Schule des Staunens 16.4 Mittwoch, 25. 5. 2016, 12:00

Unter allen nur unzureichbar interpretierbaren Komponisten erscheint Schubert als der unerreichbarste: Artur Schnabel, gewissermaßen der Entdecker (der An-den-Tag-Bringer) der Schubert-Sonaten, wusste darum und nannte sie »Kompositionen, die besser sind, als man sie aufführen kann.«

Glenn Gould, dieser tragische Hyper-Perfektionist (denken wir nur an seine Tonbandschnipseleien), hat überhaupt keinen Schubert aufgenommen: Lediglich in einer kanadischen Fernseh-Dokumentation aus dem Jahre 1959 (»Glenn Gould Off the Record«) findet sich eine Perikope von lediglich 47 Sekunden, da spielt und singt er in seinem Landhaus, nachdem er seinem Gesprächspartner die rhetorische Frage »Is this shy music?« gestellt hat, den Anfang des ersten Satzes von Schuberts 5. Symphonie in Bb-Dur an, wobei er recht recht unbekümmert in die Tasten greift, auch in den Gatsch, wie wir sagen. – Tut das gut, Imperfektes, mithin Menschliches (jenseits der bekannten, gepflegten Marotten und Exzentritäten) von so einem musikalischen Erzengel miterleben zu dürfen: Das entdiminuisiert unsereins! Und: Ist’s auch das Einzige, was wir von Gould über Schubert haben, so hat er doch in dieser rhetorischen Frage ganz gut den Kern der Angelegenheit getroffen. Sowas kann auch nicht ein jeder. 
In den Kommentaren, wie sie auf youtube üblich sind, sehnt sich ein Gould-Fan aus New York City an diesen geweihten Ort, möchte unverzüglich aufbrechen, bremst sich allerdings gleich wieder ein, indem er mit befremdlicher Gewissheit mutmaßt, dass sich dort wohl inzwischen, wie überall auf der Welt, alles zum Schlechteren verändert haben dürfte. (Muss wohl Wiener Vorfahren haben, wenn er derart ansatzlos zu måtschkern in der Lage ist.) Dem Kommentar wird mit schlagend-affirmativem amerikanischen Optimismus gekontert: »As long as you idealize the past the present will always disappoint.«

Auch Friedrich Gulda hat sich bei Schubert merklich zurückgehalten – angeblich, weil er sich vor der seiner Musik innewohnenden suizidalen Tendenzen bewahren wollte: »Mein Verhältnis zu Schubert ist bis heute eines von äußerster Zurückhaltung und Scheu, ja geradezu Furcht. (… ) Von dieser (…) zutiefst wienerischen Schubert’schen Grundstimmung angesteckt zu werden, empfand und empfinde ich bis heute als existenzielle Gefährdung. Mich in sie heineinfallen zu lassen, wie es ja eine ernstzunehmende Interpretation erfordert; als Urwiener um diese Schubert’schen Abgründe wissend mich ihnen gänzlich hinzugeben; das eben erzeugt bei mir erwähnte Scheu, Zurückhaltung und Furcht.» Auf Wienerisch sagte er es dem ORF-Produzenten Gottfried Kraus eines Novemberabends in den späten Achtziger Jahren auf der Straße so: »Då kaun i mi jå glei umbringan.«

(Aus meinem Manuskript zur Schule des Staunens vom 19.5.2016. Wird auf Nachfrage gern als .pdf zugesandt.)



Schule des Staunens 16.3 Montag, 23. 5. 2016, 12:00

Wir befinden uns inmitten einer Konzertreihe, die sich der zyklischen Aufführung einer Werkgruppe widmet. Ob es bei großen Kunstwerken so sein kann wie bei den in der Populärwissenschaft so beliebten Stammzellen? Dass eine einzelne Zelle über die Information(en) des gesamten Organismus verfügt, sodass sich daraus sogar alles rekonstruieren lässt? – Aber wir können doch immer nur das eben erklingende Musikstück hören. Wie setzt sich das nun in uns zu einem Großen Ganzen zusammen? (Hier: Schubertharz.)

