Entkommen (22) – kombabisch Dienstag, 16. 8. 2016, 12:00

Johann Gottfried Seume verdanken wir die Hinüberrettung des schönen Wortes Kombabusierung als Synonym von Entstellung, Kürzung, und zwar in ambivalentem Sinn: »Das Stück selbst [Gustav Friedrich Großmanns (1746–1796) Nicht mehr als sechs Schüsseln; es gilt als erstes sozialkritisches Zeitstück Deutschlands, Anm.] war beschnitten, und ich erwartete nach der Gewohnheit eine förmliche Kombabusierung, fand aber bei genauer Vergleichung, dass man dem Verfasser eine Menge Leerheiten und Plattheiten ausgemerzt hatte, deren Wegschaffung Gewinn war. Verschiedene zu grelle Züge, die bei der ersten Erscheinung vor etwa fünfundzwanzig Jahren es vielleicht noch nicht waren, waren gestrichen. Aber es war auch mit der gewöhnlichen Dresdener Engbrüstigkeit manches weggelassen worden, was zur Ehre der liberalen Duldung besser geblieben wäre.« (9.12.1801)
Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus. München: dtv, 1985 (S. 13).

Kombabus war nach Lukians Erzählung ein Syrer, der von König Antiochos Soter zur Begleitung seiner Ehefrau auf ihren Reisen bestimmt wurde. Der Erzählung nach kastrierte sich Kombabus vor Antritt dieser Reisen und übergab dem König zum Nachweis des vorgenommenen Eingriffs die entsprechenden Körperteile in einem verschlossenen Behälter. Als er später beschuldigt wurde, sich mit der Königin sexuell eingelassen zu haben und bereits zum Tod verurteilt war, rettete ihn die Öffnung dieses Kästchens. Christoph Martin Wieland (1733–1813) behandelte die Sage in der Verserzählung Kombabus (1771). In der Vergangenheit galten daher auch kombabusieren oder kombabisieren als Synonyme für eine Kastration.

(Bleibt die Frage, ob schlichtes Herunterlassen der Hose nicht besser geeignet wäre, die zweifellose Unfähigkeit zu einer unstattgemäßen Kohabitation zu beweisen. In der Schatulle könnte ja das Stück eines anderen aufbewahrt worden sein, gibt es doch so allerhand in Verse geschmiedete Freundschaftsdienste in jenen antikenseligen Zeiten: Wer weiß, wer in diesem Bunde der Dritte gewesen sein mögen hätte können. (Man gewähre ihm die Bitte.)

Zitiert nach Wikipedia/Kombabus [10.8.2016] (U. a. um die Jahreszahlen ergänzt).



Entkommen (21) – Der Erschöpfung Montag, 8. 8. 2016, 12:00

»Weniger Fleisch essen, weniger fliegen, gut isoliert wohnen.«
Tipp zum Welterschöpfungstag, gegeben im Radiojournal des 8.8.2018 um 8 Uhr.

Also beim isoliert Wohnen sind wir im Österreich schon Weltmeister, es kommen so ja auch weniger Fliegen herein, es gibt für die ja heutzutage recht taugliche Gitter. Red’ uns also keiner an zwengan Fleisch.
(Wer dringe denn auch durch in unsere Wattewelt?)



Entkommen (20) – Dem Epigonentum (2) Sonntag, 31. 7. 2016, 12:00

Einem seit Erscheinen des zuletzt geschalteten Beitrags vom 26. Juli 2016 massenhaft geäußerten Wunsche nachkommend, und weil ich es als meine genuine Pflicht betrachte, will ich hier versuchen, eine möglichst lückenlose Liste meiner Poly-Epigonie, mithin der mir bewussten Quellen kreativer Selbstbedienung, deren Ergüsse in mein Werk OPERAN! geflossen sind, zu veröffentlichen. Sie muss, das liegt in der Natur der Sache, unvollständig bleiben; schon jetzt bitte ich also mein p.t. publico, mich auf allfällig vergessene Einflussnehmer so dezent hinzuweisen, dass ich mein Gesicht wahren kann. Ich gelobe – nach eingehender Prüfung – niemandes Namen zu unterschlagen, von dem irgendein Einfluss auf mein Werk ausgegangen ist. (Im Gegensatz zu den anderen Beiträgen in diesem Blogbuch werde ich diesen Artikel also von Zeit zu Zeit erneuern, eben, um neu gewonnene Erkenntnisse einzuarbeiten.)

Die Aufzählung kann selbstredend lediglich über die Vornamen meiner vorangehenden Kollegen Auskunft geben: Da ich mir ihr Werk (oder zumindest Parameter daraus) derart angeeignet habe, dass davon Anregungen mehr oder minder direkt in meine Arbeit einfließen konnten oder mussten, kann man von einer – wenn auch zeitversetzten, so doch sehr persönlichen – privaten, ja: intimen Beziehung reden, und mit so jemandem verkehrt man per Du.

Meine mit tiefer Verbeugung dargebrachte höchste Wertschätzung gilt also folgenden Freundinnen und Freunden*:

Charles, Ernst, Franz (2), György, Helge, Jacques, Ludwig, Richard, Werner.

