre sind dann auch so Starsternsinger dahergekommen, die haben nur die Bauerntour gemacht, einfach, weil sie schon alt genug waren, und ohnmächtig mussten wir jüngeren zurückstehen, katholische Tradition.
Am dritten war meistens der Einserabschnitt dran, oder (wenn bereits am zweiten begonnen worden war) der Zweier. Wichtig war vor allem, wenn wir wo hineingelassen wurden (nicht allzu oft, das hing auch vom Wetter und dem Zustand unserer Schuhe ab) nicht zu vergessen, zu erfragen, wie das Schispringen steht. Manchmal durften wir sogar bei ein paar unserer noch nicht so leichgewichtigen Idole live die Daumen vor den neuen Farbfernsehgeräten drücken.
Ich stelle mir vor, dass davon Toni Innauer und auch Karl Schnabl am Bergisel nicht wenig profitiert haben.



Kung Fu Sonntag, 2. 1. 2005, 0:00

Noch einmal zum Cola.
Bis zur Zweiten hatten war einen Mitschüler, Hofer hat er geheißen, er war pummelig und ein rechter Phlegmatikus, der hat jeden Tag mindestens zwei Liter Cola getrunken, ehrlich. Seine Eltern haben ihm das durchgehen lassen, dazu Chips und Erdnussflocken (diese fetten Engerlinge). Er war so ein verhätscheltes Nachzüglerkind, sein Bruder war schon Mathes- und Physiklehrer im Gym, wie wir selbst erst angefangen haben.
Dann ist Kung Fu mit David Carradine und der Musik von Carl Douglas aufgekommen, wo immer so Rückblenden auf die Lehrzeit im chinesischen Kloster waren, und wo sein alter und sehr weiser Lehrer jedesmal den Kiesel rechtzeitig vor dem blitzschnell zugreifenden Schüler Caine in seiner Hand verschließen konnte, und das, obwohl er blind war (das ist mir erst später aufgefallen)! Diese Fernsehserie jedenfalls hat Hofer Gerhard erweckt, und seine Schultage haben in der Folge darin bestanden, in rituellen Kämpfen mit Käfer René (ja, der Sohn vom Fußballer) manchmal bis weit in die Englischstunde hinein in todesverachtender Karate-Grätsche quer über die Schulbänke zu fliegen.
Das Gymnasium war seine Sache nicht, noch vor Latein hat er uns verlassen. Aber als Jugendlicher ist er mehrfacher Karate-Staatsmeister geworden. Ohne Leberschmerzen und gar nicht mehr so pummelig wie in der 2B.
Was aus Käfer René geworden ist, weiß ich nicht. Unsere Mütter haben sich gekannt, denn Frau Käfer ist heimgegangen, wie meine Mutter gekommen ist, damals im Juli 1965 im Steyrer Spital. Ich kann mich weder an René noch an seine Mutter erinnern, Sie werden sich vielleicht erinnern, dass ich meine erste bleibende Erinnerung am 15. Dezember 2004 beschrieben habe.



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