Jetzt. Was wäre sowas? Wie kann man die Schubert-Empfindung – und das ist eine sehr spezielle Empfindung – dingfest machen, ohne sie ihres Zaubers zu berauben oder gar sie zu zerstören? Wie machen das Meeresbiologen, wenn sie so eine fragile Qualle herausnehmen? Als Kinder sind wir gescheitert, im Sand von Càorle waren sie nur noch eine glibbrige Masse, eklig, und keinesfalls die Essenz, das Quallenhafte der Qualle (würde Heidegger sagen). Antonius von Padua, dem wortgewandten (vermutlich hat er bei seiner völlig unnötigen Fischpredigt auch den Quallen von den Freuden des Himmels erzählt), diesem Wortgewandten, soll seinerzeit Franziskus persönlich gestattet haben, den Brüdern theologische Vorlesungen zu halten, »wenn du nur nicht durch dieses Studium den Geist des Gebetes und der Hingabe auslöschest«. Was, nebenbei, der Nutzen einer Vogelpredigt, wie sie Franziskus gehalten hat, sein soll, erschließt sich mir genausowenig wie die fischige Variante. Unwillkürlich fällt mir dazu E. M. Ciorans Exercise négatif »Unbrauchbarer sein als ein Heiliger« ein. … Natürlich benötigen wir das Unbrauchbare, sonst würden wir uns ja nicht hier im Wiener Konzerthaus versammeln: Es ist noch mit keiner Musik irgendwo ein Nagel eingeschlagen worden. Zu Musik, das ja, wir haben es schon im Kindergarten gelernt: »Wer will fleißige Handwerker seh’n« (…), das Urbild des Workin’ Songs gewissermaßen…

Ich schließe jetzt den hier aufgerissenen Bogen nicht zu einem Kreis, lasse ihn Fragment bleiben – und verwende die Gelegenheit gleich zu einem Plädoyer fürs bedingungslose Fragment, dafür, dass wir, bedingungslos, fragmentarisch bleiben dürfen: Jeder Kreis wird in dem Moment uninteressant, da er sich schließt, ist ähnlich sinnentleert wie ein gelöstes Kreuzworträtsel (in dem die Fragen und also die lösungsbegabte Genialität ihrer Entschlüssler nicht aufscheinen) oder ein neunmalneunmalkluges Zahlenraster vulgo Sudoku: nichts als sinnentleerte Ziffern, mit null Fehlern noch dazu, zum Gähnen!

(Aus meinem Manuskript zur Schule des Staunens vom 19.5.2016. Wird auf Nachfrage gern als .pdf zugesandt.)



Schule des Staunens 16.2 Freitag, 20. 5. 2016, 12:00

Am Abend ist fast immer Vorstellung, und ich habe wohl kaum mehr zu steigernde Erfolge. Komme ich spät nachts von Banketten, aus wissenschaftlichen Gesellschaften, aus gemütlichem Beisammensein nach Hause, erwartet mich eine kleine halbdressierte Schimpansin, und ich lasse es mir nach Affenart bei ihr wohlgehen. Bei Tag will ich sie nicht sehen; sie hat nämlich den Irrsinn des verwirrten dressierten Tieres im Blick; das erkenne nur ich, und ich kann es nicht ertragen.
(Franz Kafka: Ein Bericht für eine Akademie)

Stellen Sie sich vor, Rudolf Buchbinder kommt zum letzten Schlussapplaus heraus, aber statt dass er sich noch einmal nonchalant verbeugt, begrüßt er den Konzertmeister, sie setzten sich nieder, und dann fängt er doch tatsächlich wieder mit dem 1. Beethoven-Klavierkonzert an. Und niemand kratzt es, COMPLETE RESET. (Wobei, ihm könnte man das irgendwie ja zutrauen.) Wie auch immer, lassen Sie uns heute im Kreis gehen. Diese Woche läuft im Radiokolleg auf Ö1 die Serie »Leben im Loop. Die Kraft der Wiederholung.«, gestaltet, von – nomen est omen – Thomas Mießgang. Hier (hic et nunc) befinden wir uns inmitten einer Konzertreihe, die sich der zyklischen Aufführung einer Werkgruppe widmet, dieser Kreis is about to close, … warte nur, balde. Im verdienstvoll gestalteten und kundig ausformulierten Programmheft – die meisten von Ihnen besitzten es wohl bereits seit dem ersten Konzert des Zyklus, zehn Tage und 187 Jahre nach Schuberts Tod,