Danke und – weiter so! Gemeinsam schaffen wir das!

Bertl
________________________
* Weil ich keinesfalls irgendetwas vertuschen will (wozu auch!?), reiche ich hier auch sämtliche Nachnamen äh nach (gleichfalls in alphabetischer Reihung): Beethoven, Ives, Jandl, Kafka, Ligeti, Pirchner, Schneider, Schubert, Tati, Wagner.



Entkommen (19) – Dem Epigonentum (1) Dienstag, 26. 7. 2016, 12:00

Natürlich will jeder kreative Mensch Neues, noch nicht da Gewesenes schaffen. Den meisten gelingt lediglich so noch nicht da Gewesenes, und das ist allerdings bereits allerhand: Wir entkommen nicht unseren Vorbildern, mögen wir uns ihrer bewusst bedienen, unbewusst oder qua Negation (ein Anrecht der emporstrebenden Jugend). Wenn schon, dann sind es ein paar Millimeter, und wenigen ist es vergönnt, dass just ihre paar Millimeter Umbrüche größeren Ausmaßes bedeuten oder auslösen – oftmals mit der Verzögerung einer nicht unbeträchtlichen Latenzzeit (Inkubation). Bleiben wir also bescheiden und bekennen wir uns freimütig zu unserem grundsätzlich unentrinnbaren Epigonentum. Wer sich hingegen seiner epochemachenden künstlerischen Eminenz völlig sicher ist und dabei aber bescheiden wirken will, rede sich selber klein, winke ab und schwafle in Künstlergesprächen von seinem zwergenhaften Riesenschulterstehen, »Mag mein Werk als hochgradig individuell gefeiert werden, ich sage Ihnen, es kann allerhöchstens poly-epigonal genannt werden.« So ist allen geholfen, und der Künstler hat, zu seinem Staunen machenden Werk dazu, transdisziplinär ein neues, ehrliches Wort kreiert, voll eigenständig, ohne Vorläufer und mit etlichen populistischen Abkupferern und Umpfallern.
Nun wissen alle: Wir haben es mit einem Ganz Großen zu tun. Später wird man behaupten, dabei gewesen zu sein und sogleich die epochemachende Tragweite erkannt zu haben, damals im 16er-Jahr.
Anders gesagt: Dem Epigonentum ist nicht zu enkommen. Weder aktiv noch passiv.



Entkommen (18) – Dem Kreisverkehr Sonntag, 24. 7. 2016, 12:00

(1) konventionell: Gewünschte Ausfahrt anvisieren – rechts blinken – abbiegen. Gegebenenfalls – wurde die Ausfahrt nicht rechtzeitig ergriffen – kann über 360° hinaus gekreist werden: Alles kommt immer wieder.
(bewährt, irgendwie faad)

(2) System Hammerwurf: Beschleunigen – Lenkrad festhalten – wenn die Muskelkraft dafür nicht mehr ausreicht: loslassen.
(Action-Effekt)

(3) Dem Kreisverkehr an sich: Den Innenminister beauftragen, den Landeshauptmann (den LH) zu verhaften. Jedoch: Da der Innenminister vom LH sowohl bestellt als auch dirigiert wird, scheidet diese Methode aus.

Wir müssen erkennen: Dem Kreisverkehr an sich ist nicht, weder ent- noch beizukommen. Es bleibet die Wahl zwischen Action und Fadesse. (Bis auf weiteres, und das ist aber bitteschön keine Drohung!)



warnung Donnerstag, 21. 7. 2016, 8:27

ACHTUNG
WACHHUND

damit ist eigentlich alles gesagt, in größter klarheit zudem und ohne alle drohung oder hüstelwitz. bei legasthenikern dürfte bereits ein wort genügen.
ich bin für ACHTUNG. und kann (obwohl kein legastheniker) auf den wachhund verzichten.
(zur nachahmung empfohlen.)



Schule des Staunens 18.3 Mittwoch, 20. 7. 2016, 12:00

Noch Anfang der sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts waren Blockflöten in Australien nicht erhältlich und mussten importiert werden. Ähnliches wird für hierzulande von Didgeridoos berichtet, die wir uns zu jener Zeit als bei uns noch gänzlich unbekannt vorstellen müssen. Ein wohltuend großes Schweigen also, hier wie dort.

Bis heute ist es ambitionierten Köchen nicht möglich, das schmackhafte Emu-Fleisch nach Europa einzuführen. Ob es demnächst in Großbritannien erhältlich sein wird, werden die Verhandlungen der kommenden Monate zeigen. Emus aber gelten als paradigmatisch blöd, was immer das nun auch in diesem Fall bedeuten bzw. bewirken mag.



Entkommen (17) – jedweder Marter Dienstag, 19. 7. 2016, 12:00

Viktring, der berühmte Freskensaal: Schweift der Blick (er schweife nicht!) nach oben, so sehen wir, von weißem Stuckputz eingerahmt, schlecht ra- und frisierte, gealterte Athleten mit holzapfelroten Wänglein und ihren wie Trainingsgeräte präsentierten, ihre von Höchster Stelle approbierte Marter bezeugenden Werkzeugen (Sägen, Kreuze in diversen Designs, Schwerter,…), weiters eine Schlange mit den Ohrwaschln eines Llamas, die die Bösen ins Höllenfeuer expediert.
Bitte das alles abhängen! – Es kehrt im Leider-nicht-Trance-Konzert das Konzept der (hegelschen) schlechten Unendlichkeit nur umso schonungsloser hervor.
Wie gut, sich bei den in jeder Hinsicht zweifellos gaanz Braven wissen zu dürfen.

Merke zudem: Die Zeitgemäße Form eines Martyriums ist die einer unverbindlichen Vorausleistung, ohne explizite vorherige Vertragsvereinbarung. Passt die Form (sagen wir zehn ungeplante Mitmärtyrer aufwärts), wird der Inhalt in aller Regel im Nachhinein bereitwilligst approbiert. (Die – möglicherweise bittere – nachgestellte Frage: War’s nicht immer so? … Durch welches wie verkehrt gehaltene Brennglas betrachtet man die Welt und das behauptete Dahinter, Drunter & Drüber!?)



Schule des Staunens 18.2 Montag, 18. 7. 2016, 12:00

Einige Thesen/Fakten zu Australien

• In Australien gibt es keine essbaren Pilze.

• Noch Anfang der sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts waren Blockflöten in Australien nicht erhältlich und mussten importiert werden.

• (1) Die Nullarbor-Ebene heißt nicht etwa so wegen der (nur vorgeblich) fehlenden Bäume, sondern weil ein expansionistischer norditalienischer Reisproduzent nach etlichen Versuchen einsehen musste, dass hier kein Risottoreis zu ziehen ist (»null’ Arborio«)
(2) Nein, die Nullarbor-Ebene beherbergt den Highway to Hell (seit Juli 1979)
(3) Ganz baumlos ist Nullarbor-Ebene dann aber doch nicht. Aber völlig reislos. (Womit These 1 bestätigt wäre und die Nullarbor-Ebene der Lüge überführt.)

• Der Emu ist ein blödes Vieh, das versucht, intelligent dreinzuschauen. Hat was. Gelingt aber nicht. (Wir kennen das aus dem veröffentlichten Leben.)

• Das Schnabeltier verfügt über einen betörenden Gesang, ähnlich dem des Schwans. Deswegen wird es im Idio- bzw. Soziolekt der Australoologen (das sind die Australo-Zoologen) umgangssprachlich, jedoch durchaus zärtlich ›cygnus antipodicus‹ genannt. Ihr Standpunkt ist, nebenher gesagt, dass nicht das Schnabeltier als Irrläufer der Evolution zu betrachten sei, sondern der Rest (inklusive dem Biber, wie er im Marchfeldkanal in Wien-Floridsdorf schwimmt – und staut).

• Die erste Begegnung mit einem Schnabeltier markiert einen magischen Wendepunkt auf Charles Darwins Reise zur Erkenntnis: »Glaubt jemand nur seinem eigenen Verstande, könnte er ausrufen: Gewiss müssen hier zwei verschiedene Schöpfer am Werk gewesen sein.« Indes, was meine erste Sichtung eines Bibers im Marchfeldkanal in Wien-Floridsdorf ausgelöst haben wird, wird dereinst die Nachwelt zu klären haben: Künstler schaffen Arbeitsplätze, über den Tod hinaus…

• Das Schnabeltier wurde auch als Beispiel dafür angeführt, dass Gott Humor (gehabt, pers. Anm.) haben muss.

• Die Schnabeltasse hat ihren Namen vom Schnabeltier – oder umgekehrt. Diese Frage bedürfte einer dringlichen Klärung. Man beachte zudem die Nähe des Schnabeltiers zur Wärmeflasche vulgo Thermophor (Phänotyp): Wir dürfen also von einer wie auch immer der Gesundheit zuträglichen Wirkung des Schnabeltiers ausgehen.



wort des tages Freitag, 15. 7. 2016, 12:14

uhudlerengpass
orfon

uhudlerengpass. bereits heute darf prophezeit werden, dass wir es mit dem wort der jahres zu tun haben: non plus ultra.



Schule des Staunens 18.1 Dienstag, 12. 7. 2016, 12:00

Sonntag, 17. Juli 2016, 15.00
Stift Viktring (A), Marienhof
walkabout
ein Vortrag klingender Gedanken aus der Schule des Staunens
völlige Neukonzeption (UA: 2001, Sammlung Essl)
Bertl Mütter, Mut- und Wunderhorn, Vortrag
(garantierter Didgeridooverzicht)

»Schöpfungsmythen der Aborigines berichten von den legendären totemistischen Wesen, die einst in der Traumzeit über den Kontinent wanderten und singend alles benannten, was ihre Wege kreuzte – Vögel, Tiere, Pflanzen, Felsen, Wasserlöcher –, und so die Welt ins Dasein sangen.«
Bruce Chatwin: Traumpfade – The Songlines (1987), aus dem Englischen von Anna Kamp. Frankfurt/M.: Fischer, 1992. (S. 9)

Grundlegend ist die Musik (zu der auch die gesprochene Sprache gehört) mein Werkzeug, um außermusikalische Phänomene zu untersuchen. Diesmal begebe ich mich mit ihr auf einen explizit imaginären Weg, durch Raum und Zeit. Es erklingen (keine gewöhnlichen) Lieder, als akustische Landkarten eines wohlgeplanten – und deshalb ungeahnten – intiatorischen Wegs in den Grauzonen der Wahrnehmung, Pfade, die erst im Traumwandeln real werden – und die zugleich doch in der Tagwelt erfahrbare Auswirkungen haben. Dabei wird Flüchtiges, Unnützes hörbar. (Und was für einen Nutzen hat eigentlich die Musik?)