Geht es Ihnen eigentlich auch so wie mir, dass Sie an jedem 19. November unwillkürlich Schuberts gedenken, am 31. Jänner (seinem Geburtstag) aber eher nicht? Merkwürdig. Woran das wohl liegen mag? (Ich werde später eine mögliche Antwort einflechten, ohne dann jedoch direkt darauf zu verweisen.) Vielleicht sollte man, analog zur Salzburger Institution der Mozartwoche um Mozarts Geburtstag 4 Tage zuvor, auch so etwas ähnliches einrichten, was weiß ich, eine im Sinn der Unsinnsgesellschaft abzuhaltende Rodelpartie* (oder, je nach den meteorologischen Gebenheiten, Draisinenfahrt) am Himmelpfortgrund? … Der 19., der muss für Schubertianer – Schubertianer, das gefällt mir Wagner-bedingt nicht so sehr, aber wie sagt man … Schubertiner? … Schubertisten? Oder Schubertler? … Jawohl, Schubertler, das gefällt mir … nun denn – der 19. also muss für Schubertler wohl das sein, was für passionierte Marienverehrer (hier verzichte ich auf eine Schubert-analoge Erörterung des Begriffs) der 13. eines jeden Monats ist. Es ist also ein koinzidentes, sinnfälliges Glück, dass wir diese Schule des Staunens an einem 19. begehen, dem 19. Mai: Heute in einem halben Jahr versammeln wir uns dann gedanklich in der Kettenbrückengasse bei Schuberts Sterbehaus.

(Aus meinem Manuskript zur Schule des Staunens vom 19.5.2016. Wird auf Nachfrage gern als .pdf zugesandt.)

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*In H.C. Artmanns wos an weana olas en s gmiad ged: (1959) wird neben »a schas med quastln« (…) »a söbstbinda zun aufhenkn« (…) und »en mozat sei notnschdenda« auch »a rodlbadii met dode« genannt.



Entkommen (12) – Ins virtuelle Planschbecken Montag, 16. 5. 2016, 12:00

(Eingabe)
doktor wassers rezept

(Ergebnisse)
Doktor Wassers Rezept: Roman
von Lars Gustafsson

Weitere Treffer für „doktor wassers rezept“ in Alle Produktkategorien
Hasbro A4053100 – Dr. Bibber – Edition 2013
von Hasbro

Einweg Spritzbeutel – Spritzbeutel 100 Stück 15 Zoll Set
Spritztüten für Spritztüllen
By SveBake

Was für ein stümperhafter Assoziator man doch als Künstler ist!, betrachtet man die so nützlichen Vorschläge, die einem das cookie-gefütterte Internet macht, etwa beim – stets ausschließlich zu Recherchezwecken aufgesuchten – Universalhändler Amazon.
Annähernd so etwas ähnliches bringe mir einmal meine (grundsätzlich hochgeschätzte) Buchhandlung zusammen: das nächste Mal frage ich nach so Einweg Spritzbeuteln, und wehe, sie bieten mir nicht Lars Gustafsson an (egal, welches Buch, da will ich großzügig sein).



welterbe nachtzug Samstag, 14. 5. 2016, 16:01

herzig sind sie, die frisch geschlupften schildkroten! jedoch, man kann die schwierigkeiten, die es zu überwinden galt, bis die frohe meldung hinausgegeben werden konnte, allein schon daran erahnen, wie schwer es einem fällt, den korrekten terminus für diese zoologische artenbewahrungssensation aufs erste anschauen auch nur mit den augen fehlerfrei zu erfassen, vom lauten aussprechen ist da noch gar nicht die red’.
bereit? alstern.
1
2
3
:
welterstnachzucht!



Schule des Staunens 16.1 Freitag, 13. 5. 2016, 12:00

Donnerstag, 19. Mai 2016, 19.30
Wiener Konzerthaus (A)
, Wotruba-Salon – Pause und nach dem Konzert*
Schule des StaunensZwischen– und Nachspiel
Komplett im Fragment – Fragment im Ganzen

Eine Hörbriefmarkensammlung
Bertl Mütter, Vortrag und Posaune

Wir befinden uns inmitten einer Konzertreihe, die sich der zyklischen Aufführung einer Werkgruppe widmet. Ob es bei großen Kunstwerken so sein kann wie bei den in der Populärwissenschaft so beliebten Stammzellen? Dass eine einzelne Zelle über die Information(en) des gesamten Organismus verfügt, sodass sich daraus sogar alles rekonstruieren lässt? – Aber wir können doch immer nur das eben erklingende Musikstück hören. Wie setzt sich das nun in uns zu einem Großen Ganzen zusammen? (Hier: Schubertharz.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b6/Moritz_von_Schwind_Schubertiade.jpg
Moritz von Schwind: Schubertiade, 1868 aus der Erinnerung gezeichnet [wikipedia]

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*Das Konzert, auf das sich meine staunenden Überlegungen beziehen, beginnt um 19.30 im Mozart-Saal.