Auf meinen Wegen trete ich als Subjekt zurück, werde als gewissermaßen Dritte Person zum Kommentator einer Reise ins Unbekannte, Geahnte.

Traumpfade als Gehörgänge, Lebensknoten. Zu einem (welchem?) Goldenen Zeitalter?

Grundprinzip sei, die Dinge in Bewegung zu halten. Spazieren also, nicht eilen und schon gar nicht hetzen, zwischen den vielfältigsten Assoziationsangeboten pendeln: jaywalking (›Eine Straße regelwidrig, unachtsam bzw. rücksichtslos überqueren und dabei sich selbst und/oder andere gefährden.‹): JAYWALKABOUT. Jeder trombonophile Jazzmusiker weiß es sogleich: Jedem Jay sein Kai; auf die zu begründende Dichotomie ›Blockflöte – Pilze‹ übertragen heißt das: Was es nicht alles nicht gibt, (nicht nur) in australis. Und jedes Meer war seit eh und je von einer Landmasse umgeben; neueste Ausnahme-Erkenntnisse bestätigen lediglich diese Regel. Wie ja auch nicht das Schnabelteier als Irrläufer (eig.: -schwimmer) in Gottes Evolution zu betrachten ist, sondern der Rest im Verhältnis zu diesem: »Wir wollen es, das Schnabeltier!«, bekennt Robert Gernhardt, und wer wollte da widersprechen, wie wortgewaltig gar?



zwischenfrage u.a. ans brucknerorchester Sonntag, 10. 7. 2016, 20:12

warum klingt bei symphonieorchestern, die (oder deren angloamerikanische dirigenten) jazz spielen wollen müssen, das schlagzeug immer nach schuhschachtel? und das saxophonsolo maximal wie jaggerty sax? aber voll echt jäzz und authentisch.
merke: der blues ist in the shoes, not in the box.



weiß nicht Freitag, 8. 7. 2016, 18:18

latte – der goldene kuhsaft aus der natur – ja! natürlich!
lkw-aufschrift (hinten)

noch besser geht’s wirklich nimmer: wenn sie einen mit dieser summe an ergüssen beschriebenen lkw (rumänisches kennzeichen) antreffen, ihn gar auf der autobahn überholen (seitlich kauert ein über und über mit weißer creme beschmiertes, verwegen dreinschauendes und zu zumindest fünf sechstel nackiges sog. junges ding), grüßen sie ihn (meinetwegen gerne auch es) von mir.
ich indes steige endgültig um auf härteres, weiß aber nicht, ob es das nun noch geben kann.



nicht leicht Samstag, 2. 7. 2016, 11:13

laster verlor 40 tonnen sägespäne
orfon

das wiederauffinden verlorener sägespäne gehört zu den aufwendigsten arbeiten, die man sich vorstellen kann. knifflig, nachgerade.



Entkommen (16) – Flucht, konkret Freitag, 1. 7. 2016, 12:00

Flucht.
5.
Der Fliehende sucht durch Orakel zu erfahren, wie seine Flucht verläuft. Begegnet ihm eine Fledermaus, dann ist es ein gutes Zeichen; denn sie fliegt ohne Federn. Der Sperling dagegen ist ein böses Vorzeichen; denn während er vor dem Habicht flieht, fliegt er der Eule entgegen.

Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Band 2 (C.M.B. – Frautragen), Sp. 1657. [vergriffen, aber nicht obsolet]



hois! Donnerstag, 30. 6. 2016, 8:43

spaziergänger zog frauerl und pudel aus der trattnach
oberösterreichische nachrichten

das ist eine sehr löbliche tat, danke, lieber spaziergänger! vor allem auch für die zusätzliche errettung des nach jahrzehnten der schmähung sich glücklicherweise wieder hoher beliebtheit erfreuenden paradefrisurtiers, in oberösterreich liebevoll bul genannt, man rief es früher meist bläkki oder birga. danke, weil was wäre ein frauerl (oö: fraual) ohne bul? und, vor allem, in welchem wie aufgeladenen abhängigkeitsverhältnis stünde dann der (zumeist arglose) spaziergänger?



Entkommen (15) – Flucht, konkret Mittwoch, 29. 6. 2016, 12:00

Flucht. 
3.  Besteht auf einer wirklichen Flucht die Gefahr, dass der Verfolger den Fliehenden erreicht, dann braucht dieser nur Dinge wie Spiegel, Kamm, Bürste oder was er sonst bei sich trägt, hinter sich zu werfen. Diese verwandeln sich nämlich auf magische Weise in Berge, Wälder, Seen, die den Verfolger hemmen. Diese sog. »magische Flucht« ist ein Märchenmotiv, das über die ganze Welt verbreitet ist. Von deutschen Märchen seien erwähnt: Fundevogel, Wassernix, Liebster Roland, Königskinder. Eine magische Flucht ist auch der Zug der Israeliten durch das Schilfmeer; zu dieser Geschichte findet sich eine genaue Parallele in einem Märchen der Wadschagga am Kilimandscharo. – Ursprünglich verwandeln sich nicht die ausgeworfenen Gegenstände; sondern der Verfolger wird dadurch gehemmt, dass er sie aufnimmt und sich mit ihnen beschäftigt.

Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Band 2 (C.M.B. – Frautragen), Sp. 1655. [vergriffen, aber nicht obsolet]



kehrvers Dienstag, 28. 6. 2016, 8:25

es gibt veranstaltungen, wo einen allein der besuch schon zum zweifelsfrei guten menschen adelt: wir stellen unsere weltumarmung aus und klatschen auf 1 und 3 (aber ganz anders als die dumpfen schunkelklatscher) bei diesen functional sounds mit. zur herstellung einer solchen synkretistischen musik nehme man: bissl alpin, bissl rock mit stromgitarre, bissl flügelhornjäzz, bissl flamencogefudle. was herauskommt und uns sowas von gut schmeckt, ist sich als vegane büffelmozzarella gerierender analogkäse zum hören. eine art musik, die man opportunistisch nennen muss, und herbert pixner ist ihr prophet.

da ist alles falsch: glatt ist verkehrt.



Entkommen (14) – Sammeln Mittwoch, 22. 6. 2016, 12:00

Sammeln. Der Versuch, mit einer selbstgemachten Welt jener Welt, in der wir leben, die Stirn zu bieten. Die Bestandteile, aus denen der Sammler seine Welt zimmert, sind aus der Lebenswelt gestohlen, ihrer angestammten Funktion beraubt, aber als ehemalige Weltbestandteile dennoch Zeugen dafür, dass sich der Sammler nicht restlos von dieser Welt verabschiedet hat (an der er ohnehin in der einen oder anderen Form noch teilhaben musss). Das Exil der Sammlung ist kein vollständiger Auszug aus der Welt und keine vollständige Aufkündigung des Weltvertrauens. Sammeln bedeutet, sich die beste der einem selbst möglichen Welten zu erschaffen.

Andreas Urs Sommer: Die Kunst, selber zu denken. Ein philosophischer Dictionnaire. Frankfurt/M: Eichborn, 2002 (S. 227f).



Entkommen (13) – Abheben Montag, 20. 6. 2016, 12:00

Merke jedoch (Berthold Buntspecht spricht):
»Wir dürfen den Ast, auf dem wir sitzen, erst ab-
sägen, wenn wir fliegen können.«
Robert Gernhardt



Schule des Staunens 17.3 Donnerstag, 16. 6. 2016, 12:00

Ich habe die Nase allmählich voll mit den Wiener Zuständen. In letzter Zeit habe ich besonders ekelerregende Erfahrungen gemacht (…), ich neige sonst nicht zur Paranoia, doch werde, falls ich in Wien bleibe, allmählich einem Verfolgungswahn zum Opfer fallen, ich denke allmählich ernst darüber nach, anderswohin zu ziehen, nach Deutschland oder nach Skandinavien, denn man kann nicht ewig in einem resonanzlosen, ja schalltoten Raum leben und arbeiten, das wirkt verstummend und verstümmelnd auf die Arbeit zurück, doch genug vom Nörgeln.
György Ligeti, Brief an Harald Kaufmann, 4.1.1968.

(Aus meinem Manuskript zur Schule des Staunens vom 11.6.2016. Wird auf Nachfrage gern als .pdf zugesandt.)



Schule des Staunens 17.2 Sonntag, 12. 6. 2016, 12:00

Eine ausgewogene Zufriedenheit (nicht zu verwechseln mit Friedhofsruhe, wo jede Individualität zurechtgeschoren wird) schien als Wolke im Saal zu stehen und verblieb, lange noch. Die Kombination Ligeti – Purcell, in wohltuend applausloser Abfolge dargebracht, erwies sich als kunstvoll austarierte Einheit. Die (gewissermaßen) totalen (nicht: totalitären!) Klänge Ligetis wurden durch die stille Innigkeit Purcells gefasst, ermöglichten zwischendurch ein Zurechtrücken der Organe, Magnetisierung, bevor es wieder (man verzeihe das abgegriffene Bild) hinausging ins All. Wobei »San Francisco Polyphony« (1973/74) mir fast wie eine imaginäre 37. Symphonie Mahlers erscheinen musste bzw. durfte.