Interpretin

Elisabeth Leonskaja, Klavier

Programm
Franz Schubert
Sonate Es-Dur D 568
 (1817)
Sonate a-moll D 784
 (1823)
***
Sonate A-Dur D 959 (1828)



altius Donnerstag, 12. 5. 2016, 15:02

hut ab: die vokalistin der ambitionierten lokalen jäzzband demonstrierte auf eindrückliche weise, wie garnichtleicht das richtige intonieren bekannterer wie auch weniger bekannter songs ist. es ist wie beim fußball: knapp daneben tut mehr weh als weit drüber. oder drunter, aber das gibts beim fußball zu aller größtem glück ja nicht. tja, leider nur beim fußball.
trotzdem: alle achtung, hämelos.



etwas verfrüht Mittwoch, 11. 5. 2016, 11:26

eine tinktur aus seidenfibroin, entwickelt von us-biomedizintechnikern, könnte in zukunft verderbliches obst länger haltbar machen. der von wissenschaftern um fiorenzo omenetto von der tufts-university in medford bei boston entwickelte, extrem dünne überzug aus seidenproteinen soll früchte ohne kühlung länger als eine woche frisch halten, ergaben laborexperimente. ob das auf diese weise behandelte obst hinterher auch noch schmeckt, bleibt eine offene frage.
derstandard.at

there goes a brave man
deadly joke, monty python’s flying circus

obige agenturmeldung erscheint nun doch etwas verfrüht, und zwar aus zweierlei gründen. zum einen ist, pardon, die erdbeerzeit noch nicht angebrochen, wird doch gegenwärtig erst einmal der spargel zelebriert. der zweite grund ist von substanziellerer art: rein die ankündigung, etwas solle länger als eine woche nach beginn des untersuchungszeitraums auf eine wie immer erhoffte weise beschaffen sein, kann doch nicht ausreichen, so eine meldung gleich einmal, zur sicherheit, über den atlantik zu schicken. hätte man doch zumindest diese gute woche abwarten können, die dann – wohl völlig verfaulten – aromatischen sammelnüsse in einem von unerschrockenen forschern aufopfernd der menschheit dargebrachten selbstversuch verkosten, eine gründliche mundspülung mit einem tadellosem klaren vornehmen und dann den bericht schreiben können, dass, überzieht man erdbeeren mit einer tinktur aus seidenfibroin, diese tadellos verfaulen und den gewohnt ekeligen geschmack auch tatsächlich liefern, womit der beweis erbracht worden wäre, ein großer schritt für die menschheit.
so also warten wir gespannt auf das ergebnis. bitte aber nicht vor einer woche nach anfang der erdbeerzeit, s’ist eh nicht mehr weit.



samt bindestrich Dienstag, 10. 5. 2016, 11:56

in mäder (vorarlberg) ist das schulheim vorsorglich bis kommenden mittwoch geschlossen worden. grund dafür sei die erkrankung von fünf kindern und vier beschäftigten an einer bindehautentzündung.
orfon

mäderl, mäderl! nun denn, nehmen wir also aufstellung: (kind 1) – (beschäftigte/r 1) – (kind 2) – (beschäftigte/r 2) – (kind 3) – (beschäftigte/r 3) – (kind 4) – (beschäftigte/r 4) – (kind 5). danke, sehrschön.
verbindehaut, kommunizierende gefäße, alles im blick.
es gilt, wie stets: gemeinsam schaffen wir das!