Nach meinem Zwischenspiel sprach mich eine von einem Herrn begleitete Dame mit einem Akzent, der mir ungarisch vorkommen musste, an. Ob das ich sei, der den Text in der Ankündigung verfasst habe, diese Worte über Ligetis Grab am Wiener Zentralfriedhof? – Ja, der sei von mir. – »Ich danke Ihnen vielmals, das hat noch keiner in aller Kürze so zutreffend gesagt. Es trifft genau unsere Absichten: Wir sind nämlich die Architekten
[Aneta Bulant-Kamenova & Klaus Wailzer; und, ja, bulgarisch (oder zumindest mit slawischem Einschlag) hätte es mir getönt, wären meine Ohren nicht vom Thema geblendet gewesen: man nimmt halt immer das wahr, was man zu wissen meint. Indes, die Welt ist weit weiter.]

Was jedoch die bestürzend rückstandslose Kraftmeierei von »Ein Heldenleben« mit der innigen Intensität zuvor zu schaffen haben könnte, hat sich leider nicht erschlossen: Es bleibt einem nach dieser aufwendigen (und höchstvergeblichen) Demonstration vorgeblicher Stärke eine Art verkaterter Nachgeschmack in den Ohren. Natürlich, ein tourendes Orchester (eines vom Rang der Bamberger gar) möchte seine Brillianz vorführen, und was hat man auch dagegen aufzubringen, wenn es der Chefdirigent im vorletzten Konzert seiner Amtszeit noch einmal so richtig krachen lassen will. Ob das aber nicht auch mit feinstofflicheren Klängen möglich wäre (sagen wir Bartóks – oder Lutosławskis – »Konzert für Orchester«, oder etwa Janáček, Martinů, Hartmann,…), muss als ratlos gestellte Frage im Raum stehen bleiben. Die keinesfalls konfliktfreie und doch seltsam wohlige Wolke im ersten Teil war da von ganz anderer, kathartischer Qualität. Aber vielleicht muss es so sein: Vergegenwärtigen wir uns die Situation am Zentralfriedhof, wo in unmittelbarer Nachbarschaft zu Ligetis Grab protzig-dominant ein theatralisch verdeckter Stutzflügel aus fettem Marmor (samt Blechrose) an Udo Jürgens erinnern soll, Nummer 1A, was sonst. Der schlichte Glasmonolith für Ligeti spricht da eine ganz andere Sprache, eine die sich mitteilt, dialogisch: Es gilt weiter zu hören.

Mit den Menschen, die zu meinem Nachspiel gefunden haben, durfte ich die gemeinsame Imagination allergrößter Musik erleben.

Danke allen Ermöglichern.
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NB: Meine Manuskripte zur Schule des Staunens (.pdf) gibt’s gern auf Nachfrage.



lokalwechsel Donnerstag, 9. 6. 2016, 12:31

mense maio wird nahezu täglich in diesem praktisch beim traumschloss gelegenen hotel traumhochzeit gefeiert, gestern waren ina und ulf dran. am für diesen teil des landes wohl verrucht späten morgen (9.30!), da man die gestern noch als chiffonbonbon drapierte braut zum glück aller nur noch an ihrer liebenswürdigkeit erkennt, wird beim frühstücksbuffet halblaut gewitzelt, wobei die redehand leicht ein- und auswärts fächelnde bewegungen vollführt, es muss etwas geheimes, schelmisches bedeuten, alles streng im spaß, den ein jeder versteht. wo sich der bräutigam befindet, ist indes noch unklar: man wird ihn finden.
weit, sehr weit weg, wenn er mumm hat.



ganz ungezwungen Dienstag, 7. 6. 2016, 8:17

auch im vierten durchgang hielt der serbe murray ständig am laufen und zwang den weltranglistenzweiten zu unerzwungenen fehlern
orfon

jetzt wirds, wie stets in der hiesigen sportpublizistik, philosophisch. und als von grundauf philosophischste aller menschengattungen (österreicher) jubilieren wir, als hätte unser thiem gewonnen, weil wir nunmehr über eine (zusätzliche) generalausrede verfügen, die sich bestens und von selbst in unser stets selbstmitleidbereites sein integriert: »was hätte ich machen sollen, er (sie, die welt insgesamt) hat mich beständig zu unerzwungenen fehlern gezwungen!« als zusätzlicher trost bleibet die zusicherung, damit zum weltranglistenzweiten aufzusteigen. so können wir zudem unseren dackelblick behalten und steigen damit (bei uns) zur position »erster der herzen« auf. davon kann uns keiner mehr verdrängen, und wenn, dann nur mit dem aufzwingen unerzwungener fehler.
weiterhin gilt: ein jeder hat das recht, jene fehler zu machen, die er für richtig hält.



Schule des Staunens 17.1 Sonntag, 5. 6. 2016, 12:00

Samstag, 11. Juni 2016, 19.30
Wiener Konzerthaus (A)
, Wotruba-Salon – Pause und nach dem Konzert*
Schule des Staunens Zwischen– und Nachspiel
György Ligeti und Harald Kaufmann
Über die Möglichkeit der Freundschaft von Wissenschaft und Kunst
Bertl Mütter, Vortrag und Posaune

Ligetis Grab am Wiener Zentralfriedhof ist von einer unsentimentalischen Schlichtheit und erscheint – wie jenes von Franz West – wohltuend dem Leben zugewandt. Unbeholfen unter fettem Marmor verdeckte Konzertflügel können das kaum: Künstler brauchen Menschen, die ihnen wesentliche Fragen stellen.
Hier geht es um György Ligeti und Harald Kaufmann, seinen engsten Freund nach der Emigration aus Ungarn. Beide haben sie jenen gekrümmten Blick, damit das Detail dran hängenbleibt (Jules Renard).
Was für ein Glück.

http://www.viennatouristguide.at/Friedhoefe/Zentralfriedhof/Index_33_G/Bilder_33G/west_s0a.jpg

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*Das Konzert, auf das sich meine staunenden Überlegungen beziehen, beginnt um 19.30 im Großen Saal.

Interpreten

Bamberger Symphoniker–Bayerische Staatsphilharmonie, Orchester
Hille Perl, Frauke Hess, Julia Vetö, Christian Heim, Violae da Gamba
Jonathan Nott, Dirigent

Programm
György Ligeti
Atmosphères (1961)
Lontano (1967)
San Francisco Polyphony (1973-1974)

– jeweils im Wechsel mit –
Henry Purcell
Vierstimmige Fantasien für Streicher (1680)
***
Richard Strauss
Ein Heldenleben. Tondichtung für großes Orchester op. 40 (1898)

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NB: Meine Manuskripte zur Schule des Staunens schicke ich Ihnen auf Nachfrage gern als .pdf zu.



zum hadern Freitag, 3. 6. 2016, 10:45

christliche araberin ist israels schönste transsexuelle
orfon

das sitzt. oder, anders ausgedrückt: was ist jetzt bitte mit den zuckerkranken kurden?



datenschutz ist personenschutz Mittwoch, 1. 6. 2016, 10:44

»wolle sie mir ihre zimmenumme gebe?« fragt die gezielt auf mich zustechende dame beim frühstück diskret und, so will es scheinen, mit einem aufgeräumten blinzeln. was ich sogleich entrüstet von mir weise, außerdem komme ich heute nacht wirklich erst sehr spät nach hause, und da will ich bitte schlafen.
sag ich natürlich nicht und murmle, so neutral-freundlich mir in aller früh zu gebote steht, meine zahl (die ich hier nicht verraten möchte).



wieviel? Montag, 30. 5. 2016, 10:43

das hotel ist nahe am schlosspark. das zimmer nummer 319, zweites obergeschoß, wurde von einem fräulein (mrs.) kaninchen gereinigt. ich kann mir nicht vorstellen, wieviele tonnen handtücher tag für tag in den hotels nicht nur dieser welt völlig unnötig gewaschen werden. für fragen, wünsche oder anregungen wende ich mich bitte an die rezeption.



ominös Samstag, 28. 5. 2016, 9:11

im fond. die herren wollen, voll lauterster absicht, charmant sein und bedanken sich bei der fahrerin. man sei sehr zufrieden, seitens der veranstaltenden festspiele eine derart nette und kompetente chauffeuse geschickt bekommen zu haben. freundlich und wirsch (keinesfalls unwirsch) werden wir belehrt, dass man das [öse]-wort, in deutschland, nicht mehr gebrauchen darf, sonst (…), weder chauff noch fris, und schon garnicht mass. als im französischen angelernt-alertem muss einem sowas weh tun, aber was soll’s. an einer hydrantin steigen wir, leicht betropezt, aus. jedoch – damit es gesagt ist –, wenn es auch weniger ungesund ist, als es aufs erste scheinen mag: eine frittörin kommt mir bitte nicht ins haus!



Schule des Staunens 16.4 Mittwoch, 25. 5. 2016, 12:00

Unter allen nur unzureichbar interpretierbaren Komponisten erscheint Schubert als der unerreichbarste: Artur Schnabel, gewissermaßen der Entdecker (der An-den-Tag-Bringer) der Schubert-Sonaten, wusste darum und nannte sie »Kompositionen, die besser sind, als man sie aufführen kann.«

Glenn Gould, dieser tragische Hyper-Perfektionist (denken wir nur an seine Tonbandschnipseleien), hat überhaupt keinen Schubert aufgenommen: Lediglich in einer kanadischen Fernseh-Dokumentation aus dem Jahre 1959 (»Glenn Gould Off the Record«) findet sich eine Perikope von lediglich 47 Sekunden, da spielt und singt er in seinem Landhaus, nachdem er seinem Gesprächspartner die rhetorische Frage »Is this shy music?« gestellt hat, den Anfang des ersten Satzes von Schuberts 5. Symphonie in Bb-Dur an, wobei er recht recht unbekümmert in die Tasten greift, auch in den Gatsch, wie wir sagen. – Tut das gut, Imperfektes, mithin Menschliches (jenseits der bekannten, gepflegten Marotten und Exzentritäten) von so einem musikalischen Erzengel miterleben zu dürfen: Das entdiminuisiert unsereins! Und: Ist’s auch das Einzige, was wir von Gould über Schubert haben, so hat er doch in dieser rhetorischen Frage ganz gut den Kern der Angelegenheit getroffen. Sowas kann auch nicht ein jeder. 
In den Kommentaren, wie sie auf youtube üblich sind, sehnt sich ein Gould-Fan aus New York City an diesen geweihten Ort, möchte unverzüglich aufbrechen, bremst sich allerdings gleich wieder ein, indem er mit befremdlicher Gewissheit mutmaßt, dass sich dort wohl inzwischen, wie überall auf der Welt, alles zum Schlechteren verändert haben dürfte. (Muss wohl Wiener Vorfahren haben, wenn er derart ansatzlos zu måtschkern in der Lage ist.) Dem Kommentar wird mit schlagend-affirmativem amerikanischen Optimismus gekontert: »As long as you idealize the past the present will always disappoint.«