tötet codo Montag, 9. 5. 2016, 8:48

passiv das kunstradio weiterlaufen gelassen. unwillkürlich schießt mir »e. du vampir!« durch den kopf. das waren doch auch, fällt mir ein, die allerersten, noch unverbalisierten gedanken, wie wir das erste mal miteinander zu tun hatten, ein heftig-flaues gefühl der unstimmigkeit. (hernach musste ich kotzen, konnte es mir, an sich mit einem robusten magen ausgestattet, damals nicht erklären. )
man soll auf seine innere stimme hören, sie, ja, wichtig nehmen. alles andere erledigt sich im wege karmatischer abläufe, darf man vertrauen, wenn man auch gewisse entwicklungen niemandem wünschen würde, selbst einem ansatzlos bauchstechenden, durch verschlossene zähne bitzelnden rumpelstilz* (samt philanthropischer fabrikantenfamilie) nicht: triumphe über untote können kein lebendiges herz erfreuen. was wäre das denn auch, so ein triumph, kann es denn überhaupt um sowas gehen?
vampire, vampire braucht man lediglich nicht wichtig zu nehmen, dann zerstieben sie von selber.

[anm.: die überschrift ist ein zitat, kein aufruf.]

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* ein diminuitiv kann es in diesem fall nicht geben.



aufgeblasen Sonntag, 8. 5. 2016, 10:08

indonesien: vermeintlicher »himmelsengel« war sexpuppe
derstandard.at

genau so funktioniert es, nicht nur auf entlegenen indonesischen inseln: seit jeher wird unbekanntes, uneinordenbares den göttern zugeschrieben, und die religion (singularplural) macht sich diesen derart wohlgenährten glauben für die eigenen ziele dienlich.
standard-leser cicero22 kommentiert es von der maschekseite: »ein (weiterer) herber rückschlag für religiöse narrative.«
beruhigend beunruhigend.



Entkommen (11) – In den Strudel Freitag, 6. 5. 2016, 12:00

Sich – zum (erhofften) Wohle der Mensch- oder Gottheit – selbst um einem von niemandem anderen gestellte Probleme anzunehmen, vertrackte zumal, ja unlösbare, möglicherweise erst durch ihre Erfindung erstehende Ungeheuerlichkeiten, sowas nenne ich Entkommen in seiner edelsten Art.
Ein Dreifach Hoch dem Don Quixote de la Mancha!



nicht unversucht Donnerstag, 5. 5. 2016, 10:40

der vor kurzem gestorbene us-popstar prince sollte sich nach einem medienbericht von einem auf arzneimittelabhängigkeit spezialisierten experten behandeln lassen.
orfon

dafür bin ich bitte auch! die devise laute, zu jeder zeit: nur nicht aufgeben, niemanden, niemals!, weil vielleicht kann man ja wirklich noch was machen: gerade die moderne amerikanische medizin mit ihren so mächtigen pharmaunternehmen vollbringt immer wieder schier wunder.
die frage muss jedoch erlaubt sein, ob denn ein – woran immer – verewigter noch an arzneimittelabhängikeit zu leiden imstande, bzw., adäquater formuliert, in der lage sein kann. umso mehr, wenn man lediglich noch den inhalt einer urne zu behandeln hätte. mit welchen medikamenten (nur die teuersten, allerbesten), diese frage erscheint einem dabei fast nebensächlich.
ist es aber nicht.



praterpolitik Mittwoch, 4. 5. 2016, 15:46

»bewegen wir wien« haben die sozialdemokraten am ersten mai am riesenrad affichiert. was für eine prekäre stillstandsmetapher. immerhin, sie drehen nicht vollends durch, beim tempo des riesenrads kann man, selbst bei übelstem willen, nicht von einem rasenden stillstand reden. weitere taugliche fahrgeschäfte zur verdeutlichung des zustands einer partei wären noch tagada (das hopsende karussell), sowie diverse bumerangs und supermänner – wünschen wird man sich wohl noch was dürfen.
die övp indes, sie sitzt im blumenrad, und in den geisterbahnen spukt es, frage nicht.



Entkommen (10) – Abschaffen! Dienstag, 3. 5. 2016, 12:00

Es reicht nicht, dass es reicht: Bettelverbote, so muss leider immer öfter berichtet werden, bringen nicht genug in unseren schön sauber herausgeputzten Städten. Wir sollten das österreichisch (unseren Werten gemäß) lösen: Registrierkassenpflicht, Bodenbenützungsgebühr, überhaupt eine fette Steuer auf sichtbargemachte Armut. In einem weiteren Schritt werde das Armsein per Noterlass verboten (europaweit samt angrenzenden Drittstaaten), und da reden wir jetzt noch gar nicht von den Menschen auf der Flucht: Wir haben schon so viel getan, da kommt halt einmal der Punkt, wo es, beim besten Willen, nimmer geht.
Aber geh, es reicht, für alle.