Auch Friedrich Gulda hat sich bei Schubert merklich zurückgehalten – angeblich, weil er sich vor der seiner Musik innewohnenden suizidalen Tendenzen bewahren wollte: »Mein Verhältnis zu Schubert ist bis heute eines von äußerster Zurückhaltung und Scheu, ja geradezu Furcht. (… ) Von dieser (…) zutiefst wienerischen Schubert’schen Grundstimmung angesteckt zu werden, empfand und empfinde ich bis heute als existenzielle Gefährdung. Mich in sie heineinfallen zu lassen, wie es ja eine ernstzunehmende Interpretation erfordert; als Urwiener um diese Schubert’schen Abgründe wissend mich ihnen gänzlich hinzugeben; das eben erzeugt bei mir erwähnte Scheu, Zurückhaltung und Furcht.» Auf Wienerisch sagte er es dem ORF-Produzenten Gottfried Kraus eines Novemberabends in den späten Achtziger Jahren auf der Straße so: »Då kaun i mi jå glei umbringan.«

(Aus meinem Manuskript zur Schule des Staunens vom 19.5.2016. Wird auf Nachfrage gern als .pdf zugesandt.)



Schule des Staunens 16.3 Montag, 23. 5. 2016, 12:00

Wir befinden uns inmitten einer Konzertreihe, die sich der zyklischen Aufführung einer Werkgruppe widmet. Ob es bei großen Kunstwerken so sein kann wie bei den in der Populärwissenschaft so beliebten Stammzellen? Dass eine einzelne Zelle über die Information(en) des gesamten Organismus verfügt, sodass sich daraus sogar alles rekonstruieren lässt? – Aber wir können doch immer nur das eben erklingende Musikstück hören. Wie setzt sich das nun in uns zu einem Großen Ganzen zusammen? (Hier: Schubertharz.)

Jetzt. Was wäre sowas? Wie kann man die Schubert-Empfindung – und das ist eine sehr spezielle Empfindung – dingfest machen, ohne sie ihres Zaubers zu berauben oder gar sie zu zerstören? Wie machen das Meeresbiologen, wenn sie so eine fragile Qualle herausnehmen? Als Kinder sind wir gescheitert, im Sand von Càorle waren sie nur noch eine glibbrige Masse, eklig, und keinesfalls die Essenz, das Quallenhafte der Qualle (würde Heidegger sagen). Antonius von Padua, dem wortgewandten (vermutlich hat er bei seiner völlig unnötigen Fischpredigt auch den Quallen von den Freuden des Himmels erzählt), diesem Wortgewandten, soll seinerzeit Franziskus persönlich gestattet haben, den Brüdern theologische Vorlesungen zu halten, »wenn du nur nicht durch dieses Studium den Geist des Gebetes und der Hingabe auslöschest«. Was, nebenbei, der Nutzen einer Vogelpredigt, wie sie Franziskus gehalten hat, sein soll, erschließt sich mir genausowenig wie die fischige Variante. Unwillkürlich fällt mir dazu E. M. Ciorans Exercise négatif »Unbrauchbarer sein als ein Heiliger« ein. … Natürlich benötigen wir das Unbrauchbare, sonst würden wir uns ja nicht hier im Wiener Konzerthaus versammeln: Es ist noch mit keiner Musik irgendwo ein Nagel eingeschlagen worden. Zu Musik, das ja, wir haben es schon im Kindergarten gelernt: »Wer will fleißige Handwerker seh’n« (…), das Urbild des Workin’ Songs gewissermaßen…

Ich schließe jetzt den hier aufgerissenen Bogen nicht zu einem Kreis, lasse ihn Fragment bleiben – und verwende die Gelegenheit gleich zu einem Plädoyer fürs bedingungslose Fragment, dafür, dass wir, bedingungslos, fragmentarisch bleiben dürfen: Jeder Kreis wird in dem Moment uninteressant, da er sich schließt, ist ähnlich sinnentleert wie ein gelöstes Kreuzworträtsel (in dem die Fragen und also die lösungsbegabte Genialität ihrer Entschlüssler nicht aufscheinen) oder ein neunmalneunmalkluges Zahlenraster vulgo Sudoku: nichts als sinnentleerte Ziffern, mit null Fehlern noch dazu, zum Gähnen!

(Aus meinem Manuskript zur Schule des Staunens vom 19.5.2016. Wird auf Nachfrage gern als .pdf zugesandt.)



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