Entkommen (9) – Prinzenwetter Dienstag, 26. 4. 2016, 12:00

Wir wissen: Für Grießnockerl benötigt man (braucht es, heißt es in der Schweiz, aber da gibts keine Grießnockerl) Nockerlgrieß. Und hoch droben, in den Wolken, da wartet der Schauergraupel auf seinen Einsatz im Graupelschauer, unten warten indes die Hobbymeteorologen, die Graupelschauerschauer, und wären sie oben in den Lüften (in cœlis), so wären dieselben Graupelschauerschauer Schauergraupel- – nein, nicht -schauer, sondern Schauergraupelbetrachter, so geht die unabdingbare, die Regel bestätigende Ausnahme, jaja, Sometimes It Graupels In April.

Merke: Kunstwerke generieren Regeln. Regeln haben noch nie ein Kunstwerk hervorgebracht. (D’après Achille-Claude Debussy)



kholrabenbunt Sonntag, 17. 4. 2016, 16:22

ich bin ein bunter schwarzer
andreas khol, 2016

ich weiß, die überschrift ist eine billige pointe. aber umgekehrt: was darf man bitte von einem kandidat khol erwarten, der so allzu durchschaubar im braunen sumpf fischen gehen will, österreich etwa als erstes naziopfer reinstituieren will, eh nur dreißig jahre nach waldheim? da der vogel khol ein öffentliches amt anstrebt, nutzt es da nichts, wenn er privat eh hochgebildet und glaubwürdig tolerant ist, ja sogar kulturell als durchaus aufgeschlossen gelten kann.

indes, zur versöhnung bleibet uns sein spruch, den er ungefähr in der mitte der seither vergangenen ären ins treffen führte, welcher seinerzeit auch bei mir posauniste mitten ins herz getroffen hat: »wer das klarinettenspiel lernt, wird nicht drogensüchtig.«
da bin ich bitte voll dabei. dass ich ihn darob wählen könnte: dafür reichts dann, leider, knapp, nicht.



Entkommen (8) – Ins Werk Samstag, 16. 4. 2016, 12:00

Als Freund des Merkur bei allerbester Gelegenheit (an sich schon um 20 Euro verbilligt und davon noch einmal abzüglich 30% fürs teuerste Produkt im Einkaufswagerl!) ein Kärcher-Fensterputzgerät erstanden. Ab sofort wird also sinnvoll prokrastiniert. Aber dann, bei glasklar-wie-unsichtbaren Fenstern, wird unverzüglich componîrt.
Es gilt ins Werk zu entkommen.



turbovolk am graben Donnerstag, 14. 4. 2016, 19:56

die kurzgeschornen halslos-untersetzten bodybuilder-cornettos, wie sie mit ihren weibstrophäen herumgockeln, balkanbomben mit zum zerreißen prall gefüllten airbags, volle ärsche in gesundheitsgefährdend engen jeans, verschlossen mit beinah echten guccischnallen, riesenhaft wie keuschheitsgürtel: schaut her, was ich da hab – aber wehe, es schaut mir einer her!
jeder topf findet seinen deckel: die welt ist voller bedrohungen.



win er win Montag, 11. 4. 2016, 10:48

zuerst kommt niederösterreich
wahre aussage, övp niederösterreich

man mag noch so kritisch beäugen, welche trotzigen machtspiele da von st. pölten, jener nach dem heiligen pölten, patron der querulanten, benannten provinzmetropole mit neostalinistischem regierungsviertel, aus gesponnen werden (nicht nur in der spö gilt die abfolge des grauens: freund – feind – parteifreund), da hat ER, also seine sprach- bzw. dementierrohre, es nützt nichts, schlicht recht.
wer z.b. mit dem zug nach salzburg fahren will, also von wien, taucht erstmals in – niederösterreich! auf zur erdoberfläche. »ja«, sagen da die kärntner, »das leuchtet uns schon ein, aber wenn wir von kärnten nach wien fahren, müssen wir doch erst die steiermark durchqueren.« das ist schon recht, aber lautet auf einer solchen reise in die vorgebliche hauptstadt die frage: »sind wir dann bald in wien?« heißt es doch, völlig korrekt: »zuerst kommt niederösterreich.« weitere beweisführungen (internationaler flugverkehr…) müssen, denke ich, nicht en detail dargelegt werden, wir verstehen uns.
niederösterreich, wie franzobel einst bemerkte, hat seine dem bund nicht so loyale grundhaltung bereits explizit in seinem namen eingeschrieben, und so wird das bleiben immerdar. da käme vorher noch die schulreform.
niederösterreich, blubber österreichs.



Entkommen (7) – inside out Sonntag, 10. 4. 2016, 12:00

»Wir sind auf diesem Globus ein eigenes Sonnensystem.«
Roland Geyer

Da hat einer aber ganz tief in die Metaphernschüssel gegriffen. In der Kantine des vom zu zumindest 98,8 Prozent ausgelasteten Herrn Geyer so verdienstvoll geleiteten Theaters an der Wien werden uns demnächst Knödel vorgestellt, deren Füllung (Grammeln, Speck, Haschee; Marillen, Zwetschken,…) außen, um den Teig (Erdäpfel; Topfen,…) herum, drangepappt ist. Und der Teller schwimmt in der Suppe, kometengleich umschwirrt (umschworren?) von Grießnockerln, Schöberln und Frittaten, Leberreis nicht zu vergessen: ein aufregender Leberreisregen nachgerade.
Wer wollte nicht in so ein Sonnensystem (was sag ich Sonnensystem: Universum!) entkommen? Und das alles auf diesem Globus!



Entkommen (6) – wie weggetragen Freitag, 8. 4. 2016, 12:00

Sargträger werden seltener
orfon

Scheint sich um einen aussterbenden Beruf zu handeln. Weiter unten im Artikel erfahren wir, dass heutzutage »Senioren in ihrer Pension anderes vor« haben, sich mithin besseres zu tun wissen. Was genau, das erfahren wir aber leider nicht: Wir rätseln darob. Besonders charmant auch der Hinweis, dass sich die Bestatter nun gegenseitig aushelfen. Wie es wird, wenn (bei dem Fortschritt der Medizin!) auch die Toten ausbleiben, können wir nur erahnen.
Es gibt da ein paar recht schöne Sargtragesequenzen im Konvolut von Monty Python’s Flying Circus, sei noch annotiert.



Entkommen (5) – Museumsquartier Dienstag, 5. 4. 2016, 12:00

»Zum König taugen nicht junge Knaben
Einen langen Bart muss der König haben.
Und ein wohlstehend ernstes Gesicht.
Das hab ich doch nicht.«
Elsa Bernstein (für Engelbert Humperdinck: Die Königskinder)

Sonntägliches Flanieren durchs Museumsquartier, den Ort mit der höchsten juvenilen Vollbartdichte Österreichs. Wobei einem 2016 der Eindruck kommen kann, dass die Mode langsam abebbt, die junge Menschen zwingt, einen auf von schwerer Verantwortung gebeugt zu machen, wichtige Entscheidungen im Kreativ-Startup etwa, wo es Leadership und eben Erfahrung durch Alter braucht. Dabei alles ohne Falten um die Augen und durchunddurch vegan, solange man dafür nicht die Komfortzone verlassen muss.
Königskinder, allesamt.
Wirds also langsam wieder republikanischer. Wird eh Zeit.



Entkommen (4) – Neue Wege Sonntag, 3. 4. 2016, 12:00

Wiener Verein lädt palästinensische Flugzeugentführerin ein
derstandard.at

Es klingt nach einem interessanten, innovativen Konzept zur Beihilfe beim Entkommen, wenn sich die seit Jahrzehnten beliebteste Sterbeversicherung Österreichs (mit diesem omen est nomen-Namen ist das leicht) mit inhaltlich attraktiven, ja: prekär aussagekräftigen Testimonials an ganz neue Kundenschichten heranzuwagen scheint.
Näher besehen verläuft der dieser Meldung innewohnende Gehalt dann doch recht enttäuschend, nachgerade banal. Dennoch: Lasst sie reden! (Sicherheitskontrollen: Erübrigen sich.)



klirrend? Samstag, 2. 4. 2016, 14:33

hier steckt glasfaserschnelles internet drin
werbewahrspruch, A1

frage: wie schnell ist so eine glasfaser, beiläufig?



abteilungsabteilung Freitag, 1. 4. 2016, 1:04

metro spaltet sich auf
orfon

so:

1. me
2. tro

?

oder doch so:

1. met
2. ro

?

sooderso ein diffiziler prozess. wichtig wäre vor allem, das abteilungszeichen nicht zu vergessen. die aufsichtsräte tagen.



Entkommen (3) – Komma Donnerstag, 31. 3. 2016, 12:00

Boeing will 4.000 Stellen streichen
orfon

Das ist bitter. Weiter unten lesen wir, dass das ganze über natürlichen Abgang organisiert werden soll. Das beruhigt. Völlig die Welt (Welten!) aus den Angeln heben würde es allerdings, würde so eine Meldung die Zahl pi betreffen. Im Unterschied zu Boeing vor allem, wenn es die Stellen hinter dem Komma betreffen würde. Welche, das wäre ab einem gewissen Rang (weit unter Hundert!) mathematisch wohl nebensächlich. Aber die Aufsage-Wettbewerbe der Asperger-Savants würden implodieren. Weil das aber niemand will, bleibt pi bis auf weiteres ungeschoren, darf vermeldet werden.



Entkommen (2) – Abrüsten! Dienstag, 29. 3. 2016, 12:00

»Es genügt nicht zu schreien, man muss auch Unrecht haben.«
Voltaire

(Aus gegebenem Anlass: Salzburger Osterfestspiele)

Hat sich schon jemand zu sagen getraut, dass Beethovens Missa Solemnis ein unerträgliches Sakralgebrüll ist? Mir jedenfalls geht es jedes Mal ordentlich auf den Geist, man könnte auch sagen, es belästige meine religiösen Gefühle, damit kommt man mittlerweile auch in unseren Breiten immer besser durch. Bei dieser Gelegenheit nehmen wir doch bitte die gipserne Weltgeistumarmung zumindest des vierten Satzes der Neunten auch noch mit, danke vielmals.
Wir müssen allesamt abrüsten. Schubert und auch Mendelssohn oder Schumann (selbst Bruckner!) haben es uns doch schon so schön vorgemacht.



verdrängungsphänomen Montag, 28. 3. 2016, 2:04

im cambridge-achter saßen neben dem linzer noch fünf weitere »legionäre« – ein deutscher und vier amerikaner.
orfon

wie sie es dennoch schaffen konnten, derart das große traditionsrennen gegen oxford zu gewinnen, wird auf ewig ein rätsel bleiben. weil die oxforder sind ja auch nicht ganz blöd, heißt es.

zur konkreten veranschaulichung:
stellen wir uns die cambridger galeere vor: ganz vorne ein lackl von einem britannier, dahinter die sechserkette »legionäre« (nebeneinander, allesamt lackeln; wenigstens nicht angekettet), gefolgt von einem britischen muskelprotz, zum abschluss, sie alle breitwinkelig anfeuernd, der englische steuermann, einzig dieser im jockeyformat.



Entkommen (1) – retrieve Freitag, 25. 3. 2016, 12:00

Unter allen Hunderassen gilt als für die Epilepsie am anfälligsten der Indikator für eine glücklich-intakte Familie schlechthin: Der semmelblonde und fast schon unerträglich gutmütige Golden Retriever, bekannt und beliebt aus Werbung und Film.
Was nun will uns das sagen?
Kann man diese ausgeprägte Disposition etwa auch als Fluchtstrategie – aus einer allzu harmonisch inszenierten heilen Welt – bezeichnen?

Ich schließe das hier und heute nicht aus.



ad multos annos oder so Mittwoch, 23. 3. 2016, 0:07

der die karwoche mittig teilende mittwoch, wie heißt er jetzt korrekt, palm-, grün- oder gar karmittwoch? die ambiguität unterstreicht in allem die in singulärer weise schüttelnd-geschüttelte person (was heißt da person: persoenlichkeytt!) des den tiefen frequenzen (seyner baßß=geyge) zugetanen freündes, welcher höchstderoselbigst heüte seynnen FUFFZICHER! feyertt (mithin, eynnen ech=tten!)!!!
submissest sub staubunculo ego minissimissimo per K. SASCHER MAXIMO semper et sempiternam etc. cum grano salis & mit grazie.



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